Archiv der Kategorie: recensions

Postfaktisches Zeitalter oder normative Realität?

Frank-Walter Steinmeier, zweimaliger Außenminister der Bundesrepublik und Bundespräsident in spe, hat 2016 den vorliegenden Beitrag unter dem Titel „Europa ist die Lösung. Churchills Vermächtnis“ veröffentlicht. Wenn man so will, handelt es sich hier um sein außenpolitisches Fazit wie um eine Art Bewerbung für das höchste Amt der Republik. Indem er an seine Ausführungen eine Rede von Winston Churchill aus dem Jahre 1946, die dieser an der Universität Zürich gehalten hat, angehängt hat und in der die Vereinigten Staaten von Europa als Vision beschrieben wurden, hat Steinmeier sich selbst selbstbewusst inszeniert.

Steinmeier selbst nimmt in seinen Ausführungen immer wieder Bezug auf Churchills Vision und beschreibt die zweifellos großen Fortschritte zwischen 1946 und 2016. Im Rückblick ist die Entwicklung von einem Sammelsurium europäischer Staaten, die nach dem II. Weltkrieg in Trümmern lagen und dem Heute eine Erfolgsbilanz, die sich vor allem hinsichtlich der Friedensstiftung und der wirtschaftlichen Entwicklung nicht bezweifeln lässt. In Bezug auf die wirtschaftliche Disposition der EU ist jedoch festzustellen, dass besonders die Zeit nach 2008 bedeutende Risse verursacht hat. Daran ist auch eine restriktive, auf die Maximen des Wirtschaftsliberalismus setzende deutsche Politik nicht unschuldig. Das klammert Steinmeier jedoch weitgehend aus. Zwar spricht er die krisenhaften Erscheinungen durchaus an und verweist auf die Chancen, die Krisen bergen. Um welche Chance es sich für wen handelt, diese Antwort bleibt er indessen schuldig.

Ebenso sieht er die kommunikativen Formen, mit denen in der Krise operiert wurde, durchaus kritisch. Besonders der von der deutschen Kanzlerin nach dem berühmten Wort von Margaret Thatcher über die Alternativlosigkeit von Politik reaktivierte Slogan ist aus seiner Sicht ein Fehler. Was das inhaltlich bedeutet, wird allerdings nicht ausgeführt, sondern stattdessen mit anderen Worten umschrieben, dass es keine Alternative zu Europa gibt. Das mag stimmen, nur begründet wird es sehr spärlich.

Für einen Politiker, der gestalten will, wäre es hilfreicher gewesen, die Gründe für die Krise der EU genauer zu benennen. Der aufkommende und immer stärker werdende Nationalismus hat bestimmte Ursachen: Da sind die finanzpolitischen Verwerfungen mit den südeuropäischen Staaten und die damit verbundene Austeritätspolitik, die die Sanierung begleiten, da sind fern der Realität in Brüssel beschlossene Regularien, die mehr stören und verärgern, als dass sie etwas zum Besseren wendeten und da sind Abenteuer wie das Junktim von EU und NATO in der Ukraine, die den Kontinent mehr zum Krieg als zum Frieden geführt haben. Diese konkret erlebte Politik einer EU bringt allen gute Gründe, das Projekt mit wachsender Skepsis zu betrachten. Leider wird diese „Chance“ einer neuen Weichenstellung nicht ergriffen, um zu skizzieren, wie eine EU, die neu begeistern und vor allem von allen Mitgliedern getragen werden soll, auszusehen hat. Stattdessen wird die Ausgrenzung derer, die sich aufgrund drastischer Fehleinschätzungen seitens einer auch von ihm verursachten Politik weiter betrieben. Zwar nicht mit den ansonsten emotionalisierenden Begriffen, aber das ist eine Umgangsfrage, die das Wesen nicht ändert.

Churchills Rede kurz nach dem II. Weltkrieg war ein gut gemeinter Rat an die Europäer, sich als eine Einheit mit gemeinsamen Interessen zu betrachten. Auch dort, wie in den Zeiten vor Churchill, wird deutlich, dass er Großbritannien nicht dazu rechnete. Umso bemerkenswerter ist sein Querverweis auf die Sowjetunion, die in einer Ordnung europäischen Friedens mitspielen müsse. Dort hat das System gewechselt, die essenzielle Frage jedoch bleibt.

Alles in allem lesenswert, doch viele Fragen bleiben.

Überschussrecycling und der tendenzielle Fall der Profitrate

Yanis Varoufakis. Der globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft

 
Selten wurde eine Person in der deutschen Öffentlichkeit derartig verzerrt dargestellt. Es hatte weniger mit ihm, als mit seiner Rolle zu tun. Und die Legende in Deutschland stand von den faulen Griechen, die über ihre Verhältnisse gelebt hatten und jetzt nicht die Zeche bezahlen wollten. Und dann kam aus der Syriza-Regierung plötzlich ein neuer griechischer Finanzminister daher, selbstbewusst, ohne Krawatte, aber mit Motorrad und lachte das vereinigte Konsortium der tatsächlichen Bankenretter einfach aus. Das war für viele der Zunft unerträglich und dabei ging die Wahrheit über Varoufakis unter. Er seinerseits hatte eine unzweifelhafte Reputation als Wirtschaftswissenschaftler und bereits in Sydney, Glasgow und Cambridge gelehrt. Und was die Zusammenhänge der Weltfinanzkrise anbelangte, da gehörte er wohl zu den versiertesten Analytikern.

In seinem Buch „Der globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft“, das 2015 erschien, wandte er sich zum ersten Mal an ein größeres Publikum und versuchte die Begebenheiten, die nicht nur sein Land und Europa, sondern vor allem die USA und den Rest der Welt in eine massive Finanzkrise gestürzt hatten, zu entschlüsseln. Das ist ihm gelungen, obwohl alles sehr komplex ist und trotz der einfachen und erklärenden Sprache dadurch nicht einfacher wird.

Methodisch brilliert Varoufakis durch den Umstand, dass er zwei mit einander verbundene systemische Krisenfaktoren analysiert, sie historisch einordnet und daraus abgeleitet die richtigen Fragen stellt.

Beim ersten Faktor handelt es sich um den Globalen Mechanismus zum Überschussrecycling (GMÜR). Dabei handelt es sich um den globalen Plan der USA nach den vorangegangenen Weltfinanzkrisen. Mit der Etablierung Deutschlands und Japans wurden wareproduzierende Länder geschaffen und protegiert, die global die Konsumgüternachfrage befriedigen konnten, ihre Kapitalüberschüsse aber dennoch in der Wall Street anlegten, was die USA, den globalen Minotaurus, trotz Handelsbilanzdefizits dazu befähigte, Dollars nach Belieben zu drucken.

Und der zweite Faktor ist einer der Kernsätze der Kapitalanalyse von Karl Marx, der bis heute wirkt und den immer höheren Kapitalaufwand immer weniger entschädigt. Es handelt sich um den tendenziellen Fall der Profitrate. Der durch die Konkurrenz und den technischen Fortschritt begünstigte permanente Rationalisierungsprozess dezimiert die am Wertschöpfungsprozess beteiligten Menschen und reduziert somit die Quellen des Gewinns.

Obwohl alle bisherigen Weltfinanzkrisen die gleichen Ursachen hatten und obwohl sie immer damit endeten, dass die Regierungen der ramponierten Länder versuchten, die Banken und ihre außer Rand und Band geratenen Zocker an die Leine zu nehmen, muss das Jahr 2008 als Scheitelpunkt betrachtet werden. Die Systemkrise hat eine derartige Qualität angenommen, dass ein systemimmanentes Krisenmanagement keine Luft mehr verschaffen kann. Ganz im Gegenteil: Von Washington bis Berlin wurden Hilfspakete für die Banken geschnürt, statt sie zur Räson zu rufen. Die Quintessenz aus Varoufakis´ Szenario ist das Ende des kapitalistischen Finanzmarktes in seiner jetzigen Form und damit das Ende der kriegerischen Pax americana. Ob damit ein chinesisches Zeitalter anbrechen wird, ist nach Varoufakis noch ungewiss.

Der globale Minotaurus ist eine exzellente Analyse der Weltwirtschaft, die trotz ihrer Verständlichkeit nicht darauf verzichtet, komplexe Details zu beleuchten. Und das Buch zeigt durch seine Qualität auch, wie wenig in der propagandistisch verpesteten Berichterstattung noch darauf verzichtet wird, dem seriösen Bild der handelnden Akteure gerecht zu werden. Noch ein Grund, sich der Lektüre zu widmen.

Dem Weltgeist ins Auge geschaut

Peter Weiss. Die Ästhetik des Widerstandes

Was für ein Thema und was für ein Leben! Peter Weiss, der Sohn aus gutem Hause, der in Villen aufwuchs und dennoch zu kämpfen hatte, weil er Maler werden wollte und nicht einer Profession nachgehen, in der das Geld gezählt wurde. Zum Outcast wurde die Familie trotzdem, weil der Vater jüdisch war und das Nazi-Unheil seinen Lauf nahm. Schon früh emigrierte die Familie nach London, wo sie nicht Fuß fasste, dann ging es nach Mähren, wo kurz danach die Faschisten auftauchten und dann nach Schweden, wo der damals dreißigjährige Peter Weiss bis zu seinem Tod in den sechziger Jahren bleiben sollte.

Nach dem Scheitern in der Malerei folgten die ersten literarischen Versuche, noch während des und nach dem Krieg, intellektuell bis zum Exzess, aber voller Wahrheit. Die Biographie des Autors war eine für die Frakturen des europäischen Kontinents, der politischen Verwerfungen und der kulturellen Brüche. Und Peter Weiss antwortete mit seinem finalen Werk, der großen Trilogie über das, um mit Doktor Faust zu sprechen, was den Widerstand zusammenhält. Die Ästhetik ist ein großes Werk, weil sie etwas reklamiert, was vorher niemand reklamiert hat und weil sie vielleicht das enthält, was als die Geheimformel für jede Revolution und das Überleben schlechthin identifiziert werden kann.

Das Werk, das manchmal spröde daher kommt, spielt einerseits auf der Folie des deutschen Faschismus und den Kämpfen gegen ihn und andererseits im Museum, wo die Protagonisten, junge Berliner Arbeiter, sich die Geschichte erarbeiten. Ihre Objekte sind der Tempel von Ephesos oder das Floß der Medusa. Sie wirken zunächst als Phänomene und enden als hinterfragte Objekte. Das ist es, was Weiss in die Flaschenpost seiner Geschichte eingerollt hat. Die Fragen des kritischen Publikums, das ein sehr konkretes Interesse hat, an die großen Wirkungen die Phänomene der Geschichte.

Heute, als hätten sie sich abgesprochen, stehen diese Fragen aus der Feder Bertolt Brechts majestätisch am Berliner Schiffbauerdamm. Es sind die Fragen eines lesenden Arbeiters, aus denen das Elixier der Ästhetik des Widerstandes gemischt ist und die Peter Weiss seinen Lesern mitgibt. Die Mühen, die seine Protagonisten mit dem Erwerb dessen hatten, was als kulturelle Substanz beschrieben werden muss, diese Mühen sind immens, in den Stadien der Illegalität, der Flucht und der Unsicherheit. Aber, und das ist das Diktum des großen Schriftstellers, dessen ganzes Leben für das Exil stand, die Mühen, sich eine kulturelle Substanz zu schaffen, sind existenziell notwendig. Weil ohne kulturelle Substanz ist weder der Widerstand, noch die Revolution und erst recht nicht das nackte Überleben möglich.

Die Perspektiven, die Techniken, die sprachlichen Konstruktionen und grammatischen Formen, mit denen Weiss in diesem Monumentalwerk arbeitet, sie alle dokumentieren, was als These nachher zu dechiffrieren ist: Widerstand wie Revolution sind ein Projekt, das in erster Linie zivilisatorisch zu begreifen ist. Die kulturelle und zivilisatorische Qualität sind kein schmückendes Beiwerk der Revolution, sondern ihre Conditio sine qua non. Dass der Autor damit, selbst in dem Lager, dass sich selbst als links bezeichnete, kein überschwängliches Lob erhielt, versteht sich angesichts solcher Verirrungen wie dem Proletkult nahezu von selbst. Aber das bis heute Abschreckendste, das dieses Buch zu bieten hat, ist die Mühe seiner Lektüre. Angesichts der These des Autors aber folgerichtig. Wer die Moderne verstehen will, wer dem berühmten Weltgeist einmal ins Auge gesehen haben will, der muss sich dieser Mühe aussetzen!