Archiv der Kategorie: recensions

The Misery of Daily Life and the Uproar of the Soul

George Pelecanos. Hard Revolution

The writer George Pelecanos, recently involved in the production of the very successful HBO series The Wire, belongs to a generation which can be defined as crime driven realists. Most of his fiction is taken from crime scenes, the result of social devastation, lacking education and a profane and established cruelty. This kind of literal production would be discriminated if it was reduced to crime fiction. Especially Pelecanos is known as a very naturalistic observer of social living conditions and their influencing force on human action. With Hard Revolution Pelecanos has chosen a more complex and traumatizing subject: The riots in Washington D.C. as an aftermath of the assassination of Dr. Martin Luther King in 1968.

The book starts with an introduction of the main characters in 1959, when they were young and playing together. Two worlds were very clean separated by race, although there had been contact and some social relations. After a cut it goes on in 1968. We see Derek Strange, a coloured young man who decides to take the profession of a policeman and becomes a witness of the deteriorating development of former playmates, white guys, and his own brother. Most of them had served in Vietnam and came back with drug problems and a loss of values, now looking for the idle and cheap way of living. Derek suffers with his own family from the same problem his bother Dennis has. Latter gets killed by black friends, who tried to arrange a robbery but the shop owner was warned by Dennis. White guys around Dominic kill a black guy in a hit and run set up, done without purpose and symbolizing a growing racial hate on the white side.

At the end all cases get solved in the middle of the street fights and lootings which are followed of the broadcasted assassination of Dr. Martin Luther King in Memphis. Especially the black quarters and suburbs in Washington D.C. become scenery of rioting young black folks, hundreds of police squads and later the National Guard send by President Johnson restoring order by firm action. The story of the families acting differently which was told before the escalation of everything with the political uproar ending in criminal deeds, is creating a very well woven tension. All the time the reader knows that there will be no happy end, that the process of emancipation of the black people will be counteracted by the losers of the white working class milieu, that the pride and self esteem of the well doing und successfully operating young black people will be destroyed for a long time by the own fellows who prefer crime and destruction.

With Hard Revolution Pelecanos has produced an intriguing picture of the year 1968 in Americas capital, and his many notes on black music give the reader an underlining soundtrack of these shaking times, wild, but everything else than glorious.

Der Freudsche Mafioso

Die Sopranos. Eine Produktion von HBO

Vor allem mit der Serie Die Sopranos hat HBO jenseits der rein kommerziellen Produktionen ein neues Genre mit geschaffen. Es handelt sich dabei um eine Art cineastische Literatur, die aus einem filmischen Fortsetzungsroman besteht, der von Monat zu Monat auf die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung eingehen kann und im Grunde genommen balzacsche Wurzeln hat. Mit der Persiflage auf ein Mafiamodell aus der Bush-Ära haben Autoren wie Produzenten ein Meisterwerk geschaffen, das als Prototyp für eine qualitativ höher stehende Unterhaltung mit einer literarischen Dimension steht, die durchaus das Potenzial besitzt, den Soap Operas wie dem Hollywoodmystizismus Terrain zu entreißen.

Toni Soprano, der Protagonist, ist der zwinkernde Geselle, der ganz mit den Attitüden der alten Mafia sein Geschäft jenseits des Big Apple betreibt. Er macht in Abfallentsorgung, einer wachsenden Branche, deckt jedoch mit ihr allerlei Geschäfte illegalen Charakters. Toni Soprano regiert mit allen Symbolen des alten Italo-Chauvinismus in einer brüchiger werdenden Männerwelt. Und gerade er, der Kopf, der Patron, er weist die notwendige Intelligenz auf, um aus der Modernisierung der Lebenswelten zu lernen, während seine Soldaten zunehmend die Orientierung verlieren. Sein Imperium wächst und mit ihm die Gefahren, und der Patrone scheut sich nicht, seine Selbstzweifel und Traumatisierungen zu instrumentalisieren, um Zugang zu einer Psychoanalytikerin zu erhalten, der er seine imperialen Strategien spiegelt und diese als mafioses Korrektiv missbraucht.

Dennoch kommen alle, die sich nichts bei dem perfiden Spiel denken, genauso auf ihre Kosten wie die ins Schulgeheimnis des Oberbosses Eingeweihten. Die Serie versprüht die Aura aus den Hochzeiten italienischer Dominanz in der amerikanischen Unterwelt, die Figuren sind ein Panoptikum aus allen erfolgreich inszenierten Klischees. Der wirre Pauli, der drogenabhängige Chris, der zweifelnde Pussy Bombieri, die vielen Frauen, die die sizilianischen Hähne genauso anstacheln wie deren Opfer werden und Typen wie Furio, importiert aus dem Mutterland, der an seiner eigenen Romantik in der neuen Welt scheitert.

Der Kultstatus, den die Sopranos in den USA erlangt und bis heute stetig ausgebaut haben, hat sehr viel zu tun mit deren Fähigkeit, der sinnentleerten und im Dogmatismus ersoffenen Bush-Ära den Spiegel vorgehalten zu haben. Toni Soprano, der wie eine Zitatensammlung aus der amerikanischen Filmgeschichte durch die Serie tobt, ist der Unwille des traditionalistischen Amerikas, sich mit den Holzköpfen aus der eigenen Abteilung abzufinden. Denn das Überleben der Tradition ist in dem Mutterland des schnellen Wandels stets nur mit einem Augenzwinkern zu bewahren gewesen. Da geht man schon mal über Leichen und hinterher zum Psychiater, oder man erwürgt den eigenen Ziehsohn und ist ganz ergriffen von reinem Vaterstolz, wenn man an die eigene Tochter denkt.

Columbo in Sankt Petersburg

Fjodor Dostojewski. Verbrechen und Strafe

Sankt Petersburg im Jahre 1860: Eine aus dem Nichts, genauer gesagt nach dem Willen eines Zaren in einem Sumpfgebiet entstandene Metropole. Umgeben von einer ins Unendliche fließenden Agrargesellschaft konzentriert sich hier die politische Macht, der Reichtum und das Kapital. Wenn es irgendwo im weiten Russland Kapitalismus gibt, dann hier an der Newa. Hunderttausende verarmte Landsklaven zieht es ebenso in die Stadt wie wissenshungrige Studenten, die sich über die Bildung aus der Armut befreien wollen. Jenseits der Herrschaftshäuser drängen sich die Besitzlosen in Holzhütten, die hygienischen Bedingungen eine Katastrophe, die Armut in ihrer bestialischsten Form, die Prostitution als ehrlicher Broterwerb und Massenphänomen.

In diesem Milieu strandet Raskolnikow, der Held. Jurastudent, klug, jung. Er strebt eine gerechte Welt an und findet sich in der Hölle wieder. Schnell macht er die bösen Elemente aus. Und kaum hat er eine gierige Pfandleiherin als den Ausbund menschlicher Degenerierung ausgemacht, schmiedet er den Plan eines perfekten Mordes. Mit cartesianischer Logik geht er vor, erschlägt wie geplant das Monster mit einem Beil und gleichsam noch eine ungewollte Zeugin, eine intellektuell eingeschränkte Schwester des Opfers.

Nach der kalten cartesianischen Tat quält Raskolnikow das Gewissen. In seiner wachsenden Pein gesteht er alles der Prostituierten Sonja, deren Name im deutschen nicht zufällig Traum bedeutet. Die verinnerlichten Werte treiben den Logiker in das Feuerbad der Schuld. Immer wieder übermannt ihn das Fieber. Raskolnikow wird zerrieben in dem Konflikt zwischen Vernunft und Mythos. Letztendlich obsiegen die ethisch gesetzten Werte.

Der ermittelnde Staatsanwalt, der mit seiner Unschuldsmiene, seinen zirkulären Fragetechniken und selbst in seinem Outfit die Regievorlage für den späteren Columbo gedient hat, führt das Unbewusste heim ins Geständnis. Mit großer Empathie und seiner eigenen Distanzierung von einem Kraftfeld, in dem Schuld eine Rolle spielt, gelingt es ihm, Raskolnikow zu suggerieren, dass es eine Logik gibt, die frei ist von seelischer Pein. Allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Deliquent im Netz zappelt. Danach geht die Reise nach Sibirien, wo erst Gefühle wie Reue aufkommen können.

Dostojewskis Wurf, der ebenfalls sehr modern als Fortsetzungsroman in einer Tageszeitung begann, nebenbei mit Schuld und Sühne verheerend ins Deutsche übersetzt wurde und fast einhundert Jahre eine vernünftige Interpretation verhinderte, ist eine grandiose Inszenierung eines Universalthemas der Moderne. Der Konflikt zwischen Sach- und Wertorientierung, zwischen cartesianischer Logik und christlichem Werteensemble bestimmt Erfolg und Misserfolg der handelnden Subjekte. Nicht der Rote Oktober, sondern dieser Roman ist das Modernste, was Russland je hervorgebracht hat.