Archiv der Kategorie: short stories

Bankrott bei vollen Büchern

Einer von jenen Menschen, von denen man glaubt, dass sie eigentlich schon auf dem berühmten Elefantenfriedhof lägen, tauchte vor kurzem auf und erzählte aus seinem bewegten Leben als Großmogul des Wirtschaftslebens. Seine hohe Zeit war in jenen Tagen, als die Börsenberichte noch mit Phrasen wie „Stahl und Eisen gut behauptet“ begannen und sich eine Zeit dem Ende zuwandte, von der niemand glauben wollte, dass sie je zu Ende gehen könne. Und um diese eine, große Geschichte, den Aufstieg, die Blüte und den Untergang von Kohle, Stahl und Eisen, um diese Geschichte geht es immer, wenn dieser alte Mann auftaucht, denn seine Geschichten klingen wie die aus einer anderen Welt und er kann sie auch brillant erzählen, mit Formulierungen, die heute kaum noch jemand kennt und mit richtig starken Bildern.

Dieses Mal erzählte er von einem jener großen Unternehmen, die tief im Westen existierten und in der ewigen, goldenen Abendsonne zu liegen schienen. Der Greis erzählte, dass die Bücher wie immer voll mit lukrativen Aufträgen gewesen seien, aber dennoch sei plötzlich eine Entwicklung eingetreten, mit der niemand gerechnet hätte. Trotz der Aufträge und trotz des Betriebsvermögens, trotz mangelnder Schulden und mit ausreichendem und gutem  Personal, und obwohl auch kein Krieg vor der Tür stand und mit seiner morbiden Hand um Einlass klopfte: Die weit über die Grenzen hinaus bekannte Firma starb den Sekundentod. Was blieb, das waren traumatisierte Menschen und eine Region, die vor sich hin faulte wie ein angeschwemmter toter Fisch.

Auf die fragenden Blicke seines Publikums hin grinste der einstige Großmogul und bat wortlos um einen Carajillo, einen Espresso mit einem Schüsschen Rum, wie er zu sagen pflegte, um sich dabei ein kleines Zigärrchen anzuzünden. Erst als der Duft von bitterem Kaffee und süßem Rum sich zu mischen begann, erzählte er weiter und berichtete von den Archäologen des Bankrotts, wie er die Wirtschaftswissenschaftler verächtlich zu nennen pflegte. Diese hatten nämlich herausgefunden, dass der Ruin des einst glänzenden Unternehmens quasi stattfinden musste, als sei das Ganze von langer Hand geplant gewesen. Und gerne ging er auf die fragenden Blicke ein.

Ja, krächzte der alte Großmogul, da war unter der Oberfläche einiges in Bewegung geraten, und zwar nicht zum Guten. Da war ewig nichts mehr in die Entwicklung investiert worden, man schien an zeitlose Dominanz ohne Erneuerung zu glauben. Folglich hatte man gespart und nicht investiert. Man hatte die Käufer in Abhängigkeit gebracht und ihre Einnahmequellen ihrerseits neutralisiert. Dass das deren Kaufkraft zerstören würde, wurde den vom Erfolg besoffenen Planern im eigenen Hause erst viel zu spät bewusst. Dann hatte man die Loyalität der eigenen Belegschaft nachhaltig – und bei diesem Wort wieherte der Alte luziferisch im Greisendiskant vor Vergnügen – dadurch zerstört, dass man durch Massenimport konkurrierender Arbeitskräfte den Preis auf ein unerträgliches Maß nach unten getrieben hatte. Und zu guter Letzt hatte man völlig verschlafen, dass die Konkurrenz die Kralle auf die eigene Energieversorgung gelegt und die Preise marktatypisch nach oben gejagt hatte.

So einfach kann es kommen, so der alte Großmogul, kein Reich währt ewig und nichts schmeckt bitterer als der Untergang. Dann leckte er das Tässchen aus, in dem der gesüßte Carajillo gewesen war und bat um einen zweiten, der ihm nicht verwehrt wurde. Denn alle wussten, wenn er erzählte, dann konnten sie von ihm lernen. Mehr als in den Büchern stand, denn er hatte das alles erlebt, er hatte die Helden der Geschichten weinen sehen, wenn sie den Himmel stürmten, vor Freude, und er hatte sie weinen sehen, als sie in den Abgrund stürzten, vor Trauer. Er selbst, der das ganze Gold und den ganzen Dreck überlebt hatte, ihm blieb der ganze Film, den  er immer wieder, episodisch, neu erzählte. Mit kräftigen Worten, mit wunderbaren Anekdoten und dabei vermittelte er immer wieder die Gewissheit, dass es auch Metaphern sein konnten auf die Gegenwart. Das war es, was alle in seinen Bann schloss. Das war sein Geheimnis.

Heute Morgen beim Bäcker

Der an der Ecke. Der Große. Dort, wohin sie alle kommen aus dem Viertel. Ganz früh, wenn die Welt erwacht. An der Theke standen wir wieder in Dreierreihen, hinter mir der emeritierte Professor, Politologe, der mit einer Intellektuellenbrille aus den siebziger Jahren jedes Mal die Welt erklärt. Diesmal ist es die Akzeleration der Prozesse. Ihm muss man zugutehalten, dass er seine wie Tiraden vorgetragenen Kurzvorträge stets in der zweiten Sequenz ins Deutsche übersetzt, die Beschleunigung scheint mir das Problem zu sein, der Mensch hört in immer kürzeren Abständen etwas für ihn Neues und er verliert damit Sicherheiten. Was, wie immer, zu einer Reaktion führt, die ein Partikel des Gesagten aufgreift, um die eigene Befindlichkeit zum Besten zu geben.

Diesmal ist es der Mann aus dem Maghreb, von dem niemand weiß, wovon er lebt, der jeden Tag gefühlte Stunden vor der Bäckerei mit seinem kleinen weißen Hundemischling, dem Puppenfänger, sitzt, Kaffee trinkt und raucht und der über alles Bescheid weiß, was im Viertel geschieht. C´est un monde fou, das hältst du nicht mehr aus, das schießt so ein Irrer auf den Champs Elysees herum, kurz vor der Wahl, Mon Dieu, als hätte Le Pen diese Amokbirne bestellt.

Worauf der Handwerker im Blaumann, dem die Bedienung gerade ein Laugehörnchen mit Butter beschmiert, die Worte heraustrommelt, über die jeder Dialekt verfügt, wenn es um den Fluch des Daseins und die Unlust mit dem eigenen Moment geht. Die Le Pens, die haben wir hier auch, und die Mohammeds, die sich den Sprengstoff in den Tornister stecken auch. Irgendwann gehst du in den Park und willst die Schwäne füttern und dann ballert dich so ein Irrer weg und du liegst im ungemachten Federbett.

Der Senior vom Fache der Politologie ergreift wieder das Wort und stellt klar, dass die Überforderung des Individuums mit schlechten Nachrichten nicht mit einer Verschärfung staatlicher Ordnung abzuwehren sei. Da pflichtet ihm der Mann aus dem Maghreb bei und raunt etwas vom Sonnenaufgang für die Faschisten, was der Professor geflissentlich überhört. Neben mir steht eine junge Frau, die vom Joggen kommt und Kopfhörer aufhat, die  die Konversation von ihr fernhalten und sie stattdessen mit coolen Rhythmen versorgt, durch die sie ziemlich unvermittelt ihre Bestellung mitteilt, ich hätte gerne zwei Seelen!

Ja, sagt da die Rentnerin, die bis jetzt geschwiegen hatte, du hättest sie gerne, Schätzchen, aber wenn du das Leben erst richtig kennst, dann wünschst du dir, du hättest sie nicht. Das Bonmot belustigt alle, denn es geht natürlich um kleine, mit Salz und Kümmel bestreute Weißbrote, die unter dem poetischen Namen der Seele verkauft werden und immer wieder dazu inspirieren, damit zu spielen.

Jedenfalls, so der Gelehrte, geht es nicht um Ordnung, sondern um die Fähigkeit des Einzelnen, mit der Information über Unordnung – wo auch immer – umgehen zu können. Vielleicht sollten wir uns selbst beschränken und nicht alles wissen wollen. Das machte uns dann auch nicht so verrückt. Tote bei einem Erdrutsch in China, Opfer der Tsetsefliege in Afrika, Mafiakämpfe in Mexiko oder Massenproteste in Venezuela. Es hängt zwar alles mit allem zusammen, aber brauchen wir die Information tatsächlich aus dem Kanal für alle? Könnten wir nicht sagen, in den Nachrichten kommen nicht mehr  die Katastrophen von überall aus der Welt, sondern nur noch das, was uns direkt betrifft.

Das ist ganz schön schwer, ruft da der Blaumann. Die wählen doch jetzt nur das aus, was sie wollen. Das wird in Zukunft auch nicht anders sein. Nimmt dann aber sein Laugehörnchen und einen  warmen Fleischkäse und drückt sich aus dem Laden. Auch die stoisch wirkende Joggerin verlässt mit einem unempathischen Lächeln und ihren zwei Seelen das Lokal. Zumindest diese Formation löst sich nun auf. Der Professor wirsch harsch durch die resolute Geschäftsführerin nach seinen Wünschen gefragt, denn sie orientiert sich an Verkaufszahlen und reibungslosem Ablauf und nicht an morgendlicher Reflexion des Weltgeschehens. Und schon schleicht der kluge Mann mit zwei Mittagssemmeln die dreistufige Treppe herunter und muss sich dabei an einer korpulenten Frau vorbeidrücken, die bereits einen Piccolo unter dem Arm hält und schon beim Hereinkommen nach einem Brötchen mit Fleischsalat verlangt.

Meine Bestellung trage ich auch schon mit mir heraus. Ich biege rechts ab, habe ein Walnussbrot und zwei Winzerbrötchen in der Tasche und einen Blitzdiskurs über die vermeintliche Notwenigkeit einer Selbstzensur zum Schutze der Demokratie hinter mir. Ein Podcast beim Bäcker. Solange die unmittelbare Wahrnehmung noch funktioniert.

Die Reise in die große, weite Welt. Eine Weihnachtsgeschichte

Was waren jene Jahre, in denen uns Selbstständigkeit und Selbstbestimmung alles galten. Wir hatten uns von allem entnabelt, was als traditionelle Struktur galt. Das Leben war schnell, voller Rausch und Phantasie und es schien keine Grenzen zu geben. Jeder Tag war ein neues Experiment, an dem kein Risiko zu groß sein konnte. Viele aus diesen Zeiten versanken in der Geschichtslosigkeit oder sie endeten auch als ganz schnöde Fossile dieser Zeit. Sie blieben plötzlich stehen und stellten sich keiner Veränderung mehr, die von außen kam. Manche hielten mit und drehten irgendwann am ganz großen Rad, und andere wiederum verglommen wie tragische Sterne. So ist das Leben, könnte gesagt werden, wenn es nicht immer auch noch andere Optionen gäbe.

Ein Ereignis jedoch, in dieser Zeit der scheinbar unbegrenzten Freiheit, war Weihnachten. Da wurden die größten Schwärmer plötzlich sentimental und fuhren zu ihren Familien, andere lachten sie aus, taten das nicht und heulten irgendwo in der Dunkelheit und versteckten sich. Manche wiederum machten einfach ihr Ding. Den Deutschen wird ein besonderes, ein sentimentales Verhältnis zu Weihnachten nachgesagt, was zweifelsohne stimmt. Was dazu beigetragen hat, weiß ich nicht, aber mir war es relativ egal. So kam es, dass ich nach einer besonders wilden Phase meines Lebens beschlossen hatte, zu Weihnachten einen alten Freund in Norddeutschland zu besuchen, um mit ihm gut zu essen, viel zu trinken und über die Perspektiven des Lebens zu schwadronieren.

Ich bestieg am Heiligen Abend einen Zug, der aus Basel kam und in Hamburg enden sollte. Ich setzte mich in ein Sechserabteil, wo bereits ein Paar, das aus der Schweiz kam, saß. Die Frau war Deutsche, wirkte mondän und erfahren und eröffnete gleich das Gespräch. Ohne Ansatz kamen wir ins Politisieren. Es war ein angeregtes Gespräch, in dem wir feststellten, dass wir viele Ansichten teilten. Der Mann, ein Schweizer, den das alles nicht sonderlich zu interessieren schien, besaß jedoch einen hinreißenden Humor, den er immer wieder an den richtigen Stellen zur Geltung kommen ließ, sodass wir das Thema wechselten und uns nicht an einem besonderen festbissen. Längst hatten die beiden eine Flasche Wein aus dem Gepäck geholt und wir tranken und rauchten.

In Frankfurt dann klopfte ein älterer Herr mit einem Cowboyhut an unsere Tür und fragte in einem englisch akzentuierten Deutsch, ob noch zwei Plätze frei seien. Wir bejahten und er trat mit sehr viel Gepäck ein, das er verstaute, bevor wir sahen, dass die zweite Person ein wesentlich jüngerer Mann war, der die gleiche Kopfbekleidung trug und, wie sich herausstellte, kein einziges Wort Deutsch sprach. Der Mann stellte sich gleich vor und erklärte, er sei ein Deutscher, der vor vielen Jahren nach Neuseeland ausgewandert sei und der nun, nach Jahrzehnten, zum ersten Mal wieder zurück in seine alte Heimat käme. Das habe er seinem Sohn, und dabei deutete er auf seinen jüngeren Begleiter, versprochen, der sehr neugierig sei zu sehen, woher sein Vater komme.

Immer wieder unterbrochen von interessierten Fragen unsererseits erzählte er aus seinem Leben. Dabei wurde erst die Flasche Wein geleert und dann zog er eine Flasche Whiskey aus seinem Gepäck. Es war eine interessante Geschichte. Hoch im Norden Deutschlands aufgewachsen, in einem dieser Käffer, in denen es außer tragischen Todesfällen und einem jährlichen Schützenfest nichts gab, kam nur die Seefahrt oder das Auswandern in ein fernes Land in Frage für einen, der seine Endbestimmung nicht in dem Umfeld, in dem er sich befand, sah. Er ging in Hamburg in die Fabrik, sparte sich das Geld für eine Schiffsreise Einfach nach Neuseeland zusammen und haute in den Sack. Über Neuseeland hatte ihm ein Matrose erzählt, den er in der Leuchtturm Bar in Hamburg kennengelernt hatte und der vom flachen Land kam wie er. Unser Mann im Abteil fuhr ein halbes Jahr mit dem Schiff, bis er dort ankam, wohin er wollte. Er arbeite in Kneipen, ging aufs Land zu einem Schafzüchter, kaufte irgendwann diesem einige ab und betrieb das gleiche Gewerbe. Er lernte eine Frau kennen, die ihn mochte. Sie bekamen diesen Sohn und sie betrieben mittlerweile eine erfolgreiche Zucht und hatten es zu bescheidenem Wohlstand gebracht

That´s my Story, schloss er und die Whiskey-Flasche kreiste. Obwohl die beiden erst vor einigen Stunden in Frankfurt gelandet waren, bemerkte er, dass sich hier ja auch so einiges geändert hätte. Dabei sah er uns bedeutungsvoll an und wir lachten. Zu unterschiedlich waren wohl die Lebensmodelle, aber es tat der durchweg positiven Atmosphäre keinen Abbruch. Nun fragte er uns und wir erzählten. Die Deutsche aus der Schweiz berichtete, dass auch sie der Enge in Deutschland entflohen sei und nun in Zürich lebe, wo sie freier atmen könne. Ihr Mann gab lachend zu, dass er in seiner aus seiner Sicht engen Schweiz geblieben sei, sein Leben aber weiter und reicher geworden sei wegen dieser Frau aus der deutschen Provinz. Und ich, ich beschrieb meinen Weg aus der Enge in eine Phase, in der ich bisweilen von der großen Weite träumte. Wir hatten riesigen Spaß und unsere Stimmung übertrug sich zum Teil sogar in die Nachbarabteile, aus denen immer mal wieder einer kam und sich auf den einzigen freien Platz setzte, um zu lauschen. Ab Köln jedoch saß dort ausschließlich der Bahnbeamte, der dafür sorgte, dass die Neuseeländer noch eine zweite Flasche Whiskey aus dem Gepäck holten. Der Sohn des Auswanderers verstand übrigens kein Wort von dem, was wir redeten, aber er wußte, worum es ging. Er verfolgte begeistert jedem Redebeitrag. Und dann erzählte uns der Vater, der Junge hätte mit ihm nach Deutschland wollen, weil er so gerne einmal aus der neuseeländischen Provinz in die richtig große weite Welt wolle.

An diesem Heiligen Abend, in diesem Zugabteil, auf dem Weg von Basel nach Hamburg, hatten wir uns allesamt entlarvt. Und das Besondere daran war, dass es keinem weh tat. Wir hatten einen Heidenspaß. Und das zu Weihnachten. Wer sollte so etwas vergessen?