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The Thrill: Ein praktischer Exkurs in die Systemtheorie

Hideo Yokoyama. 64

Kriminalromane sind nicht unbedingt das Genre, das ich suche. Es sei denn, es handelt sich um besondere Werke, bei deren Lektüre man etwas erfahren kann über eine besondere Epoche oder Kultur, wie z.B. Ecos „Der Name der Rose“. Mit dem Hinweis, man könne daraus sehr viel über die japanische Kultur lesen, gab mir ein Bekannter, dessen Urteil ich schätze, den Tipp für Hideo Yokoyamas Roman 64. Dass auf dem Cover von einem Thriller die Rede war und das Klischee von Hochhäusern und Mandelblüten zu erspähen waren, ließ Skepsis zurück. Ich sollte mich sehr täuschen.

Um falschen Rückschlüssen vorzubeugen:  Nein, für mein Gefühl war es kein Thriller, obwohl es sich bei den gesamten 760 Seiten um die Behandlung eines Kriminalfalls handelt. Und nein, obwohl man in dem Buch einiges über die japanische Gegenwartskultur und deren Arbeitsethos erfährt, für diese Erkenntnisse braucht man kein so dickes Buch zu lesen. Und dennoch hat mich das Buch von der ersten bis zur letzten Zeile mitgerissen.

Die Handlung spielt im Jahr 2003 und es geht die ganze Zeit um einen 14 Jahre zurückliegenden Entführungsfall mit einem trotz Lösegeldübergabe erfolgten Mord an einem kleinen Mädchen. Brisanz gewinnt der Fall, der das Aktenzeichen 64 trägt, weil die Möglichkeit, den oder die Täter zu überführen, kurz vor der Verjährung liegt. Und eine besondere Note bekommt die ganze Geschichte, weil die Hauptfigur, der Pressechef der örtlichen Polizeibehörde namens Hikami, während der erzählten Handlung unter dem Verschwinden der eignen Tochter leidet.

Der große Coup des Buches ist jedoch etwas ganz anderes. Es schildert mit ungeheurer Beobachtungsgabe die Funktionsweise unterschiedlicher, mit einander korrelierender Organisationssysteme und deren Reibungsflächen. Da ist die lokale Polizeibehörde mit ihren Subsystemen Kripo, Verwaltung und Pressestelle. Da ist zudem die in Tokyo sitzende Oberbehörde der nationalen Polizei sowie die lokale und die nationale Presse. Hikami, der Protagonist, sitzt als Pressechef der lokalen Polizeibehörde, genau an der Schnittstelle. Seine Aufgabe ist es, zwischen den Interessen von Polizei und Presse zu vermitteln. Das erzeugt Reibung, weil die lokale Polizei soviel Diskretion wie möglich will, um die Ermittlungen nicht zu gefährden, die Presse hingegen soviel Information wie möglich, um die Öffentlichkeit ins Bild zu setzen.

Da das Leben nie nach der reinen Theorie funktioniert, kommt es zur Verheimlichung von Fehlern hier, zur Skandalisierung von Kleinigkeiten dort, und zu Machtkämpfen zwischen Polizeibehörde und deren Verwaltung sowie politischen Interessen derer im fernen Tokyo. Dabei entspannt sich ein Szenario, das als ein elaborierter praktischer Exkurs in die Systemtheorie bezeichnet werden kann. 

Der Autor Yokoyama gibt in seinem Buch einen Einblick in den ständigen Konkurrenzkampf zwischen Zweck- und Wertrationalität, zwischen Ziel und Zweck, zwischen Funktion und Person. Es entstehen Prototypen der beiden, nicht nur in Japan existierenden Archetypen aller Arbeitsorganisationen. Die, deren Streben nach Macht, Karriere, Einfluss und Ansehen ihr ganzes Handeln dominiert und die, die auch die Macht und den Einfluss wollen, um ihre Funktion in der Zweckbestimmung der Organisation gut zu erfüllen. Wenn man so will, sind das die Prototypen der klassischen Tragödie im modernen Arbeitsleben. Daran arbeite sich der Roman konsequent ab und das ist der große Gewinn bei seiner Lektüre.

Je nach Betrachtungsweise, wer die Systemtheorie in seiner praktischen, leicht lesbaren und spannenden Variante genießen will, der hält tatsächlich einen Thriller in der Hand.  Die Marketingabteilung des Verlages hat das jedoch wohl nicht im Sinn.

Das Dilemma von wissenschaftlicher Erkenntnis und Macht

Als Friedrich Dürrenmatt den Zweiakter „Die Physiker“ 1961 niederschrieb, blickte er auf zwei Weltkriege zurück, in denen die Verwissenschaftlichung und Industrialisierung des Tötungshandwerks ungeahnte Ausmaße angenommen hatte. Im I. Weltkrieg war es der massenhafte Einsatz von Giftgas, und im II. Weltkrieg war der ebenfalls mit Gas vorangetriebene Holocaust betrieben worden und das Tötungsfestival hatte mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki ein weiteres dämonisches Ende genommen. Die Frage, die sich besonders in Bezug auf die Entwicklung der Atombombe in den Vordergrund gedrängt hatte, weil bei ihr Wissenschaftler wie Einstein und Oppenheimer – ihrerseits bekennende Humanisten – beteiligt gewesen waren, wie der Drang nach Erkenntnis mit Moral und Ethik vereinbar sei. An Brisanz hat das Werk, das Dürrenmatt aufgrund der skurril gestalteten Handlung als Komödie freigegeben hatte, nichts eingebüßt. Es geht, ob es Genforschung, Biotechnologien die Virologie betrifft, immer wieder um die Frage, was darf ein Wissenschaftler und was darf er nicht? Oder, anders herum, kann er oder sie denn anders?

In den „Physikern“ bietet sich dem Publikum eine absurde Situation. Ein genialer Physiker flüchtet, da er um die Brisanz seiner Erkenntnisse weiß, in den Wahnsinn und begibt sich in ein privates Sanatorium, wo er es allerdings nicht unterlässt, weiter zu forschen und dem Treiben eine psychopathologische Note verleiht, indem er vorgibt, alles von König Salomo eingeflüstert zu bekommen. Ihm auf den Fersen sind jedoch zwei weitere Insassen und Physiker, die, instrumentalisiert von zwei Geheimdiensten verfeindeter Länder, an seine Erkenntnisse herankommen wollen. Die Groteske endet mit dem Coup, dass die Sanatoriumsleitung, eine reiche, bucklige Schweizerin, ihrerseits alles durchschaut, die Forschungsergebnisse des den Wahnsinn vortäuschenden Wissenschaftlers heimlich kopiert und als Wirtschaftsimperium  vermarktet und alle drei Insassen als Häftlinge schachmatt setzt.

Die Zeugnisse, die die Beteiligten zu ihrer Motivlage ablegen, dokumentieren das Dilemma, in dem Wissenschaft steckt. Es erweist sich als Illusion, dass Wissenschaft sich bewusst vor Erkenntnissen zurückhalten könnte. Es ist ein Faktum, dass es immer wieder die Macht ist, die aus wirtschaftlichen oder politischen Interessen – und zumeist erfolgreich – es darauf anlegt, die Erkenntnisse auszubeuten und zwecks Herrschaft zu instrumentalisieren. Das sind verstimmende und niemals beruhigende Einsichten, die auch auf der Folie einer in einem Sanatorium spielenden Komödie nichts an ihrer Bedrückung einbüßen. 

„Die Physiker“ wurden am 21. Februar 1962 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Im Oktober des selben Jahres ereignete sich die Kubakrise, bei der die Welt knapp an einem Atomkrieg zwischen der damaligen Sowjetunion und den USA vorbei schlitterte. In dieser Zeit beschrieb Dürrenmatt das Dilemma von wissenschaftlicher Erkenntnis und deren Nutzung zur Destruktion.  

Die Fragestellung ist geblieben. Das Dilemma auch. In einer Zeit, in der immer weniger von freier Wissenschaft und immer öfter von Auftragswissenschaft gesprochen werden muss, erscheint das Dilemma noch größer als zur Zeit der Entstehung des Bühnenstücks. Allein die Abwägung, was der Einsatz der modernen, wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Wohle von Mensch wie Natur bewirken könnte und zu was sie tatsächlich gebraucht werden, verursacht mehr als eine düstere Stimmung. Daher ist es mehr denn je erforderlich, das Thema zu reflektieren und in der politischen Diskussion am Leben zu erhalten Es stellt sich mehr denn je nicht mehr die Frage, was Wissenschaft kann, sondern wem die Welt gehört! 

Vom Schtetl in die Neue Welt

Joseph Roth. Hiob

Was macht ein Mann, der in einem schäbigen Pariser Hotel sitzt, in dessen Nebenzimmer seine Geliebte liegt und sich in das Reich des Wahnsinns schleicht? Er betrinkt sich und schreibt in manischer Weise einen Roman, in dem er alles verarbeitet, was sich in seiner eignen Biographie an Bedrückung und gefühlter Verfluchung angesammelt hat. Joseph Roth schrieb seinen Roman Hiob in großer Verzweiflung und setzte in ihn alles, was an biblischer Hoffnung zur Verfügung stand. Hiob, so der Titel des 1930 erstmals erschienen Romans, wird in die Zeit des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts entführt und er liefert das Regiebuch für die Geschichte des armen jüdischen Lehrers Mendel Singer und seiner Frau Deborah.

In einem galizischen Dorf, genau der Gegend, aus der Joseph Roth selbst stammte, das mal russisch und mal polnisch war, spielt die Geschichte dieser unglückseligen Familie, die letztendlich sich und alle Hoffnung verlor. Der erste Sohn geht, entgegen der Vorschriften des orthodoxen Glaubens, zum Militär, der zweite flieht nach Amerika, die Tochter treibt es mit Kosaken und Menuchim, der Nachzügler, ist ein krankes und zurückgebliebenes Kind. Entgegen der Weissagung des Rabbis, der Deborah rät, ihn nie zurückzulassen, denn ihm stehe nach einem langen Prozess der Heilung Großes bevor, folgt die Familie dem erfolgreichen Sohn nach Amerika und lässt das Kind und ihre ostjüdische Identität hinter sich.

Mendel Singer und seine Restfamilie treffen auf die Moderne, auf das große und erfolgreiche Amerika. Dort geht es ihnen gut, bis alles zerfällt. Bis auf Mendel Singer sterben alle oder sie verfallen dem Wahnsinn. Endlich, als Mendel Singer allein und verloren in Manhattan seinem Gott zürnt und auf den Tod wartet, erscheint der zurückgebliebene Sohn als erfolgreicher Musiker in der Millionenmetropole, findet seinen Vater und bringt dem, wieder, in einer schäbigen Stube sitzenden Mann die Hoffnung, das Licht und seinen Gott zurück.

Der Roman ist ein Dokument akribischer Beobachtung, es ist ein Meisterwerk der vorwärtsstrebenden Handlung, das in seiner Dynamik an die Prosa von Heinrich von Kleist erinnert, und eine präzise Beschreibung zwei sich widersprechender Welten. Das Schtetl aus dem Osten und die Glitzerwelt des Westens stehen sich gegenüber. Die Dramaturgie entsteht durch die Bewegung der Familie, die der einen Welt entrinnt und in der anderen versucht, Fuß zu fassen. Das kann nicht gut gehen und darin ist das große Dilemma zu sehen, in dem sich auch der Autor befand. Die Tradition geht unter und in Vergessenheit, die Moderne setzt sich durch, mit Kälte und logischer Konsequenz. Wer das überlebt, der muss brechen, brechen mit seiner eigenen Identität. Was folgt, ist die Überraschung, dennoch zu keiner neuen Identität kommen zu können. Sie gehen unter, alle, die der Illusion gefolgt sind, es könne gelingen. 

Alles, was bleibt, ist der Rückgriff auf die Tradition und der Glaube an die Bestimmung, die aus ihr entspringt. Auch das ist eine trügerische Hoffnung, zum Schluss bleibt nichts als das Scheitern, es sei denn, die Hoffnungsschimmer der eigenen Spiritualität lassen eine gutes Ende voraussagen, und wenn es nur in einer erzählten Geschichte existiert. 

Die Verzweiflung und der Rausch, mit all seinen Höllenqualen, waren der Treibstoff für dieses Narrativ Joseph Roths, das in dem Roman Hiob sehr präzise, kalt und dennoch empathisch eine verlorene Welt beschreibt.