Archiv der Kategorie: recensions

Kohlhaas in Manhattan

E.L. Doctorow. Ragtime

Romane über New York, der Welthauptstadt des XX. Jahrhunderts, zu schreiben, gehört sicherlich zu den herausragenden Herausforderungen eines Schriftstellers. Nicht viele haben es gewagt. Herausragend sind dabei bis heute „Manhattan Transfer“ von John Dos Passos und „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ von Tom Wolf. Beide hatten sich die Dichte dieses Konglomerats zunutze gemacht und die verschiedenen, sehr unterschiedlichen sozialen Formen der Existenz wie der biographischen Brisanz der Akteure in ihren Werken verwoben. E.L. Doctorow hat mit „Ragtime“ 1975 einen eigenen Versuch gestartet, anhand dieses Schmelztiegels ein Sittengemälde der dargestellten Zeit zu entwerfen.

In einem seiner ersten Romane gelang es ihm, das New York noch vor der großen, epochalen Bedeutung einzufangen.“Ragtime“ spielt im Zeitraum zwischen 1902 und dem I. Weltkrieg. Im Gegensatz zu den erwähnten New Yorker Romanen wählte Doctorow allerdings keine No-Names, sondern exponierte Personen der Zeitgeschichte, um die Brisanz der Stadt einzufangen. Sigmund Freud, Henry Ford, J.P. Morgan und Emma Goldman sind nur einige der Figuren, die in den historischen Annalen ihren Platz gefunden haben und die in dem Roman eine Rolle spielen. Die Gleichzeitigkeit und die Verwobenheit miteinander sind das kompositorische Moment, das die Handlung vorantreibt. Als künstlerischer Griff und als die alles überschattende Metapher wählt Doctorow den Ragtime, der den Roman rhythmisch treibt durch die Synkopen und das Staccato akzentuiert. Das Genre, welches lange mit dem Stigma einer Bordell-Musik behaftet war, dient auch der Erklärung dessen, was sich sozial im Big Apple jener Zeit abspielte.

Neben Exkursionen zum Nordpol, neben der Erfindung industrieller Serienproduktion, neben der wirtschaftlichen und politischen Einflussnahme von Trusts und Syndikaten, neben der Entstehung des Brandings femininer Pop-Ikonen, neben der Etablierung von Sensations-Marketingstrategien und neben der politischen Organisation der Arbeiterklasse spielt vor allem eine Adaption aus der europäischen Literaturgeschichte eine zentrale Rolle.

Es handelt sich dabei um den Jazz-Pianisten Coalhouse Walker Jr., dessen Vorbild Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas ist. Eben jener erfolgreiche, gut situierte und afro-amerikanische Musiker wird in einem Kaff in der Nähe New Yorks von dumpfem, rassistischem und provinziellem Mob gedemütigt und sein schickes Automobil, ein Ford Model T, wird von diesen Leuten ramponiert. Als er danach verlangt, es in seinen ursprünglichen, tadellosen Zustand wiederherzustellen, beginnt das Spiel, das in der Manier der literarischen Vorlage seinen Lauf nimmt. Die Polizei setzt sich nicht für ihn ein, seine Verlobte verliert bei dem Versuch, sich für ihn einzusetzen ihr Leben und alle rücken von ihm ab.

Der Feldzug für die Gerechtigkeit nimmt durch terroristische Anschläge, von Coalhouse Walker und seinen Anhängern inszeniert, seinen Lauf, bis es zu einem Showdown in Manhattan kommt, bei dem dieser zu seinem Recht kommt, wohl wissend, dass er in dessen Folge mit seinem Leben bezahlen muss. Die Gerechtigkeit nimmt ihren Lauf, der Preis ist hoch, das Ende tragisch.

Die Kälte, mit der Doctorow die Verläufe der einzelnen Handlungen seziert und aneinanderreiht, machen aus dem epischen Werk ein Pamphlet, das die Unschuld der Moderne in Abrede stellt und die Botschaft sendet, das jedes hehre Prinzip einen furchtbaren Preis hat. Dennoch bleibt die Macht einzelner eine zentrale Größe, der das Streben nach Recht und Gesetz nichts anhaben kann.

Doctorows „Ragtime“, zwischenzeitlich ein Kultbuch, das erfolgreich verfilmt wurde, besitzt nach wie vor eine große aktuelle Brisanz, und es ist keine Übertreibung, den Roman als einen Klassiker der Moderne zu bezeichnen. 

Die Zerstörung von Erfolgsbiographien

John Wells. Company Men

Die Szenarien sind bekannt. Ein Konzern, der sich auf dem internationalen Markt bewegt, richtet sich auch nach den Gesetzen des globalen Wettbewerbs. Rücken andere Produkte den eigenen auf den Leib, wird überlegt, wie die Attraktivität der eigenen Marke gesteigert werden kann. Und eines der entscheidenden Merkmale ist nun einmal der Preis. Der wiederum lässt sich drücken durch die Senkung der Produktionskosten, die sich über Infrastruktur, technische Ausrüstung und die eingesetzten Menschen definieren. Und dass ausgerechnet immer wieder diejenigen, die die Werte schöpfen als so genannte Personalkostenfaktoren aus Unternehmen saniert werden, gehört zu den Absurditäten des Systems. Dass es dann die Kleinen in einem solch System trifft, ist bekannt. Dass es aber auch Große sein können, die nicht mit immensen Tantiemen in den Ruhestand geschickt werden, sondern sich danach im freien Fall befinden, wird selten beleuchtet.

Der Regisseur John Wells hat dieses mit dem 2010 erschienenen Film Company Men getan. Der Film kann mit guten Recht als eine schnelle Reaktion Hollywoods auf die Weltfinanzkrise von 2008 gesehen werden. Mit Größen wie Tommy Lee Jones und Ben Affleck wurde etwas thematisiert, das vor allem im letzten Jahrzehnt in den USA zum Massenphänomen geworden ist. Erfolgreiche Manager, die steile Karrieren hinter sich haben und denen anscheinend nichts mehr passieren kann, werden zum Opfer drastischer Rationalisierungsmaßnahmen. Und sie bekommen allenfalls noch einige Monatsgehälter und ein Angebot, sich in einem Job Center weiter zu qualifizieren. Aber die Falle schnappt zu: die in den USA üblichen Belastungen eines Erfolgsmenschen bleiben bestehen, die Hypopthek auf das stattliche Haus wird fällig, der Golf Club kostet weiter Geld, der Car Park kostet Geld, die private Schule der Kids erfordert weiterhin die exorbitante Gebühr. Wer da nicht schnell einen neuen Job hat, der rauscht vom Berggipfel in ein dunkles Tal.

Der Film veranschaulicht sehr gelungen, was die Situation mit gerade diesen Menschen macht, die mit ihrer Kreativität und ihrem Esprit so viel bewegt haben, die den Wohlstand und die damit verbundene Macht als ihr tägliches Besteck nutzen und plötzlich stehen sie da, ohne irgend etwas davon mitnehmen zu können. Stattdessen reagiert das soziale Umfeld. Mal mit Empathie, aber auch nicht selten mit Häme, denn, das ist auch ein ehernes Gesetz, it´s lonely at the top. 

Anhand dreier Männer wird die Geschichte erzählt. Erst fliegt ein junger aus dem Management, dann ein Senior der ersten Stunde, der es bis in den Vorstand geschafft hat und schließlich sogar der Weggefährte des Konzernchefs, der es wagt, die Rationalisierungsstrategie des Personalabbaus wegen des drohenden Identitätsverlustes anzuprangern. Allen dreien geht es nicht gut damit. Der Junge landet zwischenzeitlich desillusioniert auf dem Bau des Schwagers, der Senior vom Tag Eins vergiftet sich in seiner Autogarage, nur das Alpha-Tier aus der Chefetage fällt relativ weich.

Die Initiative des letzteren, wieder eine Fabrikhalle zu erwerben und dort mit industrieller Produktion zu beginnen, wo alles einmal anfing, ist die Illusion, die nicht in das Narrativ passt und die dem Film etwas Abseitiges gibt. Ansonsten handelt es sich um sehr feine, kritische Studien darüber, wie im Prozess der globalen Märkte auch reihenweise Erfolgsbiographien zerstört werden. Für den Film sprechen die leisen Töne und der Verzicht auf reißerische Flops. Company Men gehört zu den jüngeren Werken, die man sich öfters ansehen sollte.  

Wenn sich die irdische Macht einschleicht

Robert Harris. Conclave

Und wieder ein Thriller, der über den reinen Spannungsbogen hinausgeht. Robert Harris steht an der Schwelle zum Vielschreiber, was allerdings der Auswahl der Themen keine andere, kommerziell überbewertete Richtung gegeben hätte. Seine Ausflüge in die römische Geschichte waren sehr dem Thema zuträglich, genauso wie die unterschiedlichen Romane über den Faschismus in Deutschland und Europa. Meistens ist es Robert Harris gelungen, historisch-kritische Themen in das Gewebe einer spannenden Erzählung einzuflechten und somit einem größeren, nicht notwendig bildungsbürgerlich sozialisiertem Publikum zugänglich zu machen. Dass dabei die kritischen Aspekte nicht untergehen, gehört zu den besonderen Qualitätsmerkmalen des Autors.

Mit dem 2017 erschienenen Roman Conclave befasst sich Robert Harris mit dem jedes Mal weltweit beachteten Ritual der Papstwahl zu Rom. Die Leserschaft wird in diesem Buch Zeugin einer solchen Papstwahl. Letztere findet in der Jetzt-Zeit statt, bezieht sich in der Rückbetrachtung auf reale Figuren der Geschichte, ist aber auf der aktuellen Erzählfolie fiktiv. Das ist geschickt komponiert und vermittelt den Eindruck, einer tatsächlichen Papstwahl beizuwohnen und mitzubekommen, wie dieses Ritual vollzogen wird.

Neben der tatsächlichen, in einem festen Kodex vorgeschriebenen Chronologie erfährt das literarische Publikum aus den Augen des Zeremonienmeisters der Konklave, wie sehr plötzlich die irdischen Dimensionen der Macht eine zunehmend Bedeutung in diesem Prozess einnehmen. Die zur Wahl zugelassenen 118 Kardinäle aus aller Welt haben teils eine kontinentale, teils eine soziale Brille. Es existieren Traditionalisten wie Erneuerer, status- und machtorientierte Motivationslagen wie die Vorstellung programmatischer Verbesserung. Es wird fraktioniert, es wird intrigiert, es werden Konkurrenten ausgestochen, es werden Ablenkungsmanöver gestartet und es wird fraternisiert. Nichts, was bei den Kämpfen um die säkulare Macht eine Rolle spielt, wird in den Stunden und Tagen der päpstlichen Neuwahl ausgelassen.

Wie immer ist auch in diesem Roman die Erzählung stringent und Spannung erzeugend. Wie immer malt der Autor weder Schwarz noch Weiß. Und wie immer wird beim Lesen vieles deutlich, manches auch erschreckend deutlich, aber das dilettantische Instrument der moralischen Empörung findet keine Anwendung. Auch das ist positiv, weil vor allem hierzulande die moralische Indoktrination oft die einfachen Wege des Verstandes verstellt.

Stattdessen wird bei der Lektüre von Conclave nicht nur deutlich, dass die Protagonisten bei der Papstwahl, dem wohl wichtigsten Ritual in der Institution der katholischen Kirche, alle von dieser Welt kommen und ein fester Bestandteil derselben sind. Das mag für den einen oder anderen ernüchternd wirken, auf der anderen Seite ist es aber auch erlösend. Es erklärt, warum die menschlichen Gelüste und Schwächen etwas sind, das die gesamte Gattung anbetrifft und nicht vor denen, die spirituell oder real politisch etwas verändern wollen haltmacht.

Gerade dieser Aspekt trägt dazu bei, dass Conclave eben nicht zu den Dutzenden Büchern zählt, die einen Standpunkt an einem solchen Ereignis abarbeiten und kein klares Urteil suggerieren. In Conclave geht es um Schwierigkeiten, die entstehen, wenn eine spirituelle Idee sich in einer materiell existierenden Organisation widerfindet, in der die Gesetze herrschen, die alle sozialen Systeme durchdringen. Wem das gefällt, der sollte sich die Lektüre genehmigen.