Archiv der Kategorie: recensions

Downfall and Desperation

Philipp Meyer, American Rust

Young Philipp Meyer marked in his biography milestones that could be of advantage for becoming a good writer. He grew up in Baltimore and knows what it means if a city or region is facing decline from a former prosperity. Meyer himself quitted school, worked with traumatized youngsters, travelled around and had jobs as a construction worker. All is not the pre-condition for good writing but concerning the ability to identify and emphasize social context it can be very helpful.

American Rust, a narrative masterpiece of current american prose fiction is chosen to happen in the aera of Pittsburg P.A., the former El Dorado of coal and steel, the black country itself in the United States. Like Englands black country and Germans Ruhrgebiet it went down in the eighties and nineties and there was no limit of suffering not to be reached. The downfall of a whole region had consequences on every aspect of life: Former good earning workers lost their jobs, became poor clients living from funds, lost their prospects and self esteem. Family dramas followed, alcoholism, drug abuse and growing criminality.

Meyers protagonists in American Rust are youngsters who remained in the region despite the chance to get out there. In a normal constellation of daily struggle something fatal happened and somebody lay dead on the ground. Poe, the strong buddy with a loyal soul, is charged for murder and Isaac, the introversed antipode, is hitting the road to California where he never will be seen. Isaacs father Henry and his sister Lee, Poes mother Grace and her time to time lover Harris, the police agent in charge, are the actors of a masterful written drama. Meyer changes the point of view and the progress of the social texture with these people who are all very interesting characters with their own history and motivation, with their own traumas and tragedies.

It becomes clear that at the end there will be no winners. The further going question wich remains during the process of reading is who will lose most and who less. We get an impression of the whole dimension of desolation caused by the economic downfall of thatregion. Like the German writer Stefan Heym, who was for some years in exile in the U.S and who lived as a journalist in Pittsburg P.A. in the early fifties, the characterization of the people in his novel Goldsborough (1953), although done in a time of prosperity, comes to similar results as Meyers. And it reminds of the people in other black countries. Even in in times of downfall and desperation they are heros. A beautiful book for those who love human beings who never give up, whether it makes sense or not.

Der weiße Mann und das Delta

Elijah Wald. Vom Mississippi zum Mainstream

Die Geschichte des Blues war schon immer spannend. Vor allem, dass sie, analog zu der des Sklavenhandels, niedergeschrieben wurde vom weißen Manne. So, wie in späteren Phasen des schlechten Gewissens aus dem weltweiten Sklavenhandel eine exklusive Angelegenheit des weißen Mannes gemacht worden war, ohne die florierende Branche der inner-kontinentalen afrikanischen Sklavenfänger auch nur mit einem Nebensatz zu erwähnen, genauso wurde der Blues das Volksgut der Nachfahren der als Sklaven ins Mississippi-Delta Importierten. Afrikanisch inspirierte Lieder der Opfer, die dann irgendwann den Old Man River hinauf bis nach Chicago zogen und dann den Electric Blues erfanden.

Das Buch von Elijah Wald, einem Briten aus Cambridge, einem Synonym für einen White Anglo-Saxon Protestant, sprich WASP, wie es klischeehafter nicht sein könnte, räumt mit der ganzen Herrschaftsromantik radikal auf. Wald entlarvt die bisherige Geschichte des Blues als ein Machwerk weißer Romantiker, die es nie zugelassen haben, dass sie es mit den Blues-Musikern mit äußerst lebenslustigen, selbstbewussten und sehr zielstrebigen Unterhaltern zu tun hatten, die nur eines wollten: Raus aus dem Dreck.

Vom Mississippi zum Mainstream ist von seiner Argumentation in drei Teile gegliedert:

Die tatsächliche Geschichte vieler Blues-Musiker, denen gemeinsam war, dass sie auch bestimmte Blues-Titel ihrem Repertoire hatten, ansonsten aber auch vieles andere und vor allem die Hits, die die Leute, vor denen sie spielten, hören wollten. Wald, der gehörig in historischem Material recherchiert hat, weist überzeugend nach, dass vor allem die Blues-Labels diese Unterhaltungskünstler immer nur Blues-Titel auf Platten aufnehmen ließen und nicht das, was sie auch sonst noch konnten.
Die Legendenbildung um Robert Johnson. Der Mann, der tatsächlich aus dem Delta kam, nur 28 Jahre alt wurde, dann mal von einem eifersüchtigen Ehemann erschossen und mal vergiftet wurde, und so viele Hits herausbrachte wie Lebensjahre, war zu seiner Zeit gar nicht so bekannt und geachtet. Er wurde erst durch die Nachwelt zu der Blues-Ikone schlechthin.
Das Werk Robert Johnsons als solches ist grandios, weil er dieser zweifelsfrei virtuose Gitarrist und markante Sänger Mehreres miteinander verband: Sein vom Blues beeinflusster Slide-Stil, seine Textimprovisationen und seine stilistischen Zitate aus anderen Musikrichtungen bis hin zu Swing. Das war die Gärung, aus der später auch Rock´n Roll und Pop erwuchsen und die Robert Johnson zu einem irrwitzigen Modernisierer machten und nicht zu einem Lordsiegelbewahrer des Delta-Blues.

Elijah Wald hat mit diesem Buch die weiße Historiographie des Blues mächtig erschüttert. Manchmal ist es etwas sehr detailliert und etwas langatmig, weil der Autor glaubt, seine Thesen immer wieder durch Beispiele unterlegen zu müssen. Für Menschen, die sich mit dem sozialen Charakter von Musik befassen, ist das Buch ein Muss. Theodor Wiesengrund Adornos böses Wort im Ohr, dass sich mit Jazz und Blues der Schwarze an seiner eigenen Unzulänglichkeit delektiere, fußt schlichtweg auf einer historiographischen Fälschung. Nach Elijah Walds Buch muss es heißen: in der klassischen weißen Geschichtsschreibung delektiert sich der weiße Mann am Elend derer im Delta.

Ein Dialog zweier Saurier

Die große Zukunft des Buches. Gespräche mit Jean-Philippe de Tonnac

Jean-Philippe de Tonnac hat etwas getan, was eigentlich auf der Hand liegt. Aber das, was auf der Hand liegt, wird selten getan. Jean-Philippe des Tonnac hat, quasi zwischen den vielen internationalen Buchmessen, die nicht aufhören, die Ära des digitalen Buches anzukündigen, zwei Experten an den Tisch geholt. Mit dem italienischen Professor für Semiotik und Romanautor Umberto Eco und dem französischen Drehbuchautor Jean-Claude Carrière folgten zwei Saurier aus der traditionellen Buchwelt seiner Einladung. Aus dem Dialog dieser beiden Giganten wurde ein Buch, das zentral um das Thema der Zukunft des Buches kreist und damit viele Fragen erörtert, die uns heute interessieren müssen.

Mit dem Titel Die große Zukunft des Buches machen die beiden Herren von vornherein kein Geheimnis aus ihrer These. Die Argumente, mit denen sie ihren Diskurs beginnen, konzentrieren sich zunächst sehr schlicht und physisch um die Sicherheit dessen, was heute in Büchern übermittelt wird. Die jüngere Geschichte der verschiedenen Datenträger und ihrer ständig abnehmenden Halbwertzeiten gelten für sie bereits als ein Indiz für die bessere Fähigkeit der Buchtradition. Doch schon kurz nach der doch recht überzeugenden, aber auch schlichten Argumentation, zücken Eco und Carrière ihre Schwerter der flammenden Sapienz und zeigen, was sie zu bieten haben. In einer Randglosse weisen sie darauf hin, dass die Wissensselektion das Wesen einer Kultur ausmacht. Nicht nur das, was eine Gesellschaft entscheidet, den Nachkommen zu überliefern, ist eine soziale und politische Tat, sondern auch die Übereinkunft über das, was nicht erhaltenswert ist, gerät zu einem kulturellen Akt.

Die heutige technische Möglichkeit, alles zu speichern, hat die Gesellschaft der Fähigkeit beraubt, einen Diskurs über die Wissensselektion zu führen. Es wird nicht mehr bewusst entschieden, was wichtig ist und was trivial. Die dadurch erzeugte Datenfülle und das in der Herausbildung der kognitiven Fähigkeiten radikal abnehmende Vermögen der Strukturierung, die ihrerseits eine Folge der Selektionsunfähigkeit ist, treibt die Gesellschaft in eine große semantische Paralyse.

Carrière und Eco deklinieren diese These durch verschiedene Aspekte der Überlieferung. Sie zeigen beide deutlich, dass sie trotz ihres fortgeschrittenen Lebensalters nicht technikfeindlich sind, sondern sich sehr wohl der modernen digitalen Kommunikationsmittel zu bedienen wissen und sie in ihrer täglichen Arbeit nutzen. Sie verweisen aber darauf, dass Überlieferung etwas strikt Humanes ist. Damit entwickelt sich keine Diskussion für oder gegen bestimmte Datenträger, sondern um das Wie und Was des historischen Prozesses. Da wird genauso räsoniert über das Geschichtsbildende des dummen Zufalls wie über den Erkenntnisreichtum, der sich aus historischen Irrtümern lesen lässt. Den beiden literarischen Großmeistern gelingt es, die Frage nach Buch oder Chip aus ihrer Naivität zu holen und daraus eine Betrachtung über den argen Weg der Erkenntnis zu machen. Da trifft Epistemologie auf Technik, und es ist klar, dass das Erkenntnistreibende die Oberhand behalten muss.

Letztendlich erscheint die eingangs gestellte Frage nach gedrucktem oder digitalem Buch als eher sekundär. Sehr vieles spricht für eine ungebrochene Zukunft des tradierten Buches, weil dort wohl diejenigen zuhause bleiben, denen der semantische Holismus von Kultur und Überlieferung gedanklich überhaupt noch gelingt. Die Dialoge sind ein tödlicher Stich ins Herz des Positivismus, ausgeführt von zwei nahezu synchron sozialisierten, liebenswerten Figuren des Abendlandes, so wie wir sie schätzen.