China-Besuch: Auf Krawall gebürstet!

Dass die Motoren der kapitalistischen Entwicklung nicht mehr so richtig laufen, ist zu einer Allerweltsweisheit geworden. In Sachen Produktivität ist der Gigant China seit langem erwacht, in Bezug auf die Rechtssicherheit ist vieles ins Fließen geraten und der freie Welthandel ist längst Geschichte. Das kann man bedauern, aber man sollte es zumindest registrieren und darüber nachdenken, was zu tun ist, um in den Heimländern des Kapitalismus und der westlichen Demokratien wieder in die Nähe der Stärken zu kommen, die sie einst groß und potent gemacht haben. 

Die Produktivität hängt nicht nur mit Bildung, Infrastruktur, einer gut ausgebildeten und motivierten Workforce zusammen, sondern auch mit der Attraktivität für diejenigen, die Leistungen und Innovationen entwickeln, die sich patentieren lassen und in einem korportierten Prozess zu Standards werden können. Dass zur Verwertung von guten Ideen im Technologiebereich auch die Verfügbarkeit von bezahlbaren Ressourcen gehören, ist eine triviale Feststellung, die mehr und mehr in Vergessenheit geraten zu sein scheint.

Was den freien Welthandel betrifft,  so sind es gerade die Kernstaaten des Kapitalismus gewesen, die sich seit langem durch Zölle von Konkurrenten abzuschotten suchten. Die Begründungen für derartige Zölle, die auch die EU lange vor den Vereinigten Staaten eingeführt hatte, hatten zumeist fadenscheinigen Charakter. Entweder handelte es sich um kolonialistische Gesten oder man sprach von ungleichem Wettbewerb, der durch staatliche Begünstigungen bei der Konkurrenz zustande käme, obwohl der Grad der staatlichen Subventionierung im eigenen Wirkungsbereich gleiche Dimensionen erreichte. Dass die USA unter dem jetzigen Präsidenten Trump die Zollkeule wie ein archaischer Kämpfer schwingt, ist auf die strategische Defensive der Hegemonialmacht zurückzuführen.

Die Kriege, die momentan geführt werden und die Positionen, die sich konturieren, zeugen wiederum davon, wie sehr der kapitalistische Produktionsprozess in Bezug auf seine Ressourcenverfügbarkeit ins Holpern geraten ist. Unterbliebene Investitionen in die eigene Workforce, Zollkriege und zunehmend schwierigerer Zugang zu wichtigen Ressourcen beschreiben in einem Satz, wie es strategisch um die Ökonomien der gewichtigen EU-Staaten bestellt ist. 

Eine Strategie zu entwickeln, die Zölle vermeidet, den Zugang zu Ressourcen erleichtert und sie bezahlbar macht, die Schaffung interessanter und zugänglicher Märkte und die Investitionen in Bildung und Infrastruktur sind die primordialen Aufgaben, denen sich das leitende Personal widmen sollte. Wer daran glaubte, sieht sich bitter enttäuscht und zunehmend in einer Position ungläubiger Beobachtung.

Das leitende Personal der EU wie die Staatsführungen der protagonistischen Länder hat sich in das Zolldenken zunehmend eingefunden, es wird in Sonderschichten an Feindbildern gearbeitet, man setzt auf die Karte Krieg und investiert in Rüstung auf Kosten aller Faktoren, die kluge und motivierte Köpfe hervorbringen, man träumt vom Sieg über Konkurrenten, die über Ressourcen verfügen und schottet sich ab. Mit Intelligenz hat das nichts zu tun. Und  folglich nichts mit einer Strategie, die den Ländern, die sie vertreten, gut täte.

Heute fahren EU-Vertreter nach China. Und sie werden, da kann man sicher sein, die Frontlinien betonen und nicht danach streben, vernünftige, nach den Interessen beider Seiten ausgerichtete Vereinbarungen zu treffen. Da wird der kolonialistische Stumpfsinn anreisen und mehr Schaden anrichten, als man selbst verkraften kann. Die Chancen, die sich böten, wenn man mit China und der in einer gigantischen Investition zustande gebrachten Seidenstraße zu Vereinbarungen käme, die in beiderseitigem Interesse läge, wären groß. Doch wer permanent auf Krawall gebürstet ist, hat nicht mehr alle Sinne beisammen.  

China-Besuch: auf Krawall gebürstet!

Ostenmauer – 47. Things Ain ´t What They Used To Be

Wahrscheinlich haben viele die Erfahrung schon gemacht. Ein bestimmtes Erlebnis prägt sich nicht nur wegen des eigentlichen Geschehens ein, sondern es bekommt noch eine bestimmte, unverwechselbare Note, weil es mit Begleitumständen verbunden ist, die es eigentlich unvergesslich machen. Das hängt, wie so vieles, von den Präferenzen desjenigen ab, dem es widerfährt. Bei Menschen, die eine große Affinität zur Musik haben, wie es auch bei mir ist, werden die Umstände des Erlebens durch ein besonderes Stück Musik unvergesslich. Mir selbst ging das oft so und ich habe mir überlegt, ob es nicht reizvoll sein könnte, bestimmte Musikstücke in den Kontext der eigenen Erfahrung zu stellen.

Ich will den Versuch mit Duke Ellingtons Things Ain ´t What They Used To Be beginnen. Ich kannte das Stück damals noch nicht von ihm, sondern in einer Interpretation, die Musiker anläßlich des griechisch-britischen Blues-Musikers Alexis Körner zu dessen 50. Geburtstag gespielt hatten. Ich war von diesem Stück und seiner Botschaft sofort begeistert und hörte es gerne. 

Anlässlich der Einladung zu einer Hochzeit im portugiesischen Faro, auf der ein Brite, dessen Eltern wiederum aus Pakistan stammten und portugiesische Wurzeln hatten, eine Deutsche, nämlich meine Cousine, heiratete, fand sich folglich eine bunt gemischte Gesellschaft ein, die aus vielen Teilen der Welt stammte. Und es dauerte nicht lange und ich fand einen guten Kontakt zu einem schrill wirkenden Typen, der sich als Ire entpuppte und im damals vom Bürgerkrieg geschüttelten Belfast als Kinderpsychologe in einer Klinik arbeitete. Er erzählte mir, wie deprimierend es sei, zu sehen, wie die Kinder in dieser Stadt das meiste Leid an diesem von Gewalt geprägten Irrsinn zu ertragen hatten. Er war so weit, gestand er mir, dass er das selbst nicht mehr lange ertragen könne. 

Doch die Tiefe der ersten Gespräche verbargen noch eine andere Schwingung, die uns verband. Wir sonderten uns, zum Ärger seiner Frau und anderer Familienmitglieder, immer wieder von der Gesellschaft ab und machten die Nacht zum Tag. Und wir stellten sehr bald fest, dass uns der Jazz genauso verband wie der unbändige Lebensdrang. Da die Hochzeit ungefähr eine Woche dauerte, hatten wir genug Zeit, um uns immer wieder davon zu machen, um morgens, wenn die Sonne aufging, noch in irgend einer Spelunke im Hafen zu sitzen und gemeinsam auf dem Tisch zu trommeln. Dennis Morton, so war sein Name, hatte sich als Trompeter geoutet, blies dann die Melodie bestimmter Tunes auch ohne Instrument durch die Zähne und ich schlug dazu auf den Tisch. Zum Abschluss, wenn der Morgen schon längst sein aufdringliches Gesicht zeigte und wir uns ermahnten, dass wir es nicht übertreiben sollten, kam als Abschluss immer Things Ain ´t What They Used To Be. Es wurde unser Erkennungszeichen.

Wir hatten eine großartige Woche, und nachdem die wunderbare Feier zu Ende war, blieben wir in Kontakt. Über viele Jahre. Wir schafften es allerdings nie, uns noch einmal zu sehen. Ich erfuhr, dass Dennis mit seiner Frau irgendwann nach Edinburgh gegangen war und dort in seinem Beruf weiter gearbeitet hatte und dass er dem Jazz treu geblieben war und in einer Band spielte. Edinburgh war für einen Iren zu dieser Zeit auch kein angenehmes Pflaster und nach vielen Jahren fassten er und seine Frau den Mut, auch dort die Koffer zu packen und sie zogen ins irische Cork. Dennis schrieb mir in seinem letzten Brief, er ginge jetzt zurück nach Hause und er sei glücklich.

Doch, so ist das Schicksal, ihm war in der alten Heimat nicht mehr viel Zeit gegeben. Nach etwa einem Jahr erhielt ich die Nachricht, dass er an einem Krebsleiden verstorben war. Die Botschaft traf mich sehr, obwohl unser Treffen in Portugal mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurück lag. Noch einmal einige Jahre später traf ich seine Frau auf der Geburtstagsfeier des damaligen Bräutigams, dessen Schwester sie war. Wir unterhielten uns und sie berichtete mir über ihr Leben mit und ohne Dennis. Und dann sagte sie, ich solle einen Moment warten, sie hätte etwas für mich. Als sie zurückkam überreichte sie mir die alte Kamera von Dennis, mit der er damals die Bilder gemacht hatte, die als Andenken an diese wunderbare Woche bis heute dienen. Sie sagte mir, Dennis hätte das so gewolIt. Ich war sprachlos und ergriffen. Als ich das alte Lederetui öffnete, um das mittlerweile antike Instrument zu begutachten, fiel ein kleiner, vergilbter Zettel in meine Hände, auf dem in krakeliger, verzweifelter Schrift die Botschaft aus dem Jenseits stand: Things Ain ´t What They Used To Be!     

Things Ain‘ t What They Used To Be

Im Rausch der Vollendung

Je komplexer die Welt, desto zuverlässiger sollte das Koordinatensystem sein, dessen sich das im globalen Strudel befindliche Individuum zu bedienen hat. Das politische System ist ausschlaggebend. Denn es bestimmt, was den Menschen, die in ihm leben, an Bildung und Orientierung zur Verfügung gestellt wird. Die alte, zunehmend überkommene Dichotomie von Autokratie, Plutokratie, Oligarchie und Demokratie scheint zunehmend weniger hilfreich zu sein. Warum? Weil sich die Individuen, die als so genannte Normalbürger identifiziert werden, zwar systembedingt mehr unterscheiden denn je. Nur hat sich eine Dimension gravierend verschoben. Der Bildungsgrad der Masse derer, die in der demokratischen Staatsform sozialisiert wurden, ist in Bezug auf den Bildungsgrad radikal abgefallen. Ja, auch in der Demokratie existiert so etwas wie Hoch-Bildung. Sie trifft nicht auf die Masse zu, sondern sie ist ein an Besitz gebundenes Privileg geworden. Nicht formal, aber faktisch.

Es wäre ernüchternd, wenn man den Bildungsgrad aus den westlichen Massendemokratien mit den Menschen aus den Systemen vergliche, die hier und heute als das Böse schlechthin dargestellt werden. Es würde den Schleier, der zu dem didaktischen Mittel schlechthin in unseren Ländern avanciert ist, auf brutale Weise entreißen. Und betrachtet man das, was die jeweilige Politik versucht den Menschen im eigenen Land als das zu verkaufen, was das Etikett der Realität für sich beanspruchen könnte, so ist die Mystifikation im glorreichen Westen in einer Blüte, die mit demokratischen Verhältnissen nichts gemein hat.

Das Fatale an dem seit Jahrzehnten in den westlichen Demokratien grassierenden Wirtschaftsliberalismus ist ein gravierender Verfall dessen, was man in Zeiten vor dem semantisch-mentalen hochtrabenden Niedergang die Volksbildung genannt hat. Ursache dafür sind nicht nur die Vernachlässigung der staatlichen Bildungsinstitutionen, sondern auch die familiären und sonstigen sozialen Verhältnisse, die im Produktionsprozess des Kapitals geschreddert wurden, sondern auch das, was als Common Sense zu klassifizieren wäre. Der Stellenwert der Gemeinschaft ist bis auf die nur noch schattenhaft identifizierbaren Grundmauern niedergebrannt. 

Es herrschen Mystifikation und Tautologie, die Köpfe der Menschen gleichen mehr und mehr den Regalen in den Hyper- und Supermärkten, die kaum noch nach Ordnungsprinzipien sortiert sind, die Notwendigkeiten oder Kausalitäten erkennen lassen. Alles ist schön bunt und lustig, das, was das tatsächliche Leben mit seinen basalen Bedürfnissen und einer notwendigen Sozialstruktur ausmacht, ist verwischt und verbirgt sich hinter einem Warenangebot, dessen Nutzen nicht einmal mehr in Frage gestellt wird.

Sieht man sich die politische Lage auf dem Planeten und die Darstellung dieser Verhältnisse in dem bestehenden politischen System dazu an, dann fällt beim ersten Blick bereits auf, dass es keine qualitativen Kriterien für das eigene Handeln gibt. Das einzige Maß ist der vermeintliche Nutzen. Letzterer ist reduziert auf eine atomisierte Elite, die sich sicher glaubt, exklusiv nach dem eigenen Gutdünken alles zu rauben und verramschen zu können, was ihrem Gusto entspricht. Die Vollendung der Despotie hat sich legal in den Systemen des sich selbst demokratisch nennenden Westens gezeigt. 

Wer maßt sich an, angesichts dieser Verhältnisse, noch irgendwo mit einem moralischen Zeigefinger auf andere Entitäten zu deuten? Nur derjenige, der im Rausch der Vollendung meint, er sei der immerwährende Herrscher der Welt. Auch da, so muss konstatiert werden, ist es nicht weit her mit der Bildung. Denn nach dem Zustand relativer Ruhe folgt, zumindest das kann getrost als ein historisches Gesetz betrachtet werden, eine Phase rascher Veränderung. Nichts bleibt so, wie es ist. 

Im Rausch der Vollendung