Biden: “Wir haben die Schnauze voll!“

Wäre es nicht so traurig, dann wäre es zum Schmunzeln. Und das nicht aus Schadenfreude. Denn das wäre ein Zeichen der eigenen Verkommenheit. Der amerikanische Präsident Joe Biden hat anlässlich eines erneuten Massakers, diesmal an einer texanischen Grundschule, in tiefer Bewegtheit einen Satz ausgesprochen, der nicht nur zu diesem Ereignis passt: We ´re sick of it! Auf gut Deutsch: Wir haben es satt! Oder, etwas drastischer: Wir haben die Schnauze voll! Was er damit meinte, war die nicht abreißende Abfolge von todbringender Gewalt an amerikanischen Schulen. Als Ursache hat er die laxen Waffengesetze ausgemacht, die dafür verantwortlich zeichnen. 

Dass das zwar stimmt, aber die Ursachenforschung sehr reduziert, steht auf einem anderen Blatt. Aber dass es den Wahnsinn mit Todesfolge begünstigt, steht außer Frage. Wer sich überall Waffen beschaffen darf und zudem labil, sozial gestört oder einfach nur durchgedreht ist, holt sich modernste Geschosse und die dazugehörige Munition im Laden wie ein paar Sixpacks Bier und wandert in die nächste Schule und ballert alles nieder. Unzählige Male in den USA passiert, und jedesmal beginnt die Diskussion von vorne. Geändert hat sich bis heute nichts. Als Ursache dafür wird der Einfluss der US-Waffenlobbyisten auf die Politik genannt. 

Das Groteske an diesem Setting ist seine Gültigkeit in globalem Maßstab. Denn das, was in den USA immer wieder zu Tod und Bestürzung in dem einen oder anderen Ort führt, ereignet sich auf dem Globus in größerem Maßstab unaufhörlich. Auch dort werden Waffen frei Haus an alle möglichen Staaten geliefert, die ihrerseits mal als labil, mal als sozial gestört und mal als schlicht durchgedreht geführt bezeichnet werden können. Zu den Großlieferanten gehören die USA, aber auch Länder wie die Bundesrepublik. Das klammert andere Großexporteure wie Russland nicht aus, das ebenfalls im eigenen Land bereits verheerende Anwendung von Waffengewalt erleben musste. 

Das Großlabor für das Resultat von Zugang zu Feuerwaffen, egal welcher Art und Modernität, sind jedoch die USA. Und es stellt sich die Frage, was im Kopf eines Präsidenten passiert, der mit Trauer und Bestürzung den Satz deklamiert, dass er es satt hat, dieses Morden und Wüten an Schulen, der andererseits, in internationalem Maßstab, nichts anderes macht, als jeden Rogue State mit Waffen bis zum Abwinken zu beliefern? Wie passt das zusammen? Einerseits das unkontrollierte Jonglieren mit Waffen in der eigenen Provinz zu beklagen und andererseits international sogar darauf zu setzen, dass es zu einem Eklat mit großem Schaden für Leib und Leben unzähliger Menschen kommt? 

Zynisch formuliert könnte man sagen, dass es sich bei den USA um das konsequenteste Land überhaupt handelt. Das, was sie im eigenen Domizil an Mord und Zerstörung zulassen, ist für sie in internationalem Kontext auch normal. Oder, anders herum und konstruktiv ausgedrückt, wenn sie dem Treiben im eigenen Land durch schärfere Waffengesetze ein Ende bereiten wollen, warum kündigen sie seit langem alle Gespräche über Rüstungskontrolle auf und setzen auf die unbegrenzte Freiheit unermesslicher Aufrüstung? Sind es die gleichen Gründe, die im eigenen Land ein erfolgreiches Vorgehen verhindern? Ist die Politik tatsächlich komplett in der Tasche der Waffenlobby? Das wäre ein Debakel, das den Fortgang von Kriegen garantiert.

Und, bevor sich die ganz Schlauen wieder genüßlich zurücklehnen und mit dem arroganten Zeigefinger über den Atlantik weisen, wie verhält es sich eigentlich hier? Die Beschränkungen für die Proliferation von Waffen aller Art sind gerade gefallen. Wann kommen die Verhältnisse an unsere Straßen und Schulen? Und wer stellt sich dann vor die Mikrophone und deklamiert, er oder sie hätte es satt? 

Kabarett, Witz und Satire: Holen wir den Humor zurück! — Neue Debatte

Humor war immer eines der essenziellen Mittel, wenn es darum ging, überkommenen Institutionen und ihren Vertretern den Weg zum Friedhof zu erleichtern und das Publikum auf diesem Weg bei Laune zu halten. Der Beitrag Kabarett, Witz und Satire: Holen wir den Humor zurück! erschien zuerst auf Neue Debatte.

Kabarett, Witz und Satire: Holen wir den Humor zurück! — Neue Debatte

Holen wir den Humor zurück!

Die Liste der Anlässe, die den Stoff liefern, um die Hände über dem Kopf zusammenschlagen zu lassen, wird immer länger. Jeden Tag liefern uns die Figuren, die die wesentlichen Funktionen von Staat und Gesellschaft repräsentieren, genug Material. Ob es nun eine Außenministerin ist, die zunehmend in der Bevölkerung als US-Außenbeauftragte bezeichnet wird, die vor einer Kriegsmüdigkeit im westlichen Lager warnt, ob es ein Gesundheitsminister ist, der quasi nach den nächsten, pandemisch begründeten Notverordnungen lechzt, ob es eine Verteidigungsministerin ist, für die NATO und EU deckungsgleich sind, ob es ein SPD-Vorsitzender ist, der die Ansicht vertritt, eine europäische Friedensordnung ohne Russland sei möglich, oder ob es ein Landwirtschaftsminister ist, der mit der These viral geht, Fleischkonsum sei eine Unterstützung Putins – man sehnt sich die Blütezeiten des deutschen Kabaretts zurück, in denen Lach- und Schießgesellschaften und Stachelschweine es der politischen Klasse so besorgten, dass die Parteien in dem einen oder anderen Fall sogar reagierten und Positionen änderten. 

Das lange beklagte und nicht mehr zu widerlegende Elend des Journalismus, das historisch einher ging mit 9/11 und einer nahezu vollendeten Entwicklung der Monopolisierung, die Kaperung der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten durch atlantische Think Tanks, die exklusive Orientierung auf Aufmerksamkeit und die Verfolgungswellen bis zur Vernichtung für diejenigen, die sich dieser Gleichschaltung widersetzen, bilden die eine Seite der Misere.

Die andere ist tatsächlich in dem Verfall von Kabarett und Satire zu sehen. Bis vor kurzem noch existierte das eine oder andere Format, dem von politisch oppositioneller Seite noch zugestanden wurde, dass es wie ein Leuchtturm in der Nacht die einzige Institution sei, die sich an das dilettantische Handwerk der Mächtigen wagte. Aber auch diese Leuchttürme sind größtenteils nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine erloschen. Die Angst vor den Repressalien einer unbändig kriegsgeilen Öffentlichkeit war wohl zu groß. Manch wackerer Barde fand sich auf Knien winselnd wieder, um in den mentalen Schoß des diesseitigen Imperialismus zurück zu kriechen. 

Wir reden über einen vorläufigen Endzustand eines Krisenmanagements, das nicht mehr dem Interesse des Großteils der Bevölkerung entspricht. Denn wer von denen, die morgens aufstehen und im Prozess gesellschaftlicher Wertschöpfung einen Beitrag leisten, hätte Interesse an Krieg, Inflation und Naturzerstörung? Die Nachrichten darüber sind Trash und die Stimme des Humors ist verstummt. 

Damit sind die Arbeitsfelder definiert. Neben den ökonomischen Kämpfen, die spätestens im Herbst anstehen, weil die Lasten des Imperialismus genau die beschriebenen, leistungsorientierten Kreise treffen sollen und nicht die, in deren Interesse er betrieben wird, wird es notwendig sein, an dem Projekt eines nach den Grundsätzen eines kritischen Journalismus arbeitenden Aufbau eines Nachrichtenwesens weiterzuarbeiten.

Neben diesen sehr kalten Feldern, auf denen es um Macht und Verstand geht, bleibt das des Bauches, und zwar im Sinne einer die Mentalität und Seele betreffenden Ansinnens, das darauf hinausläuft, den Humor zurückzuholen und die seelen- und mentalitätslosen Charaktermasken aufs Korn zu nehmen. Mit ihrem Irrsinn, mit ihren Fieberphantasien, mit ihrer unendlichen Arroganz und ihrer sozialen Unzulänglichkeit. Der Humor war immer eines der essenziellen Mittel, wenn es darum ging, überkommenen Institutionen und ihren Vertretern den Weg zum Friedhof zu erleichtern und das Publikum auf diesem Weg bei Laune zu halten. Das politische Kabarett, der Witz und die Satire müssen zurück. Mit aller Schärfe! Nicht so leicht zu machen in Zeiten wie diesen. Der Appell bleibt!