Aserbaidschan?

Eine meiner Tanten, diejenige, die früh die Provinz verlassen und in einigen Metropolen gelebt hatte, nahm mich einmal, metaphorisch, zur Brust und tadelte mich. Ich hatte einen meiner Kumpels von der Straße mit nach Hause gebracht und er hatte ihr gar nicht gefallen. Das sagte sie mir unumwunden. Nicht, dass es um seine soziale Stellung gegangen wäre, das betonte sie ausdrücklich. Aber Charakter und Benehmen gefielen ihr ganz und gar nicht. Sie verband das mit einer Maxime, die ich mir zu Herzen nehmen sollte: „Sage mir, mit wem die verkehrst, und ich sage dir, wer du bist.“

Und wieder ist sie da, die Schläue des Unbewussten. Denn diese Episode, die zeitlich weit ins letzte Jahrhundert zurückreicht, kam mir wieder in den Sinn, als ich eine strahlende EU-Kommissionspräsidentin mit dem Präsidenten Aserbaidschans vor die Kameras treten sah, um das neue Energiebündnis vorzustellen. 

Und wieder war es da, das Déjà-vu. Seitdem die EU wie die USA argumentativ die eigenen Werte bemüht, um eine Politik zu begründen, die immer wieder auf heftige Konflikte hinausläuft, endet es in einem Dilemma. Da wird zum einen der Kampf gegen Ungerechtigkeit, Diktatur und Repression aufgerufen, es werden Sanktionen beschlossen, Waffen geliefert und Militär in Bewegung gesetzt, um am Ende vor einer Situation zu stehen, die noch weniger erfreulich ist als die Ausgangslage. Das war so im Irak, das war so in Libyen, das war so in Syrien und das war so in Afghanistan. Und vieles spricht dafür, dass die Reaktion auf den Krieg in der Ukraine auf einen ähnlichen Ausgang zuläuft.

Die Strategie, Russland ruinieren zu wollen, hat sich, unter Berücksichtigung der Schäden, die im eigenen Lager aufgrund der Sanktionen entstanden, als Wunschdenken herausgestellt. Dass es denen, die diese Politik beschlossen und durchgesetzt haben, nicht genehm ist, diese Politik einer kritischen Rückschau auszusetzen, ist bekannt. Keine Fehlentscheidung der letzten Jahre hat je zu einer kritischen Revision geführt. Nein, nach der ersten falschen Entscheidung flüchtet man sich in die nächste, um irgendwie dem Dilemma entkommen zu können.

Die hektischen Reisen des Wirtschaftsministers auf der Suche nach neuen Energielieferern mit seinem Bückling in Katar ist noch allen im Gedächtnis. Da deutete sich bereits an, dass die alternativen Bündnisse und Partnerschaften, die im Konflikt mit Russland gesucht wurden, zu einem Dilemma führen würden. Plötzlich kam die Frage auf, ob man nun, gemäß einer durch Werte begründeten Politik, russische Zwangsarbeit mit nach Scharia-Recht abgehackten Händen oder gesteinigten Frauen abzuwägen habe. 

Auffällig war und ist, dass die in jeder Nachrichtensendung berichteten Verstöße gegen unsere Werte in Russland und China allen Raum einnehmen, die zum Teil brutaleren und abscheulicheren Verstöße gegen diesen Kodex bei den neuen Partnern jedoch nicht ins Gewicht fallen. Völkerrechtswidrige Vorgehensweisen von russischer Seite sind ein Skandal, türkische wie in Syrien und im Irak nicht. 

Bei der so stolz präsentierten neuen Partnerschaft mit Aserbaidschan sei daran erinnert, dass das Land nicht nur im 167 Länder umfassenden Demokratieindex auf Rang 146 steht, sich völkerrechtswidrigen Übergriffen gegen Armenien schuldig macht und in der Tradition des Völkermords gegen Armenier steht. Gleichzeitig ist bekannt, dass einige CDU-Parlamentarier in der letzten Zeit durch Beauftragungen und Tantiemen aus Aserbaidschan auffällig geworden sind. 

Ein Ausweg aus dem Dilemma ist, trotz aller reklamierter Komplexität, durchaus möglich. Es ist die Definition der eignen Interessen und die Anerkenntnis von Realitäten, die ohne Krieg nicht beeinflussbar sind. 

Angesichts der sich neu bildenden Allianzen, die sich aus der Konfrontation mit Russland herausbilden, komme ich über den Rat meiner Tante nicht hinweg: Sage mir, mit wem du verkehrst, und ich sage dir, wer du bist!

System gegen Herz

Simon Scarrow. The Generals (The Wellington and Napoleon Quartet 1795 – 1803)

Auf die Möglichkeit, sich historischen Themen durchaus über das Genre historischer Romane nähern zu können, wenn man die Autoren einer gründlichen Inspektion unterzieht, sei ausdrücklich noch einmal hingewiesen. Simon Scarrow, seinerseits gelernter Historiker, hat zumindest mit seinem ersten Roman seiner Napoleon-Wellington-Tetralogie bereits bewiesen, dass er ein scharfes Auge bezüglich der historischen Ereignisse hat, sich sehr gewissenhaft den Fakten widmet und dennoch den Korridor zu einer psychologischen wie soziologischen Deutung zu öffnen in der Lage ist. Hatte er in dem ersten Band, Young Bloods (im Deutschen: Schlacht und Blut) die geographisch und kulturell unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen des jungen Briten wie des Korsen dargestellt, so gelang es ihm dennoch, auch die Analogien  herauszuarbeiten. Bei beiden handelte es sich um Underdogs, die aufgrund ihres Ehrgeizes und ihrer Talente nicht gewillt waren, in gesellschaftlichem Mittelmaß, das es zudem gar nicht gab, zu versinken.

Im zweiten Band, The Generals (deutsch: Ketten und Macht), und ich erspare mir hinsichtlich auch dieser Übersetzung die signifikanten Indizien für den deutschen Sonderweg, beobachtet Scarrow die frühe Phase der jeweiligen Karriere aus der Perspektive tatsächlich erbrachter Leistungen. Die Vorzeichen für ein Avancement Napoleons stehen besser als bei dem Briten, weil die Instabilität der neuen Republik Frankreich, die inneren Machtkämpfe wie die äußeren Bedrohungen durch das nahezu vereinte monarchistische Europa genau das erfordern, was mangels tatsächlicher, faktischer Macht vonnöten ist, um bestehen zu können: den charismatischen Führer, der in der Lage ist, Risiken einzugehen und Menschen zu Unmöglichem zu motivieren. Dieses gelang Napoleon sowohl in Italien als auch, bis zu einem gewissen Grad, in Ägypten und abermals gegen Österreich im Norden Italiens, und endete, nachdem er seine politischen Ambitionen nicht mehr kaschierte, mit der Ernennung zum Ersten Konsul der Republik auf Lebenszeit.

Wellington, der immer noch als Wellesly figuriert, muss hingegen den Weg in die britischen Kolonien in Indien antreten, um dort erst einmal die militärisch-logistische Basis für eine tatsächliche Herrschaft zu legen. Dieses macht er mit Disziplin und Aufopferungsgabe, ohne zunächst das militärische Upgrade zu erhalten, er bezwingt lokale Rebellen und oppositionelle Monarchen, und schafft so für Großbritannien und seine wie alle kolonialen Handelsorganisationen korrupte India Company die Bedingungen uneingeschränkter Dominanz.

Und auch das ist, neben dem unterschiedlichen Verlauf der jeweiligen Karrieren – der gewissenhafte Arbeiter hier, der charismatische Führer dort – eine nicht zu unterschätzende Botschaft aus der Historie auch für unsere Tage, wenn sich Imperien bekriegen, dann ist das ein komplexer Prozess, der sich um den ganzen Erdball zieht. In diesem Fall von Nordamerika bis Indien, es geht um Handelswege und Ressourcen und es geht um die jeweilige Dominanz bei Herrschaft auf See und zu Lande.

Die bis dato vielleicht noch isoliert zu betrachtenden und zu unterscheidenden Karrieren werden mit dem zweiten Band der Tetralogie, The Generals, also der Etablierung beider als ernst zu nehmende Faktoren im Machgefüge der jeweiligen Nation, das ist zu Ende des zweiten Buches klar, im Konkurrenzkampf zwischen England und Frankreich, notwendigerweise aufeinander zusteuern. System gegen Herz, ein spannender Showdown, dessen Ausgang bekannt ist, der allerdings auch in der späteren Geschichte immer wieder von Neuem stattfand. Und genau darin liegt der Gewinn der Lektüre. Auch wenn sie mit dem zweiten Band noch nicht zu Ende ist. 

  • ASIN  :  B002TXZRK4
  • Herausgeber  :  Review; UK ed. Edition (4. September 2008)
  • Sprache  :  Englisch
  • Dateigröße  :  2457 KB
  • Text-to-Speech (Vorlesemodus)  :  Aktiviert
  • Screenreader  :  Unterstützt
  • Verbesserter Schriftsatz  :  Aktiviert
  • X-Ray  :  Nicht aktiviert
  • Word Wise  :  Aktiviert
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe  :  644 Seiten