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Beidseitigkeit im Kalten Krieg

Edward Berger, Samira Radsi. Deutschland ´83

Die unter dem Titel „Deutschland ´83“ veröffentlichte Serie konnte zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen. Im Dezember 2015 hatten sich die Zeichen einer Wiederherstellung der politischen Konfrontationslinien aus dem Kalten Krieg zu einem Gesamtbild verdichtet. Die von dem Regie-Duo Edward Berger und Samira Radsi gekonnt reanimierte Geschichte der Konfrontation zwischen Ost und West spielt in einem extrem provinziell anmutenden Deutschland und die Handlungsweisen, die die Protagonisten an den Tag legen, lassen eher mitleiden, als dass sie dazu beitrügen, sie zu verdammen oder zu heroisieren. Drehbuch wie Regie ist es gelungen, keine filmische Fortsetzung der Feindbilder des Kalten Krieges zu inszenieren.

Beide Seiten, d.h. der Geheimdienst der DDR wie das westdeutsche Militär, werden in ihrer von Unwissenheit, technischem Dilettantismus wie menschlichem Zweifel geprägtem Dasein dargestellt. Es wird deutlich, dass zu einer Eskalation immer zwei Seiten gehören. Wer in der Serie eine Bestätigung für die Argumentation der einen oder der anderen Seite sucht, wird mit nicht bedient. Es handelt sich um eine kritische, in vielen Aspekte auch komische Reflexion der jüngeren Geschichte.  

Die Stationierung der atomaren Pershing II-Raketen in der alten Bundesrepublik kann als der Höhepunkt des Kalten Krieges bewertet werden. Die Serie bettet dieses Faktum ein in die Geschehnisse der Zeit. Da war die Großkundgebung der Proteste gegen die Stationierung im Bonner Hofgarten mit einer halben Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, auf der ein SPD-Parteivorsitzender Willy Brandt und der Schriftsteller Heinrich Böll Reden hielten, da reiste Udo Lindenberg nach Ost-Berlin zu einem Konzert in der DDR, da flüchteten immer noch Menschen aus der DDR in die BRD, da gab es politische Gefangene in den Gefängnissen der DDR, da spielten amerikanische Strategen mit der Möglichkeit eines begrenzten Atomschlags und  da gab es russische Agenten, die so klug oder so töricht waren, dieses ernst zu nehmen. 

Aber da gingen auch hochrangige amerikanische Militärs in Bonner Puffs, da outeten sich die ersten Homosexuellen und da wurde AIDS vor allem unter dem Label einer Schwulen-Krankheit bekannt. Da protestierten westdeutsche Kinder gegen das Establishment und sie wurden politisch und neigten zur radikalen Aktion oder sie landeten in psychedelischen Sekten, die die strengen Hierarchien, gegen die protestiert wurde, nur reproduzierten. Und da waren die Autoritäten auf beiden Seiten, die merken mussten, dass die Macht ihres Weltbildes gewaltig zu bröckeln begann.

Spricht es für die Serie, dass sie es in us-amerikanische Fernsehprogramme geschafft hat? Zumindest wird dadurch deutlich, dass die Regisseure es verstanden haben, eine sehr ernsthafte historische Phase so aufzubereiten, dass eine packende Handlung, die auch komische Züge aufweist, durchaus dazu geeignet ist, sich mit dieser schwergreifenden Verwerfung zwischen Ost und West noch einmal auseinanderzusetzen. Und so fern ist das ja alles nicht mehr. Im Gegensatz zu „Deutschland ´83“ sind hierzulande wieder Politiker unterwegs, die an einer Restauration dieser haarsträubenden Zustände interessiert sind. 

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Hans-Peter Martin. Game over

Wer ist noch nicht über die Titel „Bittere Pillen“ oder die „Globalisierungsfalle“ gestolpert? Es waren Bestseller, die sich sich ihren Erfolg nicht durch billige Strategien erkauft hatten, sondern die glänzten durch das seltene Extrakt von Substanz und Lesbarkeit. Der Österreicher Hans-Peter Martin ist ein international erfahrener Mann, er kennt Länder und ihre Institutionen, er kennt supranationale Konzepte wie die EU und ihm ist das Leben derer, für die in der Regel entschieden wird, nicht fremd. Nun, in der Zeit des großen Wandels, legt er ein neues Buch vor, das an Brisanz kaum zu überbieten ist. Game over. Wohlstand für wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für alle: Unter diesem zuspitzenden Titel hat er im wahren Sinne des Wortes zugeschlagen. Es geht um das Fazit einer bereits vor Jahrzehnten begonnen Entwicklung und den Ausblick, den die heutige Situation liefert.

Wie im Titel angedeutet, widmet sich Martin in Game over drei wesentlichen Themenkomplexen: Der sozialen Entwicklung in den Ländern, in denen der Neoliberalismus alles dominierte, dem Zustand des in diesen Ländern herrschenden demokratischen Systems und der großen Enttäuschung, die das längst überwunden geglaubte Zeitalter des Nationalismus wieder aufleben lässt. Auch das ist eine bittere Pille, vor allem für jene, die die politische Verantwortung tragen, diesseits und jenseits des Atlantiks.

Was jedes neue Bulletin über die soziale Entwicklung der kapitalistisch-demokratischen Gesellschaften bestätigt, nämlich die zunehmende gesellschaftliche Spaltung in Superreich und Bettelarm, wird in dem Buch nicht nur präzise zusammengefasst, sondern auch auf seine Ursache hin untersucht. Wir kennen das alles, das ideologische Feuerwerk des Wirtschaftsliberalismus: Niedrige Steuern, Deregulierung, Privatisierung etc., es wurde bis zum Erbrechen und in tausendfältiger Variation wiederholt. Entscheidend ist, ungeschminkt darauf hinzuweisen, dass die soziale wie die politische Krise aus den Resultaten dieser Ideologie erwachsen ist. 

Die Entwesung der staatlichen Institutionen wiederum ist es, die zu einer zunächst großen Ernüchterung und dann zu einem fulminanten Anwachsen der Zorndepots bei jenen geführt hat, die gerne als die vom Tempo der Globalisierung Abgehängten bezeichnet, die jedoch schlichtweg nur betrogen wurden. Im Sinne ihres tatsächlichen Mitspracherechts und hinsichtlich ihres Anteils an den Gemeinkosten der Gesellschaft. Martin legt den Finger auf die Wunde: wer mit moralischen Werten argumentiert, wenn es um bloße Abkoche geht, zerstört die demokratische Legitimation nachhaltig.

Dass der Trend nun, nach den großen, gescheiterten Experimenten des XX. Jahrhunderts Richtung sozialer Emanzipation in die ebenfalls gescheiterte Epoche des Nationalismus geht, ist bedauerlich. Und dass diejenigen, die nun noch aus dem Kalkül eines Denkzettels dem Neonationalismus folgen, genauso betrogen aufwachen, wie bisher, macht die Lage nicht erfreulicher. Der Autor ist beim Ausblick auf die Zukunft skeptisch, was die Resilienz der demokratischen Systeme anbetrifft.

In einem kurzen Exposé am Schluss des faltenreichen Buches wagt Hans-Peter Martin dennoch einen Ausblick auf die Zeit nach dem Debakel, oder, vielleicht auch noch auf das Jetzt. Mit Aktionen und Konzepten, über die wir alle schleunigst nachdenken sollten. Sein Appell ist die Politisierung aller, seine Maßnahmenvorschläge sind vielfältig. Einer hat mir persönlich sehr gut gefallen: Die Visumspflicht für Superreiche. Nur, wer nachweisen kann, dass er alle seine Vermögenswerte ordentlich versteuert hat, darf in Zukunft noch legal reisen. Das wäre ein schöner Anfang! Meine Empfehlung: unbedingt lesen!

Sprache: Seichter Nebel und rohe Gewalt

Astrid Séville. Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft

Das Unbehagen, welches sich über das Land gelegt hat, wird in starkem Maße von der Degression der verwendeten Sprache gespeist. Einerseits sind es die zunehmend völkischen Parolen, die bewusst in den gesellschaftlichen Diskurs geworfen werden. Andererseits haben die Mandatsträger in Regierungsverantwortung seit Jahren einen blasierten, inhaltslosen Sprachstil etabliert, der seinerseits zur Abwendung von Regierung und Staat geführt hat. Erinnern die blutbeladenen und schwülstigen Formulierungen aus der braunen Kanalisation an das historische Debakel von Faschismus und Krieg, so ist das abstrakte, unverbindliche und bewusst diffus gestaltete Wording der offiziellen Politik eine Übung, die aus Orwells 1984 stammen könnte. Frei nach dem Motto: Herrschaft, vermittelt mit der seichten Diktion der Unverbindlichkeit.

Gut, dass sich die Politikwissenschaftlerin Astrid Séville mit diesem Thema beschäftigt hat. In ihrem Buch mit dem Titel „Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft“ geht sie auf das Phänomen der Sprachverwendung von Herrschenden und der neuen Opposition ein. Sie fügt ein Puzzle zusammen, das durchaus Kausalitäten aufzeigt und die schlichte Auffassung, irgendwann seien die Barbaren aus ihren Löchern gekrochen und hätten alles auf den Kopf gestellt, ad absurdum führt. Die Barbaren bleiben auch in ihren Augen Barbaren, die Herrschenden und ihre Sprache werden jedoch als Mitverursacher der Krise ausgemacht. 

Séville schlägt einen Bogen von der rabiaten Figur der Margaret Thatcher, die ihre politischen Ziele mit berittener Polizei durchsetzte, bis hin zu Angela Merkel, die ihrerseits durch Enthaltung und den Aufenthalt im semantischen Nebel das zu erreichen sucht, was ihr vorschwebt. Bereits Thatcher sprach den berühmten Satz „there is no alternative“, der nach Séville zu einer TINA-Methode avancierte, die bekanntlich bis hin zu Merkel Bestand hat und von dieser mit ihrem Diktum, dass ihre Politik „alternativlos“ sei, auf die Spitze getrieben wurde. Fazit: eine solche Diktion, zudem unter Berufung auf den gesunden Menschenverstand, ist in einer Demokratie, in der es um die Aushandlung tragfähiger Kompromisse geht, unangemessen.

Die Autorin untersucht mehrere Metaphern, mit der sich die Regierenden in den letzten Jahrzehnten an die Wählerschaft gewendet und großen Schaden angerichtet haben. Da fehlen nicht die nicht gemachten Hausaufgaben, da fehlt nicht die legendäre schwäbische Hausfrau und da fehlt auch nicht die Schwarze Null. Abgesehen von der sich zum Teil offenbarenden antiquierten Pädagogik, handelt es sich um beabsichtigte Akte der brutalen Vereinfachung komplexer Zusammenhänge, die gerade in diesen Tagen von denselben Akteuren in der Auseinandersetzung mit den simplifizierenden Programmen der neuen Rechten reklamiert werden. 

Séville versäumt es nicht, die Anteile an der Sprachdiffusion von „oben“ nicht nur auf Merkel und Thatcher, sondern auch bei Figuren wie Tony Blair und Gerhard Schröder zu verbuchen. 

Zwar werden Unmut und abnehmendes Vertrauen durch die TINA-Politik des Neoliberalismus analysiert, aber die Gegenbewegung fällt in der kritischen Betrachtung nicht unter den Tisch. Begonnen mit der sehr treffenden Analyse des „Volkes“ als Chiffre für den Aufstand bis hin zu der Entlarvung des Mantels der Scheinheiligkeit („man wird ja wohl noch sagen dürfen“) über der braunen Ideologie in dem Kapitel „Die Unkultur des Disclaimers“. 

Um den Fokus richtig zu setzen, setzt Séville, die Partei für den demokratischen Verfassungsstaat ergreift, den Fokus auf das irrige Verhalten der Regierenden, die im Rahmen der Koalition in Berlin Kompromisse aushandeln, um sich aus Partei- oder Länderlogik am nächsten Tag wieder davon zu distanzieren. Sie nennt dieses Phänomen die dissonante Herrschaft. Genau dieser Missklang bleibt bei vielen hängen.