Ostenmauer – 37. Wölfe

Im Russischen existiert das schöne Bild eines Wolfes, der viel Schnee gesehen hat. Es geht um Alter und Erfahrung. Ein Bild, das Würde und Respekt ausstrahlt. Und eine Referenz an die Natur. Nur wenigen Menschen wird diese Metapher zugestanden. Es sind die, die vieles gesehen haben und Schlüsse daraus gezogen haben, die das ausmachen, was landläufig auch Weisheit genannt wird. Das Bild, das in einer technisierten und maschinisierten Welt, in der ein kleines Rudel schon Untergangsphantasien auslöst, vom Wolf gezeichnet wird, entspricht in keiner Weise seinem Wesen. Wölfe sind nicht die marodierenden, angriffslustigen und blutrüstigen Wesen. Sie sind Beobachter aus der Distanz, gehen Gefahren wo möglich aus dem Weg und setzen nur dann zur Jagd an, wenn es um ihr eigenes Überleben geht. Allein dieses Verhalten ist bereits weise. Wie eben vieles, was einer natürlichen Entwicklung und Ordnung unterliegt. Die Brüche, die in der menschlichen Existenz so verheerende Folgen haben und die durch das Changieren von Schein und Sein entstehen, haben aus der Perspektive des Wolfes keine Relevanz. Ein Volk, das den betagten Wolf zu einer Metapher bemüht, weil ihm diese Irritation der menschlichen Zivilisation erspart geblieben ist, kann ebenfalls als weise bezeichnet werden. Und, um persönlich zu werden: ich habe mir zum Ziel gesetzt, ein Wolf zu werden, der sehr viel Schnee gesehen hat.

Wölfe
Je suis le loup

Der Mafia-Boss und die System-Konvergenz

Der aus dem aktiven Dienst ausgeschiedene Journalist Claus Kleber hat mit seiner bei jeder Gelegenheit gewürdigten Amerika-Expertise mal wieder eine Reportage gefertigt, die, das versteht sich nahezu von selbst, zur Prime Time im ZDF ausgestrahlt wurde. Der Titel beinhaltete, wie wir das bei dem weit verbreiteten Qualitätsjournalismus nicht anders kennen, bereits die Wertung: Trump und das Silicon Valley – Staatsstreich der Tech-Milliardäre. Ich muss gestehen, dass mir in solchen Situationen gleich immer Kontrast-Programme einfallen wie „Die Machtergreifung der EU durch die Rüstungskonzerne“ – aber lassen wir das!

Einmal abgesehen von der sehr einseitigen Nutzung von Quellen, auch das gehört zum armseligen Standard unserer Tage, lief alles auf die im Titel angelegte Wertung hinaus. Die verwendeten Bilder, vor allem die von dem deutschstämmigen Tech-Milliardär Peter Thiel, den Kleber als den Spiritus Rector des Staatsstreichs ausgemacht hat, suggerierten allesamt die Vorstellung von einem Mafia-Boss aus der klassischen Kriminalliteratur. Immerzu saß Thiel im Halbdunkeln, trug dunkle Anzüge mit einem blutroten Einstecktuch und wurde mit Schauder erzeugender Musik unterlegt. Unabhängig von der politischen Bewertung der Vorgänge in den USA, stammten die als  Journalismus deklarierten Mittel aus dem Arsenal der Propaganda: einseitige Quellen, anrüchige Bilder und unheilvolle Musik. Insofern eine Top-Leistung eines mit den amerikanischen „Demokraten“ sympathisierenden Meinungstechnikers.

Was die politische Einschätzung der Aktivitäten der Tech-Milliardäre anbetrifft, könnte auch eine weitaus irdischere Motivation zur Erklärung dienen. Sie sehen sich strategisch im Nachteil mit dem großen Herausforderer China, der zum Teil bereits die Führung übernommen hat und der aufgrund der dirigistischen Eingriffsmöglichkeiten des Staates in der Lage ist, schneller und besser die Voraussetzungen für Fortschritt, Forschungsfreiheit und logistische Umsetzung schaffen kann. 

Planfeststellungsverfahren, Einspruchsrechte, Missbrauchsbegrenzungen etc. gehören zum Signum der als sich immer noch als demokratisch bezeichnenden politischen Systeme des Westens. Diese Probleme haben die Staaten, die als autoritär beschrieben werden, nicht. Dass die Mogule dieser Industrie im Westen, sprich in dessen Imperialstaat, den USA, dagegen etwas unternehmen wollen, ist aus deren Logik nur folgerichtig. 

Bei dem gegenwärtigen Wettlauf um Ressourcenverfügbarkeit, Logistik und technologische Dominanz stellt die Rolle und die Leistungsfähigkeit des Staates einen entscheidenden Faktor dar. Dass die westlichen Demokratien seit einiger Zeit an zweierlei leiden, an sinkender Legitimation und an mangelnder Effizienz, ist kein subversives Argument, sondern eine Binsenweisheit. Unter diesem Aspekt sind die Aktivitäten der Tech-Milliardäre verständlich. Wieder, wie zu vielen anderen Gelegenheiten, geht es zunächst um das Verstehen, bevor die Bewertung ansteht. 

Eine derartige Darstellung hülfe, die Diskussion zu versachlichen und sich von den Gangster-Bildern zu verabschieden. Dass man so etwas von einem Claus Kleber nicht erwarten kann, ist eine Petitesse, die nicht aufregen sollte. Dass eine nicht unerhebliche Öffentlichkeit im Westen in solchen Bildern verharrt und nicht begreift, dass wir uns seit einiger Zeit in einer Periode der System-Konvergenz befinden – im Osten der wachsende Wunsch nach Mitsprache und im Westen mehr Wunsch nach möglichem Dirigismus und Durchgriff – könnte die Türen zu neuen Erkenntnisse öffnen. 

Aber, noch ist das Freund-Feind-Denken der einzige Weg, um sich mit komplexen neuen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Die Bestandsverwalter dieses medial-politischen Elends sind alle noch im Amt. Auch in der Einfalt wohnt das Glück! Bis schlagartig das Licht ausgeht.  

Der Mafia-Boss und die System-Konvergenz

Harte Zeiten!

So voll die Zorndepots auch sind, so sehr die Wut in den Herzen lodert, über die Verhältnisse, wie wir sie täglich ertragen müssen. Über die Täuschung, über die Unverfrorenheit, über den Missbrauch lange erprobter Begriffe aus den Buchseiten der Befreiung. Eines sollten wir nicht tun: das Maß verlieren und uns in eine Schlammschlacht mit den Dekonstrukteuren gesellschaftlichen Zusammenlebens auf Augenhöhe begeben. Denn, dann müssten wir beträchtlich schrumpfen oder sinken, je nach Betrachtungswinkel. Wer sich auf das gleiche Niveau begibt, wie die Demagogen, wie die Geschichtsfälscher und vor allem wie die Artisten in übler Nachrede, der tut es ihnen nicht nur gleich, sondern der hat, wie sie, auch keine Zukunft.

Ein Maß, das man im Gegensatz zu dem momentan zu erlebenden Bodensatz immer im Kopf haben sollte, ist das der Zukunft. Jeder, der Zustände kritisiert und eine Perspektive haben will, sollte sich darüber im klaren sein, dass die Qualität dessen, was man erreichen will, auch bei der Kritik des aktuell Widerwärtigen durchscheinen muss. Das Neue, das entstehen soll, darf nicht kontaminiert sein durch die unzähligen Stoffe der Unwahrheit, der Diskriminierung, des Hasses und der Inquisition. 

So schwer es auch fällt. Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass die Protagonisten dieser durchtriebenen Entwicklung nur deshalb so verroht und verkommen sind, weil sie wissen, dass sie keine Zukunft haben. Nach ihnen, das haben sie komplett verinnerlicht, nach ihnen kommt nichts mehr, das ihnen genehm ist, deshalb wünschen sie sich nach ihnen die Sintflut. Denn wenn sie nicht mehr das Maß und das Wort aller Dinge sind, dann hat ihre Existenz an sich ihren Wert verloren.

Und alle guten und feinen Kräfte, die sich heute so ekeln, die aber vorhanden sind und mit Groll im Bauch gegen das unwürdige Schauspiel ankämpfen, wollen nicht die Sintflut, sondern lebenswerte Verhältnisse. Und diese müssen sich widerspiegeln in der Form der Kritik, die geübt wird. Wer sich mit der Barbarei vermählt, wird als Barbar auch sterben.

Immer wieder sind solche Unbedachtheiten zu beobachten. Da wird mit dem gleichen semantischen wie realen Dreck um sich geworfen, mit dem man täglich konfrontiert wird. Und manche laden noch nach, so ganz nach dem Motto: Wollen wir doch mal sehen, wer die üblere Gestalt ist. Wie gesagt, so sehr das alles emotional verständlich ist, denn wir leben in harten Zeiten, so falsch ist es, wenn wir das Maß der Zukunft verlieren und in den Untiefen der Dekadenz versinken. 

Seid wütend, seid zornig, seid unnachgiebig und schnaubend, aber sinkt nicht in die Tiefen derer, die euch malträtieren! Denkt daran, ihr seid das Beispiel für einen anderen, besseren Weg!

Harte Zeiten!