Ostenmauer – 64. Herbst 1989. 6. Aufpassen!

6. Aufpassen!

Die grenzenlose Freude der Deutschen über die Öffnung der nationalen Binnengrenze hat den Verstand nicht außer Kraft gesetzt. Auf den vielen Kundgebungen in Berlin erhielten die Hegemonialpropagandisten gehörige Absagen. Sprüche wie der Sozialismus sei tot, Deutschland sei stolz und die Freiheit habe gesiegt, gingen in gellenden Pfeifkonzerten unter. Die Vertreter des militanten Finanzkapitals träumen von der Exploitation billiger, aber hochqualifizierter Arbeitskräfte, vom Kauf der DDR, von der strategischen Verbesserung imperialistischer Weltmarktpläne. Diese Phantasien sind nicht unterstellt, sie sind täglich im Originalton zu hören. Es ist nicht einmal mehr ein Geflüster, das durch die Etagen der bourgeoisen Nimmersatts geht, es hat sich zu lautem Gebrüll entwickelt. Obwohl die finanzkapitalistische Kamarilla auf den Veranstaltungen in Berlin isoliert blieb, darf sich keine für die tatsächlich historische Chance tödliche Nonchalance Raum verschaffen.

Die Bewegung von unten, wie das, was sich in der DDR als Opposition zur SED-Oligarchie entwickelt hat, zur Zeit noch am besten bezeichnet werden kann, formuliert unisono – mit Ausnahme der liberal-demokratischen Kompradoren – die Problematik folgendermaßen:

Die Frage der Wiedervereinigung wird von westdeutschen Interessengruppen lanciert. Sie betrifft nicht unsere momentanen Probleme und steht nicht auf der Tagesordnung. Sie würde unter den heutigen Voraussetzungen die Unterjochung bzw. die Liquidierung der DDR mit allen Implikationen bedeuten.

Durch unkritische Kreditierungen von Joint-Venture-Projekten und der gleichzeitigen Wiedereinführung von Privateigentum an Produktionsmitteln würde eine Art neuer ursprünglicher Akkumulation forciert, die zur Folge hätte, dass die SED-Nomenklatura, die noch über die Direktionsrechte verfügt, unter neuen, nicht erstrebenswerten Rechtsverhältnissen ihr Unwesen treibt.

Positiv formuliert, muss die Demokratie durch Neuwahlen gestärkt werden. Abwählbarkeit von Funktionsträgern muss als Kontrollinstrument des Volkes als Selbstverständlichkeit etabliert werden.

Die Solidarität der Westdeutschen muss darin bestehen, a) die demokratische Bewegung der DDR praktisch-instrumentell zu unterstützen und b) dafür zu sorgen, dass Einmischungen seitens der reaktionären Schwarz-Rot-Gold-Fraktion unterbleiben. Dies kann zum Beispiel bedeuten, in der Bundesrepublik dafür einzutreten, bedingungslose Finanzierungsmodelle zu erstellen, deren Realisierung durch Cutten des Militärhaushaltes gewährleistet wird. Derartige Nagelproben werden sehr schnell die Spreu vom Weizen trennen und demonstrieren, wem die Sichel um den Hals zu legen ist, um ihn vor eigenen Untaten zu bewahren. 

Herbst 1989 – 6. Aufpassen!

Ostenmauer – 63. Herbst 1989 – 5. „Einmal durchbrechen wir selbst die dicksten Mauern…“

„Einmal durchbrechen wir selbst die dicksten Mauern…“  Oskar Maria Graf

Die Meldung brannte wie eine Stichflamme durch die Hirne der Berliner. Nach achtundzwanzig langen Jahren, seit dem August 1961, sollte es wieder möglich sein, die tödliche Zerrissenheit der vitalsten europäischen Metropole ohne große Probleme überwinden zu können. Die Regierung der DDR verfügte die Reisefreiheit ohne Visumszwang. Was in ganz Deutschland wohl begrüßt wurde, entbrannte in Berlin zum Urschrei. Die geteilte, geschundene und oft verwünschte Stadt, das westliche Babylon der Moderne, das östliche Mekka des längst vermoderten Preussens, die lebendigste und krasseste aller deutschen Städte, feierte ein exzentrisches Wiedersehen mit sich selbst.

Hunderttausende migrierten von Berlin/Ost nach Berlin/West und umgekehrt. Auf dem gesichtslosen aber geschichtsträchtigen Alexanderplatz wurde Tango getanzt, der Kurfürstendamm erlebte Stunden wie die New Yorker Fifth Avenue in der Nacht zum 8. Mai 1945. Die Menschen fielen sich in die Arme, das Herz Berlins war seiner Rhythmusstörungen ledig, im gleichen Takt sprang das Leben auf und ab.

Trotz der Freude, der Begeisterung, der Träume und der Erleichterung kam es nicht zum bewusstlosen Exzess, es wurde kein dammloses Besäufnis, es gab keine Gewalt. Schnell wurde klar, dass sich das politische Bewusstsein vor allem der Ostberliner auf einem für deutsche Verhältnisse hohen Niveau bewegte. Die politischen Formationen, die für die beschleunigte Bewegung in der als so rigide erachteten DDR verantwortlich zeichnen, haben bis dato erfolgreich verhindert, dass die Despotie Ost gegen den Fleischwolf West kritiklos ausgewechselt wurde. Die Perspektive wird zum Schrecken der Apologeten des westlichen Verwertungssystems nicht in Richtung Restauration des Kapitalismus entwickelt, sondern auf eine Innovation der sozialistischen Gesellschaft abgestimmt.

Das Fest, welches in der letzten Nacht in Berlin gefeiert wurde, war kein revanchistisches Bacchanal. Die Enkel Rosa Luxemburgs reichten sich die Hand. Was sie dabei wem schworen, ist völlig egal. Jedenfalls nicht den falschen. Berlin darf feiern. Zum Kämpfen bleibt noch Zeit genug. Salut!

Einmal durchbrechen wir selbst die dicksten Mauern
Einmal durchbrechen wir selbst die dicksten Mauern …

Ostenmauer – 62. Herbst 1989 – 4. Der Osten

4. Der Osten

Die Erosion des von Stalin geschaffenen monolithischen Blockes hat einiges in Bewegung gebracht. Die Sowjetunion befindet sich in einer mehr als dynamischen Phase ihrer Entwicklung. Die Statik der russischen Hegemonie gegenüber den Völkern der Sowjetunion ist ins Wanken geraten. Die durch den Stalinismus entmachteten Räte sind dabei, sich zu reorganisieren. Die Frage nach einer Demokratisierung der Direktionsrechte steht auf dem Programm. Mehrheiten sollen wieder durch Debatten und freie Wahlen zustande kommen. Der Obskurantismus einer einzigartig zynischen Geschichtsschreibung steht öffentlich am Pranger. Zum ersten Mal werden die ökologischen Verbrechen einer gigantomanischen Technokratie thematisiert. Die intelligenteste Gesellschaftskritik der bolschewistischen Revolution erhält durch die Rehabilitation Bucharins eine neue Chance. Dem imperialen Expansionsstreben ist vorerst Einhalt geboten.

Ob diese Entwicklung in Richtung sozialer Befreiung und Selbstbestimmung geht, ist noch lange nicht entschieden. Noch lauert die Kaste der drohnenhaften Verwaltungsbeamten auf den letalen Schlag gegen die Innovationsbewegung. Die Politik Gorbatschows ist sicher auch ein vehementer Versuch, zu retten, was überhaupt noch zu retten ist. Aber allein die Tatsache der Ermutigung – ob gewollt oder ungewollt – zur Revolte ist ein positiv zu bewertendes Faktum.

Es muss in Moskau als äußerst schmerzhaft empfunden werden, aber es ist die notwendige Konsequenz der historischen Beziehungen zwischen der UdSSR und der DDR, dass letztere sich als Zauberlehrling der Repression entpuppt und die entfesselten Kräfte der Zerstörung kaum noch gebändigt werden können. Auf die SED-Führung braucht niemand mehr zu hoffen. Ihrem momentanen Angebot an die Opposition, einen konstruktiven Dialog zu führen, haftet zu sehr der Geruch opportunistischen Machtstrebens an. Auf die abgetakelte Vernunft, die westliche Medien immer wieder einfordern, braucht niemand mehr zu hoffen. Schon gar nicht bei der SED. Wie sooft in Situationen rascher emanzipativer Veränderung, lastet auf der spontanen Bewegung mehr Verantwortung, als diese aufgrund ihrer Erfahrung einlösen kann. Wenn die so genannte westdeutsche Linke, die sich immer mehr als Konglomerat misanthropischer Apathie entpuppt, nichts anderes zustande bringt, als in der berühmten ersten Reihe zu sitzen und dümmlich den Dingen hinterher zu glotzen, wäre es doch konsequent, sich dafür einzusetzen, mit Erich in die gleiche Familiengruft eingelassen zu werden.

Herbst 1989 – 4. Der Osten