Chinas schreckliches Jahrhundert

Edward Rutherfurd, China. An Epic Novel

Es müssen nicht immer dicke Geschichtsbücher oder umfassende kulturelle Abhandlungen sein, um sich einen Einblick in das durch die Geschichte geprägte Wesen eines Landes zu machen. In einer Zeit, in der China im Weltgeschehen eine immer größere Rolle spielt, ist es erforderlich, sich ein Bild zu verschaffen. Interessierte und Versierte können das, viele Menschen, die sich auf die Berichte und Analysen derer verlassen, die die täglichen Nachrichten produzieren, sind allerdings im Nachteil. Ihnen blühen zumeist Klischees, die nach den Interessen derer geformt werden, die mit einer bestimmten Agenda unterwegs sind. 

Edward Rutherfurd, seinerseits ein in Cambridge studierter Brite, gilt als ein durchaus populärer Verfasser von Romanen, die Länder und Städte einem breiten Leserpublikum zugänglich machen. Auch wenn aufgrund der produzierten Quantität zu vermuten ist, dass es sich bei ihm um ein größeres Schreibunternehmen handelt, kann von der historischen Verbürgtheit dessen, wovon er erzählt, ausgegangen werden. In seinem leider nicht im Deutschen vorliegenden Buch „China. An Epic Novel“ erzählt er anhand unterschiedlicher Figuren und Familien die chinesische Geschichte des 19. Jahrhunderts. Die ebenso unterhaltsam wie spannend gesponnene Geschichte sei allen empfohlen, die nach Hintergründen für die heutige chinesische Politik suchen.

Rutherfurds Erzählung umfasst die aus chinesischer Sicht drei Großereignisse, die das Reich der Mitte ins Wanken brachten: der Opiumkrieg 1839 -1842, der Taiping-Aufstand 1850 – 1864 und der Boxeraufstand 1899 – 1901. Mit dem nötigen Abstand des historischen Betrachters beschreibt Rutherfurd die Motive der Kontrahenten im Opiumkrieg, die inneren Kämpfe eines abgeschotteten Weltreichs sowie die ersten Anzeichen eines existenziell notwendigen Anti-Kolonialismus wie Anti-Imperialismus. 

Die Lehren, die das heutige China aus dem jahrhundertelangen Tiefschlaf gezogen hat, sind eine wachsende Wehrhaftigkeit wie eine zunehmende Internationalisierung. Kaum ein Land erlitt derartige Demütigungen durch den westlichen Kolonialismus und Imperialismus wie China. In Rutherfurds Erzählung sind die Geschehnisse aus unterschiedlichen Perspektiven heraus gut zu verstehen. Britische Kaufleute, Abenteurer und Missionare, chinesische Piraten und Schmuggler, Beamte und Monarchen, Bauern und Krieger, Konkubinen und Eunuchen – sie alle sind mit den erwähnten Großereignissen verwoben und erzählen ihre Geschichte. So entsteht ein Sittengemälde, das die ganze Wucht des Aufpralls zwischen modernem Kapitalismus und in sich versunkener Tradition mit schrecklicher Präzision vermittelt.

Als Einstieg, um dem schrecklich banalen, historisch verfälschten und von neuen Feindmythen geprägten Bild über China zu entfliehen, existiert kaum eine geeignetere Lektüre.

  • Herausgeber  :  Hodder & Stoughton (13. Mai 2021)
  • Sprache  :  Englisch
  • Gebundene Ausgabe  :  784 Seiten
  • ISBN-10  :  1444787837
  • ISBN-13  :  978-1444787832
  • Abmessungen  :  16.2 x 5.4 x 23.6 cm

Der Ball der Macht, die Drogen und das schmutzige Geschäft

Da ist, wegen des ekelhaften chinesischen Virus, jahrelang nichts los. Und dann kommt dieser Tag, an dem doch wieder viele Menschen zu den Urnen gelaufen sind, weil sie in ihrer DNA den Glauben haben, dass Demokratie sich dort entscheidet, wo man ein Kreuzchen macht, und alles gerät in Bewegung. Das Erstaunliche ist die Erkenntnis, dass ganz plötzlich die Stimmen, die da abgegeben wurden, in den Augen derer, die daraus einen Auftrag ableiten, in großem Maß irrelevant sind. Eigentlich wäre gestern Abend der Zeitpunkt gewesen, nicht nur zur Revolution aufzurufen, sondern sie einzuleiten. Ab in die Parteizentralen und Rundfunkanstalten, mit dem Slogan auf den Lippen: Schluss mit dem Quatsch! Jetzt gehts ans Eingemachte! Aber, meine Damen und Herren, wir sind doch in Deutschland. Da darf der Republikanismus nicht weh tun. Wo kämen wir denn da hin?

Stattdessen schmissen sich Bobby H. und der verwegene Christian L. in dessen Porsche und machten eine Spritztour ins Reich der Träume. Im Handschuhfach die kleinen Pillen mit Neoliberalismus und Bio, die sie unvorsichtigerweise im Dutzend einwarfen, bevor sie die Avus erreichten. Wo sie abgeblieben sind, weiß bis heute niemand, aber wenn sie wieder auftauchen, werden sie immer noch stoned sein, soviel ist sicher. Auch der zur schwäbischen Mediokrität gereifte Cem Ö. träumte vom Coup der zwei Kleinen, um auf den Thron zu klettern, wobei Kenner unter Eid versicherten, zu solchen Abschweifungen brauche der gute Mann keine Drogen, da reiche ein tief schwarzer Tee und er sei auf Sondersendung.

Besonders stach da noch ein sich als Atlantiker begreifender Noppi aus dem schwarzen Loch hervor und ließ sich, mit bebendem Kinn, dazu hinreißen, den grünen Scharfschützen zu versichern, wenn es gegen den Russen ginge, dann sei seine Truppe die verlässlichste. Da raunten viele aus dem Hinterland, der habe seinen Verstand auf den Galas der amerikanischen Freunde beim Verzehr allzu vieler Sputniks gelassen und so ginge man doch nicht in Verhandlungen mit solchen Bio-Winzlingen. Die, so ein bajuwarischer Freund, müssten Männchen machen, wenn sie Minister werden wollten. Ob Mann oder Frau, ja mei, da kenne man kein Pardon nicht!

Dem Einzigen, dem man ansah, dass in ihm noch die harte Arbeit der letzten Monate und Jahre in den Knochen steckte, war der Olaf S., bei dem nichts mehr von Teflon zu entdecken war. Er sah den Ernst der Lage und machte hanseatische Miene zu einem ganz und gar unverzeihlichen und bösen Spiel. Und die Linke schwieg im Déjà-vu, tausendmal erlebt und nichts dazu gelernt. Und, das sah man ihren Gesichtern an, der Magic Mushroom namens Spaltung führt zu keinem Rausch, der Freude spendet oder inspiriert.

Der Ball, mit dem das neue Spiel am gestrigen Abend eröffnet wurde, ist noch lange nicht zu Ende. Ganz im Gegenteil, es geht jetzt erst richtig los. Dem wie immer etwas blöde aus dem Fenster starrenden Michel, der auch das Spiel schon x-mal erlebt hat, ist jedesmal von Neuem empört und folgert, dass die Politik ein schmutziges Geschäft sei. Nur, das begreift er anscheinend nie, es liegt an ihm, wie schmutzig es man dort treiben kann. Wach auf, alter Mann, bevor es ein für allemal zu spät ist!