Archiv der Kategorie: recensions

Das Subversive der Fabel

Hans Joachim Schädlich. Gib ihm Sprache. Leben und Tod des Dichters Äsop

Durch die Literatur wird vieles veredelt. Äsop, der antike Held der Literatur, machte sich einen Namen durch Fabeln, die nicht nur die Welt erklärten, sondern auch doppelte Botschaften in die Hirne derer entsandten, die von ihnen hörten. Äsop verstand es nämlich, neben der direkten Aussage noch eine verborgene, meist sogar mächtigere zu transportieren, ohne dass die schlichteren Gemüter etwas bemerkt hätten. Das, was in den Schulen bis in die Moderne als tradierbar eingestuft und in die Curricula mit übernommen wurde, ist die äsopische Sprache. Damit gemeint ist das Verschlüsseln subversiver Botschaften innerhalb einer profanen Erzählung.

Hans Joachim Schädlich hat in seinem Buch, das er beschwichtigend eine Nacherzählung nennt, das Leben des Dichters Äsop zusammengefasst. Strukturalistisch reduziert ist es die Summe der großen Anekdoten eines beeindruckend gewöhnlichen Lebens seiner Zeit. Entmystifiziert wird die Figur des bis heute berühmten Literaten, der als schielend, zahnlos, dickbäuchig und nuschelnd in seinem Status als Sklave beschrieben wird. Schädlich vollbringt es, die äußere Form dieses Underdogs in ein Spannungsfeld zu seiner unwiderstehlichen Weisheit zu setzen. Letztere bestach umso mehr, da sie nicht in ihrer abgeklärten, sondern extrem schlagfertigen Form daherkam.

Auf insgesamt 90 Seiten werden die über Äsop vorliegenden Episoden und Schriftstücke aneinandergereiht, ohne ausschweifende Übergänge, wie ein hitziges kurzes Leben, das mit der Hauptfigur auf der letzten Seite auch endet. Die Leserschaft erlebt ein Extrakt aus plebejischer Weltsicht, gewürzt mit dem Instinkt des Untertanen und dem Witz des revoltierenden Subjekts. Äsop stellt sich nach Schädlichs Darstellung heraus als der Urahn der ganzen subversiven Gesellschaft der Weltliteratur, vom Simplizissimus bis Lafontaine, von Eulenspiegel bis Schwejk. Allen Geschichten haftet der grandiose Humor der Besitzlosen an, die nicht mehr erpressbar sind, weil sie nichts mehr verlieren können. Die Unabhängigkeit von Besitz und schnödem Mammon versetzt sie in die Lage, die kleinkarierte, erbärmliche und so furchtbar zeit- und ortsgebundene Abhängigkeit von Wohlstand zu durchschauen und die Welt zu begreifen als eine Transitstation, deren Regel die Begrenztheit ist.

Äsop und seine Sprache sind Marksteine einer semantischen Befreiung. Die äsopischen Fabeln sind wohltuend vieldeutig und sinngewaltig. In vielerlei Hinsicht sind sie durch ihre Mehrdimensionalität als eine Frühgeburt der systemischen Weltbetrachtung zu sehen, Äsop, der Kleine, der Dicke und der Stinkende, ist ein Virtuose des Perspektiven- und Rollenwechsels, immer chargierend mit den Positionen der Betrachtung und nicht selten verblüfft er seine Zuhörerschaft, indem er das Spiel, und als solches sieht er alles, vom Ende her denkt.

Hans Joachim Schädlich ist nicht nur ein Buch gelungen, das dem Mythos eines Antiken ein Ende bereitet, sondern er hat es vollbracht, die historische Figur des Äsop so ernst zu nehmen, dass er auch in der Form aus ihm eine Fabel machen konnte, wie das historische Vorbild es zu tun beliebte. Besser geht es nicht, denn nur wer imstande ist, subversiv zu denken, dem gelingt es, das Subversive zu entschlüsseln.

Wieviel Philosophie verträgt die Macht, und wieviel Macht und Politik die Philosophie?

Hans Joachim Schädlich. Sir, ich eile….Voltaire bei Friedrich II.

Auch zum 300. Geburtstag Friedrich II. wurde vieles publiziert, das alte Klischees bediente. Da wurde, wie eh und je, vom aufgeklärten Monarchen und dem Salomon des Nordens ebenso gesprochen wie nicht minder bekannt vom skrupellosen Machtmenschen, der sich eines philosophischen Ornats bediente, um seine kalte Machtpolitik zu kaschieren. Zwei Aspekte kamen auch bei diesem erneuten Anlass, sich mit Friedrich II. zu befassen, zu kurz oder fanden gar keine Erwähnung. Zum einen der Perspektivenwandel in der Rezeption, der aus dem jeweiligen politischen Zeitgeist hervorgeht und zum anderen die Rolle Voltaires. Beides war wieder einmal sakrosankt, weil es das Spiel der ideologischen Instrumentalisierung Friedrichs II. gründlich verdorben hätte.

Das Buch Hans Joachim Schädlichs, Sire, ich eile. Voltaire bei Friedrich II.. Eine Novelle, macht da eine gründliche Ausnahme. Dazu bedurfte es großen Mutes des Autors, sich einer Technik zu bedienen, die besonders bei Intellektuellen in Deutschland stets als suspekt galt: Schädlich schmilzt die historischen Umstände, unter denen sich die Beziehung zwischen Preußenkönig und Philosophenikone entwickelte, ab auf die kalten Strukturen. Die Handlung wiederum wird sowohl sprachlich als auch in Bezug auf ihre Aussage reduziert auf das Genre des Polizeiberichts. Und schon ist es so gar nicht mehr möglich, ins Schwärmen und Phantasieren zu geraten, sondern es tritt eine Ernüchterung ein, die ihresgleichen sucht.

Beide Protagonisten werden zu ganz normalen Akteuren ohne illustre Aura und es wird deutlich, dass Voltaire ein Philosoph war, der durchaus materiell und politisch dachte und seinerseits bereit war, im Auftrage Frankreichs den Preußenkönig etwas auszuspionieren. Genauso wie Friedrich II. die Hitze besaß, um dem französischen Literaten die Bitte zu unterbreiten, seine Poesie zu redigieren als auch die Kälte, dem geistigen Wegbereiter der französischen Revolution seine mächtige Faust zu zeigen, als ihm die Beziehung politisch zu gefährlich wurde. Das ist insgesamt eine Entmystifizierung, die der Diskussion um das Verhältnis von Friedrich II. und Voltaire zueinander sehr gut tut und es schwerer macht, die Diskussion zu führen, um heutige, zeitgenössische politische Sträuße auszufechten.

Bei aller Reduktion, die im Wesen strukturalistisch, in der Ausführung lakonisch genannt werden kann, gelingt es Schädlich darüber hinaus, eine Fragestellung aufzuwerfen, die tatsächlich dazu beiträgt, aus einer strikt historischen eine universale Debatte werden zu lassen. Aus dem kalten Bericht Schädlichs, bei Bewertung der reinen Faktenlage, drängt sich nämlich die Frage auf, wieviel Philosophie verträgt eigentlich ein Mächtiger, ohne sich in seiner Rolle zu gefährden und wieviel Macht und Politik kann ein Philosoph in seinem Leben verarbeiten, ohne sein höchstes Gut, die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit, zu verlieren. Diese, quasi unter der beschriebenen Handlung liegende Fragestellung ist es, die das Buch zu einem respektablen Gewinn werden lässt.

Und bei der Betrachtung der beiden historischen Figuren kommt man zu dem Schluss, dass die immer wieder unterstellte Bipolarität von Philosophie und Macht eine Illusion ist, dass die Mächtigen durchaus philosophisch sind und die Philosophen ebenso politisch. Da geht es dann nicht mehr um Gut und Böse, sondern um Rollen in einem Spiel nach archaischen Regeln, was außerordentlich wohltuend ist, bei dem zuhauf existierenden ideologischen Kitsch.

Ein Schulgeheimnis des kognitiven Apparates

Daniel Kahneman. Thinking, Fast and Slow

Der 1934 in Tel Aviv geborene Daniel Kahneman, heute emeritierter Professor verschiedener US-amerikanischer Universitäten und Träger des Wirtschafts-Nobelpreises von 2002, hat ein allgemein verständliches Buch vorgelegt, um Zugang zu Fragen seines lebenslangen wissenschaftlichen Forschens zu ermöglichen. Das wäre an sich nichts, was Spannung erzeugen müsste, handelte es sich nicht um Fragestellungen, die uns alle, täglich, stündlich, in jedem Augenblick beträfen. In seinem Buch Thinking, Fast and Slow, gibt Kahneman einen auch aus didaktischer Sicht gelungenen Einblick in die Forschung über das Wie und Warum menschlicher Entscheidungen.

In insgesamt fünf Kapiteln zeichnet er das Terrain. Er beginnt mit den zwei stereotypen Systemen der menschlichen Erkenntnis, dem emotional und dem rational gesteuerten. In einigen Fallbeispielen zeigt Kahneman auf, wie das menschliche Hirn bei welchen Reizen operiert und warum wir schneller sind, wenn die emotionalen und langsamer, wenn die rationalen Programme laufen. Die Reinform des Gebrauchs des kognitiven Apparates existiert nie, immer mischen sich die beiden Muster der Welterklärung, die Steuerung liegt aber in einer Hand. Sehr gelungen ist die Präsentation der beiden Systeme. Um uns zu System I, der Emotionalität zu führen, benutzt Kahneman das Bild eines gestressten Frauengesichts und für System II, die Rationalität, präsentiert er dem Leser den Anblick einer mathematischen Formel.

Es folgt ein Kapitel über heuristische Systeme, in dem es um Anker, die Überlegenheit der Kausalität in der statistischen Welt und die Erotik schlichter Deduktionen geht. Das Kapitel über die Selbstüberschätzung im kognitiven Prozess ist nahezu eine Fortsetzung der Kritischen Theorie in Bezug auf die Entstehung von Ideologie und die Ausführungen über die Wahlmöglichkeiten zwischen Res publica und Ego ist eine ebenso gelungene wie gesellschaftskritische Reflexion. Das letzte Kapitel über die beiden Selbst individualisiert noch einmal die Optionen und konjugiert sie in ihrer ganzen gesellschaftlichen Tragweite. Dabei geht es nicht nur um die Frage, welchen kognitiven Systems ich mich bediene, sondern auch, ob ich mich einer gesellschaftlich-sozialen oder individuell-hedonistischen Logik bediene.

Das Spannende an Daniel Kahnemans Buch ist das, was sich hinter dem vordergründigen, seine wissenschaftlichen Studien Beschreibenden verbirgt. Dabei geht es um Welterklärung wie Gesellschaftskritik gleichermaßen. Der Leser erfährt nicht nur, welchen instrumentellen Hintergrund konkrete Entscheidungen haben, sondern auch, welche Motivlage das Ergebnis der Entscheidung in seiner Qualität prädestiniert. Und Kahneman bleibt da nicht in der praktischen Folgenlosigkeit der Abstraktion. Das materielle Leitmotiv kognitiver Prozesse im Kapitalismus beraubt, so der einstige Professor aus Berkeley, das Individuum seiner Fähigkeit, in Kreativität und Gestaltung den Zustand des Glücks zu finden. Chapeau! Chapeau!