Archiv der Kategorie: recensions

Bang!

Klaus von Dohnanyi, Nationale Interessen. Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche

Zu lange hat das Schweigen der Sozialdemokraten gedauert, die sich aus ihrer aktiven Zeit noch an eine Außenpolitik erinnern können, in der die nationalen Interessen im Vordergrund standen und nicht immer mit den Wünschen und Strategien der USA kongruent waren. Aus heutiger Argumentationslage betrachtet war es doch erstaunlich, dass ein freundliches und durch Bündnisse geprägtes Verhältnis dennoch nie ernsthaft in Zweifel gezogen wurde. Nimmt man die Zeit der Neuen Deutschen Ostpolitik und vergleicht sie mit heute, so wird deutlich, dass der Grad der eigenen nationalen Souveränität im geostrategischen Kontext wesentlich geringer ist als damals.

Dafür gibt es Gründe. Zum einen haben die USA spätestens seit der weltpolitischen Zäsur im Jahr 1990 nach der Implosion der Sowjetunion die Samthandschuhe und die freundlichen Masken auf den Sperrmüll geworfen und predigen nicht nur den Kapitalismus pur, ohne Sozialstaatsgesummsel sondern sie blasen auch zur Attacke. Und zum anderen hat sich auch ins deutsche politische Bewusstsein die Illusion gedrängt, nationale Eigenarten und Bedürfnisse seien im besten Fall rückwärts gerichtete Regungen, die einem aufgeklärten Kosmopolitismus entgegenstünden. Die amerikanische Autorin Jill Lepore hat diese Illusion auch in der jüngeren Geschichte ihres Landes entdeckt und als Ursache für den nationalistischen Populismus in der letzten Dekade in dem Buch „Dieses Amerika. Manifest für eine bessere Nation“ festgemacht.

In Deutschland meldet sich nun eine sozialdemokratische Ikone, nämlich Klaus von Dohnanyi, zu Wort. In dem dringend erforderlichen, aber so gar nicht in den Zeitgeist passenden Buch mit dem Titel „Nationale Interessen. Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Unruhe“ räumt er mit einer Konsequenz mit den Narrativen unserer Tage auf, die von exklusiv  auf internationale Korporationen gerichteten Technokraten und auf der wie auch immer gearteten Payroll von US-Denkfabriken stehenden Journalisten und Politikern in die Welt gesetzt worden sind.

Ohne die systemische Nähe dessen zu verlassen, was als der Westen bezeichnet wird, umreißt er die unterschiedlichen geopolitischen Interessen der USA und Europas. Das sind keine kleinlichen Befindlichkeiten, sondern die Thesen werden untermauert mit historischen Verweisen und aktuellen Dokumenten. Der Friede mit Russland, so eine seiner prägnanten Thesen, ist für Deutschland essenziell. Für die USA ist die Zwietracht zwischen Russland und Deutschland essenziell. Auf der einen Seite haben wir es mit einer sich mühsam wiederfindenden Nation zu tun, die tief gespalten ist und auf der anderen Seite mit einem Weltimperium, das ins Schlingern geraten, ebenfalls tief gespalten ist und dessen Aggressivität wächst.

Allein diese Aussagen sind ein gewaltiger Schritt angesichts der überall zu spürenden Angst auch und gerade in der Sozialdemokratie, dass derartige Analysen und Erwägungen von den monopolisierten Meinungsmaschinen genutzt werden, um den üblichen Krieg gegen Anti-Amerikanismus, Verschwörungstheorien und Geschwurbel zu führen. Dass ein Mann, der dem 94. Geburtstag entgegensieht und der durch seine Biographie ausreichend dokumentiert hat, wie sehr er mit der amerikanischen Lebensweise vertraut ist, macht das Buch zu einem wichtigen Zeitdokument.

Von Dohnanyi geht nicht nur auf die geostrategischen Frage von Krieg und Frieden und die damit verknüpften unterschiedlichen Interessen ein, sondern er entwirft auch ein Portfolio für deutsche Politik in einem europäischen Bündnis, dass selbst entscheidet, mit wem es Handel treibt, mit wem es kooperiert und mit wem es Bündnisse eingeht. Eine wohltuende Stimme, klar und deutlich, in einer Atmosphäre der Hysterie und Hitze. Unbedingt zu empfehlen! 

  • Herausgeber  :  Siedler Verlag; 2. Edition (17. Januar 2022)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Gebundene Ausgabe  :  240 Seiten
  • ISBN-10  :  3827501547
  • ISBN-13  :  978-3827501547
  • Abmessungen  :  14.4 x 2.4 x 22.1 cm

Die neue Working Class und die Stabilität des politischen Systems

Die sich immer wieder abzeichnende Krise des gegenwärtigen politischen Systems wird nicht zu Unrecht auf einen Umstand zurückgeführt, der deshalb im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle spielt, weil er dort nicht thematisiert wird. Es geht um das Schicksal eines großen Teils der Bevölkerung, der nicht mehr als Arbeiterklasse kategorisiert und seit den Zeiten des wilden Liberalismus als Prekariat zumeist mit einem Achselzucken bedacht wird. Die Zeiten, in denen eine gut organisierte Industriearbeiterschaft Tarifverträge aushandeln konnte, an die sich alle Unternehmen halten mussten, sind lange passé. Stattdessen entstand eine Art von Working Class, die in der Regel nicht von ihrer Arbeit leben kann, die vom gesellschaftlichen Leben abgeschnitten ist und die im politischen Diskurs nicht mehr wahrgenommen wird. Diese Work Force ist die große Unbekannte, die, sollte sie weiterhin ignoriert werden, zu dem Faktor werden könnte, der die Stabilität des Systems zertrümmert.

Die Autorin Julia Friedrichs hat sich bereits mit mehreren Publikationen zu den Resultaten der Epoche des Wirtschaftsliberalismus profund zu Wort gemeldet. Sie schrieb über die neuen Eliten wie über die Erben-Generation. In dem Buch „Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“ widmet sie sich dem beschriebenen Phänomen. Sie thematisiert das Schicksal derer, die hart arbeiten, die sparsam sind und über denen dennoch ständig das Damokles-Schwert des sozialen Ruins schwebt. In ihrem Buch begleitet sie einen Reinigungsgmann der Berliner U-Bahn, einen Schankwirt aus dem Souterrain einer Karstadt-Filiale, eine auf Honorarbasis arbeitende Musiklehrerin und einen alleinstehenden ITler. 

Um es gleich zu sagen: Working Class ist ein gelungenes Buch, weil es gut erzählt ist, was an den anschaulichen Geschichten der Protagonisten liegt und weil es dennoch zahlreiche, gut recherchierte Fakten enthält, die das Bild komplettieren. Das Resultat ist ein Kompendium über die sozialen Auswirkungen in der Konstitution des Arbeitsmarktes, die Grundlage vieler gesellschaftlicher Fehlentwicklungen in den letzten Jahrzehnten.

Besonders eindrücklich sind die Schilderungen der Effekte der Corona-Pandemie und der mit ihr verbundenen politischen Maßnahmen.  Julia Friedrichs verfolgt die verschiedenen Theorien von Volkswirten, die zunächst von einem U, dann von einem V sprachen und nun zunehmend ein K identifizieren. Damit ist die Wirtschaftsentwicklung im Kontext der Krise gemeint und wobei das U für einen drastischen Abstieg und nach einer gewissen Talsohle für einen rasanten Aufstieg steht, das V quasi die gleiche Entwicklung beschreibt, jedoch ohne nennenswerte Talsohle. Nur das immer mehr identifizierte K besagt, dass nach dem rasanten Abstieg eine Splittung erfolgt, nämlich den Verbleib im Ruin der ohnehin schon Gefährdeten und einen kometenhaften Aufstieg der bereits Saturierten beschreibt. Julia Friedrichs Gesprächspartner sprechen mit ihren Erfahrungen eindeutig für das K.

Die Autorin richtet in ihren immer wieder platzierten Schlussfolgerungen einen Appell an alle, die auf der sonnigen Seite der Straße stehen: den der Solidarität. Mit ihr verbunden die Notwendigkeit  einer Umverteilung, die es ermöglicht, von der eigenen Arbeit leben zu können und nicht im Alter auf die Wohltätigkeit anderer oder die Mülltonne angewiesen zu sein. Dass dieser Appell fruchtet, bezweifelt die Autorin allerdings immer wieder selbst. Es wird wohl sehr viel von der Working Class, die es immer noch gibt, selbst abhängen. Die Lektüre sei vor allem jenen empfohlen, die allzu gerne dem Narrativ folgen, die Working Class existiere nicht mehr. Was man im eigenen Lebensradius nicht sieht, muss noch lange nicht nicht-existent sein.  

  • Herausgeber  :  Berlin Verlag; 4. Edition (1. März 2021)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Gebundene Ausgabe  :  320 Seiten
  • ISBN-10  :  3827014263
  • ISBN-13  :  978-3827014269
  • Abmessungen  :  13.8 x 3.2 x 22 cm

Zuhause im sozialen Keller

Édouard Louis, Das Ende von Eddy

Schon der tatsächliche Name des Autors wirkt wie eine aus der Notwendigkeit inszenierte Provokation. Mit bürgerlichem Namen heißt er Bellegueulle, zu deutsch Schönmaul, was in der Picardie, aus der erklommt, nicht unbedingt eine Seltenheit ist und mal als schlechter Witz, mal als ein Ausruf der Bewunderung gewertet wird. Der unter dem Autorennamen Édouard Louis bekannt gewordene, immer noch sehr junge Autor hat mit seinem Roman „Das Ende von Eddy“ bereits im Jahr 2016 ein Debüt vorgelegt, das es in sich hat. Der Roman ist autobiographisch und handelt von der Sozialisation Eddy Belleguelles, in einer Arbeiterfamilie, nein nicht einmal Parterrre, sondern Keller, unterstes Proletariat, Vater Fabrikarbeiter, Mutter Hausfrau in einer Kaschemme, auf dem Dorf. Sein Zuhause, in dem er aufwächst, ist der soziale Keller. Und, als sei das nicht genug, entdeckt Eddy ziemlich früh, dass etwas mit ihm nicht stimmt, nämlich seine Homosexualität.

Wer nun annimmt, bei dem Roman handelte es sich um eine auf die sexuelle Orientierung fokussierte Erzählung mit der Problematisierung der Diskriminierung im sozialen Prekariat, hat sich gewaltig getäuscht. Selbstverständlich wird diese Erfahrung nicht ausgeklammert, und selbstverständlich nimmt sie Raum ein. Was bei der Lektüre jedoch auffällt, und was dem Autor durch seine direkte, unmissverständliche Sprache gelingt, ist die Darlegung der unzähligen Hindernisse, die in dem Milieu junge Menschen daran hindern, einen Weg zu gehen, der ihren Anlagen und Möglichkeiten entspricht. Und er deutet an, dass vielleicht die besondere Art seiner Diskriminierung ihm den Spalt im Zaun geöffnet hat, durch den er letztendlich geflohen ist.

Die Erzählung geht unter die Haut, vor allem, weil das geschilderte Milieu an die Zeiten nach dem II. Weltkrieg erinnern, in denen noch die Schatten der erlebten Traumata kollektiv herrschten und das Wort Aufklärung noch nicht wieder ins Vokabular aufgenommen worden war. Und es drängt sich unweigerlich die Frage auf, was in den letzten Jahrzehnten eigentlich hier, in Zentraleuropa passiert ist, um große Teile der Bevölkerung in diesen Zustand des Fristens und Dämmerns zurückzustoßen.

Und genau das ist es, was Eddy Belleguelle alias Édouard Louis ebenso umtreibt. Trotz seiner vollen Schatulle an Schmähungen und Verletzungen aus diesem Milieu solidarisierte er sich in der Öffentlichkeit mit diesem und unterstützte die Gelbwesten. Studiert hat er übrigens nach seiner Flucht aus dem Elend bei Didier Eribon, der seinerseits aus dem beschriebenen Milieu stammt und mit seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ ebenfalls im benachbarten Frankreich große Diskussionen auslöste.

„Das Ende von Eddy“ ist ein Schlag ins Gesicht des etablierten, saturierten und arroganten Milieus, für das man in Deutschland noch einen Namen sucht, den man, genauer gesagt Jean Paul Sartre bereits zu seiner Zeit, in Frankreich längst gefunden hat: Gauche Caviar, die Kaviar-Linke. Der Autor hat das alles begriffen, er seziert das Dasein derer, die gesellschaftlich keine Stimme mehr haben, schonungslos. Weil er es kann, weil er weiß, wovon er spricht!

Die Lektüre ist unbedingt zu empfehlen! Wenn es heißt, die im Dunkeln sieht man nicht, dann macht Édouard Louis mit diesem Buch ein Licht an.