Ostenmauer – 3. Das Leben ist kein Strich

Ich weiß nicht, wie lange ich gejammert habe. Ich weiß nicht einmal, ob ich gejammert habe. Oft habe ich geklagt, ja. Über meine Kindheit. Über mein Schicksal. Über meine Verhältnisse. Mal habe ich daraus eine Tugend gemacht, mal habe ich meine Unentschlossenheit und meine Wut damit entschuldigt. Was ich weiß, ist, dass ich irgendwann damit Schluss gemacht habe. Und zwar in dem Augenblick, als man mir Verantwortung gab. Verantwortung für andere. Da war der morbide Selbstzweifel gebannt. Dann ging es bergauf. Daher weiß ich heute kaum noch, wie die lange Zeit vor dem Tag aussah. Ab diesem Tag, als ich das Heft in die Hand nehmen durfte, galt für mich der Satz aus Jean Paul Sartres Werk „Das Sein und das Nichts“: „Die Existenz ist etwas zu Leistendes!“ Der Satz hat für mich bis heute Geltung. Alles andere halte ich für Unsinn. Das Reklamieren des bloßen Seins, das heute so sehr in Mode gekommen ist, erinnert mich an die alten Zeiten, in denen ich mehr gelitten als genossen habe. Daraus kann nichts Gutes erwachsen. Da liegt etwas im Verborgenen. Und, ehrlich gesagt, da soll es auch bleiben. Denen, die mir das Vertrauen schenkten und mir die Macht gaben, in die Verantwortung zu gehen, bleibe ich bis ans Ende meiner Tage zu Dankbarkeit verpflichtet. Egal, wie sie sich auch entwickelt haben. Das Leben ist kein Strich. Und die, die auch in schlechten Zeiten den Glauben an mich nicht verloren haben, bleiben meine Sterne am Himmel. Die Grundform allen Daseins ist die Bewegung. Amen.

Ostenmauer – 2. Der rote Zar

Oft ist nicht die Frage interessant, ob uns eine Erinnerung einholt, sondern, warum sie ausgerechnet zu einem bestimmten Zeitpunkt auftaucht. Diese Frage werde ich beantworten müssen und auch wollen, aber sie geht nur mich etwas an. Die Erinnerung selbst ist es wert, erzählt zu werden. 

Es handelt sich um eine Frau, die in ihrer Zeit Furore machte und die viele Menschen durch ihr Tun und Handeln geprägt hat. Geboren wurde sie Ende des neunzehnten Jahrhunderts in einer kleinen Industriestadt an der Schnittstelle zwischen Ruhrgebiet und Münsterland. Sie heiratete, wie das in der Zeit und der vom Katholizismus geprägten Gegend üblich war, früh. Ihr Mann war ein Kaufmann, der sehr jung ein damals so genanntes Kolonialwarengeschäft aufgemacht hatte. Dort gab es neben den westfälischen Kartoffeln und Rüben Nüsse und besondere Obstsorten. Der Mann der jungen Frau, die auf den Namen Maria hörte, gehörte zu denen, die in dem kleinen Städtchen die Sozialdemokratische Partei Deutschlands gegründet hatten. Das war, zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Provinz, ein schweres Vergehen. Als dann 1914 ganz Europa von denen, die das Treiben des jungen Kolonialwarenhändlers nicht mochten, in den Krieg geritten wurde, bekam der sofort einen Stellungsbefehl. Ihm erging es nicht anders als vielen anderen, die seine Auffassung teilten. Sie steckten ihn sofort in Todeskommandos in die erste Frontreihe und nur kurze Zeit nach Kriegsbeginn bekam Maria die Nachricht, dass sie jetzt Witwe sei.

Maria ging zu diesem Zeitpunkt mit einem zweiten Kind schwanger. Eine Tochter war bereits geboren und der Sohn, der es dann wurde, sollte seinen Vater nie kennen lernen. Maria war eine starke Frau. Sie übernahm den Kolonialwarenladen in eigener Regie, was das gesamte Umfeld in helle Panik versetzte. Eine Frau ist kein Geschäftsmann, hieß es. Sie ließ sich nicht beirren, führte den Laden mit eiserner Hand und behauptete sich gegen eine von Männern dominierte Welt. Wenige Jahre nach der Geburt des zweiten Kindes, einem Sohn, heiratete sie wieder und bekam noch einmal zwei Kinder. Der Glaube, in dem sie tief ruhte, gab ihr Kraft und Vertrauen, Pfarrer, die auf sie einredeten, sie dürfe so nicht leben, schmiss sie kurzerhand auf die Straße. Legendär waren ihre Auftritte auf den Hamburger Märkten, zu denen sie fuhr, um für ihr Geschäft die Überseeware einzukaufen. Auf diesem Pflaster des Männermonopols schlug sie auf, feilschte wie ein alter Fuchs und kaufte sich windige Zeitgenossen. Schon bald kannten alle die Maria aus dem Münsterland, wie sie dort genannt wurde, und so manch einer war sogar enttäuscht, wenn er sie nicht traf. Sie galt als Attraktion.

Als sich die Nacht über dem ganzen Land ausbreitete, war es für Maria keine Frage, dass sie, als die Verfolgungen zur Tagesroutine wurden, den jüdischen Viehhändler, den alle im Beinamen Männken nannten, über den ganzen Krieg mit Lebensmitteln belieferte, die sie selber zu dem Bauern brachte, der ihn versteckte, da sie nicht wollte, dass andere der Gefahr des Erwischtwerdens ausgesetzt würden. Als der Krieg vorbei war und Männken, der später ein bekannter und bedeutender Mann wurde, sich bei ihr bedanken wollte, antwortete sie nur „Dummes Zeug“ und beendete das Gespräch.

Maria und ihre Stadt überlebten die Nazis wie den Krieg, während dessen sie den Bergarbeiterfamilien mit Lebensmitteln half, deren Männer wegen ihrer politischen Überzeugungen von den berüchtigten LKWs im Morgengrauen abgeholt worden waren. Mittlerweile war Maria eine respektable Person geworden, die auch physisch durch ihre Größe und ihre tiefe Stimme beeindruckte. Wegen ihrer Eigenschaften, dem Glauben an einen Gott, dem Herzen, das links schlug und der Existenz als Geschäftsfrau und wegen ihres Auftretens, das mit fortschreitendem Alter noch ein breiter Pelzkragen und ein Stock mit einem mächtigen Silberknauf krönte, wurde sie im Volksmund der rote Zar genant.

So ist sie auch mir in Erinnerung geblieben. Ich lernte sie als bereits betagte Frau kennen, die in einem Sessel saß, sich auf den mächtigen Stock stützte und mit allen, die sie besuchten, über Politik diskutierte. Seitdem sie die Geschäfte abgegeben hatte, las sie die Zeitungen und Bücher und war bestens über alles informiert. Sie wurde zu einer politischen Enzyklopädie und vertrat mit einer ungeheuren Dynamik ihre politischen Ansichten, die immer links blieben, aber stets das Dogma mieden. Im Zentrum ihres Lebens stand die Menschlichkeit, zu der sie sich gegen alle Widerstände bekannte. Als sie merkte, dass es ans Sterben ging, rief sie nach dem Pfarrer und  beorderte die gesamte Familie an ihr Bett. Bevor sie sich die letzte Ölung geben ließ, rief sie diejenigen, die aufschluchzten, zur Ordnung und verwies auf die Vergänglichkeit eines jeden. Dann forderte sie alle auf, das Lied „Maria, breit den Mantel aus“ zu singen. Danach empfing sie den Segen und starb. Der rote Zar war tot. Der rote Zar war eine Frau. 

Ein Wunsch für das Neue Jahr: Montaigne und die Grundrechenarten

Der Zuspruch, den man erhält, wenn bei Neujahrsgrüßen der Wunsch formuliert wird, dass man sich vorgenommen hat, sich emotional mehr zurücknehmen zu wollen, wenn es um den politischen Diskurs geht, ist groß. Und es ist kein Geheimnis, dass alle, die sich in die Erregungsspirale begeben haben, sehr schnell von dem unwürdigen Spiel erschöpft sind. Reden wir hier nicht von Schuld. Das macht keinen Sinn, denn die Suche danach ist bereits Treibstoff für die erbärmliche Qualität, in die wir uns immer wieder hinein weben, wenn es um die Sache der Allgemeinheit geht. Schuld, Feindbilder, die Taten oder die Dummheit anderer entstammen einer Vorstellung, die mit den kausalen Zusammenhängen auf Kriegsfuß steht. Denn nichts, was geschieht, kommt ohne uns zustande. Das kluge Wort, das dem französischen Skeptiker, Philosophen und Essayisten Michel de Montaigne zugeschrieben wird, dass nämlich jedes Individuum für das verantwortlich ist, was es tut und auch für das, was es unterlässt, kann, einmal beherzigt, einen Korridor Richtung Befriedung und Versachlichung öffnen.

Grundsätzliche Voraussetzung für ein Ende, oder zumindest ein Eindämmen des lauten, von Gefühlsregungen getriebenen Geschreis ist der Wille, dieses auch zu tun. Eine besondere Verantwortung kommt dabei denen zu, die als Regisseure und Chronisten des Geschehens gelten. Aber, das sollte allen klar sein: sie allein werden es nicht bewerkstelligen können, wenn der emotionale Klamauk immer wieder Erfolge zeitigt. Wenn das Gejohle die Suche nach Ursachen für Probleme verhindert, wenn das eigene Tun oder Nicht-Tun in keinen Zusammenhang zu den Taten anderer gestellt wird und wenn die Zuspruch erhalten, die sich am beschämendsten benehmen.

Die Reziprozität von eigenem Handeln und den Taten anderer setzt etwas voraus, das der Volksmund, den es trotz aller verbalen Bombenangriffe immer noch gibt, mit den Bildern über die Grundrechenarten beschreibt. Man muss schon in der Lage sein, heißt es dort, 1 und 1 zusammenzählen zu können, oder in ähnlichem Kontext, man sollte schon bis 3 zählen können. Es wäre schön, wenn es gelänge, diese Betrachtung in den Diskurs um das eigene Tun und das der anderen mit einzubeziehen. 

Als didaktischer Wink seien Beispiele erlaubt, die es verdeutlichen. Wenn man eigene Kriegsschiffe vor die Küsten anderer, entfernter Länder schickt, sollte es keine Überraschung sein, dass in den lokalen Meeren Schiffe aus eben diesen Regionen auftauchen. Wenn man sich seinerseits aktiv und massiv in Wahlkämpfe anderer Länder einmischt und dabei Partei ergreift, darf man sich nicht wundern, dass so etwas plötzlich im eigenen Wahlkampf von außen ebenso passiert. Wenn man Drohneneinsätze, bei denen regelmäßig Zivilisten in anderen Ländern umgebracht werden, vom eigenen Territorium aus duldet, sollte man nicht entsetzt sein, wenn der Terror im eigenen Land ebensolche Formen annimmt. Wer selbst mit Schutzzöllen und Subventionen in erheblichem Ausmaß agiert, darf sich nicht beklagen, wenn die globalen Counterparts ähnlichen Ideen verfallen. Und wer es zulässt, dass man systematisch und regelmäßig andere Länder anklagt, sollte nicht überrascht sein, dass Produkte aus dem eigenen Land dort keinen Markt mehr finden. Wer Respekt einfordert, sollte ihn auch zollen.

Die Liste ließe sich fortschreiben, sie findet kein Ende. Wenn wir wirklich aus der Spirale der Verhetzung herauswollen, sollten wir mit Montaigne beginnen: Jeder ist verantwortlich für das, was er tut und für das, was er unterlässt.