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USA: Lösungen aus den modrigen Gemächern politischer Theorie

Es wird kräftig sortiert in den Vereinigten Staaten. Nicht, dass alles neu wäre, was sich dort mit den beginnenden Vorwahlen präsentiert. Aber es sind Bewegungen identifizierbar, die deutlich machen, wie zerrissen das Land bereits heute ist. Und vieles deutet darauf hin, dass die Gefahr einer weiteren Erosion noch viel größer wird. George Packer hat mit seinem Buch The Unwinding, die Abwicklung, sehr nachdrücklich geschildert, was mit den USA seit der unsäglichen Regierungsperiode George W. Bushs und dem während seiner Amtszeit gereiften Börsencrash geschehen ist. Gleich einem Klischee aus alten Klassenkampftagen ist das multi-ethnische und multi-kulturelle Land gespalten in astronomisch Reiche und unterhalb das Existenzminimum gedrängte Arme. Bei ersteren handelt es sich um die Gewinner der globalisierten Finanzwelt, denen staatliches Handeln ein Gräuel ist und bei letzteren neben einer massenhaft arbeitslos gewordenen Arbeiterklasse auch um große Teile des Mittelstandes, der in der Tretmühle zwischen Geldverdienen und der durch Kostenexplosion lebenswichtiger Leistungen an den Rand des Verkraftbaren gedrängt wurde.

In einer solchen Gemengelage kriechen die Monster radikaler Lösungen aus den modrigen Gemächern politischer Theorie. Die Figuren, die sich nun als die ernsthaften Kandidaten für die nächste Präsidentschaft zu konturieren beginnen, sind ein Abbild dieses Dilemmas. Donald Trump, der Banause aus dem Hause der radikalen Finanzwelt, der durch seine geschickte Vermarktung ausgerechnet vielen Verlierern aus der Seele zu sprechen scheint, wirkt in Wahrheit trotz der sich in seinem Schlepptau befindlichen Megäre Sarah Palin noch moderat gegenüber dem in Iowa hochgeschnellten republikanischen Mitkonkurrenten Ted Cruz, dessen nationalistisches, radikal ordnungspolitisches und wahnhaft religiöses Programm eine Kampfansage gegen jede Tradition bedeutet, die in der US-Geschichte mit dem Begriff Demokratie assoziiert war.

Auf demokratischer Seite lässt sich allerdings kein positiver Gegenentwurf ausmachen. Hillary Clinton verkörpert wie niemand sonst bei diesen Wahlen das politische Ostküstenestablishment, das zwar in der Lage ist, die dollarschwere Kampfmaschine ins Rollen zu bringen, aber nicht die Botschaften zu entwerfen, die in der Lage wären, der großen, gebeutelten, aber schweigenden Masse zu einer neuen Vision zu verhelfen. Der gegen sie im eigenen Lager antretende Bernie Sanders ist der einzige, der ein Konzept hat, das Konsequenz verrät, aber zu sehr auf eine Arbeiterklasse setzt, die längst zerrieben ist. Dennoch erhält er beträchtliche Unterstützung aus der bildungsaffinen Jugend, was ihn mangels potenter Koalitionspartner nicht retten wird.

Ohne dem weiteren Verlauf vorgreifen zu können oder zu wollen, ist damit zu rechnen, dass es auf ein Duell von Clinton und Cruz oder Trump hinauslaufen wird. Die große emotionale Welle, die Barack Obama ins Amt getragen hat, ist längst abgeflaut und wird sich nicht wiederholen lassen. Die USA sind nicht nur aufgrund ihrer militärischen Potenz Weltmacht Nummer Eins, sondern sie haben sich global so in Position gebracht, dass sie, sollte der neu gewählte Präsident, von allen Skrupeln gereinigt, die Gelegenheit bekommen, aus manchem strategischen Setting einen heißen Krieg machen zu können. Denn es ist nicht neu, dass eine Einigung innerhalb eines zerrissenen Landes durch einen Krieg herbeigeführt werden kann. Ein Sieg der Republikaner würde diese Gefahr dramatisch erhöhen, ein Sieg Clintons würde diese Option zumindest nicht ausschließen.

In Europa sollten diese Tendenzen genau beobachtet werden und frühzeitig zu Schlüssen führen, die diese destruktiven Optionen zumindest erschweren. Im Moment findet eine kritische, selbstbewusste Auseinandersetzung mit der amerikanischen Entwicklung nicht statt. Unter anderem geschuldet einem Verständnis von Politik, das nicht über das Setting einer spektakulären Talkshow hinausgeht.

Soziale Wüste und Eldorado dekadenter Libertinage

George Packer. Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika

Ein wachsendes Unbehagen hat die Welt ereilt. Es betrifft die Entwicklung der USA seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Hatte ein Präsident Bill Clinton nach dem Crash der klassischen Ost-West-Konfrontation noch versucht, die übrig gebliebene Supermacht von ihrem Wertesystem her zu modernisieren, so waren aus der Gesellschaft heraus selbst eigenartige Reflexe erfolgt, die vielleicht als Antwort auf so manches überzogene Ansinnen aus der political correcness erschienen, mit der Wahl George W. Bushs zum Präsidenten allerdings ein Signal setzte, das Hilflosigkeit dokumentierte und den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben suchte. Es wurde eine Fraktion der amerikanischen Elite ermächtigt, eine Tendenz zu vollenden, die Millionen von US-Bürgerinnen und -Bürger desillusionierte und das Land in eine tiefe Depression versetzte. Auch der Versuch, dieser Entwicklung mit der Wahl Präsident Obamas ein Ende zu bereiten, stellte sich als zu spät heraus.

Der US-amerikanische Journalist George Packer hat nun eine Arbeit vorgelegt, die verschiedene Stränge der jüngsten Entwicklung anhand biographischer Verläufe nachverfolgt und so einem Bild Kontur verliehen, das ansonsten vielleicht nicht so hätte gelingen können. Unter dem deutschen Titel Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika legt Packer das Ergebnis seiner Recherchen vor. Es sind die Geschichten bestimmter Individuen und Orte, die zunächst harmlos beginnen und erst im Verlauf darauf deuten, was in den USA der letzten Jahrzehnte unwiederbringlich zerstört wurde. Es geht um einen Energieinnovativen in der Provinz namens Dean Price, es geht um den Konservativ-Ideologen der Republikaner Newt Gingrich, es geht um den im Glauben an die demokratischen Tugenden beginnenden Jungfunktionär, es geht um den WalMart-König Sam Walton und um die schwarze Fabrikarbeiterin Tammy und den Herrscher über die Institutionen Robert Rubin. Und es geht um die Region Tampa, in der die Immobilienblase platzte und das Mekka des unvorstellbaren Reichtums, Silicon Valley, und die aus ihm hervorgegangene Figur Peter Thiel.

Die Geschichten dieser Personen und Orte zeigen etwas, das den alten Traum Amerikas endgültig zerstört hat. Es geht um das Auseinanderklaffen der Gesellschaft in den Teil, der Existenz wie Hoffnung endgültig verloren hat und den Teil, der in der Entkoppelung der Wall Street von jeglicher nationaler Verantwortung ins Elysium astronomischen Reichtums geglitten ist. Die politischen Institutionen waren bereits derartig von den plutokratischen Lobbys unterwandert, dass es kein Halten mehr gab. Anhand der Geschichten des herzbrechenden Scheiterns auf der einen Seite und der von jeglicher Leistung abgekoppelten Bereicherung auf der anderen Seite wird deutlich, dass sich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu einer sozialen Wüste für die einen und einem Eldorado der dekadenten Libertinage für die anderen entwickelt hat. Alle Versuche, die vermeintlich einzig übrig gebliebene Hegemonialmacht von innen heraus zu reformieren, mussten aufgrund der Haltlosigkeit und grenzenlosen Verkommenheit der Gewinner dieser Abwicklung scheitern. Was Packer anhand der Geschichten gar nicht mehr erzählen musste, liegt auf der Hand. Eine Veränderung zum Guten ist ohne radikale soziale und politische Ansätze nicht mehr möglich, der einstige gesellschaftliche Konsens wurde geschreddert wie eine überflüssige Verpackung.

Die Lektüre dieses unter die Haut gehenden Buches ist unbedingt zu empfehlen. Und es reicht nicht, erleichtert den überheblichen Blick über den Atlantik zu schicken, ohne sich sehr sorgfältig darüber Gedanken zu machen, was von diesem Geist der Abwicklung einer Gesellschaft bereits in Europa angekommen ist. Ein nahe liegender schluß wäre, endlich einmal von Amerika zu lernen. Das heißt auch zu wissen, wie es auf keinen Fall kommen soll.