Archiv der Kategorie: recensions

Faktizität statt Suggestion und Imperativ

Egon W. Kreutzer. Wo bleibt die Revolution. Die Sollbruchstelle der Macht

Große Verzweiflung macht sich allenthalben breit. Der Zustand speist sich aus der Tatsache, dass altbekannte Ordnungen zerfallen und die vertrauten Erklärungsmuster nicht mehr greifen. Ideologisch genährte Wunschvorstellungen helfen da genauso wenig weiter wie die Verbreitung von Dystopien. Egon W. Kreutzer hat bereits 2014 ein Buch verfasst, das er nun aktualisiert und spezifiziert hat. Unter dem Titel „Wo bleibt die Revolution. Die Sollbruchstelle der Macht“ hat er die aktuellen Phänomene untersucht und dabei einen Ansatz gewählt, der klug und überzeugend einen Ansatz verfolgt, der in Bezug auf die notwendigen Erkenntnisse Erfolg verspricht.

Ausgehend von den Notwendigkeiten einer funktionierenden Volkswirtschaft, die sui generis das Ziel verfolgen muss, durch das wirtschaftliche Agieren allen gesellschaftlichen Kräften die vitalen Funktionen zu sichern und den allgemeinen Wohlstand zu heben, inspiziert er die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die geprägt waren von zunehmendem Einfluss globalisierter Konzerne wie des Finanzsektors innerhalb der EU und im Geflecht einer weltweit vernetzten Ökonomie. Das Fazit ist belegt und eindeutig. Die für eine Volkswirtschaft entscheidenden Faktoren von politischem System, Bevölkerung und Wirtschaft haben sich zuungunsten des politischen Systems wie der Bevölkerung dramatisch verschoben. Das unter dem Aspekt der sozialen Konvergenz verstandene Gemeinwesen unterliegt einem Erosionsprozess, die staatliche Einflussnahme ist strukturell immer weiter eingeschränkt und die soziale Divergenz innerhalb der Bevölkerung ist gestiegen. 

Anhand zahlreicher Beispiele schildert Kreutzer diese Entwicklung und sagt ihr eine Bewegungsrichtung voraus, die unterschiedliche Szenarien zulässt. Die Verarmung großer Teile der Bevölkerung bei mangelnder politisch akzeptierter Programmatik erhöht die Wahrscheinlichkeit anarchischer Eruption, die Demontage des politischen Systems ermöglicht die Privatisierung immer vitalerer staatlicher Funktionen und fortschreitende Zerstörung staatlicher Funktionen könnte vor allem in Europa zum Spielball Dritter werden. 

Es ist die Zeit, sich diesen Tendenzen zu stellen und die Faktoren Staat, Wirtschaft und Bevölkerung im Auge zu behalten. Wer die Marktregulative als natürliche Mächte begreift, die das alles regeln würden, wird den Zerfall nicht verhindern können. Ein weiteres Motiv, das der Erkenntnis im Wege stehen könnte, ist die Grundüberzeugung, aus dem marginalen europäischen Blickwinkel zu glauben, die Rezeptur für eine globale Lösung vor sich hertragen zu können. 

Kreutzers Ausführungen zufolge wäre es klug, sich die als Faktizität präsentierenden Erscheinungen der fundamentalen Krise genau vor Augen zu führen und daraus die richtigen politischen Schlüsse zu ziehen. Die zunehmende exorbitante Staatsverschuldung entzieht der Volkswirtschaft existenzielle Mittel, die systematische, fortgesetzte Senkung des Lohnniveaus gefährdet nicht nur die soziale Kohärenz, sondern sie geht zu Lasten des Binnenmarktes und die ideologisch motivierte Dekonstruktion von Schlüsselindustrien zugunsten von brüchigen Alternativen bewirkt eine weitere Beschädigung der Volkswirtschaft.

Die von Kreutzer dargestellte Entwicklung ist teilweise von den Akteuren des politischen Systems identifiziert worden. Ob diese Erkenntnis aufgrund der konkreten Machtverhältnisse zu praktischem Handeln führen wird, unterliegt aus heutiger Sicht der Spekulation. Aus dem Geschilderten ist die Dramatik nicht von der Hand zu weisen. Dass der Autor bei seinem Titel weder ein Frage- noch ein Ausrufezeichen verwendet, spricht für seinen Realitätssinn. Die glasklare, ja messerscharfe Analyse benötigt weder eine Suggestionsfalle noch einen Imperativ. Sie verlässt sich auf die Faktizität. 

Wer nach einem Erklärungsmuster für die Komplexität eines einzigartigen Ordnungszerfalles sucht, ohne sich dabei durch emotionsgeladenen Ballast ideologischen Wunschdenkens beschweren zu wollen, dem sei das Buch ausdrücklich empfohlen. Lösungsoptionen sind durchaus zu sehen. So widrig diese auch sein mögen.

  • Taschenbuch: 248 Seiten
  • Verlag: BoD – Books on Demand; Auflage: 1 (15. Mai 2020)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3751934219
  • ISBN-13: 978-3751934213

Ein Panorama der zeitgenössisch virulenten Themen

Jürgen Lodemann. Salamander. Ein Roman

Manchmal sind die Werke bestimmter Autoren so bahnbrechend, dass sie automatisch für den gesamten Schaffensprozess genommen werden. Bei Jürgen Lodemann, der auf sehr vielseitiges Schreiben zurückblicken kann, hat sicherlich „Der Mord“ dazu beigetragen, ihn mit der literarischen Aufarbeitung der urdeutschen Siegfried-Saga zu identifizieren. Kennerinnen und Kenner wussten vielleicht noch, dass er auch mit dem Lynch-Roman als versierter Autor von irischer Geschichte gelten konnte. Aber, ein Roman im Hier und Jetzt? Ja, da gab es ganz früh  schon „Essen Viehofer Platz“, aber war das nicht einfach nur Vergangenheitsbewältigung? Es fällt auf, ganz so einfach ist es doch nicht mit Jürgen Lodemann. 

Und das wird er wohl gewusst haben, als er den Roman „Salamander“ schrieb, der 2010 zum ersten Mal erschien. Es ist ein Roman, der im zeitgenössischen Deutschland spielt. Genauer gesagt, geographisch, in Freiburg. Und noch genauer, im Viertel Vauban, ehemals Kasernen- und Militärfläche der Franzosen, dann, nach deren Abzug, umgewandelt zu wohl der Blaupause für alternatives und ökologisches Wohnen in der Republik. In diesem Vauban besitzt der Ich-Erzähler eine schicke Wohnung, von der aus man einen weiten Blick genießt und die sich trefflich eignet für das folgende Räsonnement. 

Das Konstrukt des Romans ist so einfach wie gekonnt. Es beginnt mit einem Mord, der in dieser Wohnung begangen wurde. Der Erzähler war nicht dabei, sondern kam, als die ermittelnde Polizei bereits dort war. Dem Erzähler sind die Personen, die dort anwesend waren jedoch bekannt und er wird aufgefordert, sich zu erinnern. Jedes Detail sei wichtig. Und er bekommt dafür Zeit. Da es sich, welch Zufall, um einen Autor handelt, der sehr starke biographische Züge zum eigentlichen Autor aufweist, erhält Lodemann Gelegenheit, seine Sicht auf die Welt und ihre Widersprüche, Dilemmata und Ergötzlichkeiten in aller Breite zu entwickeln.

Die erzählerische Chronologie springt zwischen Rückbesinnung, die darin besteht, welche Gespräche der Autor mit den am Mord beteiligten Akteuren geführt hat und aktuellen Mahnungen der ermittelnden Behörden, wie es um seinen Bericht steht. Anhand der Aktionsfelder der Figuren entsteht so ein Panorama der zeitgenössisch virulenten Themen. Es geht um Digitalisierung und ihre Anwendung im Bereich der Spionage- und Militärtechnik, es geht um Strategien dagegen, es geht um alternativen Städtebau und Wohlstandsghettoisierung, es geht um Lortzing und seine Oper Regina, es geht um sexuelle Libertinage und um Diversität, es geht um das Schreiben als Profession, es geht um die Melange von Geschäft und Politik, es geht um unterschiedliche Lebensfelder wie Hamburg, Berlin, das Ruhrgebiet und eben jenes Freiburg, es geht um Emigration und Immigration und es geht um den gefühlt ewig währenden Konflikt zwischen Orient und Okzident.

Das alles kommt, im Laufe der Erzählung, alles andere als überfrachtend, auf die Leserschaft zu. Sie wird belohnt mit einer starken Dosis der eigenen jüngsten Kulturgeschichte. Der Erzähler ist ein parteiischer, aber kein doktrinärer, denn er sieht immer die beiden Seiten der Medaille. Lodemann ist ein kluger, überaus kluger Erzähler, der weiß, wann es Zeit ist, um eine Sache beschaulich zu durchleuchten, und wann die Handlung wie ein Blitz präsentiert werden muss. 

Wer das Leben, wie wir es hier und heute vorfinden, mit seinen Widersprüchen und Absonderheiten akzeptiert, bekommt mit „Salamander“ ein großartiges episches Zeugnis. 

Die praktische Kollision und die Avantgarde

Olga Forsch. Russisches Narrenschiff

Maxim Gorki war es, der sich dafür stark machte, dass die zu Zeiten des Umbruchs und der Revolution aufblühenden Kräfte der Literatur ein Zuhause fanden. Nach der Revolution wurde in Sankt Petersburg ein Haus requiriert, in das sie einzogen. Obwohl sie nicht besser gestellt waren wie die andern Bürgerinnen und Bürger und ebenso auf Essensmarken und rationierten Brennstoff zählen mussten, so hatten sie doch eine Bleibe und einen renommierten Schutz. Aufgrund des Papiermangels war an Publikation nicht zu denken. So wurde aus einer Wohngemeinschaft kreativer, teilweise chaotischer und auf jeden Fall innovativer Kräfte ein Konsortium für das, was getrost als russische Avantgarde bezeichnet werden kann.

Die Autorin des Romans, Olga Forsch, kam selbst aus der Malerei und wandte sich während der Revolution der Literatur zu. Sie kannte das schon bald berüchtigte Haus aus eigener Erfahrung. Und sie gab dem Roman, der als ein Referenzstück der Avantgarde gelten kann, den Namen des Hauses, den es von der Bevölkerung sehr schnell bekam: Russisches Narrenschiff. 

Der Roman selbst ist als ein methodologisches Dokument dessen zu betrachten, was sich auf dem Narrenschiff abspielte. Es geht um unterschiedliche Erzählweisen, um klassische Epik, um soziale Reportage, um Montage, um Traumszenen, um Bühnen-Slaps und um Bekenntnisse. Die geographischen Orte, von denen die Autorin das Haus der Literatur beleuchtet, wechseln, so dass ein Multiperspektivismus entsteht, der notwendig ist, um die Idee der Avantgarde aufzusaugen. Leichte Kost ist das nicht. Und hinzu kommt, dass sich hinter den Figuren tatsächliche Größen der damaligen, zeitgenössischen Literatur verstecken, die, zumindest für das deutsche Lesepublikum, teilweise nur über das exzellente Register erschlossen werden können. Anna Achmatowa, Andrej Bely, Alexander Blok, Alexander Grin, Ilja Ionow, Lew Lunz, Wadimir Majakowski, Nadeshda Pawlowitsch, Boris Pilnjak, Jelisaweta Polonskaja, Jewgeni Samjatin, Viktor Schlklowski, um nur einige zu nennen.

Neben den unterschiedlichen Genres und Sujets, mit denen jongliert wird wie in einem großartigen Varieté, wird mit jeder Zeile deutlich, in welcher historischen Situation sich das Ganze abspielt. Und es kommen unweigerlich die Worte eines Karl Marx ins Gedächtnis, der in der Deutschen Ideologie die Situation beschrieb, wenn es zwischen verschiedenen Klassen um die Macht ging. Er nannte diesen Zustand die praktische Kollision. Dann, so räsonierte er, ginge es in den Kreisen, die sozial schwer und als Klasse gar nicht beschrieben werden können, nämlich den Künstlern, den Wissenschaftlern, den Philosophen, darum, auf welche Seite sie sich schlügen. Um es populär auszudrücken: Wenn es um die Macht geht, dann spielen Fragen der Ästhetik keine Rolle.

Olga Forsch hatte das früh begriffen. Nicht umsonst wählte sie für den Roman Abschnitte, die sie als Wellen zählte. Das Werk endet mit der neunten Welle, bei den Seefahrern bekannt als die gefährlichste bei schwerem Wetter. Die Literaten, die in diesem Haus wohnten, belegen mit ihren Biographien, in welchen Zeiten sie dieses Haus als Labor für ihre Visionen nutzen durfte. Manche verzweifelten und brachten sich um, andere landeten im Gefängnis oder gingen ins Exil und einige überlebten im neuen Russland.

Olga Forsch selbst blieb und wurde ein angesehenes Mitglied des Schriftstellerverbandes. Ihre Werke wurden veröffentlicht. Mit dem Russischen Narrenschiff tat man sich schwer. Es erschien 1930 in kleiner Auflage und dann erst wieder 1964, während der Tauwetter-Periode. Oft hat Geschichte ein kurioses Regiebuch: Ohne Avantgarde kommt es nicht zum Wandel. Und während des Wandels hat es gerade die Avantgarde besonders schwer.