Archiv der Kategorie: recensions

Tiefe Einblicke, treffende Prognosen

Natalie Amiri, Zwischen den Welten. Von Macht und Ohnmacht im Iran

Ehemalige Korrespondenten fassen nicht selten ihre Erfahrungen in einem Buch zusammen. Vor allem, wenn es sich um Länder handelt, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung als schwierig darstellen, weil sie aufgrund der Reiseformalitäten nicht einfach zu besuchen sind und/oder als politisch risikobeladen gelten. Sicherlich gehört der Iran zu dieser Kategorie. Umso erfreulicher ist es, wenn eine Korrespondentin, die zudem familiär mit diesem Land verbunden ist, Kultur und Sprache kennt und über Wurzeln in die Zivilgesellschaft verfügt, ein solches Buch präsentiert. Natalie Amiri ist solch ein Glücksfall. Vater Iraner, Mutter Deutsche und seit Kindesbeinen immer wieder im Land gewesen. Seit Abschluss ihres Studiums hat sie wiederholt über längere Phasen aus dem Iran berichtet, zumeist für die ARD. Die gesamten Erfahrungen hat sie zusammengefasst in dem Buch „Zwischen den Welten. Von Macht und Ohnmacht im Iran.“ Die Lektüre lohnt sich, weil Amiri zu viel Empathie besitzt, um sich in den Floskeln offizieller Politikverortung zu verlieren. 

In insgesamt 24 Kapiteln werden die unterschiedlichen Perspektiven und Aspekte beleuchtet, auf die es der Autorin ankommt. Da sind Erinnerungen aus der Familiengeschichte, da sind Exkurse in die iranische Geschichte, da wird berichtet über die Methoden des Regimes und Erfahrungen aus dem Widerstand, da werden die unterschiedlichen Interessen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen beleuchtet und die Perspektiven der unterschiedlichen internationalen Interessengeflechte transparent gemacht. Es sind in einer gut verständlichen und jedermann zugänglichen Sprache verfasste Mosaiksteine, die zu einem Bild des Irans beitragen, das er als eine kulturhistorisch wichtige Nation verdient hat.

Was bei der Lektüre immer wieder wohltuend ins Auge sticht, ist das Bemühen der Autorin, authentisch zu sein und vor allem sich nicht von tagespolitisch opportunen Positionen korrumpieren zu lassen. Übrigens ein Phänomen, das zunehmend die Lektüre derartiger Bücher von ehemaligen Korrespondenten verleidet. 

Wer Amiris Ausführungen folgt, wird Zeitzeuge eines einzigartigen Dramas, das bis zu den kolonialen Interventionen der Briten zurückreicht, den mit Hilfe der CIA inszenierten Putsch gegen einen demokratisch gewählten Präsidenten Mossadegh, der sich anmaßte, die Ölindustrie nationalisieren zu wollen, nicht ausspart und die brutalen Folterkeller des dann installierten Schah nicht verschweigt. Quasi als logische Konsequenz folgte dann die von der Bevölkerung mitgetragene Revolution des schiitischen Klerus, der sehr schnell in eine die Menschenrechte verachtende Autokratie/Theokratie abgeglitten ist und das Land in ein Gefängnis verwandelt hat. Da wird nichts beschönigt, weder die Diktatur des Klerus noch die immer die Falschen treffenden Sanktionen seitens des Westens. 

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Aspekt ist die treffsichere Schilderung der unterschiedlichen Protestbewegungen der letzten zwanzig Jahre und die Einschätzung in Bezug auf die entscheidende Rolle der Frauen. Obwohl das Buch bereits 2021 erschienen ist, beinhaltet es die richtigen Prognosen hinsichtlich der gegenwärtigen Aufstände, die durch die Frauen im Iran angeführt werden. Da blickt nicht jemand von außen auf ein Land, sondern die Beobachterin gehört dazu. Das ermöglicht ihr einen sehr bereichernden Blick. Wer sich jenseits der kurzatmigen politischen Pamphlete ein Bild vom gegenwärtigen Iran machen will, dem sei Amiris Buch wärmsten empfohlen. Auch und gerade der Iran ist komplexer, als man von interessierter Seite oft suggerieren will.

  • Herausgeber  :  Aufbau Taschenbuch; 1. Edition (16. August 2022)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Taschenbuch  :  254 Seiten
  • ISBN-10  :  374664030X
  • ISBN-13  :  978-3746640303
  • Abmessungen  :  11.4 x 2.4 x 18.9 cm

Leichte Drogen und die Sprache des Weltgewissens

Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten

Als Autor gehört er zu jener Spezies, die durch ihre berufliche Tätigkeit über Jahrzehnte Einblick in die Lebensumstände der unterschiedlichsten Biographien hatten und daraus Themen wie Perspektiven schöpfen, die an die Substanz der menschlichen Existenz gehen. Ferdinand von Schirach hat das als Rechtsanwalt getan und wird mit seinen Dramen wie „Gott“ und „Terror“ oder seinen Essays wie „Die Würde des Menschen ist antastbar“ oder die „Herzlichkeit der Vernunft“ in vielen Sprachen auf dem ganzen Globus gelesen. Die Gratwanderung zwischen rechtsphilosophischer Betrachtung, dem Einblick in die Untiefen menschlichen Handelns und der Einsicht in die Notwendigkeit einer kollektiven Sittlichkeit gelingt ihm mit einfachen, aber treffenden Worten.

Daher ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass ein eher ohne großen Anspruch geschriebenes Buch, das scheinbar, vermeintlich aus Notizen des profanen Alltags entstand, dennoch mehr gibt, als der Titel vielleicht suggeriert. Mit seinem Erzählband „Kaffee und Zigaretten“ verrät von Schirach nicht nur, was er nie verheimlicht hat, nämlich die notorische atmosphärische Abhängigkeit von Koffein und Nikotin, sondern er gewährt auch einen spannenden und bereichernden Einblick in den Prozess seines Schreibens. Es wird zwar explizit nicht formuliert und ist dennoch mit jedem Eintrag zu beobachten.

Denn jede der immer kurzen Erzählungen beginnt mir einem Erinnerungsschnipsel oder einer Alltagsbeobachtung, woraus sich ein Gedankengang entwickelt, der das Große und Existenzielle des menschlichen Daseins in den Blick rückt und dann, wie mit der Klappe des Regisseurs, stehen bleibt. Der Konnex zwischen Alltagshandlung und existenzphilosophischen Fragen ist hergestellt, wie er zu deuten oder gar in dem jeweiligen Fall zu bewerten ist, das überlässt von Schirach der Leserschaft. Gerade das ist wohltuend und in Zeiten ständiger Bevormundung und Belehrung und fühlt sich an wie ein Kuraufenthalt. 

Was den Autor dazu befähigt, den spannenden Bogen zwischen universeller Deutung und alltäglicher Unzulänglichkeit herzustellen, mag vielleicht darin begründet liegen, dass er das Ende der menschlichen Existenz, die vorhersehbare wie plötzliche Endlichkeit, nicht tabuisiert, sondern als Regiehinweis immer einsehbar ist. Die Gewissheit des Todes fällt keinem Tabu zum Opfer, sondern sie gehört zur primären Bestandsaufnahme. Das macht diese achtundvierzig nummerierten Geschichten so lesenswert. Brillant komponiert, erzählt, als hätte das Weltgewissen eine Sprache und ohne jegliche pädagogische Ambition. 

Machen Sie etwas daraus! Der Autor hat sie autorisiert!  

  • Herausgeber  :  btb Verlag (13. April 2020)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Taschenbuch  :  192 Seiten
  • ISBN-10  :  3442719747
  • ISBN-13  :  978-3442719747
  • Abmessungen  :  12.8 x 1.8 x 18.8 cm

Die Rezension unterstreicht die Notwendigkeit der Existenz

Richard David Precht, Harald Welzer, Die Vierte Gewalt

Manchmal sind die Dinge doch recht einfach, auch wenn sie kompliziert erscheinen. So ist die Notwendigkeit der Existenz des vorliegenden Buches mit der Art und Weise seiner Rezension unterstrichen. Der Philosoph Richard David Precht und der Sozialpsychologe Harald Welzer haben zusammen ein Buch geschrieben, das sich mit der Entwicklung des Journalismus in diesem Land auseinandersetzt. Unter dem Titel „Die Vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, die keine ist“ untersuchen sie die unterschiedlichen Mechanismen, die zu dem geführt haben, was vielleicht noch am neutralsten mit dem Begriff des Aufregungsjournalismus beschrieben ist.

Um es vorweg zu nehmen: Die meisten Rezensionen aus dem Metier, das zur Betrachtung stand, sind negativ und sie machen genau das, was die beiden Autoren treffsicher in dem Buch beschreiben. Sie reißen Zitate aus dem Zusammenhang und sie polemisieren gegen die Personen. Und sie belegen ausführlich, dass sie intellektuell mit dem Buch wohl überfordert waren.

Die Überforderung kommt allerdings nicht von ungefähr. Die beiden Autoren zwingen die Leserschaft bereits im ersten Kapitel in eine Auseinandersetzung mit dem Öffentlichkeitsbegriff in der bürgerlichen Gesellschaft, ihrem Strukturwandel und ihrer Idealisierung und den daraus abzuleitenden Notwendigkeiten einer tatsächlichen Demokratisierung. Erst dann begeben sie sich in die Niederungen des real existierenden Journalismus, vor allem den des Politischen, der von einer Aufmerksamkeitsökonomie getrieben und den damit innewohnenden Marktmechanismen bewaffnet die gründliche Recherche genauso verhindert wie den Perspektivenwechsel. Da bleibt von der Politik nicht mehr viel übrig als die sie verkörpernden Figuren, um die es dann exklusiv geht.

Aus diesem Amalgam entsteht ein so genannter Cursor-Journalismus, in dem geringfügige Abweichungen vom Mainstream noch geduldet, aber unterschiedliche Positionierungen, dem Humus des in Demokratien notwendigen Diskurses, bis zur Vernichtung von Reputation und Existenz bestraft werden. Zu gut und zu präsent sind die Beispiele, die als Beleg angeführt werden und zu nah sind noch die Ereignisse wie die Immigrationswelle von 2015/16, die Corona-Krise 2020/22 und der Ukraine-Krieg seit 2022. 

Der konstatierte Vertrauensverlust in die Vierte Gewalt ist durch unterschiedliche Untersuchungen und Befragungen belegt und keine originäre These des vorliegenden Buches. Es untersucht lediglich die Ursachen und verweist auf einen desaströsen Verfall des journalistischen Handwerks.   Und es räumt auf mit dem immer wieder sich aufdrängenden Eindruck, die Politik, schlimmer noch, die Regierung steuere eine gleichgeschaltete Presse. Ganz im Gegenteil. Es wird sehr plausibel dargelegt, dass eine Machtverschiebung dafür gesorgt hat, dass die Politiker von einer effektsüchtigen wie meinungsuniformen Presse getrieben werden wie das Wild im Herbst.

Aufgrund der anspruchsvollen Argumentationsführung, die immer wieder theoretische Exkurse erfordert, stellt sich die Frage, wen das Buch erreichen soll? Diejenigen, die der Beweisführung folgen können, werden sich schlicht bestätigt fühlen. Andere wiederum sind vielleicht zu schnell verschreckt und legen das Buch beiseite. Und die Kritisierten werden sich nicht überzeugen lassen. Vielleicht ist es ja auch ein Hinweis darauf, dass man der gesellschaftlichen Wahrheit ohne Mühen nicht nahekommen kann. Das wäre, neben den vielen guten Beobachtungen und Argumenten, eine wertvolle pädagogische Intervention. Die Lektüre sei unbedingt empfohlen!

  • Herausgeber  :  S. FISCHER; 2. Edition (28. September 2022)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Gebundene Ausgabe  :  288 Seiten
  • ISBN-10  :  3103975074
  • ISBN-13  :  978-3103975079
  • Abmessungen  :  13.2 x 2.79 x 21 cm