Archiv der Kategorie: recensions

Macht, Intrige und tiefe Melancholie

Rom. Die zweite Staffel

Die zweite Staffel der Serie Roms greift den Faden nach Caesars Ermordung auf und führt in die Machtkämpfe, Wirren und Intrigen um die Nachfolge des großen Imperators. Es bilden sich kongeniale Konkurrenzpaare wie Marc Anton und Octavian, deren Gemeinsamkeit mit dem Niedergang des Brutus endet, wie Atia und Cleopatra, die eine eine virtuose Intrigantin, die andere eine trunkene Jongleurin der Macht selbst, aber auch die so unterschiedlichen Freunde Vorenus und Pullo.

Was sich bereits in der ersten Staffel angedeutet hat, wird in der zweiten eine richtige Stärke: Die Fähigkeit, die in den Büchern festgehaltene Weltgeschichte als Problemstellung des Alltags bei den kleinen Leuten erkennen zu können. Die Vorstellung, es gäbe auf der einen Seite die große Bühne der Mächtigen, deren Stück nichts mit dem des gemeinen Volkes zu tun hat, wird nachdrücklich verneint. Die Machtkämpfe und familiären Intrigen einer Atia, die Balance zwischen Eitelkeit und Staatsräson eines Cicero und die Nonchalance eines Marc Anton finden durchaus ihre Entsprechungen in der Berechnung, mit der die Sklavin die Liebe des Pullo zerstört, oder in der Staatsräson, die aus Vorenos Rede zugunsten der Ordnung auf dem Appenin hält oder der Libertinage, der sich die wohl erzogenen Töchter aus dem Quartier hingeben.

Das, was sich die große Geschichte nennt, verliert in der zweiten Staffel immer mehr an Bedeutung, die Niederlage des Brutus oder Mark Antons sind noch Zäsuren, die in der Handlung eine formale Funktion haben, das eigentlichen Sittengemälde des Großen Roms jener Zeit wird auf der Leinwand der Profanität gemalt. Die Wirkung ist stark, denn die Leere Abstraktion mancher Historiographie weicht zugunsten einer strukturalistischen Betrachtung der real existierenden Lebenswelt.

Wir sehen Graffitis an den Wänden der römischen Gassen, die in ihren politischen Aussagen beißender sind als das, was wir heute kennen. Wir erleben Geschäftsabsprachen, die die Modalitäten der Mafia, Camorra oder Ndrangheta vorwegnehmen, am ägyptischen Hof (sic!) bekommen wir in Form von Orgien und Drogenkonsum das zu sehen, was heutzutage oft als spät-römische Dekadenz diffamiert wird. Und wir sehen einen Nachrichtensprecher, der vor dem Forum steht und eine Ahnung davon vermittelt, wie groß die Rolle der Rhetorik war in einer Welt, in der die Botschafter noch nicht entleibt waren durch technische Medien, sprich die Botschaft noch etwas Humanes hatte, und nicht zu einer objektiven Größe ohne Grund mutiert war.

Das alles sind Gaumenschmäuse, die nur ein Vergleich mit tradierten filmischen Darstellungen Roms als historischem Paradigma zulässt. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes großes Kino, weil es dazu anregt, sich großer Geschichte philosophisch zu nähern, mit einem großen Verständnis für die alles beherrschende Rolle des Alltäglichen.

Narrative Excellence, Technical Overload

Frederick Forsyth. The Cobra

Frederick Forsyth has proven more than one time that he is one of the masters of politically thrilling undercover stories. All reported in a precise and breathtaking language, never vague or idle, stories as plausible as daily life and characters taken out of scenes of the real life. The Forsyth books act all on the threshold of real politics and fiction. And they profit from the craftsmanship of an excellent narrator. You never know whether you are already in the land of fantasy or still in the sphere of dirty reality.

After his last novel, The Afghan, where Forsyth focussed on international terrorism, he opens another field of universal threats with the world cocaine trade. And with the destination of an old master he has chosen another topic which is shaking the confidence in international politics. More than the one concerning international terrorism citizens of countries all over the world are asking themselves how it can be that a few members of a cartel in the mountains of Colombia should be able to poison the elites of numerous countries without being counterattacked by security forces and highly technical armies. What, they are going further in their critical review, could be the real reason behind this freedom of crime.

Forsyth gives answers and his political message is not shaped for convenience. The story begins with a special event in Americas White House where the president is confronted with the sudden death of the son of an employee. It was caused by the abuse of cocaine and social responsibility and a sentimental mood brings him to the conviction that it is necessary to fight world wide cocaine trade.

Investigations of the presidential office are leading to a former agent called The Cobra. This a little bit ancient appearing gentleman is going to be in charge to extinguish the cocaine cartel. The Cobra acquires another counterpart of former times and both begin to line up battle. Beside the excellent idea of trying to reduce the cargos and to raise competition between the criminal cartels, the story is dangerously losing attraction because suddenly the focus is on technical equipment.

More than hundred pages are wasted with precise and detailed descriptions of vessels, air vehicles and ballistic apparatus. The story is dominated by technical terms and the political plot is losing its drive. The message and really provoking thesis of the novel by insinuating the politicians and their weak characters are the real problem in fighting cocaine seems to deteriorate behind the technical dominance. So the development of the novel is as disappointing as the end of the war against the drug cartel itself.

Punches und Jabs gegen die Diskriminierung

Charly Graf mit Armin Himmelrath, Kämpfe Für Dein Leben. Der Boxer und die Kinder vom Waldhof

Wer den Weg von Charly Graf, dem Underdog, dem Besatzerkind aus den Mannheimer Benz Baracken authentisch erzählt bekommen will, der muss dieses Buch lesen. Zusammen mit dem Autor Armin Himmelrath ist ein auf 170 Seiten spannendes Buch entstanden, das einerseits von der direkten Berichterstattung des Ausnahmeboxers selbst lebt und andererseits durch eingeschobene Berichte und Dokumentationen aufgehellt wird, die den mittlerweile schon historischen Hintergrund illustrieren.

Charly Graf hat mit seinem Leben, das aus bürgerlicher Sicht nicht erfolgreich verlaufen ist, zwei eiserne Gesetze des Boxens außer Kraft gesetzt und ist somit eine Ausnahmeerscheinung. Sowohl hat er durch das Erringen der deutschen Meisterschaft quasi aus der Haft heraus das Gesetz des They´ll never come back durchbrochen. Und des Weiteren hat er den weit verbreiteten Spruch der Boxerszene negiert, dass man einen Boxer zwar aus dem Ghetto, das Ghetto aber nie aus dem Boxer herausholen könne. Letzteres macht das bizarre, erschreckende und so wertvolle Leben dieses Underdogs aus, der gegen den Untergang ins Feld zog und nach Punkten deutlich gesiegt hat.

Die hier erzählte Autobiographie mutet an wie aus einer anderen Zeit, eher wie ein Exzerpt aus einer modernen Dreigroschenoper. Die kindliche Existenz in den Baracken, der schnelle Aufstieg durch den Boxsport, die verkommene Moral der Promoter, das Milieu der Zocker und Zuhälter, die missverstandene Liebe, der Knast, die Meuterei und die eigenartige Symbiose mit einem RAF-Terroristen, das Comeback, die Existenz als Viehtreiber im Allgäu und die ungeheuer wertvolle Arbeit in Mannheimer Schulen, in denen er die anspricht, von denen er auch einmal einer war und zu denen er sozial immer noch gehört.

Charly Graf erzählt den Prozess einer schmerzhaften Läuterung, er berichtet, wie er sich durch Bildung einen Grad von Freiheit errungen hat, von dem er vorher nicht ahnte, dass es ihn gibt. Von seinen Enttäuschungen und Niederlagen berichtet er genauso wie von seinen großen Triumphen. Ob der Ali vom Waldhof oder der schwarze Graf, der Boxer Charly Graf passte in viele Klischees und ist dennoch einen Weg gegangen, den letztendlich kein Klischee mehr bedienen kann: Den der Kämpfe und Niederlagen und einer Erkenntnis jenseits aller Boxweisheiten: Dass jedes Individuum seinen Wert hat, dass die menschliche Existenz Respekt verdient und dass Selbstdisziplin und innere Stärke eine Voraussetzung dafür sind, sich von den psychologischen Gravitationskräften der Klassengesellschaft befreien zu können.

Das Buch ist bewegend und geht jedem unter die Haut, der mehr als eine akademische Vorstellung von Armut hat. Es ist ein Beweis von Stärke und Durchsetzungsvermögen, von Charakter und Haltung, erkämpft aus dem Nichts! Charly Graf ist einer der ganz Großen!