Archiv der Kategorie: recensions

Ein Abort der Weltgeschichte

Heinz Strunk. Der goldene Handschuh

Die siebziger Jahre der alten Bundesrepublik markierten eine Zäsur. In ihnen gelangte der Industrialismus des Wirtschaftswunders ernsthaft an Grenzen, in ihnen erodierte ein gesellschaftlicher Konsens, in dem die Politik radikalisiert wurde, und vieles, an das geglaubt werden konnte, verlor drastisch an Glanz. Da gab es immer noch atemberaubende Erfolgsgeschichten, da gab es immer noch ein uneingeschränktes Ja zum unbeschwerten Leben. Aber die Subkulturen wurden zahlreicher und größer. Nicht nur die des Wohlstandes und der Esoterik, sondern auch die der drastischen Armut und beklemmenden Gegenwelt.

Die hier von Heinz Strunk noch einmal erzählte Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka, der seine Opfer regelrecht filetierte, spielte genau in den Milieus, die damals noch aufeinandertrafen, was heute nicht mehr vorstellbar ist. In den Kaschemmen des Hamburger Kiezes war es wirklich noch möglich, waschechte Penner und tatsächlich feine Herren gleichzeitig anzutreffen. Die einen brauchten ihren Schmierstoff in Form billigen Fusels, die anderen die Droge der Illusion, alles erleben zu können, wenn man nur wollte.

Heinz Strunk gelingt es, die Leichtigkeit der Überlappung dieser Lebenswelten einzufangen. Was allerdings noch wesentlich kunstvoller ist, sind seine nahezu gestochenen Sätze, die dennoch ganz lapidar daherkommen, wenn er den Abgrund beschreibt, aus dem der Täter Fritz Honka kam und der aus ihm auch ein Opfer gemacht hatte, bevor er zur Bestie mutierte. Die Ambivalenz und die Nähe von bürgerlich heiler Welt und jenem Abort der Weltgeschichte, der sich Zum Goldenen Handschuh nannte, werden exzellent erfassbar gemacht. Dass der Leserschaft irgendwann deutlich wird, dass diese Gesellschaft mit ihren zwei Gesichtern vielleicht doch nur ein menschenverachtendes, abscheuliches Antlitz hat, kann dem Willen des Autors sicherlich zugerechnet werden.

Im Goldenen Handschuh wird diese vergangene, aber immer noch wirksame Welt wieder präsent. Mit allen Kulturbrüchen, die zwischen den siebziger Jahren und dem Heute liegen. Das Frauenbild, das damals durchgängig zu herrschen schien, gegen das der heutigen Zivilisation abzusetzen, ist eine derart schockierende Erfahrung, dass sie allein das Buch bereits zur Pflichtlektüre machen sollte. Die Ignoranz gegenüber dem selbstzerstörerischen Rauschverhalten ist eine zweite Markierung, die noch einmal dafür sorgt, den Atem anzuhalten.

Die große und tatsächliche Verstörung kommt jedoch durch die akribische Schilderung des Psychogramms jenes Fritz Honkas zustande, der gar nicht so daher kommt wie eine Bestie. Der eigentlich Ordnung und Halt sucht, der aber derart lädiert ist, dass ihn die geringste Form des geordneten Lebens bereits überfordert. Selbst Objekt von Sexual- und Gewaltmissbrauch, greift er in den tiefen Krisen, die aus dem Alkoholismus resultieren, auf genau die Erfahrungswelten zurück, die er bereits als Objekt erfahren hat. Auch Honka vergewaltigt und verprügelt, und auch Honka geht noch weiter. Nachdem die Opfer ermordet sind, zerlegt er sie wie Wildbret und verscharrt sie auf dem Dachboden.

Das Schlimme, das sich hinter dieser erzählten Geschichte verbirgt, ist die tatsächliche Realität. Es ist eine Welt, die historisch dokumentierbar ist und aus der Not geboren wurde. Der psychopathologisch beschriebene Fritz Honka ist auch eine Diagnose für eine Gesellschaft, die alles verarbeitet hatte, was der Wertschöpfung dienen konnte, nur nicht sich selbst. Eine Gesellschaft, in der moralisch noch der Krieg steckte, eine Gesellschaft, die an Macht und Wachstum glaubte und eine Gesellschaft, in der Schwäche eine Tabu war. Dort konnten Kulturen gedeihen, die keine waren. Fritz Honka war ein Beispiel dafür. Heinz Strunk hat das meisterhaft geschildert.

Ungeheurlichkeit, zur Sprache gefunden

Maxim Biller. Biographie

Ein heute kaum noch erhältlicher Roman über den spanischen Bürgerkrieg von dem vergessenen deutschen Autor Karl Otten trug einen Titel, der die Situation hervorragend trifft: Torquemadas Schatten. Torquemada, der Großmeister der spanischen Inquisition, wurde schon damals bemüht, um die schrecklichen Zustände eines historisch überkommenen Moralismus, die Herrschaft des Dogmas und die mit ihr verbundene Zensur und Selbstzensur zu beschreiben. Torquemada warf bereits vor dem endgültigen Sieg des spanischen Faschismus seine Schatten und insofern handelt es sich um eine Metapher, die auch zeitgenössische Phänomene durchaus gut illustrieren kann.

Ein beklemmendes Beispiel dafür ist die nahezu inquisitorische Kritik an Maxim Billers neuem Roman Biographie. Es ist anzunehmen, dass Biller mit dieser Geschichte zweier unzertrennlicher Freunde aus einem jüdischen Nest in der Ukraine, die es in ihrer beider Biographie durch Städte wie Prag, Hamburg, Berlin, Tel Aviv und andere Hotspots dieser Welt treibt, auch der gegenwärtigen Befindlichkeit im moralinsauren Deutschland einen Schock versetzen wollte. Aber das, so die These, ist in dem 900-Seiten-Werk wohl nur eine billigend in Kauf genommene Mitwirkung. Zentral geht es um die nicht auflösbare, in alle Lebensbereiche strahlende Traumatisierung jüdischer Familien durch die Höllenfahrt des 20. Jahrhunderts in Zentraleuropa.

Der nicht enden wollende, weil für beide existenziell substanzielle Dialog um den Ausweg, die Flucht, die brachiale Abwendung von dem Geschehenen, ohne es vergessen zu wollen, ist sprachlich zu einem Projekt geworden, das in der deutschen Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht. Das mag genau das sein, was viele Rezensenten aus dem wohl saturierten, aber blutarmen Feuilleton so echauffiert. Vom ersten bis zum letzten Satz entfacht Maxim Biller in diesem Roman ein sprachlich-metaphorisches Feuerwerk, wie es keiner der viel gefeierten Nachwuchstalente der deutschen Gegenwartsliteratur in der Lage wären zu zünden. Wer so schreibt, der hat die Vehemenz der Katastrophe mit der Muttermilch eingeflößt bekommen, vom Holocaust, vom Krieg, vom Kommunismus, vom Zusammenbruch, und alles immer wieder gespiegelt durch die Ereignisse in und um den Staat Israel, von Yom Kippur bis Intifada. Da bleibt das Gestelze der political correctness notgedrungen auf der Strecke.

Der Erzählfaden von Biographie ist die Biographie dieser beiden Brüder, die keine sind, die sich aber verstehen, weil sie die Aporien ihres Lebens als ein Faktum akzeptieren, das sie nicht ertragen, mit dem sie aber umzugehen haben. In dieser Welt der teilweise erfolgreichen, teilweise schon im Ansatz zum Scheitern verurteilten Eskapismen hat der bildungsbürgerliche Diskurs keine Chance. Dort, wo es ums nackte Überleben geht, spielen alle Phantasien, die vor dem Zusammenbruch das menschliche Hirn durchschießen, die zentrale Rolle: Sexuelles, Martialisches, Befremdliches. Wer diesen Zusammenhang nicht sieht, den zwischen historisch einzigartigem Trauma und dieser hastigen Art, zu konfrontieren, zu verdrängen und zu fliehen, der hat das Instrumentarium, diesen Roman verstehen zu können, aus der Hand gegeben oder gar nicht erst erworben.

Ungewöhnlich für eine Rezension, aber aufgrund der Ungeheuerlichkeit an Ignoranz erlaubt, sei darauf hingewiesen, dass der Ethikrat der vereinigten Feuilletons durch den nahezu kollektiven Verriss von Maxim Billers Biographie sich nicht nur zu einer Analogie von Torquemadas Schatten mausert, sondern auch in einer ungewohnten Breite die eigene Ignoranz dokumentiert. Wer Geschichte, vor allem das Desaster des 20. Jahrhunderts, aus der Perspektive europäischer Juden als etwas betrachtet, das hinter uns liegt und die Tischsitten des Bürgertums einfordert, der hat im wahren Sinne des Wortes nichts verstanden. Wer es lernen will zu verstehen, der lese Maxim Biller.

„Und da richten diese Würmer von Mathematikern ihre Rohre auf den Himmel…“

Bertolt Brecht. Das Leben des Galilei

Als Bertolt Brecht an seinem epischen Stück Das Leben des Galilei im dänischen Exil arbeitete, wurde auf der nicht weit entfernten Insel Usedom unter der Leitung von Werner von Braun fieberhaft die Entwicklung der so genannten Vergeltungswaffe 2 (V 2), einer ballistischen Boden-Boden-Rakete gearbeitet. Nach der Niederlage Deutschlands wurden sowohl die dortigen Forschungseinrichtungen als auch das entscheidende wissenschaftliche Personal in die USA transportiert, um die Entwicklung der Atombombe zu unterstützen.

Es ist kaum anzunehmen, dass Brecht die fatalen Folgen dieser machtgetriebenen Instrumentalisierung der Wissenschaften in der grausigen Dimension antizipierte. Aber wieder einmal spricht vieles, was in dem 1943 im Züricher Schauspielhaus uraufgeführten Leben des Galilei thematisiert wird, für Brechts tiefes Verständnis vom dialektischen Wesen der Erscheinungen.

Das Mittelalter lieferte mit seinem Antagonismus von wachsender Erkenntnis und von Kirchendogmata gesteuerter irdischer Macht die Blaupause. Das tatsächliche Leben des Mathematikers Galileo Galilei musste nicht sonderlich moduliert werden, um den einen, großen Widerspruch, der die gesamte Epoche des Mittelalters kennzeichnete und der auch in der Moderne immer wieder aufbrach, zu behandeln: Den Umgang der Macht mit Erkenntnissen der Wissenschaften, die dem die Macht legitimierenden Weltbild widersprachen. Galileo Galilei entdeckte durch ein von ihm konstruiertes Fernrohr die Phänomene, die das ptolemäische Weltbild mit der Erde als Mittelpunkt falsifizierten und das kopernikanische mit der Sonne als Zentrum und der Erde als kleinem Satelliten bestätigte. Das zentristische Weltbild in Italien, dem Sitz des Papstes, zu widerlegen, war folgerichtig eine Sache für die Inquisition.

Brecht illustriert die Befindlichkeit des Wissenschaftlers in seiner existenziellen Doppelbödigkeit. Als Wissenschaftler muss er den Gesetzen dieser Disziplin folgen. Es sind dies die vorurteilfreie Beobachtung, das kontextfreie Experiment, der Vergleich und die Prinzipien der induktiven wie deduktiven Logik. Auf der anderen Seite war Galilei ein Mensch seiner Zeit, der die Annehmlichkeiten des mittelalterlichen Patriziers, die aus gutem Essen und erlesenem Wein bestand, nicht missen wollte. Die Ansicht der verfügbaren Folterinstrumente durch die Inquisition reichte in diesem Falle aus, um Galileo Galilei zu einem Widerruf seiner Lehren zu bewegen. Dass er heimlich weiter schrieb und seine Erkenntnisse der Nachwelt erhalten blieben, spielt bei der Fokussierung der entscheidenden Fragen kaum noch eine Rolle.

Das Leben des Galilei ist ein Stück, in dem der Umgang der Macht mit der die Legitimation der Macht zersetzenden Erkenntnis illustriert wird. Eine auch zur damaligen Zeit zwar immer wieder erschütternde, aber keineswegs revolutionäre Erkenntnis. Die andere, wesentlich brennendere Frage war die nach der Entscheidung des Wissenschaftlers selbst. Im Stück wird der Aspekt direkt erörtert, indem nach der Durchsetzbarkeit eines gleich dem hippokratischen Eid für Mediziner für die Wissenschaften gefragt wird. Es geht dabei nicht nur um die Durchsetzung und Verbreitung von Erkenntnissen, sondern auch um eine Art Moratorium für das, was wissenschaftlich und technisch möglich wäre, ethisch aber nicht vertreten werden darf.

Auf einer Folie, die zunächst den Eindruck eines breiten Konsenses von Zustimmung zur Freiheit der Wissenschaften erweckt, auch aufgrund der historischen Vorlage, tauchen dann doch beide dem Dialektiker Brecht wichtigen Aspekte, sowohl der der Fremd- wie der der Selbstbeschränkung der Wissenschaften auf. Aufgrund der bis heute virulenten Thematik hat es auch Das Leben des Galilei zu einem Klassiker der Moderne geschafft.