Politik: Das Glück der Eintagsfliege

Lediglich die Eintagsfliege eignet sich für eine begeisterte Zustimmung zu den Ergebnissen politischen Handelns, mit denen wir konfrontiert sind. Auch wenn es immer wieder versprochen wird, aufgearbeitet wird nichts. Keines der Desaster, deren Zeugen Menschen mit einem einigermaßen funktionierenden Langzeitgedächtnis wurden, wurde von denen, die die Verantwortung trugen, im Nachhinein einer kritischen Prüfung unterzogen. Es muss, und das sei hier ausdrücklich zugestanden, nicht unbedingt in einer Schuldzuweisung enden. Obwohl das ein in Deutschland bevorzugter Sport ist, der selbst den Fußball noch in den Schatten stellt. Ist erst einmal ein Schuldiger ausgemacht, dann ist der Fall erledigt. Und schon sind wir wieder bei der Eintagsfliege. Mit der Fähigkeit, sich einem kollektiven Lernprozess zu widmen, hat das alles nichts mehr zu tun.

Eine mittlerweile ebenfalls verschlissene Verteidigungsministerin sprach davon, man müsse das militärische Agieren in Afghanistan unbedingt evaluieren. Auch die Verantwortlichen des Corona-Managements sprachen zu Beginn der für das politische System wirkungsmächtigen Episode noch von der unbedingten Notwendigkeit, alles aufzuarbeiten, was man entschieden habe, wenn die Krise vorbei sei. Wer heute die Journale zitiert, in denen das stand, wird ad hoc des Sektierertums bezichtigt. Und auch bei der Frage der Migration wurde lange Zeit von der Notwendigkeit gesprochen, den Raum zwischen politischem Wunsch und administrativer Möglichkeit begleitend strikt auszuleuchten. Und vom Krieg in der Ukraine und den damit verbundenen Sanktionen gegen Russland soll gar nicht mehr gesprochen werden, weil sich eine Analyse erübrigt. Das Desaster bemerkt jede Bürgerin und jeder Bürger beim Einkauf des Notwendigen, während in Russland weder Mangel herrscht und die Kriegsfähigkeit in keiner Weise beeinträchtigt wurde. Dennoch wird daran festgehalten. Und von den Waffenexporten und dem auch damit verbundenen Elend im Nahen Osten schämt man sich mittlerweile sogar zu sprechen.

Wie gesagt, man kann in Krisen schlittern, vielleicht kann man sogar durch einen Moment der Unachtsamkeit in die Gesellschaft von mächtigen Delinquenten geraten – aber jede Art der eigenen Verfehlung zu leugnen und permanent auf alle anklagend zu zeigen, die nicht der Spezies der Eintagsfliege angehören, das ist wirklich starker Tobak. Angesichts der politischen Entwicklung im eigenen Land sollte man sich von der Vorstellung befreien, es könnte ja noch schlimmer kommen. Das chronische Leugnen eigenen Fehlverhaltens und eigener Fehlentscheidungen hat zu einem Vertrauensverlust in große Teile der geschäftsführenden Politik geführt.

Dieser Umstand ist die eigentliche Gefahr, die sich unter der Überschrift des Totalitarismus versammelt hat. Was ist das Wesen des Totalitarismus? Er schert sich nicht um die Interessen der unterschiedlichen Teile einer Gesellschaft, er trifft Entscheidungen, die exklusiv einer Minderheit nutzen, er duldet keinen Widerspruch und betreibt eine Hexenjagd gegen renitente Ansichten und, in seiner modernen Version, er lullt das versammelte Publikum ein und verbreitet das Bild einer heilen Welt, die von außen bedroht ist.

Man stelle sich vor, wie laut heute so mancher Taliban lacht, wenn er an die Verteidigung der Demokratie am Hindukusch denkt, man stelle sich den einen oder anderen Skandinavier vor, wie ungläubig er auf die Verwerfungen schaut, die das Corona-Management hierzulande hinterlassen hat, man möge die Gelegenheit haben, mit russischen Bürgern in einem gut bestückten Supermarkt über die Sanktionen der EU zu reden und man möge sich vorstellen, mit welchem Lächeln ein Viktor Orban die aktuellen Debatten im Bundestag bezüglich der Migrationspolitik verfolgt.

Alles richtig gemacht? Das Glück von Apologeten währt nur wenig länger als das der Eintagsfliegen. Und für die ist bei Einbruch der Dunkelheit schon wieder Schluss.

Trump/Harris und die harte Realität

Die Realität ist hart. Damit sind nicht unbedingt die Lebensumstände vieler gemeint. Noch leben wir in einem Land, in dem ein Großteil zumindest im Hinblick auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse keine Not leidet. Was eher besorgt, ist die steigende Zahl derer, bei denen es nicht mehr reicht. Es ist ein Trend. Und zwar einer, der immer stärker wird. Und betrachtet man das Referenzstück unseres Gesellschaftsmodells, die Vereinigten Staaten, dann sieht es immer trüber aus. Dort leben mittlerweile 40 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Auf der anderen Seite sind dort diejenigen versammelt, die zu den reichsten Vertretern der Gattung auf dem Planeten zählen. Bei aller ideologischen Bräsigkeit und Selbstzufriedenheit: wer das ausblendet, wacht irgendwann beim Water Boarding sozialer Revolten auf. Und wer dann in den Chor einfällt, dort randaliere der Pöbel, der hat dem wahren Pöbel zu lange die Gefolgschaft geleistet. Wer den Blick auf die Entwicklung der Besitzverhältnisse in dieser unserer Welt verloren hat und sich über russische Oligarchen als Zeichen einer systemischen Dekadenz bereit ist aufzuregen, dem sollten die Kassen auf jeden Fall eine Psychoanalyse gewährleisten.

Und nun, in dieser Gemengelage, treten in den USA zwei Kandidaten an, und, bevor die woke Community in Ohnmacht fällt, ein Kandidat und eine Kandidatin, die für bestimmte Interessen stehen, aber, und das Konstrukt bringen selbst unsere verwahrlosten Medien, die ihrerseits stramm im Harris-Lager stehen, nicht fertig, kein Kandidat wird an dem Schicksal derer, die alles verloren haben und deren Hoffnungen seit langem begraben sind, etwas zu ändern willens und in der Lage sein. Donald Trump, und selbst diese Analyse bringt hier kaum jemand fertig, ist die Option der Großmogule aus dem Silicon Valley, denen nicht nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, sondern nach billiger Energie ist. Ihre Industrie verschlingt Unmengen davon und die aus der Obama-Zeit verhängten Schürf- und Bohrverbote in Alaska sollen fallen, damit die Digitalindustrie mit billiger Energie versorgt werden kann. Und, auch diese Frage sollten sich diejenigen stellen, die meinen, auf der Karte der Demokratie stünde der Name Kamala Harris: Welche Referenzen hat sie? Auf welchem Gebiet hat sie Erfolge aufzuweisen? Oder ist sie dort, wo sie heute steht, nicht das Ergebnis einer Bedingung eines mächtigem schwarzen Lobbyisten aus South Carolina? Außer dem Confetti-Regen auf dem Zirkus-Parteitag in Chicago bleibt da nicht viel.

Aber es ist wie immer bequem, sich irgend ein Pferdchen aus einem fremden Stall, den man selbst nicht ausmisten muß, auszusuchen und ein bißchen zu setzen. Nicht viel, aber zumindest soviel, dass man sich ärgert, wenn der andere Hengst gewinnt. Aber, liebe Gemeinde, das Leben ist kein Spiel und die Wirkungsmacht, die von den USA auf unsere Gesellschaft ausgeht, konnte nicht deutlicher werden als in den letzten beiden Jahren. Böse Zungen sprechen hier von einem amerikanischen Protektorat. Wer nicht so weit gehen will, sollte zumindest die Realität anerkennen, dass nahezu jede Entwicklung, die dort stattfindet, zeitverzögert auch hier greifen wird. Bei manchen Parteien laufen auf Veranstaltungen die gekauften Confetti-Clowns bereits herum. Mit einer Politik für die Menschen, die in einem Staat leben, hat das alles nicht mehr viel zu tun. Da zocken Lobbys und der Mob schlägt die Zähne in die Wand. Die Realität ist hart. Lassen Sie sich nichts vormachen!

Multiple Krise: Wie Onan in der Wüste!

Ist die Lage brenzlig? Liest man die Gazetten und hört man sich das handelnde Personal an, dann ja. Dann ist die Lage nicht nur brenzlig, sondern brandgefährlich und prekär. Innenpolitisch wie außenpolitisch, sozial wie wirtschaftlich. Und, wenn das der Fall ist, was ist dann angeraten? Die meisten Menschen haben in ihrem Leben gelernt, dass es wichtig ist, die Ursachen einer Krise zu begreifen und sich dann – schleunigst – Gedanken darüber zu machen, wie der beklagenswerte Zustand zu überwinden ist. Im Grunde genommen handelt es sich dabei um keine Erkenntnis aus den wie auch immer gearteten Geheimwissenschaften.

Was wir erleben, ist jedoch nicht das. Keine Analyse in Bezug auf das eigene Handeln, keine Vorstellung über das Zustandekommen der vielen krisenhaften Erscheinungen, es sei denn, man bietet mit plakativen Feindbildern Ausreden für die eigenen Unterlassungen an. Denn, auch das eine Plattitüde der Geschichte, nichts entsteht ohne uns, und sei es, wir waren passiv. Wie heißt es doch so treffend? Jeder ist verantwortlich für das, was er tut, und jeder ist verantwortlich für das, was er nicht tut. Und, seien wir ehrlich, egal ob der Krieg in der Ukraine, egal ob Wählertrends im eigenen Land und egal ob der grausame Konflikt Israel/Palästina – alles war vorhersehbar und für viele, die immer noch die Verantwortung tragen, war die Option nichts zu tun besser als sich auf den dornigen Weg der Lösungsfindung zu begeben. Wer wirklich alles versucht hat, solle sich bitte melden und wir werden einen Weg finden, um ihn oder sie nach einem würdevollen Tod ins Pariser Pantheon zu bringen!

Wie sagt ein alter Freund immer in derartigen Situationen? Es ist so, wie es ist. Punkt. Zumindest ist man sich nun in den unterschiedlichsten Segmenten in Politik und Gesellschaft darüber einig, dass es nicht so weiter gehen kann, wie bisher. Aber anstatt daran zu arbeiten, wie konkret die Lösungswege aussehen, wie Menschen für sinnvolle Ziele mobilisiert werden können, ergötzt sich das ganze Konsortium und die Parteien jeglicher Couleur daran, was sie nicht machen werden und mit wem sie auf keinen Fall zusammenarbeiten werden. Das ist zwar informativ, ändert aber an der Situation nichts. Gar nichts. Sollte ein Bild gefunden werden über den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft, nach dem Verlust des äußeren wie inneren Friedens, dann ist es das von Onan in der Wüste.

Das Nichtstun und das Lamento in Abstraktionen führt nämlich zu keinem fruchtbaren Erfolg. Es ist verschwendete Energie, die gebraucht werden würde für die Erarbeitung und Formulierung ganz konkreter Ziele, von denen ein Großteil der Gesellschaft ausgehen kann, dass sie nicht nur erreichbar, sondern auch gewinnbringend sind. Dass etwas Neues entsteht, das die Menschen in der Lage ist zu mobilisieren und zu vereinen. Sollten Zeichen gesichtet werden, dass sich politische Formationen, Unternehmen oder gesellschaftliche Zusammenschlüsse auf Ziele einigen, die sie verwirklichen möchten und deren Erreichung vor allem vom eigenen Zutun abhängt, dann bitte ich darum, diese zu melden. Das wären die Keimzellen, aus denen etwas entwickelt werden kann, dass nicht nur die Krise, sondern auch die Stagnation überwinden kann.

Ja, wir befinden uns in einer multiplen Krise. Nein, wir kommen nicht heraus, wenn wir passiv bleiben und uns auf das Benennen der Sünder beschränken. Die Erkenntnis muss praktische Folgen haben.