Archiv der Kategorie: recensions

Hegemonen, Warlords und religiöse Eiferer

Herfried Münkler. Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, Deutsches Trauma 1618 – 1648

In einer Zeit, die geprägt ist von einer medialen Berichterstattung, die sich nicht mehr auf das Feld der Geschichte bezieht oder schlichtweg keine Kenntnis davon hat und in der die kriegerischen Formen vor allem im Nahen Osten das vermitteln, was als große Übersichtlichkeit beschrieben werden kann, in einer solchen Zeit drängt es sich geradezu auf, sich mit dem Dreißigjährigen Krieg   von 1618 – 1648 zu befassen. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat das gemacht. Es ist deshalb besonders erwähnenswert, weil er als Politologe sich nicht nur mit der Rekonstruktion historischer Fakten und der Chronologie der Ereignisse befasst, sondern vor allem die soziologischen, wirtschaftlichen, politischen und religiösen Handlungsmuster und Strukturen unter die Lupe nimmt und sie als Folie anbietet, auch Phänomene der Gegenwart damit abzugleichen.

So ausführlich wie erforderlich wird zunächst das Geschehen und seine Protagonisten dargestellt. In der sachlichen Art und Weise und der distanzierten Berichterstattung bietet sich ein Bild, das das ganze Panorama dieses gewaltigen Krieges und seiner Konsequenzen erfasst. Alles, was irgendwo in der Erinnerung des kollektiven Gedächtnisses abgespeichert ist, erscheint in diesem Panorama: der Prager Fenstersturz, der Aufstieg und die Ermordung Wallensteins, die erfolgreichen Feldzüge und der Tod des Schwedenkönigs Gustav Adolf, Tillys Siege und Niederlagen, die grausame Zerstörung Magdeburgs, der pfälzischen König ohne Land, der Diplomat Richelieu, die marodierenden Soldaten und die geschändeten Bauern. 

Nichts bleibt aus und das gezeichnete Panorama macht deutlich, welche Auswirkungen eine derartige Kriegsführung auf das Kernterritorium und seine Bevölkerung ausgeübt haben mag und im Unbewussten noch ausübt. Deshalb ist der gewählte Titel von europäischer Katastrophe und deutschem Trauma treffend. 

Münkler macht in seiner Analyse deutlich, welches Amalgam von Motiven zu dem Krieg in seiner Komplexität und nicht enden wollenden Energie geführt hat. So spielten hegemoniale Motive eine gewaltige Rolle, die immer, wenn es passte, mit religiösen angereichert wurden. Zudem herrschte eine Eigendynamik durch die vor allem von Warlords gestellten Heere, denen es vor allem auf Sold und Karriere ankam und die, nach Niederlagen, problemlos in die Verbände des obsiegenden Feindes eingegliedert werden konnten. So standen sich das katholische Habsburg und, nach einem misslungenen Versuch durch Dänemark, das protestantische Schweden gegenüber. Die Kurfürsten verfolgten ihre Ihre eigenen Interessen und sie waren mal dem Katholizismus und mal dem Protestantismus zuzuordnen. Herausragende Kräfte mit einer starken Eigendynamik waren Bayern einerseits und Sachsen andererseits.

Dann spielte der spanisch-niederländische Krieg eine Rolle und es kamen die Interessen Frankreichs hinzu. Jedes Scharmützel auf deutschem Territorium bot Implikationen für das zu einem internationalen Konflikt ausgeweiteten Geschehen. Was Münkler gelingt, ist eine strukturelle Analyse des Geschehens in seiner Vielschichtigkeit. Positiv hinzu kommt, dass er sich nicht dazu hinreißen lässt, die heutige Lage im Vorderen Orient komplett mit der des Dreißigjährigen Krieges zu vergleichen. Wo es Analogien, zeigt er diese jedoch auf. In diesem Kontext zitiert er Ernst Blochs These von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, was als gedanklicher Hinweis sehr nützlich ist. 

Der Westfälische Frieden, mit dem der Dreißigjährige Krieg beendet wurde, wurde vor allem in der amerikanischen Literatur als „Westfalian Order“ beschrieben und markiert einen Punkt in der Entwicklung zwischenstaatlicher Beziehungen und der Disziplin, die sie gestaltet, der Diplomatie. Spätestens seit Henry Kissinger’s Buch „World Order“ wird darüber gesprochen, diese Zeit sei nun vorüber. Damit ist gemeint, dass sich in dem Dokument zu Münster alle Seiten darauf verständigten, religiöse Fragen beim Umgang miteinander außen vor zu lassen und sich auf etwas zu einigen, was heute als das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des Gegenübers beschrieben werden kann. Ein Blick in die täglichen Nachrichten vermittelt ein Bild darüber, wie es sich damit verhält.

Eine andere Schlussfolgerung des Jahrzehnte langen Krieges war die Monopolisierung und staatliche Unterhaltung der Heere und das damit verbundene Geschäftsmodell der Warlords. Auch das hat sich geändert und unter diesem Aspekt sind die gegenwärtigen Konflikte in der Welt um ein wesentliches, kaum politisch rationalisierterer Motiv angereichert.

Die hegemonialen Interessen sind nach dem Westfälischen Frieden nicht verschwunden. Aber die religiösen und weltanschaulichen Motive wurden domestiziert und die Söldnerheere eliminiert. Gegenwärtig sind alle drei Faktoren wieder im Spiel. 

Der französische Film und der amerikanische Jazz

John Coltrane. Blue World

Der französischsprachige Film der 1960iger Jahre sorgt dafür, dass die herausragenden Akteure des Modern Jazz aus den USA noch einmal mit bisher nicht vermarkteten Aufnahmen zu uns kommen, die an Qualität die Tür zu einer damals kaum bewusst wahrgenommenen neuen Qualität aufstoßen. Die Filmmusik von Miles Davis zu „Ascenseur pour l´échafaud“ (Fahrstuhl zum Schafott) fällt insofern aus dem Rahmen, als dass die Aufnahmen 1968 entstammten, quasi als letzte Sequenz anzusehen sind und sofort als eines seiner großen, bis heute unerreichten Werke beschrieb. 

In jüngster Zeit gesellten sich zu diesem bekannten Werk noch zwei dazu, die allein beim Hören gewahr werden lassen, wie sphärisch und reflektiert es im französischen Underground Film der Sechziger Jahre zuging. Vor nicht allzu langer Zeit erschienen Thelonious Monks Einspielungen zu „Les liaisons dangereuses“ (Gefährliche Liebschaften, 1960), die das Spektrum dessen, was von ihm bekannt war, noch einmal um eine weitere inspirierende Note erweiterten. 

Und nun, 2019, gesellen sich die Aufnahmen John Coltranes zu dem franco-kanadischen Film „Le chat dans le sac“ (Die Katze im Sack, 1964) hinzu. Insofern haben wir nun die großen Revolutionäre des amerikanischen Modern Jazz als Filmmusiker beisammen: Miles Davis, Thelonious Monk und John Coltrane.

Dass die Untermalung eines Filmes um eine junge Beziehung, der im Montreal der Sechziger Jahre spielt mit John Coltranes Titel Naima beginnt, zeigt, wie auch die filmische Avantgarde ihre spirituellen Eingebungen aus dem zeitgenössischen Jazz speiste. Naima selbst ist aus heutiger Sicht ein Titel, dem eine eigene Rezeptionsgeschichte gebührt. Coltrane komponierte ihn für seine erste Frau, er gehört bis heute zu den in bestimmten amourösen Situationen am meisten gespielten Titeln und reicht bis zur Namensgebung für die Tochter eines deutschen Schauspielers. Auf der hier und jetzt neu vorliegenden Aufnahme von Coltranes Label Impulse ist das Stück mit zwei Aufnahmetakes vertreten und, wie sollte es anders sein, beide Versionen überzeugen, weil ein anscheinend gut gelaunter Coltrane allein durch seinen legendären, für ihn immer noch so eigenen, nie mehr erreichten Ton eine Sphäre schafft, die das vegetative Nervensystem der Hörenden in Wallungen bringt.

Die anderen Titel, die den Film untermalend und akzentuierend bereichern, sind Village Blues, Blue World, Like Sonny und Traneing In. Keines dieser Stücke ist obsolet, alles ist stimmig, es wird beim Hören deutlich, dass sich niemand bei diesen Aufnahmen gedacht hat, es handele sich ausschließlich um schnell verdiente, immer so bitter nötige Dollars. Die Produktion fand in den legendären Rudy van Gelder Studios statt und Coltrane spielte zusammen mit großartigen Musikern wie McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones. 

Das Ergebnis liegt vor, das Einzige, was zu bedauern ist, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, die CDs aller drei genannten Akteure zusammen mit den jeweiligen Filmen zu veröffentlichen oder gar alle drei in ein Paket zu schnüren. Das wäre eine großartige Aktion, die der zwar kurzen, aber kulturhistorisch markanten Epoche einer franco-amerikanischen Kooperation die Aufmerksamkeit schenkte, die sie verdient. In den USA sind diese Projekte übrigens bis heute nahezu unbemerkt und die Rolle des französischen Films wird nahezu ignoriert.

Was bleibt, ist, John Coltranes Blue World zu empfehlen, weil es sich um großartige Aufnahmen handelt. Aber, wer Coltrane erst noch empfehlen muss, der hat schon verloren. 

 

Kurt Vonnegut: Leicht zu lesen, schwer zu verstehen

Kurt Vonnegut. Mother Night

Kurt Vonnegut, dem aus Indianapolis stammenden Autor, stand die deutsche Prägung immer gegenüber. Alles, was man damit assoziieren könnte, hat er bei weitem nicht eingelöst. Der Autor stand nicht für den Mainstream und nicht für das Melancholisch-Schwere, sondern für eine humorvolle, ins Absurde getriebene Leichtigkeit, mit der aufgrund der diabolisch-infernalischen Sujets, die er wählte, nicht gerechnet werden konnte. Vonnegut wurde zeit seines Lebens nie ein Mainstream Star in seiner amerikanischen Heimat, weil er vor allem die so eingeübte und traditionell perpetuierte Dichotomie von Gut und Böse hartnäckig zerstörte. 

In Deutschland jedoch, wo der Roman spielt, mit dem Vonnegut Weltruhm erlangte, gelangte er nicht über eine Nischengröße hinaus. Wer wirklich die Dilemmata wie die grandiosen Triumphe des Überlebenswillens spüren will, lese Vonneguts Slaughterhouse 5, in der die Bombardierung Dresdens durch die Alliierten zu einem Fanal und die Unterscheidung zwischen Gut und Böse mit Phosphor ausradiert werden.

Mit Mother Night, einer viel früheren Arbeit, hatte sich Vonnegut an die Frage herangewagt, wie deutlich die Trennlinien der Geschichte eigentlich Wirkung haben. Am Leben eines Amerikaners, der bei den deutschen Nazis Karriere machte und gleichzeitig für die USA spionierte, illustriert Vonnegut die Schlieren zwischen dem ethisch Erhabenen und dem moralisch zu Verwerfenden. Alles existiert in ein und derselben Person. So tragen die Nazis humane Züge, die Juden sind böse Revanchisten, die Kommunisten heimtückische Träumer und die Schwarzen koloniale Plagiatoren, um im nächsten Augenblick die zu Schau gestellten Werte wieder umzukehren. 

Ja, Mother Night ist grotesk, aber es legt dem verehrten Publikum den Schluss nahe, sich nicht allzu früh festzulegen in Bezug auf das moralisch Einwandfreie oder das abgrundtief Verwerfliche. Denn ständig wechseln die Perspektiven und damit die Lichtverhältnisse. Da werden alle Werte wieder einmal umgewertet und es wird nicht deutlich, welche dieser Existenzen, die allesamt menschlich sind, denn tatsächlich dabei helfen würden, um in einer Welt zu leben, in der sich die handelnden Figuren auch auskennen.

Mother Night ist ein durch und durch revolutionäres Stück Literatur, weil es die archaische, typisch deutsche Lesart einer klar strukturierten Handlung ebenso vermissen lässt wie die das Modell von Gut und Böse. Daher konnte es in Deutschland nie reüssieren. Und es nimmt sich aus wie eine altes Krankheitsmuster, dass die Übersetzung von Mother Night ins Deutsche so ausfallen musste, wie sich das gehört: Schatten der Schuld. Da ist er wieder, der erotische Trieb ins Verhängnis, vor dem das nicht übersetzte Original die Leserschaft durch Witz und Skurrilität bewahrt. 

Während man im Original zum Teil eines schmunzelnden Lernprozess wird, torkelt die deutsche Übersetzung in die dunklen Zonen germanischer Elementargeister. Da passt es gar nicht, dass der vermeintliche Delinquent sich nach einer gerechten Strafe sehnt und damit seinen Status als Bösewicht gleich an der Garderobe abgibt. Das hatte er übrigens schon vorher: In dem er rät, immer nur das als Existenz vorzugeben, was man auch in der Lage sei zu spielen. Und wer nicht spielen kann, der existiert auch nicht. 

Mit Mother Night hat Vonnegut eines von vielen Beispielen seiner literarischen Genialität geliefert. Nichts ist so, wie es scheint. Und, obwohl es leicht geschrieben steht, so ist vieles doch schwer zu verstehen. Was für ein Gewinn!