Archiv der Kategorie: recensions

Über die Tiefe der Seele und das Surfen auf der Oberfläche

Alessandro Baricco, Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur

Was ist es eigentlich, das die Globalisierung und die mit ihr verbundenen Prozesse dem Leben, der Zivilisation und der Kultur uns bringen? Oder anders herum, eine hierzulande weitaus öfter gestellte Frage, was ist es eigentlich, das diese Entwicklung uns raubt? Wahrscheinlich handelt es sich um die spannendsten Fragen des Hier und Jetzt, und mit Sicherheit sind es die am schwersten zu beantwortenden, weil, wenn überhaupt, vieles noch nicht oder nicht genug sichtbar ist.

Der italienische Autor Alessandro Baricco hat die Courage besessen, sich diesen entscheidenden Fragen zu stellen. Er konnte dieses tun, weil er sich zum einen zu Walter Benjamin bekannte, der sich nie zu fein war, das Profane zu analysieren und der immer mit dem Auge der Prognostik auf seinen epistemologischen Spaziergängen unterwegs war.  Und er konnte es, weil er sich in die Druckkammer einer Zeitungsserie stellte, bei der jede Woche geliefert werden musste und sowohl Raum und Zeit klar definiert sind.

Das Produkt ist nun ein Buch mit dem wunderbaren Titel „Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur“. Mit dem Titel greift Baricco jenes Unbehagen auf, dessen sich viele vor allem in  Zeiten intellektueller Tiefen Sozialisierte bemächtigt hat. Mit einer beängstigenden Spürnase widmet sich Baricco zunächst dem Wein, dann dem Fußball und letztendlich der Literatur und stellt die Frage der Fragen: Was ist es, das allem die Seele raubt? Denn das ist der Vorwurf, der im Raum steht und das ist die Bewegung, die vielen den Angstschweiß in den Nacken treibt.

Die Quintessenz der überaus gelungenen Analyse ist bestechend: das globalisierte Verwertungssystem standardisiert und beschleunigt die Prozesse. Von der Tiefe geht es in die Fläche, von der Mühe zu einem Prozess des Surfens auf der Oberfläche. Es geht nicht mehr um die Mühe, den Inhalt, den Spirit, die Seele von etwas mit einem eigenen Charakter und mit einem autonomen Sinn zu erschließen, sondern es geht darum, wie einzelne Prototypen sequenziell sinnvoll eingeordnet werden können.

Es ist dem Autor hoch anzurechnen, dass er nicht in das Lamento all derer fällt, die den globalisierten Verwertungsprozess für den Sinnverlust verantwortlich machen. Obwohl er der These nicht widerspricht, erhält er sich die Neugier, was der gewaltige, standardisierende und beschleunigende Prozess wohl noch an Positivem hervorbringen könne. Vielleicht, so seine Spekulation, ist es auch eine intendierte Abkehr von einer Kultur, die auch verantwortlich ist für die desaströsen Kriege und Diktaturen des XX. Jahrhunderts. Eine Seele, die das hat hervorbringen kann, sollte nicht für sich reklamieren, ein Wert an sich zu sein. Die Dialektik der Aufklärung lässt grüßen!

Wem das alles zu abstrakt erscheint, der lese das Buch, vor allem die Sequenz über den Hamburger, sprich die Frikadelle, und ihre Bedeutung in der sequenziellen Verwertung der Globalisierung. Dort wird sehr deutlich, was Alessandro Baricco meint. Es ist ein genialer Wurf! Besser auf den Punkt gebracht habe ich die Entwicklungstendenzen der Globalisierung noch nirgendwo gefunden!

Und: ich bin kein Influencer. Ich lasse mir das Recht nicht nehmen, über gute Bücher zu schreiben und meine Meinung dazu kundzutun. Es handelt sich um eine originäre bürgerliche Freiheit. Und keine bürokratische Motte wird mir diese Freiheit rauben!

Wenn das Maß verloren geht

H.M. van den Brink. Ein Leben nach Maß

Was geschieht eigentlich mit den Maßen, die über lange Zeit die Gewissheit vermittelten, derer es bedarf, wenn der naturwissenschaftlich-technische Fortschritt alle Dämme des Vorstellbaren einreisst? Und was macht das mit den Menschen, die durch ihre Kompetenz, durch ihr Handeln und durch ihren Charakter für das Verlässliche eine Epoche standen, wenn das Neue die Gedankenwelt des Alten flutet? Es sind kluge Fragen und es sind brandaktuelle Fragen, die der niederländische Schriftsteller H.M. van den Brink in einem Roman mit dem Titel Ein Leben nach Maß aufwirft.

Die Handlung ist schnell beschrieben, die Reflexion über das Erlebte eröffnet jedoch das Portal zur Unendlichkeit. Es geht um zwei Männer, die 1961 in das staatliche Eichamt in Nordholland eintraten und dort nach 45 Jahren vor ihrer Verabschiedung stehen. Der eine, Karl Dijk, der wie kein anderer für die alten Gewissheiten und Tugenden steht, soll verabschiedet werden und der andere, der Ich-Erzähler, bekommt von der neuen, jungen Direktorin des ehemaligen Eichamtes, das nun Metrifact heißt, den Auftrag, für sie die Abschiedsrede zu schreiben, die sie anlässlich der Zurruhesetzung Karl Dijks halten will. Was der Ich-Erzähler tut, und was dazu führt, dass die Direktorin die Rede hält, obwohl Karl Dijk selbst zu seiner Abschiedsfeier gar nicht mehr erscheint.

In diesem Rahmen folgen die Reflexionen des Mit-Kollegen. Sie sind brillant erzählt und führen zu einer Reise in die Entwicklung der Wissenschaften wie der Marktwirtschaft. Der Erzähler berichtet über den Alltag derer, die für das Einhalten des Maßes im richtigen Leben verantwortlich sind. Alles, was sie machen, folgt einem strikten Plan, sie berechnen und sind berechenbar. Sie treffen draußen in der holländischen Provinz auf eine Welt, in der der kleine tägliche Betrug zum Leben dazu gehört. Während die Eichmaße wie Kilo und Meter noch in Pariser Tresoren die Sicherheit eines Jahrhunderts ausstrahlen, betrügen die Metzger und Käsehändler an manipulierten Waagen und mit versteckten Gewichten. 

Doch der Markt schreitet voran wie die Wissenschaften. Während in den Supermarktketten mehr und mehr Güter bereits verpackt und gewogen in die Regale kommen, werden die Pariser Unikate, die auch für die große Vereinheitlichung der bürgerlichen Revolution stehen, als Referenzstücke obsolet. Das Eichamt mutiert von einer Kontrollbehörde zu einem so genannten Marktpartner der wirtschaftlich Handelnden, die Digitalisierung verrichtet den Rest.

Das wenige Persönliche, das der Ich-Erzähler bei seinen Recherchen zu der Abschiedsrede findet, ist vielleicht das Spannendste an der ganzen Geschichte, in Bezug auf eine Beurteilung der handelnden Personen ist es jedoch unerheblich. Dieser plötzlich verschwundene Karl Dijk wird zu einem Symbol für das allgemein Gültige, das im Laufe der Entwicklung vom individuell Relevanten hinweggeschwemmt wird. Karl Dijk, der unbestechliche Wissenschaftler, der sein Leben der Geltung des Maßes gewidmet hat, verschwindet in der neuen Welt ohne großes Drama, irgendwann ist er einfach nicht mehr da und niemand vermisst ihn.

Kann das, was wir momentan bezeugen und beklagen, besser beschrieben werden? Mir fehlt das Vorstellungsvermögen. 

Die erzählerische Koexistenz von Weltgeschichte und individueller Allagsmühe

Alfred Döblin. November 1918

Kein Wunder, dass im November 2018 Alfred Döblins Roman über die deutsche Revolution vor einhundert Jahren Erwähnung findet. Bei der Trilogie, die sich bei näherer Betrachtung als vierbändiges Werk entpuppt, handelt es sich tatsächlich um ein Stück fundamental wichtiger Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem Ende des II. Weltkrieges, mit dem Ende der Monarchie und mit dem frühzeitig programmierten Ende der Demokratie. Die Titel der vier Bände: Bürger und Soldaten 1918, Verratenes Volk, Die Heimkehr der Fronttruppen, Karl und Rosa. 

Was jeden, der den Wert dieses gigantischen Werkes schätzt, befremden muss, ist die spärliche verlegerische Aufmerksamkeit, die es genießt. Angesichts des von dem Nervenarzt Döblin entwickelten Multiperspektivismus, der bei keinem anderen zeitgenössischen Werk in dieser Dimension anzutreffen ist, handelt es sich dabei um die Zurückweisung eines Impulses, der immer noch in der Lage ist, vieles Historisches aufzuhellen und auch die Kräfte zu dechiffrieren, die sich momentan anschicken, die demokratische Konstitution zu destabilisieren.

Im ersten Band, Bürger und Soldaten, schildert Döblin das Kriegsende und die Botschaft von revolutionären Regungen der Kieler Matrosen im noch besetzten Straßburg. Dabei etabliert er einzelne Figuren, die sich durch die Handlung der folgenden, aufregenden und weltbewegenden Tage fortbewegen. Die Figuren stammen aus unterschiedlichen sozialen Milieus, dokumentieren ihre individuellen Nöte und entwickeln ihre eigenen Visionen. Das ist in Straßburg so und setzt sich in Berlin fort. Neben den Milieustudien, die durch Döblins professionellen Blick immer auch mit psychosozialen Traumata und pathologischen Projektionen einhergehen, werden auch die politischen Akteure wie das politische Kräfteverhältnis Gegenstand der Erzählung.

Da ist das dumpfe Gefühl der ehemaligen Soldaten, dass das alles so nicht weitergehen kann, da sind die Ängste der leitenden Sozialdemokraten um Friedrich Ebert um den Verlust jeglicher Ordnung, da sind die Revolutionäre um Liebknecht und Luxemburg, die die Räterepublik wollen, aber ebenso Angst vor dem Chaos haben. Und da ist eine in Kassel residierende Generalität, die von Monarchie und Obrigkeitsstaat retten will, was zu retten ist. 

Das ganze Konvolut der Ereignisse spielt im November und Dezember, neben den ganz profanen Geschäftsmodellen, die sich zu jener Zeit in Berlin jenseits der Ordnung etablieren, tauchen dann auch immer wieder historische Figuren auf, von denen heute zumindest die Schulgeschichte nicht mehr viel zu wissen vorgibt, die jedoch zu Klärung historischer Besonderheiten beitragen könnten. Da sind die Münchner Räte-Republikaner um Kurt Eisner und Gustav Landauer und da ist der im Auftrag der russischen Revolution in Berlin auftauchende Berater der Spartakisten Karl Radek

Was Alfred Döblin in diesem literarischen Meisterwerk gelingt, ist die erzählerische Koexistenz von Weltgeschichte und individueller Alltagsmühe. Kein Wunder, dass das Scheitern der Novemberrevolution angesichts der waltenden Kräfte folgerichtig erscheint, kein Wunder, dass das Psychogramm der Einzelnen wie des Kollektivs mit der Situation überfordert gewesen zu sein schien. Und auch kein Wunder, dass es in derartigen Situationen die einfach gestrickten, aber skrupellosen Charaktere am weitesten bringen. Döblin schildert die deutsche Tragödie in ihrer Komplexität und er skizziert gleichzeitig die Details, die zum Verständnis des Großen Ganzen erforderlich sind. 

Das modernistische Chaos, das sich immer wieder aus den Atavismen der Vergangenheit inszeniert und literarisch brillant in Berlin Alexanderplatz zum Ausdruck kommt, hat seine Wurzeln in November 1918. Wer sich diesem Blick verweigert, dem ist nicht mehr zu helfen.