Glasgow: Des Pudels Kern!

Die Aufregung ist groß, vor dem Weltklima-Gipfel in Glasgow. Die einen befürchten, dass dort Dinge beschlossen werden, die vielleicht, eventuell, das Klima, so, wie es ist, konservieren können, aber ihre eigene Existenz vernichten werden. Die anderen haben Angst davor, dass dort nur halbherzige Erklärungen abgegeben werden, die nichts bewirken und den konstatierten Wandel der klimatischen Bedingungen in keiner Weise werden aufhalten können. 

Interessant ist, dass diese beiden Positionen als die exklusiven wahrgenommen werden, obwohl es noch viel mehr gute, durchdachte und erörterungswürdige Ansätze existieren, die vielleicht einen Schlüssel böten, um die Tür zu tatsächlichen Lösungen aufzuschließen. Doch, davor seien alle bewahrt, sowohl die Pusher wie die Bremser, denn so könnten die beiden beschriebenen Postionen am besten beschrieben werden, haben in gewisser Weise recht. Das Absurde dabei ist, dass beide Standpunkte in keiner Weise dazu geeignet sind, die Probleme zu lösen. Denn sie leiden beide an einer letalen endenden Krankheit: der Systemimmanenz. 

Letztendlich, um die Situation noch einmal kurz und verständlich zu beschreiben, geht es um eine ungleiche Verteilung von Gütern auf der Welt. Das System, das für die Versorgung mit Gütern und Waren verantwortlich zeichnet, unterliegt den logischen Mechanismen von Marktwirtschaft, Konkurrenz und Warenproduktion. Zu letzterem, dem entscheidenden Faktor, muss man über Menschen verfügen, die zu einem möglichst niedrigen Preis Waren zu erstellen, sie verarbeiten dabei Ressourcen, die zu möglichst niedrigen Preisen erworben werden müssen, um das Endprodukt zu einem möglichst hohen Preis bei möglichst geringen steuerlichen Belastungen zu vertreiben. Viele Produkte werden, je nach Nachfrage und Konkurrenzlage, nicht verkauft und daher vernichtet. Und dann beginnt der Kreislauf von Neuem. Unter dem Strich sind bei dem Rennen um Gewinne und Renditen die Produzenten und die Ressourcen die Verlierer.

Der Kampf gegen die desaströsen Auswirkungen dieser Produktionsweise, so wie er sich auch in Glasgow darstellen wird, wird genau diese Frage ausklammern. Er wird sich konzentrieren auf staatliches Handeln, dessen Möglichkeiten durch eine nachhaltige Phase des Wirtschaftsliberalismus auf ein Minimum reduziert wurde, und auf den Appell an die Konsumenten, sich via Kauf- oder Konsumentscheidung gegen große Verletzungen ökologischer Rationalität zu stellen. Die Produktionsweise selbst wird nicht zu Disposition stehen. Insofern ist es ratsam, sich trotz aller Dramatik nicht zu sehr emotional an dieser Art von Konferenzen abzuarbeiten.

Richtig dreckig und blutig, sprich letztendlich effektiv wird es erst dann, wenn die wahren Ursachen für das Desaster für die Mehrheit der Menschheit im Fokus stehen: Armut und die damit verbundene Abhängigkeit, die dazu zwingt, Dinge zu tun, die trotz der unterstellten Intelligenz des Homo sapiens in der Tierwelt undenkbar wäre: die Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen. 

Wenn man in diesem Zusammenhang die Tendenz der ultrareichen Eliten betrachtet, wie sie sich Refugien wie Bunker und Inseln sichern, wie sie von extra-planetarer Existenz träumen, wird deutlich, mit welch degenerierten Sozialwesen sich die Menschheit momentan auseinanderzusetzen hat. Machen wir uns jedoch nichts vor, denn sie sind die Mächtigen und mit ihnen wird nicht zu verhandeln sein, wie in Zukunft produziert, verteilt und konsumiert wird. 

Machen wir uns also mit dem Gedanken vertraut, dass eine wie auch immer geartete Politik nicht in der Lage sein wird, die systematische Zerstörung von Natur und Mensch zu verhindern, solange sie die vorherrschende Produktionsweise nicht in den Fokus nimmt. Sie ist des Pudels Kern. Alles andere ist Makulatur, so schmerzhaft diese Einsicht auch sein mag. 

Quacksalberei, Fakten-Populismus, Anmaßung

Ein Phänomen durchzieht unser Dasein, das tatsächlich als Massenerscheinung neu ist und es zunehmend schwierig macht, sich über bestimmte, fachlich komplizierte Zusammenhänge zu verständigen. Es handelt sich um die vermeintliche Fähigkeit eines jeden, sich zu allen Sachverhalten kompetent äußern zu können. Unter anderem entspringt dieser Trugschluss dem Irrglauben, die Offenlegung aller Daten und Fakten führe zu einer durchgängigen Transparenz und zu einer damit einhergehenden Kompetenz des fachkundigen Urteils. Dass Menschen in den vielen öffentlichen Diskursen, die viral stattfinden, sich bei einer gewissen Frage mit der Begründung zurücknähmen, sie hätten in dieser Frage nicht die nötige Kompetenz, ist nahezu unvorstellbar geworden. Und, um eine vorzeitige Zuweisung dieses Phänomens zu einem bestimmten sozialen der politischen Lager auszuschließen: die fakten-, theorie- und kritikarme Kommentierung eines jeden Ereignisses hat zu einer nahezu kollektiven Nivellierung jeglichen Niveaus geführt.

Die in unermessliche Höhen gehobene Zivilgesellschaft, die ihrerseits ebenfalls alle Höhen und Tiefen des gesellschaftlichen Handelns historisch mitzuverantworten hat, wurde kurzerhand der negativen Bilanz entledigt und sie wird nun verehrt als der Keim von Demokratie und wissenschaftlicher Qualität. Dass das nicht der Fall ist, zeigt sich an vielen Punkten, es sei denn das Urteil von Aktivisten, die mit einer Rentner- oder Hausfrauenidentität ausgestattet sind, könnten es besser beurteilen, mit welchen Bohrköpfen die Tunnels für eine Eisenbahnlinie gefräst werden sollen, in welchen Behältern Flüssiggas deponiert werden soll und wie die Öko-Bilanz einer Batterie zu berechnen ist. Ja, manche Menschen aus der Zivilgesellschaft haben sich in einem langen Leben in politischen Sphären eine bestimmte Expertise erarbeitet. Aber als Massenphänomen ist diese Qualität nicht zu beobachten.

Wie könnte die richtige Reaktion auf etwas aussehen, dass als tiefes Misstrauen gegenüber den herrschenden Disziplinen und Institutionen bezeichnet werden kann? Ist es tatsächlich die Negation jeglicher Expertise und die Zuwendung zu einem, nennen wir es beim Namen, Fakten-Populismus, der in seiner Einfalt seinesgleichen sucht? Letzteres ist zur Zeit mit einer steigenden Tendenz zu beobachten. Das Problem wird dadurch nicht gelöst werden. Wenn sich Quacksalberei zu einer flächendeckenden Ideologie mausert, dann ist die Prognose realistisch, dass vieles zerstört werden wird, das es wert wäre, erhalten zu werden.

Die Kritik an den Aussagen vieler Disziplinen und an den eingenommenen Positionen vieler Institutionen ist weitgehend berechtigt. Daher wäre zu raten, sich mit den Ursachen für bestimmte Fehlentwicklungen direkt zu beschäftigen. Wissenschaften, die von bestimmten Lobbys dominiert werden, müssen von dieser Dominanz befreit werden und Institutionen, die von einseitigen Interessengruppen unterwandert wurden, müssen ihrem ursprünglichen Zweck wieder untergeordnet werden. Beides ist politisches Handeln und kann von allen begleitet und verfolgt werden, denen die Systematik politischen Handelns bekannt ist. 

Was die Fachlichkeit anbelangt, so wären viele gut beraten, sich an das zu halten, was sie gelernt haben und wirklich verstehen. Es soll noch Persönlichkeiten geben, die den Standpunkt vertreten, sich zu bestimmten Sachverhalten nicht äußern zu wollen, weil ihnen dazu der nötige Sachverstand fehlt, und auf diejenigen zu verweisen, bei denen sie die entsprechende Kompetenz  vermuten und denen sie vertrauen. 

Es wäre eine gute Übung, mit der Suche nach solchen Menschen zu beginnen und sich selbst auf das zurückzuziehen, was man versteht und beherrscht. Dabei ist zu raten, den kritischen Blick auf alles zu wahren. Wenn das Prinzip der Anmaßung sich jedoch als flächendeckende Tugend durchsetzt, ist der politische Schaden größer als der Nutzen.