Die Verleumdung der Kritik

Es ist atemberaubend. Wie Menschen, die man seit langem als zivilisiert, gut ausgebildet und von der Vernunft geleitet erlebt hat, in relativ kurzer Zeit zu Bestien mutieren. Nicht – oder noch nicht – im fleischlichen Sinne, dass sie anderen an die Kehle sprängen und ihnen ihre Zähne in den Hals schlügen. Aber verbal. Heute las ich ein solches Pamphlet, in dem sich ein Konsortium von Zeitgenossen in einer Suada des Hasses ergossen. Und es ging nicht um persönliche Interessen oder Kränkungen. Nein, es ging um Politik, genauer gesagt, um Weltpolitik. Und sie nahmen sie wahr als eine für sie existenzielle Angelegenheit, in der nur zwei Zustände erlaubt sind. Recht oder Unrecht. Sieg oder Niederlage. Krieg. Weder der Begriff noch die Idee von Frieden hatte ihren Platz. Es handelte sich um ein Dokument kolossaler Verwahrlosung.

Ich stellte mir vor, was ich machen würde, wenn ich einem von den Unterzeichnern, von denen ich einige kenne, begegnen würde, wenn ich sie träfe. Und es ist davon auszugehen, dass sie ihrerseits, wenn sie auf mich stoßen, in ihrer gewohnt zivilisierten Weise auftreten und sich ein angenehmes wie anregendes Gespräch entwickeln würde. Vielleicht bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mich zu einer ihrer Meinung nicht zutreffenden Ansicht erklärte. Wer weiß, vielleicht würden sie ausfällig, vielleicht schwiegen sie nur einfach und beendeten schnell das Gespräch. Ich vermute eher letzteres, weil die echte Konfrontation nicht der schriftlichen Diktion entspricht und man schon Mut haben muss, um derartig die Contenance verlieren zu können.

Und vielleicht liegt ein Großteil der Misere, in der wir uns in diesem Land befinden, an diesem Umstand.  Dass wir uns haben erziehen lassen zu einer ungezogenen Attitüde in der geschützten Anonymität oder hinter dem Wall physischer Unerreichbarkeit und dabei die Fähigkeit verloren haben, uns gegenseitig im direkten Dialog reinen Wein einzuschenken. Ohne gleich alles zu verlieren, was die Zivilisation ausmacht. Beispiele für die Entgleisungen finden sich täglich. Und es sind nicht, das sei betont, nur diejenigen, die das offizielle Wort gegen Hass und Hetze meint. Auch und gerade diejenigen, die das Privileg einer großen Öffentlichkeit genießen, sind davor nicht gefeit. Oft sind sogar sie es, die eine Hetzjagd gegen Andersdenkende veranstalten. Und gerade sie sind es dann, die den zunehmend rauen Ton im öffentlichen Diskurs beklagen, denen dann der Missmut bei öffentlichen Veranstaltungen entgegenschlägt und die sich von ganzen Kohorten von Personenschützern gegen den Unwillen der sich betrogen Fühlenden schützen lassen.

Und vielleicht sind es ja auch die Unsichersten, die in diesen so abstoßenden wie denkwürdigen Zeiten das Heil in der Gemeinschaft suchen, in der das Hetzen und Verleumden als richtig und normal gilt. Nicht jede Kritik an den Zuständen ist ein Anschlag auf die generelle Existenz. Und nicht jede Benennung von Fehlleistung ist eine Beleidigung jeglicher individueller Majestät. Und gerade dieses Gefühl wird genährt durch alle, die dafür die Verantwortung tragen, dass vieles sich so entwickelt hat, wie es ist. 

Nein, und das sei allen gesagt, die so schnell den Anstand wie den Verstand verlieren: vieles von dem, was wir zu beklagen haben, ist hausgemacht. Da wirkten keine fremden Mächte. Da gediehen die eigene Sattheit, die im Müßiggang entwickelte Arroganz und das tägliche Bad in unangemessener Überheblichkeit. Mit der Verleumdung wirklich erforderlicher, grundlegender Kritik ist es nicht getan. Die schlimmste Attacke auf den eigenen Zustand ist ein bellendes „Weiter so!“.  

Die Verleumdung der Kritik

Ein Totenschein für Deutschland

Wer in der Weltpolitik mitmischen will, sollte das Gesetz der Straße kennen. Nicht, dass  alles, was dort geschieht, nach diesem Prinzip verläuft. Aber manche Situationen eben doch. Und wer dann nicht weiß, wie er oder sie reagieren soll, ist verloren. Die Bemerkung ist nicht umsonst vorangestellt. Ihr Inhalt besitzt hohe Brisanz. Weil wir uns, und damit meine ich Deutschland und ein Großteil der in EU wie NATO assoziierten Staaten sich de facto auf europäischen Boden in einem bewaffneten Konflikt befinden. Zwar wurde immer wieder versucht, das zu kaschieren. Aber daran glaubt wohl niemand mehr. Die ehemals von amerikanischen Demokraten am Potomac ausgeheckte Idee, mit der Ukraine Russland endgültig auf die Pelle zu rücken, hat das europäische Personal,  seinerseits sozialisiert in kriegsvorbereitenden Think Tanks und Foren, das Ziel vollständig internalisiert und ist sich nicht mehr dessen bewusst, wie instrumentalisiert es ist.

Und damit wären wir wieder beim Gesetz der Straße. Dort weiß man, dass, wer Drohungen ausspricht, auch in der Lage sein muss, zu liefern und zu zeigen. Wer nur das Maul aufreißt, aber nicht selbst zuschlägt, der macht sich sehr schnell lächerlich und hat nichts mehr zu melden. Im besten Fall! Meistens geht er mit einem blauen Auge und anderen Blessuren nach Hause. Und, damit niemand auf die Idee kommt, man spräche nur von Deutschland mit seiner Schrumpfarmee von großteils kampfunerprobten Truppen, die NATO wird bereits seit langer Zeit in Großteilen dieser Welt übersetzt mit: No Action Talk Only. Das sollte zu denken geben. Wie auch die kriegerische Bilanz. Immer wieder sind Teile dieser NATO bei kriegerischen Einsätzen grandios gescheitert. Vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere an ein Land namens Afghanistan?

Sieht man sich das deutsche Personal an und hört, mit welchem Eifer eine Drohung nach der anderen ausgesprochen wird, dann können, wenn es ernst genommen werden will, nur Schläge gegen Russland folgen. Die Reihe von Drohungen, Beschuldigungen und Sanktionen ist so lang, dass der eigene Machtbeweis zeitnah folgen muss. Die internationale Isolation ist bereits weit fortgeschritten und es mehren sich die Indizien, dass man jetzt schon nicht mehr ernst genommen wird. Und, nebenbei, dass diese Figuren für etwas eintreten, das in den Annalen der okzidentalen Demokratie als Werte niedergeschrieben ist, glaubt niemand, übrigens auch sie selbst nicht. Sie treibt die Großmannssucht bemitleidenswerter Versager.

Es ist beeindruckend, dass nahezu sämtliche hochrangige Militärs, die im Kalten Krieg sozialisiert wurden, vor einem Waffengang mit Russland warnen. Weil sie um die militärischen Arsenale dieses Landes wissen, die übrigens in dem gegenwärtigen Abnutzungskrieg keine Rolle gespielt haben. Dass ihre Stimmen ignoriert werden, dokumentiert den Tunnelblick der kriegsgetriggerten Ignoranten. Aber sie scheinen zu spüren, dass sie liefern müssen. Und so ist es folgerichtig, dass der Kanzler bereits in kleinem Kreise davon spricht, der Konflikt mit Russland ließe sich nur militärisch lösen. Dass er damit dem Deutschland, wie wir es kennen, bereits den Totenschein ausgestellt hat, stört den Mann nicht im geringsten. Und dass ihn bei dem geplanten Unterfangen aufgeblasene sozialdemokratische Schranzen eskortieren, macht die Sache noch skurriler. Wer droht, muss liefern. Kampfkraft, Mentalität und Arsenal sind hoffnungslos unterlegen. Die aktuellen Bilder aus Gaza vermitteln einen Eindruck, wie es im schönsten Deutschland aller Zeiten aussehen wird, wenn das Werk vollendet ist. 

Ein Totenschein für Deutschland

Ostenmauer – 69. Schreiben

Walter Benjamin schrieb in der Aphorismensammlung „Die Einbahnstraße“, dass man, auch wenn einem nichts mehr einfällt, einfach weiterschreiben soll, es würde sich schon etwas ergeben. Benjamin selbst war ein Meister der geistigen wie schriftstellerischen Montage, wohl am stärksten dokumentiert in seinem Werk über die Pariser Passagen. Die kolportierte Aussage, die, wenn ich sie zitierte, sehr oft Gelächter oder Verwunderung hervorrief, hat zumindest mich immer durch ihre Klugheit bestochen. Ich habe mir die Aussage zu einem Prinzip gemacht. Einfach einmal los schreiben, sich weder durch eine vorgegebene Struktur noch durch ein zu eng gesetztes  Thema eingrenzen zu lassen und beim Schreiben zu sehen, was sich da entwickelt. 

Ich sehe dabei eine Parallele zu Heinrich von Kleists kurzer Ausführung mit dem Titel „Über die allmähliche Entwicklung der Gedanken beim Reden.“ Im Grunde vollziehe ich seit Jahrzehnten nahezu täglich diese Übung. Die Texte, die dabei entstehen und die einen Großteil der Veröffentlichungen auf Blog M7 ausmachen, sind quasi eine Signatur dessen, was in meinem Kopf bezüglich bestimmter Themenstellungen vor sich geht. Nichts davon ist vorher skizziert, nichts strukturiert. Alles entsteht nach der Maxime Thema – und los. Es sind Etüden meines eigenen Geistes und dem Vermögen oder Unvermögen, diesen in Worte zu fassen. 

Alles, was ich vorher versucht habe und machen musste, um akademische Abschlüsse zu erlangen, empfand ich als Fessel. Nicht,  dass ich das Erlernen einer Schreibstruktur und Schreibtechnik und einer wissenschaftlichen Herangehensweise für falsch hielte! Ganz im Gegenteil, eine derartige Schule des Denkens sollte größtmögliche Verbreitung finden. Nur meine Fortführung des Schreibens nach der Ausbildung nahm einen anderen Weg. Ich nenne es das Schema Benjamin-Kleist, ohne in den Größenwahn zu verfallen, mich mit diesen beiden Giganten des schreibenden Gewerbes vergleichen zu wollen. Die Freiheit, einen Text beim Schreiben selbst zu weben, hat mir als kleinem Individuum eine Welt eröffnet, in der ich mich täglich bewege und in der, das muss ich gestehen, auch in vielerlei Hinsicht das Schreiben eine therapeutische Wirkung erzeugt. Wenn ich schreibe, ertrage ich die Welt besser, als wenn ich sie nur betrachte und mich nicht dazu verhalte. 

Schreiben