Europäische Doppelmoral?

Prabowo Subianto, seinerseits momentaner Präsident der Republik Indonesien, hat eine dokumentierte Vergangenheit, die jedermann zugänglich ist. Er stammt aus einer einflussreichen Familie und avancierte unter der Diktatur Soehartos zum General der indonesischen Armee und war Befehlshaber der berüchtigten Spezialkräfte Kopassus. Während der Soeharto-Diktatur (1965 – 1998) galt er als einer der wichtigsten Militärs und hat auf seiner Haben-Seite Menschenrechtsverletzungen wie Entführungen und Folter im Zusammenhang mit der Niederschlagung der Demokratie-Bewegung. Während des Sturzes Soehartos nannte ihn die Bevölkerung die Bestie schlechthin und wäre nicht ein Volksheld wie der ehemalige Gouverneur von Jakarta, Ali Sadikin gewesen, der sich als alter Mann vor die Panzer gestellt hat, dann hätte Prabowo die Panzer gegen protestierende Studenten rollen lassen. Der Befehl war gegeben. Die Courage Sadikins hat es verhindert. Übrigens hielt damals der Deutsche Botschafter bis zum endgültigen Sturz der Diktatur treu zu Prabowo. 

Die Wahl Prabowo Subiantos zum Präsidenten Indonesiens nach mehr 2 1/2 Jahrzehnten der Demokratisierung muss als ein gewaltiger Rückschlag des Demokratisierungsprozesses Indonesiens angesehen werden. Das zeigen auch die gegenwärtigen Unruhen im Land, die Prabowo mit nackter Gewalt zu unterdrücken sucht. Tote sind bereits zu beklagen, das Militär hetzt Demonstranten durch die Straßen. Inwieweit die politischen Unruhen und das brutale Vorgehen mit der geostrategischen Bedeutung Indonesiens einhergehen, kann man sich dann erklären, wenn man sich die Ursachen des von der CIA unterstützten Soeharto-Putsches von 1965 vergegenwärtigt. Damals hatte Indonesien die stärkste Kommunistische Partei außerhalb des sozialistischen Lagers und das Land drohte, aus us-amerikanischer Sicht, mit seinen Bodenschätzen und Seepassagen ins andere Lager überzuwechseln. Dem Putsch folgte eine nahezu komplette Liquidation der KP. Bilanz, 1-2 Millionen Tote.

Die Folgeregierungen nach dem Sturz Soehartos versuchten es mit einem Weg gestärkter politischer Unabhängigkeit und wachsender Liberalität. Man orientierte sich an Bündnissen wie ASEAN und drohte nun, sich in eine Allianz mit den von China betriebenen Netzwerken zu bewegen. Dass in diesem Augenblick ein Zögling Soehartos den Knüppel herausholt und die alten Tugenden der Diktatur hochhält, klingt zu sehr nach einem Zufall.

Und dass gerade in diesem Augenblick die Werte-EU ein Handelsabkommen mit Parabowo Subianto abschließt, wirft ein grelles Licht auf das vor allem von der Kommissionspräsidentin immer in der Vordergrund gestellte Werte-Motiv, vor allem bei den inflationären Sanktionspaketen gegen Russland. Das hält sie nicht davon ab, sich stolz mit Präsident Prabowo anlässlich des Abschlusses eines Handelsabkommens abbilden zu lassen. Und das Bild geht mittlerweile um die Welt. Im Arroganzwahn genannten globalen Süden wird es als Indiz für eine katastrophale europäische Außenpolitik kommentiert. 

Stupid, it ´s Geo policy! Doppelmoral? Ach was! 

Europäische Doppelmoral?

Anton Tschechows aktuelle Diagnose

Anton Pawlowitsch Tschechow ist nicht umsonst ein Dauerbrenner für deutsche Bühnen, obwohl ich nicht weiß, inwieweit die allseitig betriebene russophobe Psychose mittlerweile dazu beigetragen hat, dass auch seine Werke dem Bann unterliegen. Jedenfalls bis vor kurzem gehörte es zum Kanon einer einigermaßen gelungenen Bildung, etwas von ihm gelesen oder auf der Bühne gesehen zu haben. Das lag zum einen daran, dass er das menschliche Handeln im Kontext seiner jeweiligen profanen Welt so gut zu beschreiben wusste. Tschechow war ein Meister der Ent-Mystifizierung. Die Männer, so schrieb er treffend, sie fahren nicht zum Mond. Sie gehen zur Arbeit, essen Suppe und streiten sich mit ihrer Frau. Wer so auf die Realität blickt und dabei noch eine zweite Stärke besitzt, nämlich die Ergründung dessen, was man als praktische Moral bezeichnen könnte, den darf man mit Sicherheit zu den Säulen eines gehobenen kulturellen Niveaus rechnen.

Von Tschechow stammt der Satz, dass die Lüge die Seele auffrisst. Im Grunde handelt es sich dabei um eine aktuelle Diagnose. Und er hat dazu beigetragen, dass seine Leserinnen und Leser sich nicht nur darüber ihre eigenen Gedanken machen, sondern dass die Psychologie den Satz in das Feld der eigenen Forschung genommen hat. Dort werden die Auswirkungen der Lüge auf die Psyche wie folgt beschrieben.

Schutzmechanismus mit negativen Folgen:

„Lügen können als Abwehrmechanismus dienen, um das Selbstbild zu schützen, Verletzlichkeit zu vermeiden und Konflikte zu umgehen. Dieser kurzfristige Schutz kann jedoch langfristig zu einer inneren Leere und einem Gefühl der Entfremdung führen.“

Erosion des Selbstwerts:

„Das ständige Lügen kann das eigene Selbstbild untergraben, da es eine Diskrepanz zwischen dem wahren Ich und dem Bild erzeugt, das man nach außen darstellt.“ 

Schuld und Angstgefühle:

„Lügen können starke Schuldgefühle auslösen und eine ständige Angst vor Entlarvung hervorrufen, was zu Stress und emotionaler Belastung führt.“

Empathieverlust: 

„Die Fähigkeit, die Gefühle anderer einzuschätzen und mitzufühlen, kann durch häufiges Lügen beeinträchtigt werden. Das Lügen erschwert es, die Perspektive des Gegenübers zu verstehen, was zu einer Distanzierung und einem Mangel an Empathie führt.“

Soziale Isolation:

„Durch Lügen kann eine Person von ihren Mitmenschen emotional und sozial distanziert werden, was zu Einsamkeit und Isolation führen kann.“

Beeinträchtigung der Beziehungen:

„Wenn Lügen wiederholt vorkommen, kann dies das Vertrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen zerstören und diese langfristig schädigen.“ (Zitate sind die Antworten aus einer KI-Anfrage)

Angesichts der flächendeckenden Flucht in bewusste Konstruktionen der Unwahrheit kann man sich also ohne Schwierigkeiten ein Bild davon machen, was Gesellschaft und Politik bei dem eingeschlagenen Kurs erwarten beziehungsweise, schaut man genau hin, bereits eingetreten ist: Die Erosion des Selbstwerts ist bei dem momentanen Aufpumpen vor dem Spiegel der Illusion noch nicht eingetreten, ebenso wenig Schuld- und Angstgefühle, dazu ist die Dosis der moralischen Selbstüberhöhung zu groß. Aber Empathieverlust, soziale Isolation wie die Beeinträchtigung der Beziehungen sind längst vollzogen, wenn man den Kokon des propagandistischen Gewebes verlässt und sich den Rest der Welt anschaut. 

Ein Motiv, das als Ursache des Lügens immer wieder genannt wird, ist das der Feigheit. Sollte das bei der gegenwärtigen Disposition tatsächlich das Hauptmotiv sein, dann sind alle aufgezählten Folgen ein Maß an Strafe, dass nicht nur aus Feigheit, sondern auch aus Niedertracht zustande kommen kann. Und vergessen Sie nicht, Anton Tschechow  zu lesen. Und wenn Sie den Russen mental rehabilitieren, haben Sie bereits einen ersten Schritt der Besserung vollzogen. Und, ich habe recherchiert, in der kommenden Spielzeit werden Werke von Tschechow in Berlin, Göttingen, Krefeld, Leipzig und Magdeburg zu sehen sein.

Anton Tschechows aktuelle Diagnose

Der freundliche Holländer

Als wir zum ersten Mal in Pangandaran waren, einem Küstenort auf der Insel Java, der am Indischen Ozean gelegen ist, gab uns unser damaliger Indonesien-Mentor, Gero von Harder, den Tipp, doch das Tempo Doeloe aufzusuchen. Der Name bezeichnete die alten, vergangenen Zeiten und ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, als ich erfuhr, dass das Lokal einem Holländer gehörte. Doch mit dem Betreten des Lokals war sofort klar, dass damit nicht die koloniale Vergangenheit gefeiert werden sollte. Peter IJsseling bot ausschließlich traditionelle Javanische Küche an und der gesamte Staff stammte aus Pangandaran. Mit dem Lokal wollte sich der Holländer, der einfach Land und Leute liebte, eine Existenz schaffen, um in Indonesien bleiben zu können. Doch wie so oft, ist die Idee, Gastronomie zu betreiben und davon leben zu können eine schöne Illusion, vor allem, wenn man nicht vom Fach ist. Denn Peter war Physiotherapeut. Und zwar ein guter wie geschätzter. Und als er einsah, mit seinem Tempo Doeloe nichts verdienen zu können, schloss er den Laden und versuchte es in Indonesien als Physiotherapeut. Das Geld, das er damit verdienen konnte, reichte allerdings nicht und so begann er, für Urlaubsvertretungen in Deutschland und der Schweiz mehrmals jährlich seine sieben Sachen zu packen und mit für javanische Verhältnisse viel Geld jedesmal zurückzukehren. 

Ein schönes Haus hatte er bereits, in einem Kampung, wo ausschließlich Bauern und Fischer lebten. Peter sprach ein ausgezeichnetes Indonesisch und seine immer freundliche, respektvolle zu zugewandte Art sorgte dafür, dass er dort, wo er wohnte, gut leben konnte. Hinzu kam, dass er einen javanischen Partner hatte, der aus Pangandaran stammte. Immer, wenn er in den folgenden Jahren in Jakarta zu tun hatte, um Dinge in der niederländischen Botschaft zu erledigen oder Arbeit als Physiotherapeut zu suchen, kam er zu uns. Es war, als käme ein Familienmitglied, wir genossen immer seine Gesellschaft, aßen zusammen, tranken Bintang Bier und hörten Jazzmusik. Peter wusste soviel über unser Gastland, er kannte nicht nur seine Sonnen-, sondern auch seine Schattenseiten. Trotzdem, was immer überwog, war seine Liebe zum Land. Und man sah dem einstigen Taekwondo-Kämpfer zunehmend an, dass er die dortige Küche wohl am meisten liebte.

Einige Jahre, nachdem wir nach Deutschland zurückgekehrt waren, entdeckte ich ihn wieder in den sozialen Medien. Mittlerweile arbeitete er Fulltime als Physiotherapeut in Zürich und fuhr mehrmals jährlich nach Pangandaran, zu seinem Partner und seinem Haus. Er erzählte mir dann, dass er das noch so bis zu seiner Verrentung machen wolle, um dann endgültig zurück nach Indonesien zu gehen. Das realisierte er dann und wir hielten Kontakt. Immer, wenn etwas geschah, von dem er dachte, dass das auch meine alten Kontakte beträfe, informierte er mich und hielt mich auf dem Laufenden. Und fast täglich hatten wir Spaß an den Bildern aus Pangandaran, vor allem jenen aus der Küche, wo täglich ein kulinarisches Fest veranstaltet wurde. Und einmal im Jahr fuhr der Mann aus Delft zurück in seine Heimat zu Pa Piet, seinem uralten Vater, um mit ihm an Weihnachten beim Chinesen Essen zu gehen. Bei seinem letzten Besuch ging er auch in das Viertel, in dem er aufgewachsen war, lief dort die Straßen entlang, besprach die Aufnahmen, die er machte und erzählte, was er als kleiner Junge und Jugendlicher dort erlebt hatte. Und man konnte heraushören, dass er den Blues hatte. Und mir wurde deutlich, dass vieles meiner Jugend glich. Für kurze Zeit schmerzten die Narben des Vergangenen.

Und als führte das Schicksal einmal wieder Regie, geschah es, dass wir, die wir uns momentan in den Niederlanden aufhalten und kurz nach dem Besuch in einem indonesischen Lokal die Nachricht von Shirin, der Tochter von Freunden aus Pangandaran, die heute in Heidelberg lebt, erfuhren, dass Peter plötzlich gestorben ist. Todesursache ungeklärt. Der freundliche Holländer ist, wie die Javaner sagen, vergangen. Jetzt ist Peter IJsseling auch Tempo Doeloe. Jalan berbeda, Jiwa bersama. Die Wege sind unterschiedlich, die Seelen bleiben zusammen.

Der freundliche Holländer