Ostenmauer – 33. Guernica

Ich ging noch zur Schule, da gab es so etwas wie den Radikalenerlass. Er verbot Lehrerinnen und Lehrern, sich politisch zu so genannten radikalen politischen Parteien zu bekennen. In erster Linie ging es um Kommunisten. In dieser Zeit erschien ein großes Poster, das Picassos „Guernica“ abbildete und die Textzeile trug: Der Maler dieses Bildes dürfte nicht an einer deutschen Schule unterrichten. Es spielte auf Picassos Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei an, ich weiß nicht einmal, ob es die spanische oder nicht sogar die französische war, da er ja in Paris lebte. Aber das war für mich nicht das Entscheidende. 

Wesentlich für mich war die Wirkung des Bildes auf mich. Damals im zarten Alter noch unbedarft vom Wissen über Symbolik und Produktionstechniken, traf das Bild mit seiner Aussage in mein Nervenzentrum. So abstrakt es ist, so gegenständlich ist es auch, so fragmentiert es zuweilen wirkt, so holistisch ist seine Aussage. Guernica, so stellte sich nicht nur damals, sondern immer wieder für mich in späteren Jahren heraus, Guernica ist das Bild meines Lebens.

Es steht für das Leiden, für das gemeinsame Interesse der Kreatur, dem zu entkommen, was als das Äußere, das Befremdende und Entfremdete, das Gewaltsame und das Destruktive steht. Trotz der Anklage gegen Faschismus, Diktatur und Gewalt inszeniert es den großen Gedanken gemeinsamer Kreativität und einer der Gattung innewohnenden Humanität. Ja, mögen sie sagen, was schreibt der denn da, und ja, das ist Guernica für mich, einen kleinen Autodidakten, der sich irgendwohin orientieren muss.

Mit dem Poster in meiner Schulzeit war es aber nicht getan. Einige Jahre später, ich war bereits Student, traf ich auf einer Fiesta an der baskischen Küste eine junge Frau, mit der ich mich anfreundete. Sie kam aus Gernika, wie es im Baskischen geschrieben wird, und sie nahm mich mit in ihre Stadt. Das Erlebnis dort werde ich nie vergessen. Die fragenden Blicke in ihrer Familie, die Gespräche, die Versöhnung, und dann, die Schulen und öffentlichen Gebäude, auf die bis heute die Schulkinder deutsche Flugzeuge malen, die schwere Bomben auf ihr Gernika abwerfen, auf eine kleine, brennende Stadt, in der fast alle auf dem Wochenmarkt sind und gerade ihr Leben verlieren.

Ich hatte also die Stadt gesehen, nach der Picasso sein großes Bild gegen den Krieg benannt hatte. Das Bild ließ mich nicht los und ich erfuhr zudem seine bewegte Geschichte. Es stand nämlich im New Yorker Museum of Modern Art, weil Picasso das so gewollt hatte. Später hat er testamentarisch verfügt, dass das Bild erst dann in seine Heimat, nach Spanien, dürfe, wenn dort eine Demokratie zuhause sei. So stand Guernica von 1939 bis 1981 in New York. Dann durfte es zurück.

Und alleine seine Rückkehr machte deutlich, wie eng die Beziehung einer demokratischen Öffentlichkeit und einem kollektiven Gedächtnis zu diesem Bild war. Als es in Madrid auf dem Flughafen ankam und von dort, verpackt, zum großen Prado gefahren wurde, standen Tausende am Straßenrand und winkten der Fracht zu! Und natürlich stand es zunächst im Prado, der großen musealen Adresse in Spaniens Hauptstadt, obwohl es dort als ein typisches Artefakt der Moderne etwas deplatziert war. 

Es gab immer wieder Versuche, das Bild ins Baskenland, sprich nach Bilbao zu holen, weil es dort aus Sicht der Basken hingehört. Doch der spanische Zentralismus ist bis heute stark. Als ich kürzlich in Madrid war, suchte ich sofort den Prado auf, um endlich, endlich, nach Jahrzehnten mehr als einen Blick auf dieses Guernica im Original werfen zu können. Zu meiner Freude fand ich dort vieles, was mich tief beeindruckte, darunter die berüchtigte Schwarze Reihe Goyas, aber leider nicht Picassos Guernica. Ich musste lernen, dass es nun bei den Kunstwerken der Moderne zu sehen sei, in dem benachbarten Museo Reina Sofia.

Dort fand ich es dann, das Bild, das mich mein ganzes Leben bereits begleitet, immer wieder aufgrund einer ganz anderen Erfahrung, als Unikat in seiner Aussage so wuchtig wie eh und je, und werkgeschichtlich spannend wie ein Thriller. Es war wie Heimkehr, und dennoch hatte ich das starke Gefühl: Die Geschichte ist noch nicht zu Ende!

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende

Devise des 1. Mai

Klassisch ist der 1. Mai der Tag, an dem sich die lohnabhängig Beschäftigten dieser Welt, die sich in politisch besseren Zeiten noch die Arbeiterklasse nannten, auf großen Kundgebungen und Demonstrationen gemeinsam für ihre Ziele aussprachen und vor allem, da es sich um einen international begriffenes Datum handelte, betonten, dass sie über nationale und sonstige Grenzen hinaus einen Zusammenschluss pflegten. Diesen sahen sie als unabdingbar für das Erreichen ihrer Ziele an. Ob es sich um rein wirtschaftliche Forderungen oder politische Interessen handelte: der Arbeiterbewegung war immer bewusst, dass ihr Pendant, das Kapital, längst international kooperierte, um die Positionen der nationalen Zusammenschlüsse zu schwächen.

Es ist müßig, sich mit dem auseinanderzusetzen, was gegenwärtig aus diesem Datum geworden ist und welchen wirtschaftlichen und politischen Realitäten die Beschäftigten ausgesetzt sind. Die wesentlichen Eckpunkte einer international ausgerichteten Politik fehlen. Weder werden die wirtschaftlichen Forderungen aus der Position einer eigenen Kraft vertreten und mit einer ernst zu nehmenden Kampfansage verbunden, noch ist das Verbindende der Internationalität wahrzunehmen. Hier, in der EU, wären doch Forderungen der italienischen, spanischen, französischen, deutschen, polnischen etc. Beschäftigten eine ganz andere Kategorie, wenn es in dieser Hinsicht Kontakte gäbe.

Und, was nicht ebenso, sondern am wichtigsten ist, eine Position der tatsächlich Werte schaffenden Allianz zu Krieg und Frieden kann nur international Erfolg haben. Schön und richtig ist es, dass die italienischen Gewerkschaften den ersten Schritt unternommen haben, in dem sie es ablehnten, weiterhin Waffen in Kriegsgebiete zu verladen.  Erfolg kann es nur haben, wenn sich die Gewerkschaften in den anderren Ländern dazu ebenso entschlössen und man die Aktionen gemeinsam koordinierte.

Stattdessen treten die Gewerkschaften, vor allem in Deutschland, als Bittsteller von Regierungen auf, die ihrerseits dabei sind, sich als Kiegsregime zu etablieren. In nie gekanntem Ausmaß seit dem II. Weltkrieg steht die faktische Wirtschaftspolitik wie die Rhetorik auf Krieg und man glaubt, an einem historischen Lehrstück teilzuhaben, wie sich gekaufte Politik aus der Arbeiterbewegung an einer rassistischen und imperialistischen Orgie beteiligt, die alles Vorherige in den Schatten stellt. Die so genannten Verfechter der liberalen Demokratie kuscheln seit einiger Zeit mit allen möglichen Faschisten und faseln von Brandmauern, die sie längst eingerissen haben. Wer Allianzen mit Faschisten pflegt, wie diverse Regierungen mit denen der Ukraine, hat seine Legitimation als Verfechter einer wie auch immer gearteten Demokratie bereits verloren. Diese Erkenntnis wäre eine regelrecht befreiende, wenn sie auf den heutigen Demonstrationen und Kundgebungen eine Rolle gespielt hätte.

Aber nein, ganz im Sinne der Ausblendung wird alles, was die antidemokratischen, kriegerischen und rassistischen Taten sowohl der hiesigen Regierungen als auch der EU betrifft, außen vor gelassen und man orgelt den ganzen Schmonzes einer Sozialpartnerschaft, die es nie gab, dem gelangweilten Publikum vor. Man kann sich die Verhältnisse natürlich auch schön reden. So, wie die Zustimmung der SPD-Mitglieder zu einer Teilnahme an dem bevorstehenden Kriegsregime. Wenn lediglich 56 Prozent der Mitglieder an einer Abstimmung teilnehmen und von diesen 86 Prozent für die Teilnahme an der Koalition stimmen, dann sind das unter dem Strich weniger als die Hälfte der Mitglieder. Diese zu einem überwältigenden Ergebnis umzudeuten gehört zu jenen Manövern, die das Vertrauen in die Politik bis auf welche Mauern auch immer niederbrennen.

Selbstbewusstsein, die eigenen Interessen formulieren und internationale Allianzen schließen, das ist und bleibt die Devise des 1. Mai.