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Vom Differenzieren zwischen Dienst und Schnaps

Die Floskel geht vielen leicht von den Lippen. Sie besagt, die Welt sei komplizierter geworden. Ich habe da so meine Zweifel. Sicherlich, sie ist anders geworden und vieles, was vor kurzer Zeit noch als sicher galt, spielt heute schon keine Rolle mehr. Dass etwas anders wird, ist allerdings noch lange kein Grund, sich irgendwelchen Atavismen an den Hals zu werfen. Sie suchen nach Halt, und diejenigen, die den Halt versprechen, kommen mit alten Weisheiten, die allerdings weder weise noch stabil sind. Es sind alte Versprechen an die Welterklärung, die noch nie funktioniert haben. Ganz im Gegenteil, sie führten in Katastrophen. Horden von Erleuchteten rannten mit falschen Erkenntnissen gegen neue Phänomene der Geschichte an und versenkten die Werte ihrer gesamten Generation.

Wie nun umgehen mit dem Neuen und dem Anders-Sein? Zunächst einmal ist es notwendig, die Phänomene zu beschreiben, so wie sie sich darstellen. Und wenn sie beschrieben sind, die Frage danach zu stellen, wer sie betreibt, wer dahinter steckt und wessen Interesse sie dienen. Dann ist es wichtig, die identifizierten Interessen mit dem abzugleichen, was die eigenen Interessen sind. Und wenn das nicht übereinstimmt, dann liegt der Stoff vor, aus dem eine Politik gemacht werden kann, die nicht rückwärtsgewandt und atavistisch ist, sondern die sich mit einer neuen, lebbaren Form von Zukunft befasst. Dabei hilft ein klarer Verstand und andere Teile der Gesellschaft, die ebenfalls bereit sind, diesen Diskurs zu führen.

Was auffällt, ist das Abdriften von vielen Menschen in den Atavismus der alten welt- und Feindbilder. Was ebenso auffällt, ist das Festhalten großer Teile der Politik an den Erklärungsmustern, die ebenfalls der Welt von Gestern angehören. Gerade in diesen Tagen hören wir die alten Phrasen, die weder mit den Phänomenen der neuen Zeit noch mit den realen Taten der geübten Politik korrelieren. Es ist Wunschdenken, das dort geübt wird. Es hat nichts mit der vernünftigen Analyse des Neuen zu tun, es sind alte Nebelkerzen in einem neuen Sturm.

Den Vogel abgeschossen hat wohl der Bundespräsident mit seiner Weihnachtsansprache. Anscheinend hat er das Fernsehen und die Ansprache an das Volk mit einer Predigt von der Kanzel verwechselt. Er entspricht damit einem Phänomen, das zu den schlechteren dieser Zeit gehört. Er verwechselte seine private Befindlichkeit mit den Erfordernissen, die ihm sein Amt stellt. Das ist weit verbreitet in der Gesellschaft und dokumentiert die wachsende Unfähigkeit vieler, zwischen Dienst und Schnaps zu differenzieren. Heute heißt das anders, heute müsste es als Differenzierung zwischen gesellschaftlicher Rolle und privater Befindlichkeit bezeichnet werden. Die mangelnde Fähigkeit, diese vorzunehmen, ist zu einem Massenphänomen geworden, das in starkem Maße die Fähigkeit zu politischem Denken und Handeln unterminiert. Wenn das Staatsoberhaupt so etwas tut, ist es weit gekommen mit der Krise. Und dabei hat die Analyse des Neuen noch gar nicht begonnen.

Andere, wie der Vorsitzende der CSU, verfallen in die beschriebene Atavismen, da weiß man, was man hat. Der Präsident macht nicht nur auf Befindlichkeit, sondern er verkündet einen neuen Schamanismus. Die Kanzlerin hingegen ist bestürzt. Das ist wenigstens eine Regung, aber für ihr Amt ist diese Regung allein zu wenig. Die Kritik an den neuen Verhältnissen hat noch gar nicht richtig begonnen, da ist schon deutlich, wie sehr der Staat, seine Organe und seine Funktionsträger ins Schlingern geraten sind. Da sind für viele wohl schon die Tage gezählt.

Die Globalisierung stößt das Tor nach Europa auf

Es ist einfach. Und es ist plausibel. Dennoch tut sich ein ganzer Kontinent furchtbar schwer damit. Als alles noch so war, wie es scheinbar immer war, da war die Welt Europas noch in Ordnung. Als die Züge in die weite Welt von Europa ausgingen und sie in die entlegensten Winkel dieser Welt führten, um danach wieder zurückzukehren, wenn möglich wie in dem berühmten Refrain beschrieben, schwer mit den Schätzen des Orients beladen. Die Entdeckung der Welt war die Kolonisierung derselben von Europa aus. Die Europäer bereisten die Welt und kehrten bereichert nach Europa zurück. Das gefiel. Und so hätte es bleiben können. Zumindest aus Sicht der Europäer. Aber so ist es nicht geblieben. Deshalb herrscht jetzt Chaos. In Europa.

Man kann das ja auch einmal anders sehen. Aus Sicht der fälschlich als Indianer bezeichneten Ureinwohner Amerikas, aus Sicht der Aborigines oder Papua, aus Sicht der Zulu. Für sie war das, was als Periode der langanhaltenden Globalisierung in die Geschichte eingegangen ist, keine Reise in die weite Welt, sondern eine Heimsuchung. Sie kamen von irgendwo, diese Langnasen, sie ergriffen Besitz von ihrem Land und sie gingen nicht mehr fort. Die, die heimgesucht wurden, hatten sich zu arrangieren mit den Neuen, die anders sprachen, die andere Sitten hatten und die sich nicht anpassten an die Umgangsformen ihrer Gastgeber.

Nun, spätestens im 21. Jahrhundert, ist aus der globalen Kolonisation endlich eine Globalisierung geworden. Die Reiseströme sind keine Einbahnstraßen mehr. Vorbei die Standorte, von wo die Reise ausgeht und wohin sie, bereichert, wieder führt. Sondern es geht drunter und drüber, auch Europa ist ein Ziel geworden, massenhaft, von Menschen, die andere Sprachen sprechen, andere Sitten haben und nur bedingt gewillt sind, die Umgangsformen derer anzunehmen, als deren Gäste sie sich vielleicht fühlen. Willkommen! Die Welt hat das Tor der Globalisierung nach Europa aufgestoßen!

Historiker, Ethnologen, Anthropologen und Sozialwissenschaftler hatten die von Europa ausgehende technische Modernisierung der Welt und die Reaktion auf sie in den heimgesuchten Kulturen so vortrefflich beschrieben. Die Ängste, die vorhanden seien gegenüber dem Neuen, die psychische Überforderung der großen, ungebildeten Massen und ihre Neigung, dem Reflex eines anachronistischen Fundamentalismus zu folgen. Das war alles so logisch abgeleitet, und wer, mit einem aufgeklärten Hintergrund, wollte diesem Deutungsmuster nicht folgen?

Ach Europa, wie es einmal so schön hieß, wie menschlich bist du doch geworden, angesichts der tatsächlichen Durchsetzung der Globalisierung. Jetzt, wo du auch heimgesucht wirst von Besuchern aus anderen Teilen der Welt, da sind politische Muster auf deiner Landkarte identifizierbar, die doch nur in den unterentwickelten Regionen dieser Welt bekannt waren. Da wären, sofern sie unbestechlich wären, die Urteile der Historiker, Ethnologen, Anthropologen und Sozialwissenschaftler gefragt, die erklären könnten, warum die hier psychisch überforderten, ungebildeten Massen plötzlich wie die Wilden irgendwelchen atavistischen Predigern folgten, die einem anachronistischen Fundamentalismus huldigten.

Ja, der europäische Fundamentalismus, welcher auf die weltwirtschaftliche Modernisierungswelle im XX. Jahrhundert folgte, lief unter der Maske des Faschismus durch die Nacht. Der Durchbruch der Globalisierung nach Europa verursacht gerade wieder einen Fundamentalismus, der, analog zu seinem Vorläufer, die Tatsachen der neuen Geschichte mit den Ordnungsprinzipien der gerade zerstörten Welt bändigen will. Illusionärer geht es nicht. Menschlich verständlich ist es schon. Aber es führt trotzdem nicht weiter.