Archiv der Kategorie: recensions

Großes jenseits des Mythos

Joe Wright. Die dunkelste Stunde

Natürlich sind die staatspolitischen Größen des II. Weltkrieges zu Mythen geworden. Hitler und Stalin auf der Seite des Bösen. Da existiert kein Zweifel. Und obwohl die USA als die eigentlichen Sieger aus diesem Desaster hervorgingen, schaffte es ihr Präsident nicht annähernd, in die Liga aufzusteigen, in der die Bösen spielten. Im heutigen Westen gab es genau genommen nur einen, der das Zeug zum Mythos mitbrachte und einlöste: Winston Churchill. Der Brachiale, der intellektuelle Banause, der Whiskey-Trinker und Zigarrenraucher, der Nobelpreisträger und Intimus des Königs, der, den das Volk verstand und den der eigene Adel hasste. Und genau so, wie beschrieben, arbeitet sich der Mythos an dem etwas fetten, schlauen Mann ab. In dem nun laufenden Film „Die dunkelste Stunde“ hat der Regisseur Joe Wright den existierenden Mythos gekonnt vom Sockel gestoßen und ist damit wohl der historischen Figur etwas gerechter geworden.

Der Zeitrahmen, den sich Wright ausgesucht hat, ist die verfahrene militärische Lage in der Normandie im Jahr 1940, in die britische Truppen geraten waren, nachdem sie der französischen Armee gegen die deutsche Invasion in Belgien und Frankreich zur Seite springen wollte und dabei grandios scheiterte. Die Folie ist der Streit um einen Politikwechsel in Großbritannien. Bleibt es bei der bereits gescheiterten Appeasement-Politik gegenüber Hitler seitens des Premiers Chamberlain und seines Außenminister Halifax oder folgt das Königreich dem einzigen, der seine Warnungen gegenüber Hitler unverblümt ausspricht und auf die Notwendigkeit eines Krieges hinweist, Winston Churchill? Letztendlich wird Churchill Premier und leitet das Kriegskabinett und ihm gelingt die Rettung von nahezu 300.000 Soldaten aus Frankreich durch die Mobilisierung der Bootsbesitzer in Südengland. Doch die historischen Ereignisse verlieren an Bedeutung, da die Studie der Persönlichkeit Churchills alles dominiert.

Und da gelingt es dem Schauspieler Gary Oldman, seiner Vorlage das Klischee zu lassen und sie dennoch zu verändern und zu einem Kern vorzudringen, der zunehmend menschlicher aussieht. Die Schale, die tägliche Inszenierung, die bleibt, aber ihre Rolle wird deutlich. Natürlich säuft sich Churchill in den Tag, noch im Bett, beim Frühstück zu Eiern mit Speck gibt es den ersten Schampus und dabei, nicht danach, wird die erste Zigarre entzündet. Es sieht so aus, als begänne da ein willenloser Hedonist seien Tag, aber anscheinend saugt er aus der Libertinage alle Energie, die er braucht, um seine Überzeugungen an den Mann zu bringen. Seine Frau, eine starke Persönlichkeit, kennt seine Selbstzweifel und Ängste und sie versucht ihm klar zu machen, dass genau das die Eigenschaften sind, die ihn selbst zu so einem gewaltigen Politiker gemacht haben. Dass er, gerade weil er nicht selbstsicher und arrogant, sondern zweifelnd und ängstlich daher kommt, die nötige Stärke mitbringt, um andere mitzureißen.

Und seine Rhetorik, die Zeit seines Lebens legendär war und die ihm in schriftlicher Form nicht ohne Grund den Literaturnobelpreis einbrachte, diese Rhetorik kommt nicht daher wie eine polternde Kraft, sondern wie ein langsames, nach dem richtigen, dem treffenden Wort suchendes Tasten. Und gerade dadurch zieht Churchill die Zuhörerschaft in seinen Bann, es scheint, als suchte sie fieberhaft zusammen mit ihm, unter seiner Leitung, nach dem richtigen Begriff.

„Die dunkelste Stunde“ ist ein exzellenter Film, der vieles erhellt.

Nicht der große Wurf!

Daniel Kehlmann, Tyll

„Ein Meisterstück“, „Kehlmanns bisher bester Roman“, ein „wundervoll distanziert geschriebenes, brutales, modernes, romantisches deutsches Epos“, das Buch hat „Züge eines Klassikers“, einfach „verdammt großartig“. Wer derartige Bewertungen seitens der großen, angesehenen Feuilletons auf den Rücken seines neuen Buches drucken kann, der hat es geschafft. Daniel Kehlmann, der immer noch junge Autor, dem schon bei seinem Erstwerk „Die Vermessung der Welt“ wahrlich Großes prophezeit wurde, hat mit seinem neuen Roman „Tyll“ weit ausgeholt und durch die Wahl des Themas erneut hohe Erwartungen geschürt. Sein Roman über Tyll Eulenspiegel hat diese hohen Erwartungen zumindest laut der etablierten Kritik spielend erfüllt. Einige Zweifel seien angebracht.

Mit Tyll hat Kehlmann gleich zwei historisch mythische Ereignisse in den Fokus genommen. Einerseits die maßgeblich oral tradierte Figur des Till Eulenspiegel und andererseits die Epoche, in der die Figur wirkte, den dreißigjährigen Krieg. Letzterer verfügt allerdings mit dem Simplicissimus des Hans Jacob Cristoffel von Grimmelshausen nicht nur eine radikale Erzählung, der erst einmal Paroli geboten werden muss. Der durch diese abenteuerliche Geschichte wuchernde Vagant Melchior Sternfels von Fuchshaim kann auch als das Pendant zu dem gesehen werden, was Kehlmann in seiner Konstruktion als die Figur des Tyll etabliert.

Die Überlegung Kehlmanns hat ihren Charme. Er nimmt die historisch belastete und bis zum heutigen Tag nur in verschiedenen Varianten verifizierte Figur des Tyll und beginnt mit ihr eine Erzählung über den dreißigjährigen Krieg in Deutschen Landen. Das einführende Kapitel dreht sich um das Schlüsselerlebnis des Tyll, jenes Ereignis, das aus ihm einen Suchenden und Gejagten zugleich machte. Doch anstatt in ein Kontinuum von dessen Lebensgeschichte zu verfallen, webt Kehlmann andere Kapitel ein, in denen der große Krieg immer den Rahmen bildet und bei dem nicht immer, aber ab und zu, und eher am Rande jener Tyll wieder auftaucht, quasi wie ein roter Faden, der sich durch viele Geschichten zieht. Und steht dieser Ulenspiegel im Zentrum der Erzählung, dann sind die Geschichten nicht chronologisch. Kehlmann springt im Krieg wie im Leben des großen Vagabunden vor und zurück.

Das alles ist sprachlich gekonnt und glatt und von der Erzählstruktur her sehr gut lesbar und erzeugt keine Verwirrung. Ganz im Gegenteil: Kehlmann gelingt es, eine Idee von dem ganzen Tohuwabohu zu erzeugen, das das einstige Europa nahezu flächendeckend verrohte und das im Grad seiner Zerstörung mit dem westfälischen Frieden eine Grundlage für alle modernen Ansätze staatlicher Koexistenz schaffte. Niemand hatte mehr die Kraft, den religiös wie weltlich motivierten, irrsinnigen Krieg weiter zu führen. Und obwohl die Leserschaft einen Eindruck davon bekommt, existieren andere Bücher, die das besser vermitteln können.

Wenn aber die „Opferung“ der Figur des Tyll als lediglich wiederkehrendes Motiv nicht dazu geführt hat, dass das grandios zerstörerische Szenario des dreißigjährigen Krieges ein modernes Narrativ dazu bekommt, warum dann die Figur in den Hintergrund treten lassen? Gerade der Vagabund, der freie Vogel, der Outcast, die einzig legitime Fratze der Herrschaft in ihren dunkelsten Stunden, kann in unseren Tagen wieder zu Erkenntnissen führen. Beklagen wir nicht gerade heute, dass nur noch das Kabarett dazu in der Lage ist, der Politik die bösen Wahrheiten unserer Tage entgegen zu schreien?

„Tyll“ ist ein gut geschriebenes, lesbares Buch. Der große Wurf ist es nicht.

Europas Unwucht

Robert Menasse, Die Hauptstadt

Zweifelsohne gehört Robert Menasse zu den wenigen deutschsprachigen Schriftstellern, die es verstehen, den Konnex von konkreter Biographie mit dem gesellschaftlichen Gesamtschicksal herzustellen. Nahezu alle Romane, die er bis heute geschrieben hat, haben etwas mit mit dem Menschen, seinen konkreten Erfahrungen und Geschichten und dem Entwurf zu tun, den eine Gesellschaft auf der Metaebene für sich formuliert. Das ist nicht einfach, und deshalb kann sich die zeitgenössische deutschsprachige Literatur glücklich schätzen, jemanden wie Robert Menasse zu haben.

Für seinen jüngsten Roman mit dem Titel „Die Hauptstadt“ erhielt Menasse den Deutschen Buchpreis 2017. Die dadurch erzeugt Aufmerksamkeit hilft dem Roman am Ladentisch. In den Fresszetteln zum Buch steht immer etwas von dem Brüsseler Roman, was suggeriert, dass Brüssel die Hauptstadt Europas sei, in der die Handlung spielt. Doch Menasse wäre nicht Menasse, wenn diese Idee mit all ihren Brüchen im Gewebe der Erzählung nicht zum Schafott gebracht würde.

Die Leserschaft erfährt in diesem Werk, das über verschiedene, von einander unabhängige Handlungsstränge verfügt, die Geschichten einzelner Individuen wie die einer gesamten Bürokratie. Da sind die heute so genannten Player in dem gewaltigen bürokratischen Apparat, der die Geschicke Europas lenkt. Menasse gelingt es, Motivationslagen, Karrierepfade wie Grenzen der Prototypen spielerisch aufzuzeichnen.

Aber da sind auch die Outcasts, von deren Existenz man in der großen Administrationsmaschine kaum weiß. Wie die des ehemaligen Auschwitz-Insassen De Vriend, der als alter Mann seine Brüsseler Wohnung verlässt und in ein Seniorenheim umsiedelt. Oder der zu einem Kolloquium eingeladene emeritierte österreichische Professor, der sehr wohl begreift, dass er in den Augen der Europolitik eine belächelte Figur ist, der es sich aber nicht nehmen lässt, in seinem Auftritt die Seichtheit des Brüsseler Mainstreams zu entlarven. Von ihm stammt auch der provokative Vorschlag, eine neue europäische Hauptstadt zu bauen. Und da ist der Brüsseler Kriminalkommissar, der von einem Mordfall abgezogen wird, den es nicht gegeben haben darf, weil sich ein polnischer Geheimdienstkiller des Vatikans sich einfach nur vertan hat.

Das Realistische an dem Roman „Die Hauptstadt“ ist die Koexistenz unterschiedlicher Welten und Wertesysteme, die sich zufällig kreuzen und bei deren Treffen eine besondere Dynamik entwickeln, die aber nicht unbedingt planbar ist. Das ist so, wie das Leben spielt. Was sehr deutlich wird, ist die Fokussierung des Autors auf den Bruch zwischen unterschiedlichen Lebenserfahrungen und dem, was sich da als der europäische Alltag entrollt. Gut ist, dass er nicht in den Fehler verfällt, die Unzulänglichkeiten der jungen, dynamischen Bürokraten dafür verantwortlich zu machen, sondern das konstruiert Traditionslose.

Wenn der Roman eine Botschaft an die europäische Idee hat, dann ist es der Hinweis auf die Identifikationsmisere. Immer wieder sind die Akteure des Romans auf der Suche nach einem Begründungszusammenhang für das europäische Projekt. Mal hat es mit den Verheerungen von Auschwitz zu tun, mal ist es die schlichte Inkongruität zwischen nationaler Existenz und der Notwendigkeit, supra-national zu handeln.

Menasses Roman ist ein großer Wurf. Dass er, eher kokett, in seinem Konstrukt auf das Edelbruchstück der literarischen Moderne, Musils „Mann ohne Eigenschaften“ verweist oder sich dessen bedient, ist nachvollziehbar wie zu verzeihen. Wer sich nicht an Großem orientiert, schafft nichts Großes. Vielleicht noch ein Argument für Europa und die Lektüre des Romans.