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Nervengift aus Iowa

Dass Neal Stephenson erzählen kann, hat er bereits in vielen seiner Schriften bewiesen. Seine extravagantesten Romane zeichneten sich durch einen Parforceritt durch die Epochen aus. Nichts ist dem Zufall überlassen und alles ist Zufall. Geschichte wird dabei zu einem Phänomen, das durch die Zeiten gewebt wird und dennoch absurde Sprünge zulässt. In dem Roman Cobwebb, so scheint es, ist alles anders. Dort geht es nicht um die Wiege der Aufklärung oder die Geburtsstunde des Kolonialismus, sondern um aktuelle amerikanische Zeitgeschichte, die Stephenson bewegt zu haben scheint.

Es geht um die Zeit, als der der erste von den beiden Bush-Präsidenten im Amt war und ein irakischer Herrscher namens Saddam Hussein die Chuzpe besaß, in Kuwait einzumarschieren. Bush war gewillt, den Krieg gegen den irak auszurufen, folgte jedoch noch früh genug klugen Beratern, die ihn davon abhielten. Doch der Schock saß tief in der amerikanischen Gesellschaft und die Enttäuschung über das Wendemanöver eines amerikanischen Verbündeten war groß.

Stephenson entwickelt in dem Roman mehrere Perspektiven, aus denen er dann auch die Geschichte erzählt. Da ist ein Provinzsheriff in Iowa, letztendlich der Held der Geschichte, der über einige Absonderlichkeiten an der dortigen Universität stolpert und irgendwie den Verdacht nicht los wird, dass Auslandsstudenten mit jordanischen Pässen da an etwas arbeiten, was nicht ganz geheuer ist. Da ist eine junge Frau in der CIA, der auffällt, dass Agrarsubventionen für den Irak nicht als solche verwendet werden, sondern etwas andres damit geschieht. Da ist selbstverständlich einer der großen Player der CIA, der exzellente Beziehungen zur irakischen Counter Intelligence unterhält und da ist noch ein Gegenspieler, dessen Karriere hinter ihm zu liegen scheint und der aber letztendlich in der Lage ist, den politischen Fehler wettzumachen.

Das alles ist mit der Stephenson eigenen Dynamik erzählt. Interessant für diejenigen, die nichts von Geschichtsbüchern halten. Es geht um die Situation 1990/91, als es zum ersten Mal hieß, der Irak besitze chemische Waffen und er sei bereit, diese auch einzusetzen. Mehr als 10 Jahre später erwies sich diese Behauptung als Fake News, führte aber dann doch zum. Durch den 2. Bush ausgerufenen Krieg. Was Stephenson ohne erhobenen Zeigefinger gelingt, ist die Plausibilität einer höllischen Form der Diplomatie auf amerikanischem Boden darzulegen. Ausgehend von einer politischen Fehleinschätzung wird nämlich geduldet, dass irakische Studenten auf amerikanischem Boden an chemischen Substanzen arbeiten, die zu kriegerischen Zwecken eingesetzt werden können. Im Plot wird eine Katastrophe verhindert, im realen Leben ist das noch Gefährlichere als die reale Existenz bestimmter Waffen das Spiel mit den Möglichkeiten und die teils irren Einschätzungen über mögliche Bündnispartner. 

Dabei handelt es sich um eine Frage, die nicht nur die USA, sondern den ganzen so genannten Westen beschäftigen sollte. Welche Partner sind geeignet, um die Interessen durchzusetzen? Was Stephenson gelingt, ist die Darstellung, dass es Sandkastenspiele sind, die zu dem Unfug führen. Denken wir an die Geschichte: Taliban, Al Qaida und der IS sollten noch folgen. 

Brecht. Der Film.

Was für eine filmische Ahnengalerie. Zunächst Thomas Mann, dann die Buddenbrooks  und schließlich Albert Speer bearbeitete der Regisseur Heinrich Breloer, bevor er sich Bertolt Brecht vornahm. Die Reihenfolge sollte nicht überbewertet werden, sicher ist nur, dass eine filmdokumentarische Bearbeitung dieses Menschen sicherlich zu dem Schwierigsten gehört, was man sich vornehmen kann. Der Architekt eines neuen Theaters der Moderne war sein ganzes Leben auf der Probe. Er skizzierte Szenen, spielte sie, oder ließ sie spielen, verwarf sie, baute sie ein, betrachtete ihre Wirkung auf das große Ganze, spielte mit dem Mittel der Verfremdung, und machte immer wieder deutlich, dass er nur spielt. Wer da nicht, bei dem eingeübten Rezeptionsverhalten, das alle kannten, in Verwirrung geriet, der hatte Brecht nicht verstanden. Denn er wollte verwirren, um zum Denken anzustiften.

In dem vorliegenden Drama, das treffend nur den Titel Brecht trägt, versucht es Breloer mit einer ähnlichen Technik, die der Verfilmung nur gut tut. Er macht es szenisch, mal mit Schauspielern, mal mit Zeitzeugen, mal mit Dokumenten. Das Leben des Dramatikers beginnt und endet als Mosaik. Vieles passt zusammen, manches eben auch nicht. Wie sollte es auch anders sein, bei einem Menschen, dessen Denken geprägt war von der hohen Kunst der Dialektik, der die Widersprüche tanzen ließ, ob sie sich nun aufeinander in ihrer Erklärung bezogen oder auch nicht.

Es ist immer hilfreich, das Produkt von seiner Wirkung zu begutachten. Breloers Verfilmung hinterlässt einen Bertolt Brecht, dessen Denken sehr gut getroffen ist, dessen Courage und Verwegenheit deutlich wird und dessen brutal wirkende Zerbrechlichkeit zunächst anders wirkt, aber sich letztendlich durchsetzt. Seine Beziehung zu Frauen erweist sich als ein Szenario der eigenen Abhängigkeit von ihnen, ihrer Nützlichkeit in seinem Schaffen und seiner Schnoddrigkeit, mit der er ihr Engagement akzeptierte.

Das Wesentliche ist die gelungene Transparenz der bis heute für viele schwer verständlichen Theatertheorie. Das hat weniger mit dieser selbst als mit der herrschenden Ideologie zu tun, welche menschliches Handeln immer noch als ein intrinsisch geleitetes, von Glück oder Unglück begleitetes darstellt. Brecht sah das menschliche Sein als das Produkt der Verhältnisse. Darin war er radikal. Er ging davon aus, dass das Theater ihnen, wenn sie das Publikum bildeten, deutlich machen musste, dass sie die verschiedenen, ihnen nur allzu bekannten Verhaltensmuster wiedererkannten und sich über ihre Verhältnismäßigkeit Gedanken machen sollten. Am Schluss stand immer der Bruch mit der Konvention, die Revolution, das Neue.

Brecht, der nach dem Exil in die DDR ging, bekam schließlich sein Theater, und er bezahlte dafür mit einem Balanceakt zwischen Parteibürokratie und seinen Einsichten. Sicherlich wäre es zum Bruch gekommen, wäre er nicht vorher gestorben. Helene Weigel, die Mutter Courage an seiner Seite, starb fünfzehn Jahre später und erklärte als ihren letzten Willen, zu seinen Füßen begraben zu werden. Diesen Wunsch  erfüllte ihr das Regime nicht. Sie legten sie neben ihn, auf Augenhöhe.

Wer etwas von der Komplexität des Autors und Dramatikers erspüren will, der schaue sich dieses Filmprojekt an.

Der große Plan

So komplex sich das Machtgefüge global gestaltet, so deutlich werden nun die Schachzüge des amerikanischen Imperiums. Das, was erst als eine erratische Aktion erschien, die Annäherung an Nordkorea, ist wohl durchdacht und hat zum Ziel, die Ränder am erstarkten chinesischen Reich aus amerikanischer Sicht zu festigen und zu sichern. Japan ist als Säule im pazifischen Raum nur zu halten, wenn Südkorea als komplementäre Wirtschaftsmacht nicht verloren geht. Die Einigungsinitiative des Nordens hat Bewegung ins Spiel gebracht und die amerikanische Administration hat die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, um nicht als Zuschauer einem möglichen Erosionsprozess zuzusehen. Das war, aus amerikanischer Sicht, klug, ob es gelingen wird, den koreanischen Norden mehr Richtung Süden zu treiben und damit weg von China zu locken, wird sich zeigen.

In diesem Zusammenhang sind auch die Aktivitäten auf dem eigenen Kontinent zu sehen. Mit dem massiven Versuch, in Venezuela einen Regime Change vorzunehmen, wird deutlich, dass die USA ihren Einfluss in Süd- und Mittelamerika sichern und ausbauen wollen. Die Äußerungen von Vizepräsident Pence hinsichtlich Ecuador und Nicaragua, die auch auf Destabilisierung deuten, sprechen für sich und der Krisenrat angesichts der geplanten Intervention in Venezuela, an dem sich die amerikanisch orientierten Regierungen des Kontinents, inklusive des neuen Präsidenten Brasiliens, beteiligten, haben das Kräfteverhältnis aufgezeigt. Es wird deutlich, was auf der Agenda steht.

Umso beeindruckender ist in diesem Kontext das kubanische Referendum für eine neue Verfassung. Letztere steht im Zeichen eines klaren Bekenntnisses zu den bestehenden sozialistischen Eigentumsverhältnissen bei einer gleichzeitigen Liberalisierung und Machtbegrenzung der kommunistischen Amtsträger. Das Statement bleibt, wird jedoch durch Reformen aktualisiert. Dass an diesem Referendum 84% der Wahlberechtigten teilnahmen und 87% dafür stimmten, ist eine Kampfansage der Kubaner an die reanimierte Hinterhofideologie der USA. Das kubanische Signal wird neue Aggressionen hervorrufen und es ist abzuwarten, ob sich der Kontinent nicht doch noch anders bewegen wird, wie momentan spekuliert.

Und so ist es kein Zufall, sondern der Bestandteil eines klaren Plans, dass mit den Attacken auf Deutschland und seine Energiepolitik die längst betriebene Zäsur der EU als möglicher Vertragspartner Russlands nun mit einer anderen Verve betrieben wird. Sowohl in Europa als auch in Asien wird daran gearbeitet, den Schutzwall gegen den eurasischen Block, d.h. Russland und China, zu sichern, und gleichzeitig wird versucht, auf dem amerikanischen Kontinent für Ruhe zu sorgen. Das sind alte Szenarien, die der Sicherheitsberater Johnsons und Jimmy Carters, Zbigniew Brzezinski, in seinem Werk „The Grand Chessboard“ bereits Ende der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts mit klaren Worten beschrieben hat. Es geht um Weltherrschaft, und daran hat sich seit dem Niedergang der Sowjetunion und dem Erstarken Chinas nichts geändert. 

Dass in diesem Planspiel, das längst Realität geworden ist, auch die erneuten und vehementen Attacken gegen den Iran stehen, ist nur noch eine Fußnote. Der Plan steht und Donald Trump, dem so gerne als rabaukenhaftem Baulöwen der Verstand abgesprochen wird, folgt dieser Spielanleitung wie keiner seiner Vorgänger. Das macht ihn zu einem ernst zu nehmenden, gefährlichen Strategen, der ohne Schnörkel diesen Zielen folgt. 

Das Gute ist, dass dieser Plan auf dem Tisch liegt und zu erkennen ist, was als nächstes kommen wird. Schlecht ist, dass das viele noch nicht begriffen haben. Das zu ändern, ist die Aufgabe.