Requisiten

Wer im Parka aus der Panzerluke emporsteigt, gilt als kompetent,

Wer mit der Aktentasche zum nächsten Termin trippelt, trägt nicht die Insignien seines Amtes, 

Wer sich wie ein Straßenschläger hinter dem Rednerpult aufbaut, den umgibt die Aura zukünftiger Macht;

Wer durch lautes Geschrei gegen Hass und Hetze angeht, dem wird Konsequenz attestiert,

Wer Gesetz und Recht verwechselt, erhält das Attribut des Verfassungsexperten,

Wer in den Talkshows seinen zweiten Wohnsitz hat, gilt als populär.

Wer auf Wiederholung setzt, glaubt, auf lange Sicht Erfolg zu haben,

Wer sich gegen den Strom stellt, den stuft man als verworren ein,

Wer mit Schautafeln ungestüm herumhantiert, bekommt didaktische Kompetenz zugesprochen und wer vor allen Mikrophonen pöbelt, gilt als Vertreter kollektiver Werte.

Wer wie ein Zensor aus der Antike über das offizielle Narrativ wacht,

Wer die Störenfriede isoliert und 

Wer das Lied der neuen Kriege singt, nennt sich nunmehr Journalist.

Die Überforderung sitzt am Hebel,

Der Argwohn macht die Musik,

Die Giftmischer besorgen das Catering 

Die Schachspieler konversieren wohl gelaunt im Hinterzimmer, 

Und der Sensenmann sitzt in der Maske.

Fundstück: Alles nach unserer Facon?

Ja, es ist hilfreich, ab und zu einen Blick in das eigene Innere zu werfen. Vor allem in einem Zeitalter, in dem bewusst und professionell unzählige Reize von außen gesetzt werden, um bestimmte Haltungen und Verhaltensweisen zu begünstigen, die nicht unbedingt der inneren Befindlichkeit und Überzeugung entsprechen. Ganze Industrien beschäftigen sich damit. Ihr Ziel ist die Manipulation, und, seien wir ehrlich, das ganze Treiben führt zu einer groß angelegten Desorientierung der immer isolierter dahin vegetierenden Individuen.

Das Plädoyer für die Introspektion entspringt der Überzeugung, dass die Stille, vielleicht auch die Einsamkeit, die beim Blick auf das eigene Ich entsteht, zu neuen Erkenntnissen führen kann. Da kann deutlich werden, wie und nach welchen Maximen man sich selbst organisiert, es kann tatsächlich dazu führen, eine Ahnung von dem zu bekommen,  was man eigentlich will und es kann zu der Erhellung führen, wo und hinter was sich die existenziellen Ängste verbergen. Wenn dem so ist, dann wäre das viel an Gewinn, sehr viel. Es kann aber auch dazu kommen, feststellen zu müssen, dass man sich gar nicht mehr auskennt und sich verloren vorkommt in dieser Welt voller Reize. Das wäre schlimm, aber eine wertvolle Erkenntnis wäre es dennoch. 

Und obwohl die Introspektion unbedingt empfohlen wird, sei darauf verwiesen, dass das Verweilen im Innern, ohne einen Abgleich mit dem zu vollziehen, was allgemein als die Außenwelt bezeichnet wird, zu schlimmen Verfehlungen führen kann. Menschen sind soziale Wesen und für sich allein ist ihre Existenz ein Nichts. Nur in Interaktion und Korrespondenz mit den anderen kann das gefunden werden, was wir Glück und Erfolg nennen. Die Wunsch nach Anerkennung und die Früchte der Kooperation sind es, die uns in unserer eigenen, individuellen Existenz ein gutes Dasein bescheren. 

Auch wenn der Gedankengang zunächst trivial erscheinen mag, so kann er, wenn man ihn mit den gegenwärtigen Zuständen in unserer Gesellschaft einmal abgleicht, zu Ergebnissen führen, die kritisch sind. Denn weder die Apotheose, d.h. die absolute Vergötterung des Individuums, noch die komplette Ausblendung der restlichen Welt sind dazu geeignet, das individuelle wie das gesellschaftlich Dasein zu gestalten. Beides führt zu Brüchen und Frustrationen. 

Die Aufgaben, die sich daraus ableiten, sind zum einen das Bewusstwerden der eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Ziele, und zum anderen die Befindlichkeit der Außenwelt. Bei letzterem ist es vor allem wichtig, sie nicht nach den eigenen Vorstellungen zu verzerren, sondern sie so zu sehen, wie sie ist. 

Unter diesem Aspekt ist es mehr als interessant, die innere Befindlichkeit unserer Gesellschaft einmal zu betrachten. Introspektion ist individuell wie gesellschaftlich groß in Mode, aber es geschieht nicht im Sinne einer Findung tatsächlicher Bedürfnisse, sondern nur unter der Maxime der größt möglichen Abgrenzung von allen anderen. Das, was das Wesen des Homo sapiens ausmacht, nämlich die Fähigkeit zur Kooperation, spielt keine große Rolle. Es handelt sich um ein Stadium der Spaltung wie Auflösung. 

Und was im Innren geschieht, vollzieht sich auch in Bezug auf die Außenwelt. Nicht wir, dieses kleine Land, nicht diese dysfunktionale EU und auch nicht das, was einst als Westen so geglänzt hat, ist repräsentativ für die Welt. Wenn man wohlwollend alles zusammenzählt, kommt man auf ein Achtel der Weltgesellschaft. Und, man verzeihe das barsche Urteil, es kommt einem so vor, als wolle dieser Teil, der mit sich selbst nicht im Reinen ist, ganz im Sinne des alten Kolonialismus die große Majorität der Menschen nach seiner Facon beglücken. 

5. Juli 2021

Friedrich Nietzsche und der Niedergang der Moral

Ein Satz, der lange Zeit in den Hintergrund getreten wahr, bringt sich wieder zur Geltung. Wo man auch hinhört, da fällt er in Gesprächen. Unabhängig davon, um was sich die Unterhaltung dreht. Wenn es um die Einstellungen von Menschen und die sehr unterschiedliche Wahrnehmung der Ereignisse geht, kann man ihn immer wieder hören: Ich kenn mich nicht mehr aus!“ Der Satz dokumentiert eine gewisse Orientierungslosigkeit. Wem oder was soll man noch glauben? Was entspricht der Realität und was nicht? Doch was als eine Überforderung einer größeren Anzahl von Individuen erscheint, ist eine untrügliche Referenz für einen weiter greifenden Umstand: Wir befinden uns in einer Zeit großer Veränderungen, wir besichtigen den Einsturz von Gewissheiten und wir erleben den Niedergang dessen, was wir über lange Zeiträume als eine Art kollektivem ethischen Kompass angesehen haben.

Vor wenigen Tagen im Bundestag: Der Kanzlerkandidat der Union für die kommenden Wahlen griff den Kanzler an, in dem er ihm vorwarf, nicht dafür zu sorgen, dass Waffen aus deutscher Produktion schnell genug in die Ukraine und nach Israel geliefert würden. Die Replik des Kanzlers war nicht eine Infragestellung einer derartigen Vision von Außenpolitik, sondern er unterstellte der in allen Aspekten als Retro-Modell des Neoliberalismus zu klassifizierenden Figur, sie irre sich, alles geschehe so schnell, wie möglich. 

Dieser kurze Dialog offenbarte das Desaster unserer Tage. Zusammengefasst kann gesagt werden, dass das Konfliktmanagement der gegenwärtigen Politik exklusiv aus Eskalationsmodellen von Gewalt besteht.  Und das Selbstzerstörerische daran ist die Tatsache, dass man es in allen Belangen und immer wieder fertig bringt, die Anwendung von Gewalt moralisch zu begründen. Der erste diabolische Prophet dieser sektiererischeren Politik war vor zwanzig Jahren ein grüner Außenminister. Und was damals als moralisch einwandfrei begründete Zerschlagung Jugoslawiens angesehen wurde, hat, politisch-ideologisch, bis heute Schule gemacht. Und das Handeln der Musterschüler kann man heute täglich mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen. Die Werte, um die es in den Wonnestunden der bürgerlichen Demokratie einmal ging, sind heute Hauptmotive für Krieg und Gewalt.

Genau das ist der Zustand, der den Philosophen Friedrich Nietzsche zu seinem Werk „Zur Genealogie der Moral“ bewegte und der den Krisenzustand von Gesellschaften, deren moralische Substanz verloren gegangen war, mit dem Kampfruf zur „Umkehrung aller Werte“ begegnete. Wenn wir uns die heutigen Zustände genauer ansehen, dann könnten sie die Vorlage für Nietzsches Ausführungen und Schlussfolgerungen gewesen sein. Die Werte haben ihre ethische Substanz verloren, die Moral hat sich an Waffengeschäften abgearbeitet. Wer Krieg und Gewalt mit Moral legitimieren will, so könnte man in der heutigen Diktion sagen, der hat fertig. 

Und hören Sie genau zu, lesen Sie akribisch Zeitung! Genau so ist es. Was als gesellschaftlicher Konsens allenthalben gepriesen wird, ist ein Offenbarungseid kollektiver Ethik. Marodieren ist nun einmal keine Tugend.

Und Nietzsche, der seinerseits schon fest in den Schubladen einer mehr als hirnrissigen historischen Bewertung steckt, hatte gar nicht so Unrecht, wenn er schrieb:

„Unterschätzen wir dies nicht: wir selbst, wir freien Geister, sind bereits eine ‚Umwertung aller Werthe‘, eine leibhafte Kriegs- und Siegs-Erklärung an alle alten Begriffe von ‚wahr‘ und ‚unwahr‘“ (Der Antichrist, KSA 6 179)

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr muss ich ihm recht geben.