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Nicht nach der absoluten Macht gegriffen

Joseph J. Ellis. George Washington

Kein anderer Mythos strahlt so in die amerikanische Geschichtsschreibung wie die Figur George Washingtons. So erklärlich es auch sein mag, die Ikonisierung des Gründungsvaters der USA par excellence hinterlässt mehr Skepsis als Begeisterung. Der, der quasi alleine mit einer humpelnden Kontinentalarmee die übermächtigen Briten bezwang, der die amerikanische Nation in die Verfassung schrieb, dem es gelang, den Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Staaten von Nord und Süd während seiner Zeit herzustellen, dem Feldherrn und Präsidenten und dem bescheidenen virginischen Pflanzer. So sehr einer jeden Nation die positive Würdigung ihrer Geburt zuzugestehen ist, der helle Glorienschein verhindert Fragestellungen, die bis heute virulent sind und die hilfreich wären, um bis in die Gegenwart reichende Phänomene zu erklären.

Joseph J. Ellis, emeritierter Professor für amerikanische Geschichte am Mount Holyoke College in Massachusetts und ausgewiesener Kenner der amerikanischen Gründungsgeschichte, hat versucht, die übermächtige Figur George Washingtons realistisch nachzuzeichnen und in den Kontext zu setzen, der ihr gebührt. George Washington. Eine Biographie ist er Titel dieser Arbeit und sie ist, um es gleich zu sagen, dem Ziel einer historischen Blickschärfung im positiven Maße sehr nahe gekommen. Wie es seriöse Historiker tun, hat Ellis Quellen über Quellen studiert, um sich ein Bild von dem zu machen, was er nicht selten als Phänomen George Washington beschreibt. Und dieses, „unbestochene“ Bild konfrontiert er immer wieder mit dem nationalen, heroischen Narrativ.

Das Ergebnis ist ein entspannt zu lesendes Buch, das durchaus den Protagonisten Washington mit Wohlwollen bedenkt, ihn aber weder mythisiert noch verdammt. Da wird deutlich, dass dem jungen Militär die Ungeduld die schlimmsten Niederlagen einhandelte, während erst sukzessive die Fähigkeit des Zuwartens entwickelt wurde, welcher er wiederum die größten Erfolge verdankte. Und ohne die Faszination des Gedankens an die junge amerikanische Nation zu trüben, wird auch deutlich, dass die alles entscheidende Schlacht von Yorktown mehr durch die Initiative der französischen Alliierten als durch einen kriselnden Washington gewonnen wurde.

Die wahre Größe des für die militärischen Siege Gefeierten bestand jedoch in seiner diplomatischen Fähigkeit, eine Balance zwischen den das heutige Parteiensystem antizipierenden Republikanern und Föderalisten herzustellen. Washington, der zu den reichsten Bürgern der neuen Nation gehörte, betrachtete vieles nach seinem realen Tauschwert, was ihn vor ideologischer Überhitzung bewahrte und ihm die Geduld verlieh, auf den richtigen Moment zu warten. So gab er, der den humanistischen Grundsatz der Verfassung als höchstes Gut schätzte, seinen eigenen Sklaven erst in seinem Testament die Freiheit und thematisierte die Frage nicht schon vorher öffentlich, weil er ahnte, dass die junge Republik sich an diesem Thema bis auf die Grundmauern bekämpfen würde.

Joseph J. Ellis gelingt es, einen übergroßen historischen George Washington vor dem Auge des Lesers erstehen zu lassen, der sehr viel in seinem Leben lernen musste, dem Niederlagen nicht fremd und Siege eher unangenehm waren. Und dessen größte Tat es war, nach dem großen Sieg gegen die Briten, nicht nach der absoluten Macht zu greifen, die ihm die neuen Amerikaner begeistert gewährt hätten. Das wahrhaft Große an dieser Figur, so die vorliegende Biographie, war die der Demokratie verpflichtete Tugend. Das wiederum ist ein Maßstab, der gesondertes Lob verdient!

Chuck

Der Kronzeuge gegen die These, der Rock ´n´ Roll sei eine weiße Angelegenheit gewesen, ist gestern im Alter von neunzig Jahren gestorben. Dabei wäre ihm diese Zeugenschaft völlig egal gewesen. Wichtig war ihm, dass seine Musik Dampf machte und alles stimmte. Der zornige und zielstrebige junge Mann beschritt sozial den Weg, den es brauchte, ein junges, rebellisches Genre wie den Rock ´n´ Roll ins Leben zu rufen. Der Preis war hoch, aber es hat sich gelohnt.

Als junger Mann war der 1926 in St. Louis, Missouri, geborene Charles Edward Anderson Berry bereits mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Oder, um es wahrheitsgemäß auszudrücken, er hatte sich an mehreren Einbrüchen beteiligt und einen Raubüberfall auf dem Gewissen. Das hieß mehrere Jahre Jugendgefängnis, genau bis zu seinem 21. Geburtstag. Danach jobbte er hier und da herum und die Sozialprognose für ihn wäre nicht sonderlich positiv ausgefallen. Ihn rettete jedoch eine Anstellung als Pförtner bei einem Radiosender, wo er nicht nur gute Musik hören, sondern auch noch eine gebrauchte Gitarre erwerben konnte.

Es folgten die autodidaktischen Exzesse, die alle treiben, die sich aufs Neuland begeben und irgendwann kam ein Chuck Berry zunächst mit Blues Klassikern auf die Bühne, die er eigenartig intonierte und inszenierte. Und dann kam der Besuch in Chicago, bei dem dieser Chuck Berry Ikonen wie Muddy Waters und Elmore James hören und sehen wollte. Und, als er sich ein Autogramm von Muddy Waters holte, wagte er sich ihn zu fragen, ob er ihm ein gutes Studio empfehlen könne. Dieser nannte ihm Chess Records, das bis dahin den Blues promovierende Label. Leonard Chess erkannte in Berry das, was er war: ein Revoluzzer, der eine ganze Generation mit treiben würde.

Es folgten Hits über Hits, die heute bereits zum Kulturgut Nordamerikas gehören. Jeder von ihnen durch die dynamische Performance eines Chuck Berry, der nebenbei die E-Gitarre zum lead-Instrument machte, durch Texte, die sich von dem sonstigen Gesülze durch harte Botschaften abhoben, genauso bekannt wie durch überzählige, unendliche Cover-Versionen, von den Beatles bis zu den Stones und bis zu jeder Hobbyband in irgendeinem Keller in der Provinz: Back in The USA, Sweet Little Rock ´n´ Roller, Maybeline, Roll Over Beethoven, Memphis Tennessee, Sweet Little Sixteen, Johnny B. Goode, No Particular Place To Go…

Chuck Berry spielte zunächst nur vor schwarzem Publikum, bis sich herumsprach, was in diesen Konzerten passierte. Nach und nach wagten sich die ersten Weißen zu den Konzerten und es dauerte nicht lange, bis der Rock ´n´ Roll sich von der Rassenfrage etabliert hatte. Chuck Berry blieb seiner Musik treu, auch als der Rock ´n´ Roll anderen Genres in Sachen Popularität weichen musste. Der Mann aus St. Louis schaffte es vom Jugendknast sowohl in die Rock ´n´ Roll als auch in die Blues Hall of Fame. Er spielte bis vor kurzem auf vielen Bühnen der Welt. Der Rock ´n´ Roll war sein Leben. Er hat ihn bis zum letzten Atemzug leben können. Was für ein Privileg!