Dem Drang, sich mitzuteilen, sich selbst eine größtmögliche Öffentlichkeit herzustellen, können die meisten nicht mehr widerstehen. Da kommt es millionenmal minütlich vor, dass Tweeds abgesetzt, Bilder veröffentlicht, oder Blogs geladen werden, in denen nicht unbedingt Substanz zu finden ist. Nein, es ist keine Klage über die vielfältigen, wunderbaren Möglichkeiten, die sich bieten, um zu produzieren, zu kommunizieren und gezielt zu konsumieren. Die Feststellung, dass der Drang den Inhalt überwältigt, ist eine Begleiterscheinung, mit der wir wohl alle lernen müssen, zu leben.
Dennoch: der Anspruch an Menschen, die eine besondere Rolle spielen, ist nicht mit dem Privatier zu vergleichen, der die Medien nutzt, um Nosense in die virtuelle Welt zu setzen. Denn auch das ist bekannt, die Summe virtuellen Irrsinns wird irgendwann zur materiellen Gewalt. Und dann handelt es sich um handfeste Probleme. Denjenigen, die Verantwortung tragen, ob durch Besitz oder Mandat, haben unter diesem Aspekt eine besondere Stellung. Sie sollten sich bewusst sein über die Wirkung ihres Verhaltens.
Wie war das noch? Als Donald Trump das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten erlangte und bei seinen Twitter-Gewohnheiten blieb? Können Sie sich noch erinnern? Ja, die Empörung war groß, es wurde darüber gelacht und eines derartigen Amtsträgers nicht als würdig erachtet. Das Verblüffende allerdings war, dass Trump über Twitter seine Wählerinnen erreichte, diese sich direkt von ihm angesprochen fühlten und sich mobilisieren ließen. Es führte dazu, dass heute auch hierzulande jeder Amtsträger genau so agiert, wie der längst verpönte frühere amerikanische Präsident. So ganz nebenbei, auch hier hat sich gezeigt, America first, Germany second, zumindest was das Entwicklungstempo systemischer Phänomene anbetrifft. Alles, was in den USA durchlebt wird, kommt auch zeitverzögert hier an. Insofern ist es ratsam, alles, was dort geschieht, auch unter diesem Aspekt zu betrachten.
Der Vorteil, der sich daraus ableiten lässt, ist nicht gering zu schätzen. Wären wir klug, würden wir die USA als ein Versuchslabor ansehen, um Schlüsse aus bestimmten Entwicklungen ziehen zu können. Leider, und das ist nur zum Teil erklärlich, sehen wir uns zumeist die neuen Phänomene jenseits des Atlantiks an, nicht selten arrogant und mit gerümpfter Nase, um dann irgendwann von dem gleichen Phänomen völlig überrascht zu werden, so, als höre man zum ersten Mal davon. Es scheint, als hätte das berühmte Fahren auf Sicht das notwendige Maß an strategischer Weitsicht komplett ersetzt.
Die tiefe Spaltung der Gesellschaft, zum Beispiel, von der treffender Weise bei den Berichten aus den USA die Rede ist, ist in ihren Grundzügen hier bereits ebenso angelegt. Anstatt sich anzusehen, dass die Chancen des Populismus mit einer Vergrößerung der sozialen Kluft steigen, anstatt zu registrieren, dass die unüberbrückbaren gesellschaftlichen Verwerfungen zunehmen, wenn die Ausgegrenzten keine politische Stimme mehr haben, sitzen die hiesigen Beobachter wie jedesmal auf dem hohen Ross und mokieren sich über die Dummheit der Amerikaner. Es stellt sich die Frage, wieviele Wellen dieser Art des America First es noch geben muss, bis die hiesige Intelligentsia begreift, dass es sich, zumindest seit dem II. Weltkrieg, nachdem zuerst der Westen, und dann nach 1990 auch der Osten Deutschlands die systemische DNA der USA erhalten hat, bei den dortigen Entwicklungen um Blaupausen auf die eigene Zukunft handelt?
