Zensur für den Papst!

Erst traute ich meinen Ohren nicht. Ein Freund teilte mir mit, der Papst in Rom habe sich zum Krieg in der Ukraine geäußert und dem Westen eine gehörige Portion an Mitverantwortung zugesprochen. Das wollte ich genauer wissen und ich begann in den Nachrichtenportalen danach zu suchen. Aber außer einem Kommentar Oskar Lafontaines und einer Live-Schalte von Bild war nichts zu finden. Später am Abend und heute morgen versuchte ich es erneut. Fehlanzeige. So, wie es aussieht, sind die kritischen Äußerungen des Papstes der Zensur zum Opfer gefallen. 

Nicht, dass es aus meiner Sicht erforderlich wäre, als Gegner der gegenwärtigen, hoch brisanten, toxischen und viele Tatsachen verdrehenden, euphorischen Kriegspolitik hierzulande den Papst als Allianz zu wissen, aber bemerkenswert ist es doch. Da tauchen plötzlich Stimmen auf, von denen nicht zu vermuten war, dass sie sich erheben. Und eigenartigerweise kommen sie aus dem Lager, in dem man in entspannteren Zeiten den Diskurs über die Werte des Abendlandes, auf die sich schließlich gegenwärtig die schlimmsten Kriegstreiber berufen, beobachten konnte. Und plötzlich, über Nacht, wurden ausgerechnet deren Sprecher zu unverantwortlichen Schwurblern und Hasenfüßen. So zu verfolgen gestern bei Bild, wo versucht wurde, den Papst als eine lächerliche, von Sinnen geratene Figur darzustellen. So schnell kann es gehen in diesen Tagen. Die Kriegspropaganda läuft auf Hochtouren. Aber trösten Sie sich, auch Dostojewskis Großinquisitor glaubte nicht an Gott.

Frei nach Rilke wäre zu konstatieren, dass jener, welcher bis jetzt nichts merkt, auch nichts mehr merken wird. Zumindest die Bundesrepublik Deutschland ist in ihrer jetzigen Form nicht mehr mit dem Gebilde zu vergleichen, das vor wenigen Jahren noch zu zeichnen war. Es herrscht ein staatlich protegiertes, gesetzlich geschütztes Meinungsmonopol, das in den letzten zwei Jahren von den Vertretern der Regierung für ihre Auffassung von Corona-Politik gekapert wurde und nun von Waffenlobbyisten beherrscht wird.  Die Formen der Manipulation sich einfach wie brutal: Berichte immer nur von einer Kriegspartei, mit dem schamhaften Verweis, verifizierbar sei das nicht, um mit einer herzzerreißenden Szene über weinende alte Frauen und schluchzende Kinder zu enden. Dass es die auf beiden Seiten gibt, wurde noch nicht beobachtet. Klar ist nur eines: wer sich jetzt gegen die Eskalation des Krieges stellt oder sich gar Gedanken über einen zukünftigen Frieden macht, hat entweder den Verstand verloren oder wird direkt von Putin bezahlt.

Irgendwann, wenn die Jetzigen bereits in den Beinhäusern vermodert sind, werden die Archive geöffnet werden und wiederum wird eine heranwachsende Generation die Frage stellen, wie es hat zu dieser Katastrophe kommen können.  Wo doch, den vorgefundenen Dokumenten zufolge, alles bekannt war. Dass irgendwann Russland die Reißleine ziehen wird, dass viele wussten, dass ein so sehr herbeigesehnter Nachfolger des amerikanischen Präsidenten Trump mit Sicherheit die Option des Krieges ziehen wird, dass ein Deutschland, das sich nicht freimacht von seinen Traumata, sich immer wieder, ohne Sinn und Verstand, moralisch wird erpressen lassen können, um in das nächste Verhängnis zu stürzen.

Aber was nützt es, es kommt, wie es kommen muss. Sage niemand, wir hätten es nicht alle gewusst. Aber so ist es, im Stadium des mentalen Niedergangs, da nutzen auch die klugen Worte eines Papstes nichts. Dann lieber gleich Zensur.  

Jenseits des propagandistischen Nebels

Jörg Kronauer, Der Aufmarsch – Vorgeschichte zum Krieg. Russland, China und der Westen

Der in London lebende Autor Jörg Kronauer hat sich bereits durch mehrere Publikationen, in denen er die sich verändernde geostrategische Weltlage unter die Lupe nahm, einen Namen gemacht. Sein neuestes Buch mit dem Titel „Der Aufmarsch Vorgeschichte zum Krieg. Russland, China und der Westen“ ist nicht nur wegen der darin dargestellten Entwicklung lesenswert, sondern auch durch die historisch einzigartige Tatsache, dass der Text bereits beim Verlag war, als der Autor wie der Rest der Welt von dem Einmarsch der russischen Streitkräfte am 22. Februar in die Ukraine erfuhr. Dieses Faktum setzt den zu erwartenden Vorwurf außer Kraft, da würde im Nachhinein für das Verständnis von etwas geworben, für das es kein Verständnis geben sollte, es sei denn, man hat die gesamte Entwicklung im Blick. 

Der Ansatz Kronauers ist einfach und transparent. Er hat nichts anderes getan, als sich die Politik der einstigen Parteien des Kalten Krieges nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion angesehen und minutiös alles beschrieben, was an fortgesetzter oder erneuter Polarisierung stattgefunden hat. Ein innerer Blick in die nach-sowjetische Realität, in der sich mit Mafia-Methoden kämpfende Oligarchen das Staatseigentum aufteilten während die Bevölkerung hungerte, die Nachfolge des schwachen Jelzins durch Putin, der dem Wild-West-Kapitalismus Einhalt bot und eine neue, alles andere als demokratische Ordnung herstellte. Das allmähliche Wiedererstarken der russischen Wirtschaft und die Renaissance eines imperialen Ansatzes.

Die gleichzeitige Osterweiterung der NATO, die vielen Mosaike, die auf eine mögliche militärische Eskalation hindeuten. Die Warnungen Russlands, die Ignorierung durch vor allem die Vereinigten Staaten. Der ganze Prozess von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Und die Überschreitung von Russlands roter Linie in der Ukraine, durch die letztendlich auch eine kulturelle Linie verläuft.

Das alles wäre noch einmal eine Revue dessen, was aufmerksame Menschen hier in Europa ohnehin verfolgen konnten, wenn Kronauer nicht im zweiten Kapitel das Bild vervollständigen würde, indem er analoge Manöver der USA und ihrer Verbündeten auf der pazifischen Seite gegenüber China dokumentieren würde. Auch dort, und im Einklang mit den Aktivitäten in Ost- und Zentraleuropa zeigt sich, dass eine Global-Strategie in den USA vorliegt, die auf eine direkte Konfrontation mit Russland und China hinausläuft. 

Auch für Militärstrategen ist es interessant zu sehen, dass es vor allem um die Vorbereitung von Blockaden von Seewegen geht, ob gegenüber Russland wie gegenüber China, beides kontinentale Mächte, die allerdings vehement geschwächt werden, wenn sie ihre maritimen Zugänge verlieren. Da rüstet eine maritime Weltmacht zum letzten Gefecht und wer will, schaut zu.

Kronauers Buch ist eine kurze wie faltenreiche Nachzeichnung der militärpolitischen Entwicklung der letzten 30 Jahre, auch unter dem Aspekt einer neuen, multipolaren Weltordnung. Dabei verfällt er nicht gängigen Versionen der Vereinfachung, sondern beschreibt ebenso unbestechlich die Verwerfungslinien, die auch zwischen Russland und China verlaufen. 

Das Bedrückende der Lektüre ist die wachsende Wahrscheinlichkeit eines Dritten Weltkrieges und die maßgebliche Rolle, die dabei die USA spielen. Aber die Realität schert sich nicht um Empfindungen. Angesichts der inflationär kursierenden und gewaltig aus dem propagandistischen Nebel geborenen Erzählungen über den Zustand der Welt ist die Lektüre dieses Buches unbedingt zu empfehlen!

  • Herausgeber  :  PapyRossa Verlag; 1. Edition (1. April 2022)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Broschiert  :  207 Seiten
  • ISBN-10  :  3894387785
  • ISBN-13  :  978-3894387785
  • Abmessungen  :  12.9 x 1.9 x 19.6 cm