Ostenmauer – 34. Von gehypten Knallfröschen

Die Frage ist berechtigt und stellt sich jeden Tag von Neuem. Soll ich meine Zeit vergeuden mit Knallfröschen, die in den Medien gehypt werden, weil sie mit den Wölfen heulen? Natürlich erzeugt es Erregung, wenn ich merke, dass weder Wissen noch Haltung Einfluss auf das Gesagte haben. Da wird ein Unsinn daherschwadroniert, der alles außer Kraft setzt, was in einer geglaubten abendländisch-aufgeklärten Kultur im 21. Jahrhundert einen gewissen Bestand haben sollte. Mir kommen diese Lohnschreiber und Beitragsspekulanten, die alles fabrizieren, was die Auftragslage hergibt, wie Erscheinungen in einem schlechten Rausch vor. Aber wenn ich mir die Augen reibe, dann sehe ich sie klar und deutlich vor mir. Sie existieren wirklich. Und sie bilden eine viel zu große Kohorte. Sie haben Namen und eine tatsächliche Vita, die allerdings sehr abweicht von der für das Publikum getürkten Version. Sie verherrlichen Kriege, die verleumden ehrbare Menschen, weil sie Charakter hassen wie die Pest. Sie halten hinter jeder Mülltone ihre gierige Hand auf und sie stinken aus dem Maul.

Sie sehen, die Frage hat Gewicht: Soll ich mit diesen Subjekten meine Zeit vergeuden? Natürlich nicht. Doch vieles von dem, womit sie den Äther kontaminieren, ist so ungeheuerlich, dass ich von Zeit zu Zeit doch in Wallung gerate. Ich möchte mich dafür entschuldigen. Nobody is perfect!  

Von Shanghai nach Beijing, Reisenotizen

16.04.2025, Frankfurt am Main

Flug Frankfurt am Main – Shanghai – Pudong, China Air, 10 Stunden, insgesamt vier Minuten Verspätung bei Ankunft! Alles reibungslos, freundlich, geschäftsmäßig. Hotel o.k., Fahrt zum Bund. Bizarrer Kontrast von Kolonialgeschichte und chinesischem Zeitalter. Einfache Menschen, die sich nahezu amüsiert in dieser historischen Kluft bewegen. Abends Light Show anlässlich des 35. Jahrestages der großen Liberalisierung. Die jungen Katzen feiern mit. Mögen sie das Mäusefangen nicht verlernen!

17.04.2025, Shanghai

Shanghai, der Drachenkopf, Mündungsort des 6800 Kilometer langen Yangtse Kiang. Ji Xinping war hier mal Oberbürgermeister. Wer die heute 24 Millionen Menschen zählende Feuer speiende Stadt zu managen weiß, kann alles. Hier trifft sich Tradition, Gegenwart und Moderne, hier ist die Anarchie zuhause und Millionen autonome Köpfe, die ihrem Kompass folgen. Hier wird auf dem holprigen Parkett der Superlative getanzt. Das am Bund verewigte Shanghai war die Hölle derer, die heute das Panorama beherrschen. Die Erfolge sind genauso sichtbar wie die zu erwartenden Probleme. 

Heute wirkt die Partei, die die Skelette aus den Furchen gekratzt und zu einer ungeheuren Macht hat werden lassen, wie eine strenge Gouvernante, die über die Ordnung wacht. Und sie scheint alle zu lieben, die fleißigen Bienchen wie die genialen Zündler. Shanghai wirkt wie eine Versuchsanstalt für die neue Welt.

19.04.2025

Hangzhou, eine kleinere Stadt mit 12 Millionen Einwohnern. Hier ist Ali Baba zuhause, die größere, chinesische Version von Amazon. Hangzhou atmet tropisch wie Shanghai, gilt als steinreich. Die Unterschiede zwischen Bescheiden und Reich sind immens. Nicht nur, um den Verkehr zu regulieren, bittet der Staat die Saturierten zur Kasse. Ein Nummernschild für eine PKW-Zulassung kostet 12.000 Euro. Wer zahlt, darf an einer Verlosung teilnehmen. Bei Motorrädern mit Verbrennermotor liegt der Preis bei 30.000 Euro pro Nummernschild. Ein E-Roller kostet 100 Euro.

Immobilienbesitz ist grundsätzlich auf siebzig Jahre beschränkt. Kurioserweise übernommen aus der Rechtssprechung der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong. 

Am Wochenende geht man auch in Hangzhou mit Familie und Freunden Essen. Letzteres ist eine zentrale Instanz. Je lauter das Gebrüll aus einem Lokal, desto besser die Referenz für die Köche. Das Museum für den großen Kanal, der von hier in das weit über 1000 Kilometer entfernte Peking führt, ist pädagogisch grandios, multimedial und spricht die Menschen an. Bei der Betrachtung der Besucher wird deutlich, wieviel Spaß es machen kann, etwas über Geschichte, Kultur, Technik, Sozialverhältnisse und Ökonomie zu lernen, bei süßen Sesamplätzchen oder einem leckeren Eis aus grünem Tee. 

Die benachbarten Parks und Plätze atmen eine wohlige Atmosphäre des Gemeineigentums. Klar, dass die Kommunistische Partei mit einem eigenen Kiosk zugegen ist. Es festigt sich der Eindruck, dass der Glaube an die Allianz von Fleiß und Glück überwiegt. Noch? 

20.04.2025, Hangzhou

Hangzhou. Ein Sonntag am Western Lake. Die Menschen machen Bootsfahrten, tanzen in den Parks, spielen Go oder Schach. Eine Band spielt Bella Ciao, Studenten machen Umfragen und lernen den Perspektivenwechsel. Später, in den Teeplantagen, warten zwei Chinesinnen auf Gäste aus Jordanien. Beide sprechen Arabisch und erzählen, so lange sie auf die Gäste warten, dass im arabischen Raum viel Tee getrunken wird und sie jetzt beraten, wie dort eine Tee handelnde Mittelschicht entstehen kann, wenn es vernünftige Kreditsysteme, eine funktionierende Infrastruktur, fachliche Qualifikation und langfristige Kooperationen gebe. Und immer wieder die Frage: Was halten Sie von China? Was machen wir gut, und wo können wir uns verbessern?

Gestern Abend waren wir in einer Räuberhöhle, mit viel Rauch und Schnaps und Geschrei. Heute zeigte ich auf ein Bild und bekam ein gehäckseltes Huhn mit allem, worüber sich eine hungrige Katze freuen würde.

21.04.2025, Suzhou

Ein verregneter Tag, was dem explosiven Treiben in diesem Land keinen Abbruch tut. Suzhou liegt 180 Grad nördlich von Hangzhou und 100 Kilometer westlich von Shanghai. Von den 11 Millionen Einwohnern der Stadt sind 7 Millionen Schläfer, die in Shanghai arbeiten. Da die Mieten in Suzhou wesentlich günstiger als in Shanghai sind, pendeln 7 Millionen Menschen täglich nach Shanghai. Mit dem Schnellzug, der alle 5 Minuten fährt und für die 100 Kilometer 20 Minuten braucht. 

Wer sich ein Bild davon machen will, wie Wohnen, Arbeit und Mobilität in einem für europäische Verhältnisse überbevölkerten Land gemanagt werden kann, komme nach China! Hier fühlst du dich wie ein Gesandter aus dem Land der Zwerge. Und für Hochmut, angesichts der eigenen politischen Überforderung, ist wirklich kein Platz. 

In meinem Hotel liegen auf dem Schreibtisch ein feiner Bleistift und ein Lineal, im Land weit entwickelter Künstlicher Intelligenz und einer radikalen Nutzung digitaler Techniken. Die Koexistenz von Tradition und Hochmoderne scheint hier wie eine conditio sine qua non. Kein Hochmut von Nutzern komplexer Technik gegenüber den Meistern Jahrtausende alter Tradition. Und keine Verachtung des Meisters gegenüber den Anwendern moderner Technik. Lernen und Üben wird überall groß geschrieben und Können in aller Bescheidenheit relativiert.

22.04.2025, Quindao

Wer nicht jährlich oder quartalsmäßig, sondern täglich Millionen von Menschen mit der Bahn befördern will, kann froh sein, wenn die zu Befördernden über einen mentalen Kollektivismus verfügen. Der Bahnhof von Suzhou gleicht einem modernen Flughafen. Große Eingangshalle, riesige Anzeigetafeln, Sicherheitschecks. Dann warten, bis man zu einem Gate aufgerufen wird. Die Bahnsteige sind menschenleer, bis man in der eigenen Kohorte mit Zug-, Waggon- und Platznummer eingelassen wird. Der Warteplatz auf dem Bahnsteig ist markiert. Punkt- und zeitgenau hält dort der Zug, für das Aus- und Einsteigen sind insgesamt zwei Minuten vorgesehen, die ausreichend sind. Alles ist sauber und gepflegt und alle verhalten sich so, wie sie es auch für sich erwarten. Angesichts derartiger Erfahrungen kommt dann doch der Gedanke auf, dass der ungezügelte Individualismus zivilisatorische Grenzen aufweist.  Quindao liegt am Meer, zumindest im April ist es sehr angenehm, mit einer kühlenden Brise. Der immer wieder beschworene deutsche Geist ist bis auf das Tsingdao-Bier und architektonische Residuen längst verflogen. China geht ein hohes Tempo und nimmt sich nicht mehr die Zeit, den erlittenen Kolonialismus auch noch zu würdigen. 

23.04.2025, Quindao

Heute in der Alt- und in der Neustadt gewesen. Erstere ist architektonisch vom deutschen Kolonialismus geprägt, letztere vom modernen China mit dem siebtgrößten Handelshafen der Welt. Die Neustadt gefällt mir besser und ich bin nicht hierher gekommen, um mir die Lebensweise deutscher Kolonialherren zu vergegenwärtigen. Tsingdao ist heute ein weltweit erfolgreiches staatliches Unternehmen und nur deshalb hat mir das Bier geschmeckt. Am Strand Nr. 2 und dessen Promenade in der Neustadt flaniert das zeitgenössische China, fast so, wie die vier Sterne auf der Nationalfahne, die sich um den einen großen, der die Partei symbolisiert,  ranken: Arbeiter, Bauern, Intellektuelle und Soldaten. Teilweise so, wie beschrieben, und teilweise als mondäne Jeunesse, die allerdings dem durch Smartphones getriggerten, weltweiten Trend einer narzisstischen Sucht nach Selbstdarstellung folgt. Auch hier, wie zuhause, fühle ich mich mehr zu denen hingezogen, deren Leben aus Kampf und Anstrengung besteht. Aus ihren Gesichtern lugt immer ein kollektives Wissen um das Dasein und die schlafwandlerische Fähigkeit, zu erkennen, wer dazu gehört und wer nicht. Diejenigen von der lauen, elitären, verlogenen und konsumistischen Sorte sind mir hier allerdings in den zugegebenermaßen wenigen Tagen noch nicht untergekommen. Übrigens: Skepsis oder Ressentiments uns gegenüber auch nicht!

24.04.2025, Qufu

Der Urheilige der chinesischen Weltsicht, Konfuzius, hat hier seine geistigen Übungsräume, sein Domizil und eine wunderbare Parkanlage hinterlassen. Die Art stereotyper Vermarktung nähme dem Ort die Aura, wären da nicht unzählige Schulklassen, die mit ihrem Leben für die Kontinuität einer nationalen Identität bürgten. Wer die Universalfragen der menschlichen Existenz von der Pike auf zu bearbeiten lernt, besitzt einen Kompass, der über Epochen hinausgeht. Es fällt immer wieder auf, dass man sich hier ein langes Leben wünscht. Viele Tees, Symbole und Ingredienzien sollen dafür bürgen. Es ist Spekulation, aber ich denke, dass damit nicht das Individuum, sondern das Kollektiv und seine Tradition gemeint ist. Wäre es ein Wunsch im Sinne des westlichen Individualismus, erschiene vieles als Hokuspokus. Im Sinne des Kollektivs und der Tradition besticht es.

25.04.2025, Qufu

Von Qufu ist es nicht weit zum Taishan Berg. Letzterer überzeugt weniger durch seine Höhe (1500 Meter) als durch den Ruf, der heiligste aller Berge Chinas zu sein. Es wird erzählt, dass ihn jeder gute Chinese einmal im Leben bestiegen haben sollte, und zwar über die exakt 6298 Stufen, die bis zur Bergspitze führen. Tatsächlich waren viele Menschen dabei zu beobachten, obwohl man es sich auch leichter machen kann und eine österreichisch-schweizerische Gondel bereit steht. Mit ihr geht es schnell und geräuschlos hoch und man hat, sobald ausgestiegen, nur noch einige hundert Stufen zu absolvieren. Tausende sind unterwegs, wie immer unter großem Spektakel. Was hier wieder auffällt ist, wie bunt und heterogen diese Gesellschaft ist: ethnisch, sozial, regional. Wer das von der eurozentristischen Politik so gerne benutzte Attribut des Diktatorischen hier im Verhalten der Menschen im öffentlichen Raum festmachen will, wird nicht fündig. Ganz im Gegenteil. Gegen die emotionale Festivität, die hier bei vielen Anlässen geboten wird, wirkt die heimische Bevölkerung wie eine graue, monomorphe Masse. Und bilde sich niemand ein, hier gäbe es keine Kritik und keinen Witz oder die Leute seien eben schlecht informiert. Jedes Gespräch erweist sich als Schatzkiste neuer Erkenntnis. 

26.04.2025, Beijing

Beim Nähern mit dem rasanten Schnellzug lässt sich dennoch feststellen, dass Beijing, dem Namen nach die nördliche Hauptstadt (im Gegensatz zu Nanking, der südlichen), ringförmig gewachsen ist. Die Außenbezirke mit ihren futuristisch anmutenden Wolkenkratzerkolonien glichen ihren Kompagnons von Shanghai, Hangzhou oder Tainan. Sie gehen über in ältere Abschnitte niedergeschossiger Massenunterkünfte, bis sich die in allen Metropolen der Welt etablierte Business-Skyline herausschält. Und dennoch: im inneren Kreis der 23 Millionenstadt bietet sich auch ein Bild des einfachen, flachen, durch tausende von Radfahrern bevölkertes, auch europäisch vertrautes Arrangement. Beijing hat, neben allen Schattierungen megalomaner Komplexität, auch etwas sanft Urbanes, das zum Verweilen einlädt. Schon die ersten Begegnungen offenbaren einen charakterlichen Unterschied zu den bisher Angetroffenen. Die typischen Attribute des Hauptstädters kommen zum Vorschein: keck, selbstbewusst, aufgeweckt und Zungenladungen voller Ironie. Es scheint wie überall auf der Welt: Landeier werden hier nicht alt, es sei denn, sie lernen schnell. Und die Verbotene Stadt? Mehr als 100.000 Menschen aus dem ganzen Land Land drängen sich hier täglich, viele in historischer Kleidung, was mich zu dem Gedanken veranlasste, dass das Verständnis des historischen Materialismus gerade vielleicht einer imperialen Attitüde weicht. Nach den Schmähungen europäischer Kolonialismen und des japanischen Imperialismus wäre es wegen des eigenen Erstarkens durchaus erklärbar.

27.04.2025, Beijing

Historische Plätze besitzen ihre eigene Magie, auch wenn sie alle nur aus Stein sind. Erstens sind die Erzählungen, die im eigenen Kopf sind, maßgeblich dafür verantwortlich. Hier, am Tienanmen, einem der, wenn nicht gar der größte Platz im Herzen einer Millionenmetropole, rief Mao Ze Dong im Oktober 1949 die Volksrepublik China aus. Der nach chinesischer Geschichtsschreibung insgesamt gezählte Preis für die Befreiung von Kolonialismus und Imperialismus betrug 30 Millionen im aktiven Kampf Getöteter. Das Denkmal für sie steht mitten auf dem Tienanmen, was dokumentiert, wer nach chinesischem Verständnis der Hauptakteur der Geschichte ist. An den vier Seiten des Platzes stehen das Gebäude, von dem Mao aus die Republik ausrief, direkt gegenüber ist das Mao-Mausoleum und an den anderen beiden Seiten wird der Tienanmen vom Volkskongress und dem Nationalmuseum eingerahmt. Die zweite Dimension der Magie entsteht durch die Menschen, die sich auf dem Platz bewegen und ihn ihr Eigen nennen. Auf dem Tienanmen sind tatsächlich Wieder alle zu finden, die in der Nationalflagge aufgezählt sind. Parteimitglieder, Arbeiter, Bauern, Soldaten und Intellektuelle. In allen Schattierungen, in allen Altersgruppen. Und es besteht kein Zweifel: es ist ihr Platz! Und die andere Erzählung des Tienanmen ist die aus dem Jahr 1989. Da offenbarte sich die große Staatskrise dieser Volksrepublik, die sie fast zum Einsturz brachte. Tausende junger Menschen, vornehmlich Studenten, hatten den Platz in Beschlag genommen und brüskierten eine verknöcherte Kommunistische Partei mit der Forderung nach Demokratie. Panzer rollten schließlich an und schlugen den friedlichen Aufstand nieder. Die damalige Parteiführung vermutete auch amerikanische Regie. Es kam aber die große Stunde des Deng Hsiao Ping. Er leitete eine radikale Wende in der chinesischen Politik ein, weg von der zentralistischen Wirtschaftssteuerung, hin zu freiem Markt und Privateigentum. Daraus resultierte die atemberaubende Entwicklung des Landes  hin zur Weltwirtschaftsmacht Nr. 1. Sollten die USA tatsächlich 1989 bei dem Tienanmen-Aufstand eine Rolle gespielt haben, dann legten sie dort die eigene Kugel in den Lauf. Heute, 36 Jahre nach dem Aufstand und 76 Jahre nach Ausrufung der Volksrepublik verfügt der Platz mehr denn je über große Magie. Das Absurde: sie speist sich aus der Normalität, mit der die aktuelle chinesische Gesellschaft über ihr öffentliches Eigentum verfügt.

28.04.2025, Beijing

Shanghai, Hangzhou, Suzhou, Qindao, Qufu und Beijing in zwölf Nächten – wer aus diesem Sturzflug in ein kleines, aber bedeutendes Segment Chinas ein Bild erwartet, das die Komplexität des Landes erfasst, leidet an maßloser Selbstüberschätzung. Was in dem epistemologischen Raster hängen bleibt, sind: gigantische Dimensionen, großartige logistische Leistungen, technologische Innovation, ein flächendeckendes Aufforstungsprogramm sondergleichen, Investitionen in den öffentlichen Raum, Disziplin und Organisation, große Diversität, und viel Freude. Aber auch: große Unterschiede zwischen Arm und Reich, zu erwartende Engpässe bei Wasser und Luft, wachsender Konsumismus, demographische Krisen. Überall und bei vielen Gelegenheiten wird an den Conduct zivilisatorischen Verhaltens appelliert. Ab einem bestimmten Punkt wird aus dem Gewinn eine Rendite des Verfalls. Jetzt nicht, aber irgendwann. Meine Prognose, trotz ihrer eingestandenen Relativität: China ist in den nächsten Jahrzehnten globaler Protagonist. Wir leben bereits im chinesischen Zeitalter. 

Die Demokratie ist kein Bus!

An vieles haben wir uns gewöhnen müssen, in den letzten Jahren. Wie schnell wurden gewählte Präsidenten anderer Länder über Nacht zu Machthabern oder Diktatoren, wenn sie damit begannen, andere Positionen zu vertreten, als das hiesige Weltgericht über Recht und Moral ihnen zugestanden hätte. Und wie schnell wiederum wurden wahrhafte Henkersknechte über Nacht zu durchaus ernst zu nehmenden Verhandlungspartnern, die sich auf dem Weg zur Demokratie befanden, wenn sie sich hiesigen Interessen annäherten. In vielen Situationen wurde deutlich, dass man hier eine große Fertigkeit entwickelt hatte, mit doppelten Maßstäben zu jonglieren. Wie das sein konnte? 

Diejenigen, die unter Beibehaltung der formalen Wege einer parlamentarischen Demokratie zu Ämtern kamen, mussten besonders gewieft sein im Schmieden einer Parteikarriere, aber nicht mehr die Referenz mitbringen, als loyaler Anwalt derer fungieren zu können, die ihnen mit ihrem Votum einen Auftrag gegeben hatten.  In der Methode der Einflussgewinnung besaßen sie großes Potenzial, in Bezug auf die fachlichen Notwendigkeiten den Souverän nach seinen Interessen zu vertreten, bekam letzterer ein mehr und mehr desolates Prekariat geboten. Letztendlich waren sie sich, und damit meine ich alle im Bundestag vertretenen Parteien, die in irgend einer Weise an Regierungen beteiligt waren, nicht einmal mehr bewusst, auf wessen Auftrag sie dort agierten. Manche, und deren Anzahl wuchs, verbalisierten sogar, dass ihnen das Votum der Auftraggeber eigentlich egal sei.

Und die Genannten, die sich seit geraumer Zeit als die Retter der Demokratie aufspielten, denn mehr ist es nicht, zeigten unverhohlen ein Gesicht, das zunehmend dem glich, mit dem sie den Souverän zu erschrecken suchten. Sie zeichneten Feindbilder, sie wurden kriegsgeil, sie diskriminierten Andersdenkende, sie glitten ab in Rassismus, sie setzten unveräußerliche Grundrechte außer Kraft, sie unterstellten Oppositionellen Staatsverrat, und sie stellten allen, die sich nicht in ihrem Sinne äußerten und die zunehmend plumper werdenden Methoden der Manipulation und Propaganda durchschauten unter Generalverdacht. Das Frivole an der ganzen Entwicklung, die nun auf einen neuen Kulminationspunkt zustrebt, ist die Tatsache, dass keine der Verunglimpfungen, mit denen sich diese Allianz gegen den Souverän so hervorgetan hat, nicht zu einer sachlichen Beschreibung ihres eigenen Handelns gereichte.

Wie immer, wenn sich die Dinge so entwickeln wie hier beschrieben, bekommt die großartige Beschreibung Dostojewskis ( Fünftes Kapitel: Die Brüder Karamasow) entscheidende Substanz: Der Großinquisitor, so der Meister der Demaskierung, der Großinquisitor selbst glaubt nicht an Gott. 

In Anbetracht der Entwicklung im eigenen Land liegt der Schlüssel zum Verständnis genau in dieser Dechiffrierung. Die unheilige Allianz der Parteien, die in ihrer Regierungsbeteiligung in den letzten Jahren dahin dilettierten und die mit ihrem inquisitorischen Vorgehen gegen jede Form der Opposition das Bild des Großinquisitors für sich passend machten, glauben selbst gar nicht an die Demokratie. Sie interessiert sie nicht. Und sie treffen sich mittlerweile mental mit dem derzeitigen türkischen Präsidenten Erdogan, der über die Demokratie sagte, sie sei wie ein Bus, in den man einsteige, bis man das Ziel erreicht habe. Und dann steige man wieder aus. Treffender kann man die führenden Kandidaten derer, die die nächste Regierung anstreben, beim besten Willen nicht mehr beschreiben. Sie glauben selbst nicht an die Demokratie und sie nehmen sie zum Vorwand, um gegen den Souverän zu arbeiten. Die Demokratie ist kein Bus für selbstverliebte Dilettanten! Möge ihnen das Handwerk gelegt werden.  

Die Demokratie ist kein Bus!