Ostenmauer – 56. Ultima Thule

Als sich der griechische Entdecker Pytheas im vierten Jahrhundert vor Christus von Masilia, dem heutigen Marseille, aufmachte, um weit in den Norden vorzudringen, ging er noch davon aus, dass der Welt irgendwo Grenzen gesetzt sind. Auf seinem Weg, der nur noch durch Fragmente anderer dokumentiert ist, passierte er auf jeden Fall die britischen Inseln und gelangte irgendwann zu einer Insel, die kurz vor dem Gebiet lag, wo das große Wasser geronnen war, also vor dem Eismeer. Er nannte die Insel Ultima Thule, was man mit „letztes Land“ übersetzen kann. Wie alles, was nicht bis ins letzte Detail dokumentiert werden kann, gelangte auch jene Insel Ultima Thule bald in den Bereich des Mythischen. Und der Mythos ist es, der zuweilen größere Befruchtung der menschlichen Erkenntnis beitragen kann als das schnöde Faktum. Lange hieß es, es handele sich bei dem entdeckten Objekt des Pytheas um eine kleine Inselgruppe vor Grönland, während heute, vor allem durch die Geodäsie, nahezu bewiesen werden kann, dass es sich um die Insel Smøla in der Bucht des norwegischen Trondheim handelte. 

Das, was die kalte Geodäsie nun so gefühllos verkündet, hat als Geheimnis die Geister über mehr als zweitausend Jahre inspiriert. Von den Germanen bis zu den Aufklärern, ja sogar bis zum großen Revolutionär der Moderne, James Joyce, plagte die Frage, was dort, am nordischen, dunklen, vernebelten, kalten und doch von Feuern erhellten Ende der Welt wohl zu entdecken sei. Interessant dabei ist, dass, entgegen der späteren Allegorien vom großen Licht, keine einzige Utopie in die Überlieferung von Ultima Thule hineinscheint. Nein, Ultima Thule, das dem Norden vorbehaltene Ende der Welt, blieb das große Fragezeichen. Und einzigartig ist, dass die Faszination davon ausging, weil das große Fragezeichen nicht aufgelöst wurde. Vielmehr interessierte die Menschen, wie der Zustand des großen Fragezeichens wohl aussehen werde und nicht, wie im Zeitalter der schnellen und vordergründigen Antworten angenommen werden könnte, wie es aufzulösen sei.

Der Mythos des Ultima Thule schuf sich seine eigene Aura, weil er ohne Antworten und Erklärungen und ohne Konkretisierungen auskam. Was allerdings inspirierte, war die Frage nach der Atmosphäre. Darüber gab und gibt es sehr viele Dokumente. Wie das Licht dort spielt, wie die Winde tanzen, wie das Meer wogt, wie die große Choreographie des ewigen Nebels aussieht. Das hat die Völker seitdem interessiert und nicht, ob es dort Menschen gibt oder nicht. Man stelle sich das vor, ein Mythos vom Ende der Welt, der nicht darüber spekuliert, ob menschliches Handeln überhaupt eine Rolle spielt. Der allenfalls eine Idee davon hat, dass das menschliche Handeln dort ein Ende hat. 

Der Mythos von Ultima Thule hat den Rang einer höheren Ordnung. Denn er betrachtet die irdischen Angelegenheiten aus einer Perspektive, die keiner Menschen bedarf. Das ist, aus heutiger Sicht, starker Tobak. Und jenseits der ewig Umnachteten, die sich aus Unverständnis und Ignoranz heute als Gesellschaften mit dem Namen Thule schmücken und ihren archaischen und verächtlichen Phantasien frönen, ist die Idee von einer menschenfreien Utopie vielleicht das Intelligenteste, was heute wieder einmal auf dem gedanklichen Plan stehen könnte. Stellen wir uns das Ende der Welt ohne Menschen vor. Das wäre eine Überlegung wert. Vielleicht hülfe sie den Menschen? 

Ultima Thule

Wie Nietzsche in Turin?

Wenn der intellektuelle Mob, egal welchem Lager er zuzurechnen ist, beginnt, einzelne Begebenheiten aus einem großen Zusammenhang zu reißen und sie als repräsentativ für denselben zu missbrauchen, dann entstehen Bilder, die Ignoranz und Vorurteile prägen. Eines der historisch bedeutungsvollsten ist jene Szene aus Turin im Januar 1889, als Friedrich Nietzsche beobachtete, wie ein Kutscher brutal auf sein Pferd einschlug. Nietzsche rannte daraufhin über die Straße, umarmte weinend den Hals des Tieres und brach schließlich zusammen. Es war das tatsächliche Ende des an der Syphilis erkrankten Mannes, der bis zu seinem Tod, der elf Jahre später eintrat, in geistiger Umnachtung in verschiedenen Psychiatrien oder privater Obhut verbrachte. 

Den drittklassigen Kolporteuren der Philosophie, die seine Schriften mit ihrem Missbrauch durch den aufkommenden Faschismus gleichsetzten, fiel daraufhin nichts Besseres ein, als aus einem vorgeblich den Machkult verehrenden Philosophen eine idiotische Memme zu machen. Dass Nietzsches Schriften mehr boten als die lächerliche Rezeption durch die nationalsozialistischen Ideologen, blieb der Masse verborgen. Was hängen blieb, war der Rat, die Peitsche nicht zu vergessen, wenn man zum Weibe geht und eben diese Episode des Turiner Zusammenbruchs. Dass eine ganze Generation den Zarathustra als ein Befreiungsschlag gegen den Kleingeist, die Bevormundung und die Denkverbote durch Tabus begriff und sich auf den Weg machte, emanzipatorische Lebenswelten zu entwerfen, fiel unter den Tisch der Kolportage. 

Bücher wie Überlieferungen sind voll von solchen Geschichten. Sie belegen zumeist die alte Gewissheit, dass diejenigen, die in bestimmten historischen Phasen die Oberhand gewonnen haben, auch bestimmen, was in den Büchern steht. Oder, um es auf eine heutige Formulierung zu bringen: die Sieger oder Herrschenden schreiben die Geschichte. Und so ist es kein Wunder, dass momentan, in einem Prozess globaler Veränderungen, sehr unterschiedliche Darstellungen der jüngeren Geschichte kursieren. Dass man in den USA die Geschichte des II. Weltkrieges, des Kalten Krieges wie der Phase danach anders darstellt als in Russland, ist nur logisch. Und dass man in China im Falle Hongkongs oder Taiwans das anders sieht als in Großbritannien, den USA oder Japans ist ebenso folgerichtig wie die Sicht des heutigen Indiens auf seine eigene Vergangenheit. 

Die Diversität der Perspektiven hat etwas zu tun mit dem eigenen Erleben, mit den Siegern im eigenen Lager wie mit deren Interessen. Das ist kein Frevel. Das ist die Normalität. Zu denken, dass die eigene Sichtweise deckungsgleich mit der gesamten Welt ist, konnte man bei einem Alexander dem Großen, Dschingis Khan oder römischen Kaisern genauso beobachten wie bei britischen Königen oder einem Adolf Hitler. Sie dachten allesamt imperial. Und die imperiale Denkweise ist es, die gewaltsame Expansion und gewaltige Zerstörung nach sich zieht.

Und nun betrachten wir noch einmal, was derzeit vor sich geht. Die Reduktion auf die eigene Sichtweise und die Ausblendung der Interessen des Restes der Welt wird die gleichen Resultate zeitigen wie die Bilanz der erwähnten Herrscher. Mit der Einschränkung, dass denen, die derzeit in maßloser Überschätzung ihrer eigenen Potenziale das Weltmonopol beanspruchen, durchaus ein Ende blühen kann wie das des Friedrich Nietzsche in Turin. Wobei, auch das sei gesagt, sie diesem bis heute nicht das Wasser reichen können. 

Wie Nietzsche in Turin?

Schämen, für das Land der Kultur?

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich völlig ungeniert. Die oft bespöttelten Weisheiten eines zunehmend als Entität verleugneten Volkes erweisen sich in Zeiten von Krisen und Zuspitzungen oft als Befreiung in ihrer Klarheit. Das, was sich der goldene Westen derzeit an Doppelmoral und Frivolität gegenüber dem Rest der Welt leistet, sucht seinesgleichen und ist als Paradebeispiel für das obige Sprichwort zu lesen. Dabei geht es nicht nur um die Regierungen, sondern auch und vor allem hierzulande um das Pressemonopol, das eifrig dabei hilft, den Ruf weiter zu schädigen. Soweit das überhaupt noch geht.

Ein gutes Indiz für die aufgestellte These ist ein Blick in die internationale Presse und die auf die Statements von Regierungsvertretern aus nicht in westlichen Bündnissen assoziierten Ländern. Und mit internationaler Presse ist diesmal nicht die aus London, Paris oder Washington gemeint, sondern die aus Delhi, Beijing, Jakarta, Bangkok, Rio de Janeiro, Kapstadt, Amman etc.. Eben aus den Teilen der Welt, die hier in der Hemisphäre des brüchig gewordenen Imperialismus direkt zum Feindesland erklärt oder arrogant als globaler Süden bezeichneten Regionen. Dass dort insgesamt 90 Prozent der Weltbevölkerung lebt, mag denen, die sich seit langem in intellektueller Isolationshaft befinden, genauso ein Novum sein wie die Tatsache, dass sich global der Wind gewaltig gedreht hat.

Es ist mittlerweile müßig, die täglichen Phantastereien zu beschreiben und zu enthüllen, mit denen die eigene Entourage die eigenen Völker malträtiert, um sie bei der Stange oder dumm zu halten. Wer die Redlichkeit als Maß verloren hat, lebt vielleicht ungeniert, aber, um es einmal in seiner ganzen, brutalen Wahrheit zu formulieren, auch nicht mehr lange.

Jean Paul Sartre wird das kluge Wort zugeschrieben, dass Vertrauen tröpfchenweise gewonnen, jedoch eimerweise verloren wird. Das ist, was die Reputation des Westens anbetrifft, bereits ein historisches Kapitel. Wie gesagt, werfen Sie einen Blick in die internationale Presse jenseits der eigenen Blase und Sie werden sich die Augen reiben, mit welcher Klarheit das Spiel beschrieben wird, mit dem sich eine von der Situation völlig überforderte und in veralteten Denkmustern verhafteten westliche Polit-Elite versucht über Wasser zu halten. 

Das Entsetzen, mit welchem dagegen in der hiesigen Berichterstattung die Untaten nicht assoziierter Staaten beschrieben und die Verharmlosung, mit der weit dramatischere Aktionen aus dem eigenen Lager ausgewiesen werden, ist weltweit transparent und entwürdigend. Und da wären wir an einem Punkt, der hier, im Zentrum einer groß angelegten Täuschung, nach innen wie nach außen, eine Erwähnung verdient.

Die Kritik an der Politik und mit ihr einhergehenden Kommunikation im „eigenen Lager“ entspringt weder der Parteinahme für eine andere Welt noch Gefühlsregungen wie Schadenfreude oder Hass. Es resultiert aus der Überzeugung, dass es erforderlich ist, das Falsche zu benennen und die Notwendigkeit einer radikalen Veränderung aufzuzeigen. Wenn Gefühle mit im Spiel sind, dann ist es Scham. Denn das, was im Namen der eigenen Geschichte und Kultur zur Zeit in die Welt hinausposaunt wird, ist so schamlos und dumm, dass der Wunsch aufkommt, der Welt beweisen zu wollen, dass das hirnlose Getöse unserer Tage nicht das Markenzeichen dessen ist, was uns ausmacht. Das chinesische Schriftzeichen für Deutschland beschreibt ein Land der Kultur. Angesichts momentaner Entwicklungen klingt es absurd.  

Schämen, für das Land der Kultur?