Archiv der Kategorie: recensions

Ein starkes Plädoyer für die Lektüre des Originals

Rüdiger Safranski, Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund!

Wer sich aus Friedrich Hölderlin, zusammen mit einem eigenen soliden Anspruch an Qualität und Wahrhaftigkeit, einlässt, verschreibt sich keine leichte Kost. Es verlangt nach einer Konzeption, an deren Ende stehen muss, diesem nie ganz eindeutigen großen Lyriker des Deutschen annähernd gerecht zu werden. Rüdiger Safranski hat das alles auf sich genommen und es ist ihm, aus meiner eigenen bescheidenen Perspektive, gelungen. Unter dem Titel „Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund!“ erschien eine Arbeit, die bei ihrer Erstellung herausfordernd war und die selbst herausfordert.

Safranskis Vorgehen ist vor allem gekennzeichnet durch biographische Notizen, die verdeutlichen, in welchen historisch-subjektiven Kontexten seine Werke entstanden. Aufgrund der leider nicht sonderlich guten Quellenlage unternimmt es Safranski, anhand der konkreten Werkstücke den gedanklichen Hintergrund zu dechiffrieren und die persönlichen, ästhetischen, philosophischen  und politischen Motive offenzulegen. Dadurch entsteht ein Bild, dass sich aus den Werken nicht unbedingt erschließen lassen würde, ebensowenig aus der reinen persönlichen Entwicklung.

Hölderlin lebte in vielerlei Hinsicht an einer Schwelle. Es ist der Anfang einer großen philosophischen Anstrengung, um der Aufklärung einen quasi göttlichen Fortschrittsbegriff zuzueignen. Hölderlin, Schelling und Hegel bilden einen Freundeskreis, der sich genau um diese Frage dreht und der erst zerbricht, als der große Poet selbst zerbricht. Hölderlin ist spezifisch: er kommt gedanklich über die Philosophie zur Poesie. Seine persönliche Schlussfolgerung aus seiner Suche nach Erkenntnis ist eine plurale Ontologie, d.h. er erklärt sich die Welt als eine in allem existierende göttliche Angelegenheit. Das versuchte er in seinem „Hyperion“ inmitten der Wirren, die die französische Revolution in den Gemütern auslöste, in einem literarisch dokumentierten Erkenntnisprozess darzulegen.

Ein besonderes, spezifisches und hypermodernes Faktum wird bei der Lektüre der Rekonstruktionen Safranskis deutlich. Hölderlin war ein Literaturproduzent in progress. Seine Werke entstanden oft über Jahre hinweg und er publizierte und diskutierte die unterschiedlichen Fassungen mit den ihm wichtigen Bezugspersonen, wozu der Übervater des deutschen Idealismus, Friedrich Schiller, gehörte. 

Die Stärke des Buches ist die gleichzeitig die Herausforderung. Indem sowohl die historischen Kontexte erzählt werden, einzelne Werke Hölderlins nah am Text interpretiert werden und die philosophischen Botschaften in ihrem diskursiven Zusammenhang dargestellt werden, wird die Leserschaft nicht unbeträchtlich herausgefordert. Das Positive am Resultat ist doch ein geschärfter Blick auf Leben und Werk eines gleichzeitig blühenden wie zerrütteten Lebens. 

Es erscheint ein zarter, sensibler Friedrich Hölderlin, der sicherlich mit die schönsten und mächtigsten Zeilen in deutscher Sprache schrieb, der aber auch aufgrund seiner Metaphorik von vielen unterschiedlichen und vor allem politischen Kontexten wunderbar missbraucht werden konnte. Und es zeigt sich ein Hölderlin, der an der Wucht seiner Vorstellung, dass sich das Göttliche, das Schöpferische in jedem Atemzug der Natur auf seine eigene Weise offenbare, mit dem Meisterstück der eigenen Fähigkeit, dieses in Worte zu fassen, zerbrach.

Die Tragik seines Zusammenbruchs macht bis heute seine Rezeption in nicht unbeträchtlichem Maße aus. Der Mann, der die Hälfte seines Lebens, über drei Jahrzehnte lang, sein Dasein in einem Tübinger Turm fristete, reizt zu sehr zu wilden Spekulationen und Mythenbildungen. Safranski weist auch diesen Spekulationen ihren Platz. Was bleibt, ist der tiefe Wunsch, mehr von dem Mann zu erfahren, um den es hier geht. Safranskis Buch bringt das Bedürfnis hervor, das Original zu lesen. Ein unschätzbares Verdienst!

Von Soho zur City of London

Joachim A. Lang, Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm

War es ein Wunder? Dass die Uraufführung von Brechts Dreigroschenoper entgegen aller Erwartungen zu einem erdbebenartigen Erfolg wurde? Der englischen Vorlage, Beggars Opera, entlehnt, brachte der Dramaturg da ein Stück auf die Bühne, das schräg wirkte. Eine Ohrfeige für das Genre der Oper, eine Kampfansage an den ästhetischen Genuss, an das Sich-Einfühlen-Können und an die Erholung durch Illusion. Stattdessen sangen und schrieen die Akteure dem zeitgenössischen Kapitalismus eine scheinbare Überzeichnung nach der anderen ins Gesicht. Die Metaphern: Betrug, Mord, Raub, Prostitution. Anhand von Mackie Messer, der Gangsterkönig von Soho, und Peachum, der das Geschäftsmodell der Bettelei anwendet und beherrscht, wird gezeigt, dass es sich nicht um Outcasts oder Dropouts eines Systems, sondern um geschäftsmäßige Protagonisten handelt. 

Der Erfolg war grandios. Ein Jahr vor dem großen Börsenkrach, der den Weltkapitalismus in eine tiefe Krise stürzen sollte, wurden die Textzeilen aus Brechts Dreigroschenoper zu den Erklärungsmustern einer scheinbar untergehenden Welt. Auf der Straße, in den Nachtclubs und Varietees grölten enthemmte Scharen die Couplets aus dem Stück. Kein Wunder, dass Brecht auf die Idee kam, das Ganze im Genre des Films noch einmal, aber aus seiner Sicht weiterentwickelt, zu versuchen. Der Film „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ macht sich daran, die zentralen Aussagen des Originals, seine Inszenierung wie die Entstehung eines Films mit den Mitteln genau der Technik zu illustrieren, die Brecht als das epische Theater bezeichnete. Das ist ambitioniert.

Meines Erachtens ist es gelungen. Allerdings zu dem Preis einer wahrscheinlich für viele Zuschauerinnen und Zuschauer ermüdenden und teilweise verwirrenden Abfolge von Sequenzen, die sich mal auf die zentralen Aussagen der Dreigroschenoper, mal auf die Konzeption des Films und mal auf die Lebensumstände und Interventionen der realen Person des Bertolt Brecht beziehen. Wer das in Kauf nimmt und durchhält, wird reichlich belohnt. Der Anspruch eines normalen Films wird gesprengt, in der „Dokumentation“ über die gescheiterte Entstehung des historisch tatsächlich als Projekt angegangen Films wird zu einem Labor, in dem die Leitsätze des Kapitalismus freigelegt werden, in dem das Verhalten eines „eingelullten“ und eines aufgeklärten, räsonierenden Publikums seziert und modelliert wird und in dem ständig aktualisiert wird

So ist es folgerichtig, dass in den Schlusssequenzen aus dem Gangsterkönig des einstigen Sündenbabels Soho ein respektabler Banker in der City of London wird. Die Grundlagen des Erfolgs als Moloch ohne Moral sind die besten Referenzen für das Bankwesen mit seinen Börsenspekulationen. Somit ist der Film nicht nur ein Nachweis für die nahezu prophetischen Worte aus der Dreigroschenoper in Bezug auf den ein Jahr später folgenden Schwarzen Freitag an der New Yorker Börse, sondern auch eine zeitgenössische Referenz an die von der City of London ausgehenden globalen Börsenspekulationen. 

In den letzten Sequenzen des sehr zu empfehlenden Films ist nicht nur die ehrenwerte Gesellschaft des neuen Finanzkapitals in seinen Glas- und Metalltürmen zu sehen, sondern auch die in den Bezirk eindringenden Bettler und Mittellosen, die dem ganzen Spuk ein Ende zu machen drohen. Ob das jedoch prophetischen Charakter hat, bleibt aktuell abzuwarten.

Weltpolitik zwischen Adrenalin und Einsamkeit

Ben Rhodes, Im Weißen Haus. Die Jahre mit Barack Obama

So trivial es klingt: Der Vorteil eines Redenschreibers, wenn er oder sie denn gut ist, besteht darin, dass er sehr schnell und unter unruhigen Bedingungen in der Lage ist, das Notwendige griffig zu formulieren. Dass bereits 2018, also zwei Jahre nach Ende von Obamas Präsidentenzeit, ein mehr als fünfhundert Seiten umfassendes Werk vorliegt, das in lockreren, gut lesbarem Ton geschrieben ist und sowohl die politischen Schwerpunkte als auch die innere Psychologie dieser Periode illustriert, ist dem Redenschreiber Obamas, Ben Rhodes, zu verdanken. Vom Wahlkampf 2008, über die zwei Wahlperioden bis zum Tag der Inauguration von Obamas Nachfolger, Donald Trump, werden die Ereignisse und Begebenheiten erzählt, die in das Narrativ des ersten US-Präsidenten afro-amerikanischer Provenienz passen.

Was den bei Amtsantritt Obamas noch jüngeren Rhodes schockierte, war die Differenz zwischen der Programmatik des Wahlkampfes und dem tatsächlichen Erbe eines Amtes, bei dessen Ausübung nicht einfach alles auf Null gestellt werden kann. Obamas Bürde, so Rhodes, bestand darin, die großen Hypotheken wie Verwerfungen der Bush-Ära korrigieren beziehungsweise zu einem schlechten Ende führen zu müssen. Zentral dazu gehörte der Irak-Krieg und alles, was mit dem zweifelhaften Krieg gegen den Terror zusammenhing. Obamas Strategie, in geordnetem Rückzug sich aus den Aggressionsarealen vor allem im Nahen Osten zu verabschieden, kostete ungeheure Kraft und gelang dann doch nicht.

Nicht, dass bei einem solchen Buch zu erwarten wäre, dass die Grundfesten der USA-Doktrin, nämlich die Werte-Dominanz des eigenen Systems, in Zweifel gezogen würden. Was jedoch dennoch sehr interessant zu lesen ist, ist wo Obama und sein Team die Schwerpunkte setzten, wo sie Ziele erreicht haben und wo sie weshalb gescheitert sind. Da waren Versprechen aus dem Wahlkampf, wie die Aufspürung und Liquidierung Bin Ladens, da waren der Abzug der Truppen aus dem Irak, da war die Weigerung, eigene Truppen nach Syrien zu schicken, da war die Ukraine-Krise, da war das Thema Guantanamo, da waren die Klimaziele und da war der Versuch, die Beziehungen zu Kuba zu normalisieren. Diese Ereignisse und Begebenheiten aus der Betrachtung des Inner Circle noch einmal zu betrachten, ist dahingehende hilfreich, auch aus der Begrenztheit der Möglichkeiten von Regierungshandeln bestimmte Schlüsse zu ziehen.

Was auffällt, ist das Kuriosum, dass Ben Rhodes als Redenschreiber wie als Verantwortlicher des präsidialen Sicherheitsrates es vor dem eigenen Auge fertigbringt, nicht die Triebkräfte zu erwähnen, die letztendlich die expansive und imperiale Linie der USA bestimmen. Die innere Kontroverse reduziert sich auf die Spannungen mit den Republikanern, die interessant und furchtbar, aber nicht erschöpfend ist. Die Pressure Groups von den verselbständigten Geheimdienstorganisationen bis hin zu den Lobbyisten aus dem militärisch-industriellen Komplex, der globalen Digital-Konsortien und der traditionell dominanten Ölindustrie werden nicht in einem Satz als regierungsrelevante Faktoren erwähnt. 

Dennoch ist die erzählte Geschichte authentisch, weil sie, ohne dass es der Autor vielleicht intendiert hat, die Dilemmata der Machtausübung sehr eindringlich zum Vorschein bringt. Die einzelnen Episoden,  die nichts anderes als spätere Weltgeschichte sein werden, beschreiben das kleine, einzelne Individuum in der großen Apparatur der Macht, deren Eigendynamik und die Strategien derer, die darin überleben wollen. Dazu gehören die körpereigene, permanente Adrenalinüberproduktion, der permanente Hype und die faktische Liquidierung der privaten Sozialsysteme. Man überlebt, und der erste Preis ist die Einsamkeit.