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Arthur Millers „Hexenjagd“ und die gegenwärtigen Verhältnisse

Bei der Lektüre eines Buches, das sich mit den großen Umbrüchen dieser Zeit befasst und in dem der deutsche Autor nahezu mit seiner analytischen Schärfe brilliert, kam ich an einer Stelle ins Stutzen. Da entledigte er sich radikal von seinem Vermögen, die Dinge aufgrund von Ursache, Wirkung und Wechselwirkung zu durchleuchten. Eines der Phänomene, mit denen wir es aktuell  zu tun haben, glitt ab in das klischeehafte Bild, das vor allem Medien und Politik so gerne machen, wenn sie Souffleuren anderer Interessen gehorchen oder von der Komplexität der Aufgabe schlicht überfordert sind. Da es sich dabei um eines der großen gegenwärtigen Themen handelte, kam mir ein Verdacht in den Sinn, der sich beim Fortgang der Lektüre erhärtete. Denn alles, was an zu Analysierendem folgte, bemaß er wieder mit seinem scharfen Verstand und hielt sich dabei nicht mit Kritik an den beteiligten Akteuren zurück. Kam er aber wieder auf dieses eine, von ihm ausgewählte Thema zu sprechen, dann wartete er mit der Meinung des Boulevards auf. 

Meine Vermutung: Der Autor hat mit diesem einen Thema versucht, sich der allgemein tobenden Inquisition zu entziehen, indem er in einem Punkt das Dogma der Überforderung und Ratlosigkeit kritiklos übernahm. Hier, so sein Fingerzeig, seht, ich bin einer von Euch und ich gehöre nicht zu denen, die den allgemeinen gesellschaftlichen Zustand in toto verurteilen. Denn, das hat die Vergangenheit ihm bereits gezeigt, wenn er das täte, dann werden die Folterwerkzeuge zur Illustration in den Raum gestellt und die eine oder andere Kostprobe verabreicht. 

Als Resümee dieser Beobachtung kann gelten, dass es eigentlich schon soweit ist. Der freie Diskurs um die gesellschaftlichen Belange, von ihrer Funktionsweise, ihren Krisen wie den notwendigen Strategien zu einer Veränderung, ist bereits beendet. Wenn es nur gelingt, ohne große Blessuren seine Sicht öffentlich zu machen, wenn zumindest eine Beteuerung hinsichtlich der vielen totalitären Sichtweisen zu teilen notwendig ist, um nicht vor den Thron des Großinquisitors namens Öffentliche Meinung gezerrt zu werden, ist das autoritäre Zeitalter längst angebrochen. 

Das Beklemmende an der Situation hat zwei Seiten. Die eine bezieht sich auf das Gros derer, die meinen, das replizieren des psychologisch geschickt verordneten Dogmas hätte etwas mit einer demokratischen, aufgeklärten oder humanistischen Denkweise zu tun. Ihnen ist nicht mehr bewusst, dass die Freiheit des Gedankens, des Wortes und der Tat kein Produkt der Gestattung durch eine andere Instanz, sondern nichts als das Ergebnis der eigenen Inanspruchnahme eines Rechts ist. Die andere Seite ist der Zustand der Inquisitoren selbst. Sie sind Gefangene anderer Mächte, deren Existenz sie sich selbst nicht zugestehen. Daher sind sie in erster Linie von der eigenen existenziellen Angst gesteuert, was ihren so oft hyänenhaften Charakter erklärt. Die moderne Inquisition ist von ihrem Wesen her weitaus problematischer als die historische der katholischen Kirche.

Wer an den Thesen zweifelt, möge sich das Stück Hexenjagd von Arther Miller einmal zu Gemüte führen. Geschrieben und uraufgeführt wurde es 1953 (!)  und gelangte schnell zu einem großen Erfolg. Es wurde in vielen Theatern auf der ganzen Welt gespielt, weil es in nahezu universalistischer Manier die Funktionsweise totalitärer Herrschaft durch den inquisitorischen, dogmatischen Denkansatz thematisierte. Viele Sequenzen sind so aktuell, dass es einem den Atem verschlägt. Dürfte ich mir etwas wünschen, dann würde Arthur Millers Hexenjagd wieder von vielen gelesen und mutige Regisseure holten es in die Theater, die massenweise von Schulklassen besucht würden.

Die, die am großen Rad drehen

Den verschiedenen Ensembles von Menschen ist gemein, dass sie sich immer um die grundlegenden Dinge zu kümmern haben, bevor sie an das herangehen können, was sie besonders inspiriert oder ästhetisch herausfordert. Maslows Bedürfnispyramide ist ein nützliches Modell, um die verschiedenen Erfordernisse menschlicher wie sozialer Existenz zu kategorisieren. Da geht es um Essen und Trinken, da geht es um ein Dach über dem Kopf, bevor soziale und spirituelle Dinge eine Rolle spielen. Und so funktioniert das eigentlich in der Historia humana. Und dennoch existiert ein besonderer Typus, der sich selbst bei der Produktion der Grundsicherung nicht darum bekümmert.

Wir alle kennen ihn. Er ist überall präsent. In manchen Gefilden kommt er seltener vor, in anderen wiederum gedeiht er besonders gut. Es handelt sich um den Typus unter der menschlichen Gattung, dem die Produktion der Grundlagen einfach zu profan ist. Oder, um es anders auszudrücken, es sind die Menschen unter uns, die immer, egal worum es sich handelt, am ganz großen Rad der Geschichte drehen. Sie sind immer auf dem Sprung, sie huschen an den Interaktionen, die um das Notwendige kreisen, mit großer Eile und einem bedeutungsvollen Hinweis vorbei.

Das Seltsame an diesem Umstand ist die Toleranz derer, die sich wirklich um die wichtigen Dinge kümmern. Sie machen mit stoischer Ruhe ihren Job, oder noch besser, sie machen das, was getan werden muss, und entlassen die sich selbst überaus wichtig vorkommenden Gattungsvertreter aus der Pflicht. Sie nicken genauso bedeutungsvoll zurück, wenn die, die am großen Rad drehen, sich wieder einmal verabschieden, um, wenn möglich, in der Hauptstadt, einem international überaus wichtigen Hafen, einem international angesagten Gremium oder einer auf der südlichen Halbkugel weilenden Projektgruppe im Namen des Heimatensembles eine herausragende Rolle zu spielen.

Und es kommt auf die Sichtweise an. Diejenigen, die für das Notwendige sorgen, sie haben wahrscheinlich das Motiv, die großen Weltbeweger einfach aus den Füßen zu bekommen. Weil sie im Weg stehen und weil sie diejenigen, die für Brot und Butter sorgen, bei ihrer Verrichtung nur behindern. Und die, die am großen Rad drehen, sie sind zumeist sehr davon überzeugt, dass sie tatsächlich Weichen stellen, dass sie nicht nur für ihre eigene, sondern die Reputation aller sorgen, wenn sie im Wanderzirkus der Bedeutsamkeit immer wieder durch die Manege schreiten. Egal wo, Hauptsache dabei sein und dem Kreis eine Audienz geben, der auch immer der gleiche ist und in dem diejenigen sitzen, die sich zu Hause von der notwendigen Arbeit befreit haben. Man versteht sich, man bildet ein großes Netzwerk.

Die beschriebene Tendenz ist übrigens unabhängig von Branchen zu beobachten. Sie existiert überall, in der Produktion, im Handel, in der Verwaltung, in der Politik und selbst im Show-Geschäft. Selbst dort gibt es notwendige Arbeit und entertainende Expertise. Und da das so ist, kann es vielleicht als ein Muster der modernen Arbeitsteilung begriffen werden. Und es ist ja auch nicht so, dass jeder internationale, interdisziplinäre Ausblick auf die eigene soziale Organisation etwas ist, auf das verzichtet werden könnte.

Und dennoch ist der Prototypus dessen, der sich in der globalisierten Interaktion profiliert und damit naturgemäß immer am sprichwörtlichen großen Rad dreht, eine besonders intensive Erscheinung unserer Tage. Bleiben wir dran! Warum mir Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden gerade in diesem Augenblick einfällt, weiß ich auch nicht.