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Von chinesischen Katzen und kapitalistischen Mäusen

Böse Zungen behaupten, die unsichtbare Hand des Marktes ordne gerade wieder alles, was aus den Fugen geraten sei. Denn der freie Markt ist ja bekanntlich der beste Ordnungshüter. Angebot und Nachfrage, um präzise zu sein, sind nach Adam Smith das unbestechlichste Kriterium für die Entwicklung von Leistungen und Produkten. Künstlich erzeugte Begehrlichkeiten wirken nicht so lange und da, wo ein Bedürfnis herrscht und kein Angebot vorliegt, scheint irgendetwas aus dem Ruder gelaufen zu sein. Auch das gibt es. Und die ordo-liberale Theorie von der ordnenden Hand des Marktes gehört zu den ewigen Schimären kapitalistischer Mystifikation, die selbst so dezidiert nie von Adam Smith vertreten wurde.

Nun aber dennoch: Mit dem gegenwärtigen Schlingern einer gesteuerten Marktwirtschaft wie der chinesischen sind sehr viele puristisch angelegte kapitalistische Unternehmen in eine Gefahrenzone geraten. Sie haben nämlich das gemacht, was die Stärke des Kapitalismus ausmacht, sie haben dort Geschäfte gemacht, wo sie gemacht werden konnten, unabhängig von Kultur oder Weltanschauung derer, mit denen sie in die geschäftliche Interaktion treten. Die kapitalistischen Katzen haben chinesische Mäuse gefressen. Und die chinesischen Katzen kapitalistische Mäuse und so ideologisch den Satz verwendet, der die spätsozialistische Funktionsweise der späten Comecon-Ökonomien beschrieb: Wenn jeder jedem was klaut, kommt keinem was weg.

Und jetzt, wo der große, von allen Gierigen als unendlich gepriesene Markt schwächelt, genau jetzt beginnt in den traditionellen Hochzentren des Finanzkapitals ein Gejammer über die Wachstumsbeschwerden einer Ökonomie, die so gar nicht nach der Philosophie des Wirtschaftsliberalismus funktioniert. In China, hinter der Mauer, da herrschen andere Gesetze. Ob sie dem Betrachter aus dem Westen schmecken oder nicht, das interessiert die Chinesen keinen Deut. Sie denken in anderen Dimensionen und auch ganzheitlicher, da haben sie den jungen Zivilisationen einiges voraus. Und sie denken auch nicht in Kategorien von Einzelschicksalen, weil es dort keine bürgerliche Revolution gab, in deren Theater die Selbstfindung und Läuterung des Individuums eine zentrale Rolle spielte. In China, bei der Planung, wird als kleinster Einheit in kollektiven Generationen gedacht. Ob da das individuelle Glück oder Wohlergehen leidet, wen stör es?

Umso gespenstischer ist das Bangen der westlichen Zivilisationen um den chinesischen Markt. Der Blickwinkel, aus dem gebangt wird, entstammt dem Interesse des bürgerlichen Individuums, das nicht wie in seinem Anfangsstadium nach Freiheit und Glück, sondern nach Coupon und Rendite strebt. Beglückend da die Tatsache, dass die Entscheidungen, die in China angesichts der Krise getroffen werden müssen, sich nicht am Wohle der zitternden Spät-Individuen der bürgerlichen Gesellschaft orientieren werden, sondern an den Interessen zukünftiger Generation, alle Fehlannahmen natürlich inbegriffen.

Insofern wird gerade ein Stück aufgeführt an den Börsen, das wissentlich so noch nie dagewesen ist. Die Spekulanten des kapitalistischen Westens bangen um die Solvenz des kommunistischen Ostens. Ganze Volkswirtschaften des Westens sind in die im Osten getätigten Investitions- und Spekulationsprogramme derartig involviert, dass sie zu kollabieren drohen, wenn die Kommunistische Partei Chinas nicht gegensteuert. Das ist tatsächlich großes Kino. Die Suprematie des freien Marktes, seine ordnende Hand und alles, was ansonsten an geistigem Zinnober in die Lehrbücher der abendländischen Volkswirtschaftslehre Eingang gefunden hat, entpuppt sich als Mystifikation. Nicht, dass das chinesische System, welches im Augenblick seines Schwächelns die eigene Macht über den Kapitalismus unter Beweis stellt, zu mehr Freiheit und Glück führen würde! Auch das ist eine Illusion. Aber es wird deutlich, wie abgenutzt die eigenen Erklärungsmuster geworden sind.

Wie ein schottischer Moralphilosoph das vor-revolutionäre Frankreich erlebte

Reinhard Blomert. Adam Smiths Reise nach Frankreich oder die Entstehung der Nationalökonomie

Nichts ist rühmlicher, große Theorien, die ihrerseits Einfluss auf gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Entwicklung genommen haben, den Armen einer populistischen Verfälschung zu entreißen. Das wäre und ist in vielen Fällen hilfreich, täte immer wieder bei Nietzsche gut, hülfe das eine oder andere Mal bei Darwin und ist sicherlich mehr als angebracht bei Adam Smith. Dessen Wohlstand der Nationen ist dermaßen den Reißwölfen des verballhornenden Mainstream zum Opfer gefallen, dass einem der Mann nach mehr als zweihundert Jahren Grabesaufenthalt noch heute Leid tun kann. Die Reduzierung seiner ökonomischen Theorie auf die „unsichtbare Hand“, die wie von Wunder den Markt regele, wird seiner Theorie einfach nicht gerecht und ist ein törichtes, aber wirkungsvolles Machwerk wirtschaftsliberalistischer Ideologen.

Der Autor Reinhard Blomert, seinerseits Redakteur des Leviathan – Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft, hat in der Reihe Die Andere Bibliothek des Eichborn Verlages, der seinerseits dafür steht, jenseits des Mainstream Perspektiven zu entwickeln, die Licht ins Dunkel bringen, eine Schrift mit dem Titel Adam Smiths Reise nach Frankreich oder die Entstehung der Nationalökonomie verfasst. Sein Ziel war es, Transparenz herzustellen über die Entstehung des Werkes Der Wohlstand der Nationen, mit dem der schottische Moralphilosoph weltberühmt wurde und den Einfluss des vor-revolutionären Frankreich auf seine Gedanken zu dokumentieren.

Die Leserinnen und Leser erfahren folglich einiges aus dem Leben des Adam Smith vor seiner Reise und sie erhalten ausführliche Beschreibungen und Porträts aus besagtem Frankreich der Jahre 1764-1766, dem Zeitraum, in dem sich Adam Smith als fürsorglicher Lehrer eines schottischen Adeligen in Frankreich aufhielt. Man bekommt einen wirtschaftlich aufschlussreichen Vergleich der Hafenstädte Toulouse und Bordeaux, ein großartiges Bild von Voltaire, eine Einführung in die Pariser Salons einflussreicher Damen bis hin zur Pompadour und eine elaborierte Skizze zu dem Arzt und Ökonomisten Francois Quesnay, dessen Überlegungen Smith am stärksten bei seinen Ausführungen in seinem Hauptwerk beeinflusst haben. Und es wird deutlich, dass Smith als Moralphilosoph in Frankreich ankam, d.h. er immer auch einen Ethos der wirtschaftlich Handelnden einforderte, woran die Reise nichts geändert hat.

Die Extrakte, die sich auf dessen Wirtschaftstheorie auswirkten, sind allerdings spärlich und lassen nur die Vermutung aufkommen, worin sich Smith von späteren Vertretern des freien Marktes unterschied: Eben nämlich durch sein Postulat an die Wohlhabenden, sich auch am Wohle der Allgemeinheit orientieren zu müssen. Doch neben der wirtschaftspolitischen Auffassung, dass eine Liberalisierung des Getreidehandels und eine Forcierung der Arbeitsteilung zum Wohlstand einer Nation beitrage ist dieser Appell zwar in der Rezeptionsgeschichte über Adam Smith wichtig, aber er bringt keine Erkenntnisse über die Relevanz seiner Theorie gegenüber heutigen Versionen des ungezügelten Wirtschaftsliberalismus. Die Ehrenrettung Adam Smith´gelingt, weil deutlich wird, wie sehr er für eine liberale Wirtschaftsordnung plädierte, aber den Trieb des Egoismus jenseits der gesellschaftliche Ratio kannte und daher immer auch für maßvolle Maßnahmen staatlicher Lenkung plädierte, sei es durch Zölle, durch Steuern oder durch Konsum.

Die große Stärke des Buches ist das gezeichnete Sittenbild des vor-revolutionären Frankreichs. Der Einfluss auf Smith kann nur, wie im Text allerdings auch expressis verbis bestätigt wird, vermutet werden und die Relevanz der wirtschaftspolitischen Positionen, die in den Salons diskutiert wurden, kommen zu kurz. Dem Zusatz im Titel, die Entstehung der Nationalökonomie, hätte eine andere, stärkere Gewichtung der wirtschaftspolitischen Aspekte entsprochen.