Archiv der Kategorie: recensions

Eine geschichtspädagogische Erzählung

Ken Follett. Fall of Giants

Ken Folletts Bücher gehörten bis dato zu denen, die mich durch ihre Positionierung auf den Anpreisungstischen in den aldisierten Großbuchhandlungen eher ungeneigt stimmten. Das Genre, der Historienroman, hat in den letzten Jahrzehnten zudem darunter gelitten, dass Spannung, Gefühlswallung und Abenteuer vor historischer Kulisse darüber hinwegtäuschte, es mit seichter Literatur zu tun zu haben. Zu meiner Skepsis kam die spätere Kenntnis, dass Follett zu jenen Autoren gehört, die industriell ihre Romane produzierten. Ein zwanzigköpfiges Team arbeitet jeweils acht Monate an der Recherche, acht Monate an der Strukturierung und acht Monate an der Niederschrift, sodass jedes Buch nach exakt zwei Jahren ausgeliefert werden kann. Dennoch ließ ich mich auf Fall of the Giants ein, weil ich wieder einmal direkt ein englisches Buch lesen wollte und aufgrund des historischen Hintergrunds wissen wollte, wie ernst der walisische Autor zu nehmen ist.

Fall of Giants ist der erste Band der Jahrhundert-Trilogie und umfasst den Zeitraum zwischen 1914 und den frühen 1920iger Jahren. Die handelnden Figuren kommen aus dem walisischen Bergarbeitermilieu, der englischen Aristokratie, der deutschen Diplomatie, der Petersburger Arbeiterschaft sowie der politisierten amerikanischen Mittelklasse. Die Wege dieser Protagonisten kreuzen sich auf harmlose wie teilweise dramatische Weise und so entsteht eine Fokussierung auf den großen Rahmen des Weltgeschehens, von dem alle berührt sind. Die historischen Ereignisse sind korrekt recherchiert und ebenso korrekt dargestellt. Von der irrationalen Hysterisierung des Kriegsanlasses hinsichtlich des Mordanschlages auf den Habsburger Thronfolger auf dem Balkan, über die kriegstreibende Eigendynamik aller Lager bis hin zu der industriellen Todesproduktion an den Fronten und den dadurch entstehenden Gegenbewegungen des Bolschewismus in Russland und der Labour Party in Großbritannien kann von einem Nexus gesprochen werden, der besser nicht dargestellt werden könnte.

Vom Standpunkt kritischer Literaturbetrachtung ist die historische Exaktheit und Authentizität an sich kein Qualitätsmerkmal. Aus ihrer Perspektive bedürfte es einer intrinsischen Komplexität der Figuren, deren soziale Interaktion quasi mikrokosmisch die Linien der umfassenden Geschichte vorzeichnet. Bei Folletts Werk ist es umgekehrt, ihr ist die geschriebene Geschichte die Determinante, nach der die handelnden Figuren geformt werden. Sie haben sich der großen Erzählung unterzuordnen und verlieren dabei das, was ganz metaphysisch als ihre Seele bezeichnet werden muss. Und so wirken die Figuren denn auch, sie sind Partikel in einem großen Plan, gleich Puzzleteilen werden sie eingefügt und die Handlungen entwickeln das Bild einer großen Blaupause, an deren Verlauf keine Veränderungen vorstellbar sind. Vielleicht, es ist Spekulation, entspringt selbst diese industriell hergestellte Literatur der tiefen Religiosität des Autors, der an der großen Plan eines monotheistischen Gottes glaubt.

Dennoch, es handelt sich bei Fall of Giants um etwas Lesenswertes. Ich würde es nicht Literatur im klassischen Sinne nennen. Dazu ist alles in seiner Konzeption wie Herstellung zu durchschaubar. Aber es handelt sich um eine Vermittlung von Geschichte, die erstens den Fakten treu bleibt und zweitens ein Wissen um den Fortschritt und seine Doppelbödigkeit vermittelt. Dass so etwas ein Massenpublikum erreicht, ist eine gute Sache, weil die klassischen Vermittlungsinstitutionen von Geschichte versagen. Die Schulen wissen kaum noch, wie sie das Interesse an Geschichte wecken sollen und die Historiographen schreiben schlecht und langweilig. Deshalb möchte ich Ken Folletts Fall of Giants als eine geschichtspädagogische Erzählung empfehlen. Ich glaube, das wird dem Buch gerecht.

Klerikale Doppelmoral und investigativer Journalismus

Tom McCarthy. Spotlight

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass ein Film über den Erfolg von investigativem Journalismus außerordentlich positive Resonanz erfahren hat. Selbstverständlich hängt das mit den skandalösen Zuständen zusammen, die aufgedeckt wurden. Dennoch spricht einiges dafür, dass die Tatsache an sich, d.h. die journalistische Attacke gegen ein regelrechte Festung des Schweigens und gegen massive Versuche aus der Stadtgesellschaft bis zum Ende geführt wurde.

Der Film Spotlight des Regisseurs Tom McCarthy zeichnet das Vorgehen eines Redaktionsteams des Boston Globe gegen die katholische Kirche in Boston. Damit ist auch schon gesagt, wieviel Courage und Entschlossenheit erforderlich waren, um ein erfolgreiches Vorgehen zu gewährleisten. Es ging historisch gesehen um die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs von Kindern durch katholische Priester in großer Anzahl. In Boston, der exterritorialen Hauptstadt des erzkatholischen Irlands, in der der Pietismus und die borniertesten Moralvorstellungen, die der Katholizismus zu bieten hat, als offizielle Version des Zusammenlebens gelten.

McCarthys Film besticht durch die trockene, manchmal spröde wirkende Art, wie die Story erzählt wird. Spannung im klassischen Sinne kommt nie auf, sondern es ist eher ein Mitfiebern beim Sezieren der Zustände. Ein neuer Redaktionschef kommt zu dem Blatt und ihm fällt eine kleine Notiz im Lokalteil über den Missbrauch eines Kindes durch einen Priester auf. Er setzt ein Team darauf an und bittet, nicht nur weitere Einzelfälle zu ermitteln, sondern das System zu durchschauen. Der Film handelt von dieser Arbeit, der es tatsächlich gelingt, ein System zu dechiffrieren, ein System, wie der zuständige Bischof mit dem Problem umzugehen pflegt.

Die wahre Geschichte ereignete sich um die Jahrtausendwende. Wie im Film wurden hunderte von notorisch Kinder missbrauchenden katholischen Geistlichen in den USA und anderen Staaten ermittelt. Der Bischof von Boston vertuschte die Fälle, indem er die Priester versetzte oder beurlaubte. Eine Art interne Ermittlung fand nie statt. Wissenschaftler, die sich seit Jahrzehnten mit dem Phänomen auseinandersetzten, wiesen auf einen Konnex zum Zölibat hin und taxierten die Größe von sechs Prozent als die Quote von übergriffigen Priestern aus dem Gesamtbestand. In Boston waren das 87! Als die Artikelserie des Boston Globe erschien, meldeten sich noch unzählige Opfer und die Lawine kam ins Rollen. Letztendlich reagierte Rom und der Bischof von Boston wurde nach ebendort berufen. Aus dem Vatikan kamen Signale der Kenntnisnahme und das Versprechen, zu handeln. Wie, bei Beibehaltung des Zölibats, blieb allerdings schleierhaft.

Bei Spotlight handelt es sich um einen Film, der einerseits in beeindruckend unspektakulären Art und Weise zeigt, mit welchen Schwierigkeiten hartnäckiger Journalismus konfrontiert wird, vor allem, wenn er eine Wand des kollektiven Schweigens durchbrechen muss. Es ist den Produzenten zugute zu halten, dass sie nicht in die Falle liefen und wilde kriminelle Verhinderungsversuche mit absurd eingeflochtenen Sexualverwicklungen verbanden, um so etwas wie Kurzweil und Spannung zu erzeugen. Beides hat weder die historische Vorlage der Ereignisse noch das Thema selbst nötig. Dem Film gelingt es, die feinen, aber entscheidenden psychologischen Abhängigkeiten, Kämpfe und Verwerfungen, die im sozialen Umfeld der Akteure eine Rolle spielen, als das persönliche Kampffeld derer auszuweisen, die sich der Aufdeckung der Wahrheit verschrieben haben. Je unspektakulärer diese persönlichen Auseinandersetzungen zu sein scheinen, desto mehr Mut ist von den Beteiligten aufzubringen.

In einer Zeit, in der klerikale Doppelmoral nach wie vor das Dasein durchdringt und in einer Zeit, in der investigativer Journalismus eine immer schwierigere Existenz führen muss, ist der Film extrem geeignet, um sich mit beidem zu befassen.

Fakten zur neuen Rolle Deutschlands

Jörg Kronauer. Allzeit bereit. Die neue deutsche Weltpolitik und ihre Stützen

Das Wort, das neue Deutschland müsse gemäß seiner wirtschaftlich überragenden Rolle mehr Verantwortung in Europa und in der Welt übernehmen, steht schon lange im Raum. Bis in die höchsten Staatsämter wird diese Einsicht wie Forderung wiederholt wie ein Mantra. Schließlich nutzte Bundespräsident Gauck am 3. Oktober des Jahres 2013 die Bühne, um es noch einmal allen deutlich zu machen: Deutschland muss Profil zeigen. Wenn jedoch klar ist, dass sich die Rolle des Landes ändern muss, stellt sich natürlich die Frage, wie das alles aussehen und wohin es schließlich führen soll. Und wer bei dieser sicherlich heiklen Frage nicht nur mit einem Bauchgefühl Antworten finden will, der muss sich den Fakten widmen.

Der in London lebende Soziologe und Journalist Jörg Kronauer hat dankenswerterweise über einen längeren Zeitraum die relevanten Fakten gesichtet und das Ergebnis seiner Untersuchung in einem lesbaren Buch aufbereitet. Unter dem Titel „Allzeit bereit. Die neue deutsche Weltpolitik und ihre Stützen“ hat Kronauer den Kurswechsel der deutschen Außenpolitik unter verschiedenen Aspekten untersucht. Die von ihm gewählte Gliederung ist einerseits recht plausibel und profan, andererseits birgt sie für viele Leserinnen und Leser auch Überraschungen, weil dadurch deutlich wird, dass bei der Bestimmung der deutschen Außenpolitik bestimmte Faktoren eine Rolle spielen, die sicherlich viele in diesem Ausmaß nicht vermutet hätten.

„Allzeit bereit“ ist insgesamt in fünf Kapitel unterteilt. Das erste Kapitel befasst sich mit dem Ruf nach Führung und seiner Kommunikation innerhalb der Entscheidungseliten. Dieser eher politisch strategischen Betrachtung folgt (Kapitel 2) die Dokumentation des Weges Deutschlands innerhalb der EU zum alleinigen Dominator. Dabei wird deutlich, wie sehr die Politik der EU von deutschen Wirtschaftsinteressen beherrscht wird und wie sehr das politische Personal aus Berlin es mittlerweile gewöhnt ist, in Oberlehrermanier die Chefs souveräner Staaten auf Linie zu bringen. Vor allem Finanzminister Schäuble wird als Zumutung ohne Vergleich erlebt. Die Dokumentation widerlegt sehr sachlich die sich immer wieder haltende These von den deutschen Zahlmeistern in der EU.

Das dritte Kapitel analysiert die Interessen der deutschen Wirtschaft und gibt eine exzellente Übersicht der Bestimmung von Politik aus den Interessen der Wirtschaft heraus. Sehr, wenn nicht gar das beindruckendste Kapitel ist die Betrachtung der Think Tanks, Stiftungen, Verbände und Kulturinstitutionen, die alle an der jeweilig eigenen Front für die deutsche Dominanz werben. Das endet mit dem direkten Einfluss auf die Politiker, beginnt aber bereits bei der Produktion von Meinung in Presse und Medien. Die Mitgliederlisten bestimmter Think Tanks, vor allem die amerikanischer und folglich anti-russischer Herkunft lesen sich wie das Who Is Who der Big Shots aus den öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten.

Das fünfte und letzte Kapitel wiederum befasst sich mit den Fallbeispielen des angemahnten wie bereits vollzogenen Rollenwechsels der Bundesrepublik Deutschland. Dort geht es vornehmlich um die Regionen Ost- und Südosteuropa, den Mittleren Osten, Afrika, Lateinamerika und Südostasien. Gerade anhand der Beispiele wird deutlich, dass die neue Rolle sehr viel mit den wirtschaftlichen Interessen und einer aggressiveren Sicherung ihrer Ziele zu tun hat und andererseits zwischen einem Kurs der Unabhängigkeit oder einer stählernen Allianz mit den USA die endgültige Orientierung noch nicht vorbei ist.

Wer es genau wissen will, der lese „Allzeit bereit“ von Jürgen Kronauer. Die vielen Fakten ermüden zuweilen, aber sie sind eine Wohltat im Vergleich zu den vielen dogmatischen Thesen, die im Äther stehen.