Ostenmauer – 75. Das Ei des Kolumbus

Ja, wir leben in unruhigen Zeiten. Und ja, viele Menschen fühlen sich verunsichert. In unzähligen Gesprächen, egal, wo sie geführt werden, ob im Büro oder morgens beim Bäcker, ob in der Straßenbahn oder abends mit Freunden, immer mehr wird der Wille deutlich, dass etwas geschehen muss, um das destruktive Treiben derer, die die Macht haben, durch Wille und Vernunft zu beenden. Warten, dass ist der Tenor, Warten ist keine Alternative. Wenn gewartet wird, dann kommen andere, die vorgeben, Lösungen parat zu haben. Was daraus wird, hat die Geschichte gezeigt. Insofern ist die positive Botschaft dieser Tage, dass sich immer mehr Menschen darüber im Klaren sind, dass sie etwas machen müssen, um die Verhältnisse zu ändern.

Die negative Nachricht kann jedoch nicht unterschlagen werden. Immer mehr von denen, die bereit wären, etwas zu tun, beklagen die Wirre im Kopf, wenn es darum geht, herauszufinden, was richtig und falsch ist. Sie beklagen, die Orientierung verloren zu haben. Es ist ein Massenphänomen, das zurückzuführen ist auf die heiße Schlacht um die Wahrheit, die nicht selten endet in einem Duell beiderseitiger Fake News. Da ist guter Rat teuer. Deshalb ist ein Anliegen, auf Narrative zu verweisen, die jeder kennt und die deutlich machen, dass es gut ist, dem eigenen Verstand und der eigenen Erfahrung zu trauen und daraus die entsprechenden Schlüsse und Entscheidungen abzuleiten.

Als kleines Beispiel soll das berühmte Ei des Kolumbus gelten. Was war da noch geschehen?

Als Kolumbus mit seiner ramponierten Flotte zurückkam von der Entdeckung der Neuen Welt, löste das selbstverständlich großes Aufsehen aus. Auf einem der vielen Bankette, auf denen sich Kolumbus zeigen musste, stellte ihn der berühmte und berüchtigte Kardinal Mendoza zur Rede. Man bedenke, diese Begebenheit spielte im Jahr 1493 und es war bei weiten nicht die Geburtsstunde der Aufklärung im Land. „Wenn ich dich so reden und erzählen höre“, so richtete Kardinal Mendoza sein Wort direkt an Kolumbus, „so komme ich zu der Auffassung, dass deine Reise, die du so herausstreichst, von einem jeden hier im Saale hätte gemacht werden können!“

Christoph Kolumbus forderte in seiner Replik die gesamte Tischrunde auf, doch bitte ein Ei mit der Spitze nach unten zum Stehen zu bringen. Zwar etwas verwirrt, aber dennoch begann gleich der Versuch eines jeden, der Aufforderung nachzukommen. Logischer wie bekannter Weise scheiterten die Versammelten allesamt. Dann nahm Kolumbus ein Ei und schlug es mit der Spitze nach unten leicht auf die Tafel, so dass es zum Stehen kam. Und noch während die Runde, allen voran Kardinal Mendoza, begann, gegen die Methode des Kolumbus zu protestieren, sendete er ihnen die Botschaft, um die es ihm ging: „Ihr sagt, so hättet ihr es machen können, ich aber habe es getan!“

Das Narrativ, das sich seit einem halben Jahrtausend hält, stellt heraus, dass es darum geht, den eigenen Verstand zu benutzen und bereit zu sein, pragmatisch das zu tun, von dem man überzeugt ist und dass es zum Ziel führt. Ein sehr einfacher Sachverhalt, der besonders in Zeiten der ideologischen Verkomplizierung des Lebens von besonderem Wert ist. Bitte denkt an das Ei des Kolumbus, wenn sich die nächste Gelegenheit bietet, etwas zu tun, das vernünftig ist und etwas Courage erfordert. Ihr werdet neue Kontinente entdecken!

Das Ei des Kolumbus

Rüstung: In dulci jubilo!

Irgend etwas scheint nicht zu stimmen mit der aktuell verbreiteten These, man habe keinen Blick auf die Geschichte. Bei der Frage, ob etwas daraus gelernt wurde, mögen die Zweifel zumeist zutreffen, allerdings sind in Phasen großer Veränderungen die Blicke immer auf die Geschichte gerichtet. Da versucht man zumeist, historische Vorbilder zu finden, die das eigene Handeln erklären oder sogar legitimieren. Immer lauert irgendwo die Antike, oder irgend eine Revolution oder sogar ein Denker, der das, was viele Menschen an der momentanen Situation so verunsichert, erklären kann. 

Und tatsächlich: die Beispiele sind zahlreich, in denen in der Geschichte man davon sprechen konnte, dass, wenn Herrschaftsformen und deren Akteure sprichwörtlich mit ihrem Latein am Ende waren, man zu den Waffen griff, um dem semantischen Elend zu entkommen und erst einmal Tabula rasa zu machen. Koste es, was es wolle. Weil den Preis in der Regel andere zahlen müssen als diejenigen, denen nichts anderes mehr als Krieg und Zerstörung einfällt.

Das schwedische Institut SIPRI, unabhängig und international anerkannt, veröffentlichte jetzt die Erfassung der Militär relevanten Zahlen für das Kalenderjahr 2024. Daraus geht hervor, dass in diesem Jahr global 2,7 Billionen US Dollar für Militär ausgegeben wurden. Aktueller Anlass seien verschiedene Kriege, vor allem der in der Ukraine und der in Gaza, die dafür verantwortlich seien. Ca. 60 Prozent der weltweiten Militärausgaben wurden von den USA, China, Russland, Deutschland und Indien getätigt. Zum Vergleich: bei der jüngst im brasilianischen Belem abgehaltenen Klimakonferenz wurden weltweit Ausgaben von ca. 100 Milliarden zum Schutz von Mensch und Natur beschlossen. Wer die Relation vor Augen hat, weiß, wo die Prioritäten liegen. Kein Wunder, dass die Analyse von SIPRI mit der Feststellung endet, dass durch die Aufrüstungsspirale langfristig die globale Sicherheitslage instabiler werden wird.

Die einzigen, die sich über diese Entwicklung erfreuen können, sind die Rüstungsunternehmen, die wohlweislich einige der ideologisch wildesten Kriegstreiber bereits auf ihren Zuwendungszetteln haben. Dort singt man in der Vorweihnachtszeit nun das „In dulci jubilo“ , man befindet sich in süßer Freude angesichts der Mut- und Ratlosigkeit der politischen Klassen in der sich veränderten Weltlage.

Bei dieser Anlehnung an die Geschichte drängst sich noch der nichts beschönigende Satz Bert Brechts auf, in dem es hieß:

„Das große Kathargo führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr zu finden.“

Mit einem Blick auf die politischen Klassen, die sich an diesem Wettlauf beteiligen und deren Perspektive sich in einer illusionären Machtfrage auflöst, sei an die wachsende Instabilität der jeweiligen Ordnungen erinnert, sofern sich die Menschen, die als Kanonenfutter bereits einkalkuliert sind, der Lage bewusst werden. Dann kann dieser falsche Rekurs auf die Geschichte auch noch zu einem richtigen werden. Dann brechen die trotz aller Waffenstarre fragilen Gebilde zusammen wie die sprichwörtlichen Kartenhäuser. Manchmal fehlt ein Wimpernschlag, um die Verhältnisse umzukehren und dem Fiasko ein Ende zu bereiten. 

Und schon sind die unzählig oft Enttäuschten zu hören, die da rufen werden: schön geträumt! Mir fällt in solchen Situationen immer der Satz einer alten Partisanin ein, die als junge Frau dabei war, als ihr Land von fremder Herrschaft befreit wurde: „You never know where the ball rolls!“ 

Rüstung: In dulci jubilo!

Eisberge können warten!

So, wie es aussieht, wird es nicht mehr lange so weiter gehen können, wie bisher. Obwohl das bereits ein erreichter Zustand ist. Denn, so, wie es einmal war, ist es schon heute nicht mehr. Alles befindet sich im Fluss, um nicht gleich in eine Untergangsphantasie abzugleiten. Und dennoch sprechen alle Daten für eine verheerende Bilanz. 

Die Ökonomie funktioniert nicht mehr so, wie bisher, die alten Wege führen in die Krise und die neuen sind noch nicht etabliert. Die Ergebnisse der Bildungsanstrengungen haben als Resultat, das überall Fachpersonal fehlt. Das Gesundheitswesen geht trotz hoher Beiträge der Versicherten genauso in die Knie wie die Rentenversicherung. Die Infrastruktur leidet unter jahrzehntelanger Vernachlässigung, die Bundesbahn ist zu einer allgemeinen Metapher für staatliches Versagen avanciert, die Außenpolitik kennt nur noch Konfrontation, die Freiheit wurde durch eine Inflation von Regelungen ersetzt, für die es große Sträuße von Sanktionen gibt, der Kulturbereich mausert sich zunehmend zu einem affirmativen Staatszirkus und das politische System bringt systematisch Volksvertreter hervor, die sich nicht um den Willen der Auftraggeber scheren.

Da muss man schon tief durchatmen, um den Überblick zu bewahren. Hinzu kommt, das alles, womit das staunende Publikum in großem Umfang und auf allen Kanälen konfrontiert wird, angesichts der eigentlichen To-Do-Liste nicht überzeugen kann. Mit Demagogenrhetorik, Symbolpolitik und der serienmäßigen Produktion von Feindbildern ist es nicht getan. Das wissen alle. Und daher drängt sich der Verdacht auf, dass als Konsequenz zunächst, aus bloßer Ohnmacht, eine andere Erscheinung unseren Alltag prägen wird.

Es handelt sich um die mehr und mehr um sich greifende Überzeugung, dass wir in einem Tollhaus leben. Ja, der Wunsch nach einem tatsächlichen Tollhaus nimmt zunehmend den Charakter einer Sucht an. Da darf abgesondert werden, was das Zeug hält. Niemand ist verantwortlich für das, was er von sich gibt. Keine legale, keine ethische, keine moralische und keine zivilisatorische Kategorie hat noch Bestand, wenn es darum geht, sich in der einen oder anderen Weise zu profilieren. Die Gewissheit, dass jede intellektuell wie auch immer abseitige oder stinkende Absonderung aufgegriffen werden wird und sich dann zwei Lager bilden, die sich jenseits aller guten Sitten darüber streiten, ob es sich dabei um ein edles Gut oder widerlichen Unrat handelt. Das Spiel erregt, das Spiel verschafft Erleichterung, aber das Spiel löst die Probleme nicht. Und bei manchen keimt sogar der Wunsch auf, regelrechten Berserkern die Regie zu überlassen, um die Kuriosität der Situation zu illustrieren.

Noch sitzen alle am Spieltisch, mitten im Gesellschaftsraum eines Tollhauses, das anmutet, als sei es auf der berüchtigten Titanic angesiedelt. Bleibt abzuwarten, wie lange dieser Zustand noch subjektive Entlastung bietet. Eisberge können bekanntlich warten, falsche Kurse können korrigiert werden.  Ob das gelingt, steht wiederum in den Sternen. Gut, wer mit sich im Reinen ist und auf keine fremde Hilfe mehr hofft. 

Eisberge können warten!