Politik: Sektierer auf dem Vormarsch

Was machen wir eigentlich in unserem, also im richtigen Leben, wenn wir eine Situation erleben, die ohne Wenn und Aber als Desaster beschrieben werden muss? Wir sehen uns das Ganze an, versuchen es zu begreifen, was dem ursächlich zugrunde liegt und suchen nach Wegen, die Quellen des Debakels zu veröden. Wir vertrauen denjenigen, die daran beteiligt sind, wenn sie die Bereitschaft mitbringen, ihr eigenes Handeln einer kritischen Reflexion zu unterwerfen und für das weitere Vorgehen aus den eigenen Fehlern zu lernen. Und was machen wir mit denjenigen, die für alles einen Sündenbock haben, selbst aber über jeden Zweifel erhaben sind, obwohl sie die ganze Zeit mitten im Geschehen waren? Wir vertrauen ihnen nicht mehr, wir tauschen sie aus und jagen sie dorthin, wohin sie gehören: zum Teufel.

Den aufmerksamen Leserinnen und Lesern wird aufgefallen sein, dass wir uns nicht nur lokal, sondern weltpolitisch in einer solchen Situation befinden. Und es liegt auf der Hand, dass das beteiligte Personal durchaus in langjähriger Verantwortung bei der Konstruktion der jetzigen Lage maßgeblich beteiligt war, sich allerdings kollektiv und unter Mithilfe der medialen Claque, der kein Verrat am eigenen Berufsethos zu unappetitlich ist, als dass sie sich nicht darauf einließen, darauf geeinigt hat, alles dem slawischen Beelzebub zuzuschreiben. Fein raus, könnte man sagen, wenn sich da nicht die kollektive Erkenntnis durchsetzen würde, dass unser richtiges Leben durch dieses Konsortium von Dilettanten ruiniert wird.

Nicht, dass es nur an Verstand und Phantasie mangelt, damit kann man notfalls auch durchs Leben kommen, ohne allzu großen Schaden anzurichten. Nein, ein Charakterzug durchzieht sie alle, die da mit ihren angefressenen Fingernägeln immer nur denunziatorisch in eine Richtung zeigen: Es ist die absolute Hingabe zum kriegerischen Handeln. und die beginnt und setzt sich immer wieder fort im wirtschaftlichen Handeln. Beim Wort Sanktion verfallen sie bereits in rauschhafte Zustände, den Orgasmus auslösenden Geruch von ballistischen Salven vorausahnend. Immer wieder, überall, sind sie mit Sanktionen unterwegs. Damit haben sie großes Leid über die Menschheit gebracht, jedoch nie das erreicht, was sie vorgaben, damit zu erreichen, nämlich die Verhältnisse zu verbessern. Mit ihren Sanktionen treffen sie immer diejenigen, die auf der Schattenseite leben. Dass sie alles, was sie anfassen, nur verschlimmern, setzt sich bei der sich ständigen Zuspitzung der Verhältnisse als Erkenntnis durch. 

Eine Politik ohne Selbstkritik neigt zum Sektenhaften. Gegenwärtig ist das keine Neigung, sondern eine irreversible Tendenz. Wohin das Sektenwesen führt, wissen wir alle. Deshalb ist es an der Zeit, deutlich zu machen, dass dieses ganze esoterische Gehabe, diese eindimensionale Schuldzuweisung und die Zurückweisung jeglicher Verantwortung für die Krisenhaftigkeit nichts mehr fruchten. Es lohnt sich nicht, sich über den Irrlauf der falschen Prediger zu empören. Sie sind für keine rationale Rückmeldung mehr empfänglich. 

Allen, die so verzweifelt sind, sei der Hinweis gegeben, dass sich die Abkehr von diesem System der Verantwortungsleugnung bereits vollzieht. Da helfen keine Verleumdungskampagnen und keine neuen Horrorgeschichten. Wer ein Grundrecht nach dem anderen abräumt, darf sich nicht wundern, wenn das Fass überläuft. Auch daran, das ist keine gewagte Prognose, werden wieder andere die Schuld tragen. Die Sektierer sind auf dem Vormarsch. Denn niemand ist so unfehlbar wie diejenigen, die nichts anderes kennen als ihr eigenes Versagen.

Weltlage: Brandgefahr bis Anfang November

Sicher ist nur, dass sich die Lage zuspitzt. Während hiesige Astrologen exklusiv auf die Teilmobilmachung in Russland starren und diese als Bestätigung ihrer eigenen Position der militärischen Eskalation interpretieren, sind andere Ereignisse weitaus beunruhigender. Zum einen, weil aus ihnen ein ganz anderes Desaster resultieren kann als ein konventioneller Krieg in Zentraleuropa. Zum anderen, weil die hiesigen Akteure, die sich als Bürzel zweier imperialistischer Player herauskristallisiert haben, bei dem finalen Spiel allenfalls als Objekte eine Rolle spielen.

Der eine Faktor sind die Midterm-Wahlen in den USA, die Anfang November abgehalten werden und darüber entscheiden, ob Präsident Biden noch irgend etwas wird durchsetzen können oder nicht. Sollten die Demokraten unterliegen, dann ist die Regentschaft ihres Präsidenten de facto bereits zwei Jahre vor den Präsidentschaftswahlen beendet. Um das zu verhindern, setzt die Biden-Administration auf kriegerische Eskalation. Nach dem Motto: right or wrong, my country! In Zeiten äußerer Bedrohungen setzt die Bevölkerung auf Einheit, so das Kalkül. Es ist bis Anfang November mit keinerlei De-Eskalationsversuch aus dem Weißen Haus zu rechnen. Danach schon. Aber da könnte es zu spät sein.

Denn im Oktober endet die Saison der Taifune im südchinesischen Meer. Letztere sind der Grund für die militärische Zurückhaltung Chinas nach dem Besuch von Nancy Pelosi in Taiwan. Zwar wurden die chinesischen Streitkräfte, derer es bedürfte, um nach Taiwan zu greifen, in Stellung gebracht. Doch militärische Echtzeit-Operationen sind wegen der Taifun-Saison zu riskant und nicht kalkulierbar. Im Oktober sind diese Unwägbarkeiten jedoch nicht mehr vorhanden. Also könnte eine militärische Operation Chinas durchaus stattfinden. Für diesen Fall hat Präsident Biden gestern angekündigt, dass die USA – gegen bisherige Versicherungen – militärisch antworten werde. Insgesamt sind also noch eineinhalb Monate dazu geeignet, um vor den amerikanischen Wahlen eine Eskalation im Weltmaßstab zuzulassen.

Wenn die Anzahl der Faktoren zunimmt, die einen weltweiten Konflikt befeuern können, werden die Chancen eines die Eskalation vermeidenden Krisenmanagements geringer. Das liegt zum einen an der Schwierigkeit, die verschiedenen Seiten zusammenzubringen und zum anderen an der Fähigkeit der handelnden Akteure, die besonders gefährliche Situation überhaupt erst zu identifizieren. 

Man kann davon ausgehen, dass auf Seiten der großen Player, und damit sind China, Russland und die USA gemeint, die Identifikation der Gefahrenlage durchaus stattfindet. Das Kalkül, weiter zu eskalieren, bleibt ein Kalkül, wenn niemand aus dieser Gruppe in den Wahn verfällt, eine tatsächliche Eskalation als Sieger überleben zu können. So, wie es aussieht, stehen die Verantwortlichen in diesen Ländern allesamt unter Druck: Biden in erster Linie wegen der Unfähigkeit oder dem Unwillen, vom neoliberalistischen Kurs Abstand zu nehmen und die Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts aufzuhalten, Xi Jinping wegen seines Versprechens, Taiwan zurück zu Mutter China zurückholen zu wollen und Putin wegen seiner Fehlkalkulation, die Ukraine im Spaziergang in Rossijas Schoß zu betten. 

Druck ist nicht der beste Ratgeber, wenn es darum geht, eine brenzlige Situation entschärfen zu wollen. Denn das ist in der Regel nur möglich, wenn man in der Lage ist, Zugeständnisse machen und mit ihnen leben zu können. Insofern ist die Situation so gefährlich wie nie. Dass die EU in ihrer Kreuzzugsmentalität, ihrer Selbstüberschätzung wie Machtlosigkeit in diesem Spiel keine Rolle spielt, könnte beruhigen, wenn da nicht die Bereitschaft unübersehbar wäre, durch Selbstverstümmelung das ganze Desaster noch auf die Spitze zu treiben.  

Tastes Salty… — Neue Debatte

Er strahlte er ein letztes Mal: der Glanz der Weltherrschaft, die sich in dem immer wieder von britischen Seeleuten kolportierten Satz offenbarte, den sie aussprachen, wenn sie in fremde Gewässern waren. Dann streckten sie die Hand ins Wasser und probierten das Nass. Die Antwort war immer: „Tastes salty, must be British“. Der Beitrag Tastes Salty……

Tastes Salty… — Neue Debatte