Die kränkelnde Blässe der Misanthropie

Die Zeiten, in denen der Dramaturg Heiner Müller zu Protokoll gab, zum Frühstück gebe es bei ihm ein Stück blutiges Fleisch und eine Tasse Benzin und ein Wolf Wondraschek verlauten ließ, der Tag beginne mit eine Schusswunde, ein Eric Burdon sang, er sei mit einer Pistole im Mund aufgewacht und Charles Bukowski der Menschheit bescheinigte, sie hätte einfach nicht das Zeug dazu, etwas Vernünftiges auf die Beine zu stellen und ein Gerhard Zwerenz brüllte, die Erde sei unbewohnbar wie der Mond, diese Zeiten liegen hinter uns. Was in den Ohren heutiger junger Mitbürger klingt wie ein universelles No Go, war damals der Ausdruck eines Lebensgefühls, das die Widrigkeiten der Verhältnisse anerkannte und gleichzeitig ein Trotzdem verlauten ließ. Es war eine lebensbetonte Kampfansage an Herrschaft par excellence, und es verriet eine Phantasie, die ihres gleichen suchte. Für Melancholie, Nostalgie, Lethargie und, nennen wir es beim Namen, blasierte Arroganz, war da kein Raum. Und die Zeiten, in denen diese Atmosphäre herrschte, waren besser. Nicht, weil die Verhältnisse besser waren, sondern weil die Bereitschaft da war, zu verändern und zu gestalten.

Heute sitzen diejenigen, die das kulturelle Schaffen für sich reklamieren, vor ihren sie steuernden Displays, sie folgen einem restringierten Code, der von den Herrschenden zertifiziert wurde und der nur noch suggerieren kann, man sei kreativ. Mental sind wir Zeugen einer pathologischen Passivität geworden, die zu keiner wirklichen, das heißt die Verhältnisse ändernden Vision passt. Die grümpfte Nase ist vielleicht der signifikanteste Gestus, den diese Spezies der Misanthropie noch hervorbringt. Misanthropie deshalb, weil sie ein ungeheures Wissen darüber akkumuliert hat, was Menschen alles falsch, aber nichts darüber verlauten lassen, was sie richtig machen können und müssen, wenn sie die Verhältnisse ändern wollen. Die vielen Fehler lassen nur den Rat zu, alles so zu lassen, wie es ist, oder alles noch schlimmer machen zu sollen, als es sein könnte. Die weit verbreitete Aura unserer Tage, die sich als ein Vorabend erweisen werden, ist die kränkelnde Blässe der Misanthropie.

Was an diesem Vorabend, der Ausdruck einer bevorstehenden neuen Zeit ist, fehlt, was aber kommen muss und kommen wird, dass ist die Ansage mit offenem Visier, das Frühstück mit blutigem Fleisch und Benzin, die Schusswunde im Morgengrauen und die Bereitschaft, das zu sagen, was ist. 

Die kränkelnde Blässe der Misanthropie

Ostenmauer – 44. Queremos fumar un Puro?

Antonio Quirino Toledo Fuentes, der Mann, der bereits mit 14 Jahren als Busfahrer die Linie Conception – Santiago fuhr, danach eine höhere Schule für Technik besuchte, in der er Klassensprecher war und als solcher begrenzte politische Ziele formulierte, um die Bedingungen zu verbessern, Antonio Quirino Toledo Fuentes wurde wie viele andere vom Putsch des Generals Pinochet kalt erwischt. Aufgrund seiner Funktion als Klassensprecher wurde er festgenommen und gefoltert, bevor die Schergen des Generals den kleinen Fisch wieder frei ließen. Der war dann richtig politisch und organisierte sich im Untergrund. Und er wurde gefasst und gefoltert, so wie das damals eben war, wie er immer erzählte. Aufgrund einer internationalen politischen Initiative gehörte er zu einer Gruppe, die frei kam, aber als Auflage das Heimatland Chile verlassen musste. Antonio Quirino Toledo Fuentes folgte seinem Bruder, der bereits das Land verlassen hatte, nach Buenos Aires. Kurze Zeit, nachdem er sich eingelebt hatte, kam in Argentinien ein gewisser General Videla zur Macht, der den Flüchtlingen bedeutete, entweder sie verließen unverzüglich das Land, oder sie würden direkt zurück an die chilenische Grenze gebracht. So kam Antonio Quirino Toledo Fuentes in ein Arbeiterwohnregal in Ludwigshafen am Rhein.

Als ich Quirino, wie er kurz genannt werden wollte, kennenlernte, war das in der Rolle eines Lehrers für Deutsch als Fremdsprache. Schnell kamen wir über den Unterricht hinaus in Kontakt und Quirino unterbreitete mir den Vorschlag, ich solle doch ihm und seiner spanischen Freundin Deutsch beibringen, als Gegenleistung brächten sie mir das Spanische näher. Es folgte mehr. Über mehrere Jahre trafen wir uns einmal in der Woche, kochten, aßen, tranken und redeten. Über Gott und die Welt, aber meistens über Politik. Dann präsentierte Quirino immer die Frage: Queremos fumar un puro? Es war das Zeichen für eine Zigarre. Obwohl ich bereits ab und zu zu diesem Medium der Inspiration gegriffen hatte, lehrte mich Quirino, was es bedeutete.

Es wurde ein Ritual, auch zuweilen ohne unsere Frauen, wir trafen uns in einer Bar oder auf einer Parkbank, Quirino hatte wieder einmal Cargo aus Mittelamerika bekommen und wir rauchten kubanische Puros. Dabei erzählte mir Quirino die ganzen Legenden um das Rauchen, er zitierte Poeten der ganzen Welt, die der Zigarre gehuldigt hatten, malte aus, wie im Vuelta Abajo, jenem einmaligen Tal auf Kuba jene Qualität entstand, für die Verehrer rund um den Globus nahezu jeden Preis zu zahlen bereit waren. Seit diesen Tagen war ich dem Medium verfallen, allerdings mit dem Bonus versehen, nur dann Verlangen danach zu verspüren, wenn ich von meiner inneren Ruhe her dazu bereit bin, was nicht allzu häufig der Fall ist.

Antonio Quirino Toledo Fuentes heiratete seine damalige Freundin, Marie Luz Lorrente Villaroya, und die beiden zogen nach Spanien, in die Nähe von Valencia. Dort besuchten wir sie noch einmal, es war eine wunderbare Zeit, und Quirino erzählte mir bei einer Zigarre, er wolle einen Schusterladen aufmachen. Marie Luz, die Lehrerin, fand das nicht gut, aber Quirino war durch seine Lebensgeschichte auf die Grundlinien der Existenz zurück gekommen. 

Nach diesem Besuch hatten wir noch einmal telefonischen Kontakt, dann gingen wir für einige Jahre nach Asien, in Chile verlor Pinochet die Macht und wir wissen nicht, ob Quirino Antonio Toledo nicht doch zurück ist in seine Heimat. Heute rauche ich Zigarre mit Willy. Der war auf heimlichen Versammlungen der Tabakbauern in der dominikanischen Republik zugegen und weiß, wovon er spricht. Wir rauchen die Zigarren zumeist allein, weil es ungestört von Fragen nach Preis, Genuss und Technik einfach am entspanntesten ist. Manchmal, bei einer Corona Doble, die soviel Zeit in Anspruch nimmt wie ein Fußballspiel inklusive Pause, reden wir gar nicht, oder nur über Dinge wie den Brand, die Festigkeit oder die Vorzüge des Labels („Eine Bolivar betrügt dich nie“). Oder über Jazz, denn wir beide spielen das gleiche Instrument, das verbindet. 

Antonio Quirino Toledo Fuentes ist übrigens immer dabei, denn aus der geheimen Gesellschaft kann niemand austreten, wohin das Schicksal ihn auch immer treibt. Der Geist einer guten Puro, das ist ein starkes Band.

Quremos fumar un puro?

Von formaler Logik und praktischem Hausverstand

Manchmal reicht schon die formale Logik, um nicht eine Formulierung zu benutzen, die das Groteske noch mehr unterstreicht: ein praktischer Hausverstand wäre schon genug. Aber dem ist nicht so. Zumindest nicht in der Handlungsweise der gegenwärtigen Politik in diesem unserem Land. Die Vereinigten Staaten ließen nun verlauten, sie lieferten zahlreiche Waffensysteme nicht mehr an die Ukraine. Die Begründung ist nachvollziehbar und hat etwas mit den beschriebenen Denkweisen zu tun. Denn, so die Argumentation der Trump-Administration, der eigene Bestand, um die Interessen des Landes zu verteidigen, gäbe weitere Lieferungen nicht her. 

Einmal abgesehen von den Tiraden, die jetzt wieder gegen das Feindbild Trump zu hören sein werden, neu ist diese Argumentation nicht. Auch innerhalb des ökonomischen Armes der NATO, der zentralistisch und militaristisch mutierten EU, hatten schon Länder wie Griechenland oder Spanien bereits vor einiger Zeit Ähnliches verlauten lassen. Aber damit dieser Gedanke erst gar nicht aufkommt, hatten die Erziehungsmedien im Land der Musterdemokratie dieses erst gar nicht erwähnt.

Allein diese Frage: wie steht es um die Fähigkeit der eigenen Landesverteidigung angesichts der Lieferung von Geld und Waffen an die Ukraine?, wird eine Antwort hervorrufen, die vernichtend sein wird. Und es ist nicht der einzige Punkt, der großes Erstaunen hervorruft über eine ganze Klasse von Politikern, die sich in einem Denkgefüge bewegen, das so etwas wie die Interessen des eigenen Landes ausschließt.

Wie kann es sein, dass zum Beispiel bei dem größten Terrorakt gegen die Bundesrepublik Deutschland, der Zerstörung der Ostseepipelines, keine nennenswerte Nachforschung betrieben wird und sich der Verdacht aufdrängt, dass ein Mitglied aus dem eigenen Militärbündnis, die USA, die Tat vollbracht haben oder es im Auftrag des Waffen- und Geldempfängers Ukraine geschah. Im ersten Fall müsste der Bündnisfall innerhalb des eigenen Bündnisses ausgerufen werden und im zweiten ein sofortiger Stopp jeglicher Unterstützung der Fall sein. 

Wenn, ja wenn wir es zu tun hätten, mit Vertretern, die die Interessen des eigenen Landes als Agenda hätten und nicht im Auftrag dunkler, letztendlich sehr egoistischer Mächte ein Theater aufführten, das an Widerlichkeit seinesgleichen sucht. Die Werte, die dort reklamiert werden, finden sich in den Steigerungen der Papiere der Rüstungsindustrie oder in Zuwendungen aus derselben an die Propagandisten eines breit angelegten Krieges.

Die Bundesrepublik Deutschland ist gegenwärtig nicht in der Lage, sich selbst militärisch zu verteidigen. Die Notwendigkeit steigt jedoch, weil niemand der Verantwortlichen eine Idee einer europäischen Friedensordnung hat. Die Bundesrepublik Deutschland lässt sich aus dem eigenen Lager die kritische Infrastruktur zerstören, ohne etwas zu sagen bzw. daraus die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Bundesrepublik Deutschland folgt einer Aufforderung zu Rüstungsausgaben, die jenseits der Notwendigkeiten einer eigenen Landesverteidigung liegen und ausgesprochen wurden durch einen Partner, der durch seine Politik dem eigenen Land bereits massiv geschadet hat. 

Es handelt sich bei der Aufzählung dieser Beispiele nicht um Enthüllungen nach langer Recherche, sondern um Evidenzen. Evidenzen haben es an sich, dass sie allgemein bekannt sind. Glauben die Vertreter einer Politik, die nichts mit den Interessen des eigenen Landes gemein hat, dass es reicht, mit staatlicher Sanktionierung das Wissen um diesen Umstand aus der Welt schaffen zu können? Aber, wo weder formale Logik noch ein praktischer Hausverstand vorhanden ist, sollte man gar nicht erst nach basaler Intelligenz suchen.  

Von formaler Logik und praktischem Hausverstand