Ostenmauer – 54. „Du passt in kein Klischee!“

„Du passt in kein Klischee!“ Wie oft musste ich mir diese Bemerkung anhören. Und wie sehr scheint sie zuzutreffen. Nicht, dass ich mir etwas darauf einbildete. Es hat sich einfach so ergeben. Schon früh hieß es, ich sähe aus wie ein körperlich arbeitender Mensch und mir stünde ein kariertes Flanellhemd besser als ein Nadelstreifenanzug. Um Jahre später die umgekehrte Aussage zu hören. Natürlich sah ich, als ich noch boxte, aus wie ein Macho par excellence, was bei bestimmten Frauen sogleich eine Aversion auslöste. Fakt ist, dass ich in meinem ganzen Leben mehr mit Frauen zusammengearbeitet habe als mit Männern und mehr Frauen in verantwortungsvolle Positionen gebracht habe als männliche Mitbewerber. Das lag jedesmal an ihrer Befähigung, die ich glaubte erkannt zu haben. Dennoch begleitete mich in frühen Jahren das Stigma des Machos und je älter ich wurde das des Patriarchen. 

Damit einher ging das Bild des Changers, des Aufräumers, des Mannes mit der Knute. Das alles war und bin ich, immer gepaart mit der Vision besserer Zustände für alle, die dabei mitmachen. Ohne Härte, ohne Disziplin, erzielen die Pläne des Herzens keine Wirkung. Das war und ist immer mein Credo. Das Unangepasste, das nicht ins Klischee Passende, ist in meiner tatsächlichen Befindlichkeit begründet. Nichts ist mir ferner als ein Zwang, der mein Denken und Verhalten auf Dauer bestimmen soll. Wie lautete noch das Schulgeheimnis der Hegel´schen Philosophie? „Alles, was ist, ist vernünftig. Und alles, was vernünftig ist, muss sein!“ Die zweite Sentenz war immer mein Credo. 

Und ich habe meine Bündnispartner immer nach ihren Taten, und nicht nach den ihnen angehefteten Etiketten ausgesucht. Auch das hat immer wieder irritiert. Ich war im Bunde mit Autokraten und Islamisten, mit Militärs und Mystikern. Die mit ihnen vollbrachten Taten konnten sich unter dem Aspekt von Ermächtigung vorher Benachteiligter messen lassen. So What? Wer Schubladen braucht, kommt mit mir nicht klar. Das wird sich nicht ändern. Selbst Freund Hein sollte sich das merken, bevor er kommt, um mich abzuholen. Aber er braucht sich nicht zu sorgen. Ich werde, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, kooperieren. Wie gesagt, alles, was vernünftig ist, muss sein!

Du passt in kein Klischee!

In der Ära der Algokratie?

Ein neuer Begriff macht die Runde. Und er scheint zumindest das zu beschreiben, was aus allen Winkeln der Gesellschaft beklagt wird. Dass man kaum noch wissen kann, was wahr und was gefälscht ist. Dass die Unterscheidung zwischen richtig und falsch sehr schwer fällt. Dass unablässig, ja pausenlos Katastrophennachrichten auf die Menschen einströmen. Dass es immer schwerer fällt, in kniffligen Fragen einen Perspektivenwechsel vorzunehmen. Dass jede Meinungsäußerung dazu führen kann, sich vor einem Tribunal zu befinden. Dass Menschen direkt kaum noch miteinander kommunizieren. Dass die Menschen, wie in einem Science Fiction der Vergangenheit, hinter den kleinformatigen Displays ihrer Smartphones durch die Straßen laufen und die Welt um sich herum nicht mehr wahrnehmen. Dass jeder, wie es so verräterisch heißt, in seiner eigenen Blase existiert und es kaum noch einen gesellschaftlichen Konsens gibt. 

Bevor wir bei dem Begriff sind, noch eine andere Beobachtung. In den Vereinigten Staaten reüssiert zur Zeit ein Schulmodell, das unter dem Begriff des German Approach firmiert. Selbstverständlich eine Privatschule und sehr teuer. Was mit dem deutschen Weg beschrieben wird, ist das gute, alte Modell fester Klassenverbände, in denen unterschiedliche Leistungspotenziale den gleichen Stoff präsentiert bekommen. Die Fächer sind ebenso klassisch, es gibt feste Zeiten, zu denen alle anwesend sein müssen. Es gibt gemeinsame Unternehmungen und alles, was vermittelt wird, geschieht analog. Keine Smartphones, keine Computer. 

Das Modell feiert große Erfolge, die Schülerinnen und Schüler sind zumeist die Kinder derer, die im Silicon Valley mit der Informationsindustrie ihr Geld verdient haben. Die Eltern, IT-Tycoone, beantworten die Frage, warum sie ihre Kinder ausgerechnet in eine solche Schule schicken, mit dem lapidarer Satz: Wir wissen ganz genau, was Algorithmen mit dem menschlichen Verstand anrichten können. Wir wollen, dass unsere Kinder selbstständiges Denken lernen und in der Lage sind, sich in einem sozial heterogenen Umfeld sicher bewegen können.

Der Begriff, der die Runde macht, ist der der Algokratie. Von der Wortschöpfung her beschreibt er nichts anderes als die Herrschaft der Algorithmen. In Bezug auf die tatsächliche Steuerung der Massen ist diese Definition zutreffend. Was die Architektur der Algorithmen anbetrifft, so könnte der falsche Eindruck entstehen, als handele es sich bei den Algorithmen und ihrer Herrschaft um etwas an sich, das unabhängig vom Willen bestimmter Menschen entsteht und selbstständig handelt. Letzteres ist nicht der Fall, die große Idee hinter den Algorithmen, wie sie auf die Individuen einströmen, ist letztendlich die methodische Form von Geschäftsideen. Sie sollen wirtschaftlichen Erfolg generieren oder politische Haltungen beeinflussen. 

Hinter der Algokratie stehen in der Regel die Söldner von Oligarchen, Autokraten oder Konzernen, die nichts anderes wollen, als Dinge verkaufen und Haltungen generieren. Man möge sich also nicht dazu verleiten lassen, den Algorithmus an sich als eine Erscheinung zu fixieren, dem die große Verwirrung, Unordnung und letztendlich gesellschaftliche Krise zu verdanken ist. Die Algorithmen sind das neue, gesellschaftlich durchgesetzte Mittel einer uralten Form von Herrschaft über ein frei und souverän entscheidendes Individuum. Trotz vieler neuer Aspekte, ist die Benennung des Phänomens mit dem Satz „Alter Wein in neuen Schläuchen“ gar nicht so unzutreffend.

In der Ära der Algokratie?

Wo sitzt die pensionierte Mitte?

Skurriler könnten die Tagesnachrichten nicht beginnen. Dennoch sind sie ein treffendes Symptom der Zeit, die wir durchleben. Da sitzt ein renommierter und momentan in den Medien gehypter Journalist im Salon Schinkelplatz in Berlin und entwickelt eine neue Art der politischen Arithmetik. Da sich die Mitte so schwer tut, so seine Theorie, erstarken die Ränder. Und je mehr die Ränder erstarken, desto schwerer tut sich die Mitte. Das sei das Dilemma.

Von der formalen Logik eines Models an sich hat der Mann gar nicht so Unrecht. Abstrahiert von den politischen Inhalten, die sowohl in der Mitte als auch an den Rändern vertreten und betrieben wird, sind allerdings Erklärungen möglich, die er nicht bieten kann. Warum? Weil er der Betrachtung der Mitte folgt, die da lautet, dass die Mitte gleichzusetzen ist mit der Demokratie und die Ränder zum verfassungswidrigen Hexenwerk gehören. 

Dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Politik der Mitte, egal in welcher Konstellation, und dem Erstarken der Ränder – darauf kommt der gefeierte Journalist und Buchautor nicht. Warum? Weil es nicht erlaubt ist. Wer Sozialabbau, hemmungslose Bereicherung auf Kosten der Gemeinschaft, imperialistisches Dominanzgehabe und die Militarisierung der Gesellschaft und der gesamten Politik, sowie die Verselbständigung der Interessen der Mandatsträger öffentlich als Ursache für den Schwund der Mitte benennt, ist Verfassungsfeind, bezahlter Agent, Faschist oder gleich alles zusammen. Die skizzierte Arithmetik von Mitte und Rand dokumentiert nur eines: Wo das Tabu herrscht, bricht sich keine Erkenntnis bahn. Treffender wäre, um die Quintessenz aus dem Salon Schinkelplatz zu benennen, der Begriff des Circulus viciosus, des Teufelskreises. Und wer in der Logik dieses Kreises bleibt, wird ihn nie durchbrechen.

Und eine zweite Nachricht, eher als Randnotiz gedacht, dokumentiert auf eine ganz andere Weise, wie das Tabu, gedacht und durchgesetzt als politischer Standard, die Fähigkeit, das Absurde zu erkennen, außer Kraft setzt. Da gab es eine Demonstration in Köln, die sich gegen den Rüstungskonzern Rheinmetall wandte. Unter der durchaus sympathischen Parole „Rheinmetall entwaffnen!“ zogen ca. 3000 Menschen durch die Stadt und protestierten gegen die Militarisierungspläne der Bundesregierung. Die Firma Rheinmetall gehört zu den großen Gewinnern des Ukraine-Krieges und der herrschenden Kriegspolitik. Laut Polizeiangaben habe man Schlagstöcke eingesetzt, um Übergriffe zu vermeiden. Von der Kausalität her hört sich das bereits absurd an. Was aber noch gesteigert wird durch die Insinuierung, dass 3000 Menschen in Köln ein bedrohlicheres Gewaltpotenzial darstellen als einer der größten Produzenten von Kriegsgerät in Europa. So treibt man die Kaninchen in die Küche!

Und auch diese Logik, dass nämlich die Wahrnehmung demokratischer Grundrechte wie eben das des freien Wortes und das der Demonstration von denen, die eigentlich das Mandat haben, diese Rechte zu schützen, als Bedrohung der Demokratie angesehen wird, zeigt die Ursachen für die Schwächung dessen, was sich so gerne die Mitte nennt. So erklärt sich Politik, ihre Ursachen und ihre Wirkung. Das, was dieses System Richtung Friedhof trägt, ist die Tatsache, dass die regierende Mitte auf der falschen Seite steht. Die Staatsfeinde sind die Demonteure des Gemeinwesens und Kriegstreiber. Und sieht man sich die Karrieren der Mandatsträger an, die irgendwann  genau in den Aufsichtsräten landen, wo die Zerstörung vorbereitet und administriert wird, dann wird dieses noch einmal in unappetitlicher Weise deutlich. Da sitzt die pensionierte Mitte und lässt sich ab und zu auch noch dazu herab, den öffentlichen Raum mit ihren politischen Flatulenzen zu kontaminieren. 

Wo sitzt die pensionierte Mitte?