Den verschiedenen Ensembles von Menschen ist gemein, dass sie sich immer um die grundlegenden Dinge zu kümmern haben, bevor sie an das herangehen können, was sie besonders inspiriert oder ästhetisch herausfordert. Maslows Bedürfnispyramide ist ein nützliches Modell, um die verschiedenen Erfordernisse menschlicher wie sozialer Existenz zu kategorisieren. Da geht es um Essen und Trinken, da geht es um ein Dach über dem Kopf, bevor soziale und spirituelle Dinge eine Rolle spielen. Und so funktioniert das eigentlich in der Historia humana. Und dennoch existiert ein besonderer Typus, der sich selbst bei der Produktion der Grundsicherung nicht darum bekümmert.
Wir alle kennen ihn. Er ist überall präsent. In manchen Gefilden kommt er seltener vor, in anderen wiederum gedeiht er besonders gut. Es handelt sich um den Typus unter der menschlichen Gattung, dem die Produktion der Grundlagen einfach zu profan ist. Oder, um es anders auszudrücken, es sind die Menschen unter uns, die immer, egal worum es sich handelt, am ganz großen Rad der Geschichte drehen. Sie sind immer auf dem Sprung, sie huschen an den Interaktionen, die um das Notwendige kreisen, mit großer Eile und einem bedeutungsvollen Hinweis vorbei.
Das Seltsame an diesem Umstand ist die Toleranz derer, die sich wirklich um die wichtigen Dinge kümmern. Sie machen mit stoischer Ruhe ihren Job, oder noch besser, sie machen das, was getan werden muss, und entlassen die sich selbst überaus wichtig vorkommenden Gattungsvertreter aus der Pflicht. Sie nicken genauso bedeutungsvoll zurück, wenn die, die am großen Rad drehen, sich wieder einmal verabschieden, um, wenn möglich, in der Hauptstadt, einem international überaus wichtigen Hafen, einem international angesagten Gremium oder einer auf der südlichen Halbkugel weilenden Projektgruppe im Namen des Heimatensembles eine herausragende Rolle zu spielen.
Und es kommt auf die Sichtweise an. Diejenigen, die für das Notwendige sorgen, sie haben wahrscheinlich das Motiv, die großen Weltbeweger einfach aus den Füßen zu bekommen. Weil sie im Weg stehen und weil sie diejenigen, die für Brot und Butter sorgen, bei ihrer Verrichtung nur behindern. Und die, die am großen Rad drehen, sie sind zumeist sehr davon überzeugt, dass sie tatsächlich Weichen stellen, dass sie nicht nur für ihre eigene, sondern die Reputation aller sorgen, wenn sie im Wanderzirkus der Bedeutsamkeit immer wieder durch die Manege schreiten. Egal wo, Hauptsache dabei sein und dem Kreis eine Audienz geben, der auch immer der gleiche ist und in dem diejenigen sitzen, die sich zu Hause von der notwendigen Arbeit befreit haben. Man versteht sich, man bildet ein großes Netzwerk.
Die beschriebene Tendenz ist übrigens unabhängig von Branchen zu beobachten. Sie existiert überall, in der Produktion, im Handel, in der Verwaltung, in der Politik und selbst im Show-Geschäft. Selbst dort gibt es notwendige Arbeit und entertainende Expertise. Und da das so ist, kann es vielleicht als ein Muster der modernen Arbeitsteilung begriffen werden. Und es ist ja auch nicht so, dass jeder internationale, interdisziplinäre Ausblick auf die eigene soziale Organisation etwas ist, auf das verzichtet werden könnte.
Und dennoch ist der Prototypus dessen, der sich in der globalisierten Interaktion profiliert und damit naturgemäß immer am sprichwörtlichen großen Rad dreht, eine besonders intensive Erscheinung unserer Tage. Bleiben wir dran! Warum mir Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden gerade in diesem Augenblick einfällt, weiß ich auch nicht.
