Archiv der Kategorie: recensions

Über die Eigendynamik der Geheimen Dienste

Homeland 6

Seit den Tagen des legendären Franzosen Joseph Fouché, der nicht nur Robespierre und die Revolution, sondern auch Napoleon und die folgende Restauration als Chef der geheimen Dienste überlebte, ist deutlich geworden, wie stark die von der großen Öffentlichkeit erlebte Politik mit der Arbeit der Geheimen Dienste und den Organen der Diplomatie verwoben ist. Was die Öffentlichkeit nicht sieht, und wenn sie es sieht, nicht so recht glauben will, ist die Tatsache, dass die beschriebenen Geheimen Dienste nicht immer unbedingt der Regierung dienen, sondern dass sie durchaus eigene Interessen verfolgen und zuweilen eine „Eigendynamik“ erzeugen, die ganz und gar nicht im Interesse des politisch gebildeten Willens eines Landes ist. Die USA haben diese Geschichte mit aller Breite durchgemacht. In Robert De Niros Film „Der gute Hirte“ wird die ganze Problematik schon bei der Gründung der CIA durchleuchtet, zu einer Zeit, als die USA sich als Supermacht zu definieren begannen. Die Serie Homeland betrachtet eine andere Phase, deren Ursprung mit dem 11. September festzumachen ist.

Befassten sich die vergangenen Folgen von Homeland zunächst mit dem Problem eines „umgedrehten“ US-Soldaten, der aus Middle East nach Hause kommt, einem Gebiet, in dem die USA chronisch militärisch intervenieren. Dann ging die Reise in verschiedene arabische Staaten und nach Afghanistan, wo immer neue Abenteuer auf die Akteure warteten. Homeland 5 schließlich handelte von einem geplanten Terror-Anschlag in Berlin, dem Problem also, dass durch die ständige Intervention in der arabischen Welt in die westlichen Metropolen zurückschnappt. Das soeben veröffentlichte Homeland 6 ist an Aktualität die bisher brisanteste Serie. In ihr wird das Missverhältnis zwischen Regierung und Geheimdiensten überdeutlich. Es wird gezeigt, dass sich die verschiedenen Organisationen gegenseitig behindern und dass ihre Eigendynamik so weit gehen kann, dass sie gewählte Präsidenten in der Öffentlichkeit zu beschädigen versuchen, weil diese nicht den Kurs der weiteren, ständigen Militärinterventionen weiter verfolgen wollen.

Unter dem Stichwort „Home Security“ sind seit dem 11. September 2001 verschiedene Organisationen entstanden, die nicht den Eindruck machen, auf die demokratische Verfassung verpflichtet zu sein, sondern den Interessen der unterschiedlichen Branchen geheimdienstlicher Tätigkeit. Dass im Namen des Heimatschutzes gar eigene Terroranschläge unternommen werden, um die öffentliche Meinung in eine bestimmte Richtung zu lenken, ist zumindest für Homeland 6 ausgemacht. Und dass Präsidenten von den Big Guys der Geheimwelt bewusst mit falschen Informationen gefüttert werden, die sie in die Falle locken sollen, scheint ebenso ausgemacht.

Die politische Brisanz der Serie Homeland 6 liegt in diesen Thesen. Angesichts der Tatsache, dass die Finalisierung der Serie während des turbulenten US-Wahlkampfes zwischen Hillary Clinton und Donald Trump stattgefunden hat, muss den Produzenten attestiert werden, dass sie einen guten und einen schlechten Riecher hatten. Die Dame, die als President elect in der Folge eine Rolle spielt, ist angesichts der Verwobenheit des Clinton-Clans mit der Washingtoner Nomenklatura zu positiv. Die Deutlichkeit jedoch, mit der das Treiben vor allem der CIA, aber auch des FBI inszeniert wird, erklärt genau die Verwerfungen, die sich sehr schnell zwischen Trump und besagten Organisation auftat. Sehr früh wies er, und das übrigens im Einklang mit der Auffassung der amerikanischen Öffentlichkeit, auf die nicht tolerierbare Eigendynamik dieser Organisationen hin. So wie es aussieht, musste er klein beigeben. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Homeland 6: Sehenswert und brandaktuell.

Das späte Exil der Adele Bloch-Bauer I

Simon Curtis. Die Frau in Gold

Heute kann man in der auf Initiative von Mäzenen entstandenen New Gallery in Manhattan unter anderem das Bild „Women in Gold“ von Gustav Klimt auf sich wirken lassen. Der Maler war Österreicher und die extravagant porträtierte Frau war Österreicherin. Wie das Bild zum kolportierten Preis von 135 Millionen Dollar, bezahlt von dem Privatmann Ronald S. Lauder, nach Manhattan kam, schildert der Film von Simon Curtis. Die Frau in Gold ist ein gut britisch gedrehtes Justizdrama, das sich dem widmet, was allgemein unter der Chiffre des Nazi-Kunstraubes steht. Dem Film gelingt es, die komplexen politischen Widersprüche, die sich in internationalen juristischen Auseinandersetzungen ausdrücken, zum Leben zu bringen und die politischen wie moralischen Fragen, die dahinter stehen, ins Bewusstsein zu rufen.

Stark vereinfacht geht es darum, dass das Porträt mit dem ursprünglichen Titel Adele Bloch-Bauer I, welches die jüdische Kaufmannsfrau gleichen Namens darstellt, nach der Besetzung Österreichs durch die Nazis mit einem an Ausmaß und Dreistigkeit nicht zu überbietenden, exakt organisierten Raub aus dem Hause der von nun an verfolgten Juden verschwand und in den Besitz einer Nazigröße gelangte. Aus Adele Bloch-Bauer wurde die Frau in Gold, um das Judentum der porträtierten Schönheit zu kaschieren. Nach dem Krieg tauchte das Bild wieder auf und wurde in Wien ausgestellt und mutierte dort, wie es im Film an einer stelle so schön akzentuiert wurde, zur Mona Lisa Österreichs.

Aus österreichischer Sicht war dann das Unterfangen der mittlerweile Amerikanerin Maria Altman, einer Nichte der Porträtierten, sehr subtil von Helen Mirren dargestellt, der die Flucht nach Kalifornien gelungen war, das Bild neben anderen als ihren Besitz zu reklamieren. Dieses geschah aufgrund einer eigens von Österreich ins Leben gerufenen Restitutionskampagne. Letztere erweckte, zumindest in der filmischen Darstellung, den Eindruck, als handele es sich um eine PR-Aktion des Staates Österreich, die im Falle der Frau in Gold nicht ernst gemeint war. Österreich lehnte zunächst rigoros ab, sich mit den Beweisen, die die Partei Altmans vorlegte, auseinanderzusetzen. Dann ging es über ein amerikanisches Gericht wieder zurück zu einer in Österreich tagenden neutralen Schiedskommission, die Altman die Rechte auf insgesamt fünf Klimt-Bilder zusprach, auch Adele Bloch-Bauer I. Der österreichische Staat verzichtete auf den Versuch, auf 300 Millionen Dollar geschätzten Werke zu erwerben. So landete die „österreichische Ikone“ dort, wo sie nicht hingehörte, in Manhattan.

Die Stärke des Films besteht in der Verknüpfung eines einzelnen jüdischen Familienschicksals mit der Geschichte eines von einem höllisch motivierten und zynisch operierenden Beamtenapparates, der im Auftrag der Nazis alle Kunstwerke von Wert im Rahmen der Judendiskriminierung, der Judenverfolgung und des Judenmordes enteignete und unter der Nomenklatura des Naziapparates verteilte. Aus diesem kalten Akt der Gier, der unter anderem zeigte, wie bewusst man sich in diesen Kreisen auch der Rezeption offiziell als entarteter Kunst bezeichneter Werke hingab, wurde eine nach der Niederlage des Faschismus nicht selten eine Attitüde, sich heimlich zu sichern, was aus den Häusern der Mörder und Räuber gerettet werden konnte. Nicht nur, aber auch und signifikant zeugen die geraubten Kunstwerke aus jüdischem Besitz mit aller Strahlkraft von dem kulturellen Verlust, den die Herrschaft der Barbaren hinterlassen hat. Und der Film erzählt eigentlich die Reise eines solchen Kunstwerks ins späte, endgültige Exil.

Die Wahrheit wieder einmal komplizierter als sie schien

In Zeiten des abnehmenden Lichts. Matti Geschonneck
Acht Jahre nach erscheinen von Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist nun ein Film entstanden. Matti Geschonneck hat versucht, den als Montage konzipierten Roman anhand eines abschließenden Ereignisses zu fokussieren. Im Großen und Ganzen ist dieses gelungen. Um einen alten, manchmal zu abgegriffenen Begriff zu verwenden, der in diesem Fall allerdings kein Klischee ist: es ist sogar ein Sittengemälde der DDR, die kurz vor ihrem endgültigen Zusammenbruch steht, gelungen.

Um das Ereignis, den neunzigsten Geburtstag des Familienpatriarchen, ranken sich die Geschichten der einzelnen Familienteile und Familienmitglieder. Das Ganze spielt im Jahr 1989 und der Zuschauer weiß um die Endlichkeit der politischen Verhältnisse, in denen sich das Leben ausbreitet. Auch wenn die eine oder andere komische Inszenierung kurz aufblitzt, es handelt sich nicht um eines jener Werke, dass sich über die Weltfremdheit und das Skurrile der DDR lustig macht. Auch wenn viele Szenen grotesk wirken, so wird den Akteuren dennoch nicht abgesprochen, dass sie ihre eigene biographische Logik haben, die sogar in einem Systemzusammenhang steht.

Atmosphärisch wird der Eindruck vermittelt, den man hatte, wenn man die späte DDR besuchen konnte. Zumeist ein verschleiertes Licht, viele Grautöne, ruinöse Immobilien, antike Automobile, schlecht gekleidete Menschen und hölzern und unzeitgemäß wirkende Phrasen. Das wäre nichts Neues, wenn es nicht gelänge, die Motive der Handelnden und die dahinter stehenden Geschichten zu entschlüsseln. Der Veteran, der mit Mexiko das falsche Exil gewählt hatte, weil die späteren Parteikarrieren von denen gemacht wurden, die in Moskau waren. Seine Frau, der das Großbürgerliche in jeder Geste anhaftet, die mit ansehen musste, wie aus ihrem verehrten großen Welterklärer ein dogmatischer Besserwisser wurde. Ihr Sohn, der ins russische Exil wollte, aber zusammen mit seinem Bruder in einem Gefangenenlager landete, von wo nur er, aber mit einer russischen Frau und einer Schwiegermutter im Gepäck zurückkehrte, um ein angesehener Historiker zu werden, der verschweigt, was er im Gulag gesehen hat. Und sein Sohn, der im Film, kurz vor dem großen Geburtstag des Patriarchen, auch noch rüber macht.

Bis in den letzten filmischen Winkel werden Geschichten erzählt, die die Menschen sympathisch und nicht lächerlich machen. Die zumindest im Film größte Wirkung erzielt die Russin und Mutter des geflohenen Sohnes. Sie ist die Seele der Epoche, sie spürt den nahenden Untergang und sie sträubt sich mit ihrem ganzen Wesen. Quasi in der Schlüsselszene führt sie, angetrunken und exzentrisch gekleidet, einen Dialog mit der gesamten Hochzeitsgesellschaft. Sie seziert die in Formalismen erstarrte Gesellschaft und ihre Zukunft mit einer vernichtenden Offenheit. Das zentrale Statement ist ein Zitat: „Wenn es kein Brot gibt, können wir Kartoffeln essen, aber was ist, wenn die Ideen ausbleiben?“ Es ist folgerichtig, dass die Erzählung mit dem Ende dieser figurierten Seele endet.

„In Zeiten des abnehmenden Lichtes“ ist ein aus meiner Sicht wichtiger Film, weil er jenseits der Siegerperspektive Einblicke in die Tragik eines Projektes gewährt, das von sehr starken Charakteren und durchaus sympathischen Menschen in Angriff genommen worden war. Der Film macht ohne Triumphhalismus deutlich, dass die Wahrheit wieder einmal komplizierter war als es aus dem Blickwinkel der Sieger schien.