Archiv der Kategorie: recensions

Ein Logbuch der amerikanischen Seele, eine zeitgeschichtliche Enzyklopädie

Geert Mak. Amerika! Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten

John Steinbeck, der große Erfolgsautor Amerikas in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, hatte gegen Ende seiner Schriftstellerkarriere das Gefühl, dass ihm sein eigenes Land mental entglitten war. Während er viele Jahre durch die Welt reiste, hatte das Amerika, das er von der Pike auf kannte, enorme soziale und politische Umwälzungen erlebt, denen er nachspüren wollte. Im Jahr 1960 machte er sich mit dem Hund seiner Frau, Charley, in einem Pickup auf die Reise durch das große Land, von der Ostküste entlang der großen Seen zum Pazifik, die kalifornische Küste entlang und dann von West nach Ost, von Monterey bis New Orleans.

Genau fünfzig Jahre später, 2010, machte sich der niederländische Journalist Geert Mak, dem wir so grandiose Bücher wie Das Jahrhundert meines Vaters und In Europa verdanken, auf die Spuren dieser Reise John Steinbecks. Unter dem Titel Amerika! Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten versucht Geert Mak die Seele des Amerikas, das so erfolgreich immer wieder mit Klischees behaftet wird, zu rekonstruieren. Dabei gelingt ihm ein Kunststück, das für seinen großartigen Journalismus spricht und das Buch zu einem Muss machen wird für alle, die sich mit der Befindlichkeit der USA ernsthaft auseinandersetzen wollen: Zum einen rekonstruiert Mak die Reise Steinbecks und vergegenwärtigt mit ihr die Zeit und den Wandel der USA vom Kriegsende bis 1960, zum anderen zeigt er Tendenzen und Entwicklungen im neuen Jahrtausend auf und benutzt diese als Kontrastmittel für das, was Steinbeck erlebte.

Das Reisetagebuch Geert Maks ist vieles in einem: eine Reisedokumentation im ursprünglichen Sinn des Wortes, eine kritische Hinterfragung des selbst Erlebten durch atemberaubende Recherchen und eine wissenschaftliche Hinterlegung der eigenen Schlüsse, von Materialen aus der Sozialstatistik bis hin zu neuesten Versionen der zeitgenössischen Historiographie und der politologischen Deutung. Mak ist nicht nur die Strecke abgefahren, sondern er hat jahrelang recherchiert, um der Leserschaft diese Qualität präsentieren zu können.

Die Ergebnisse, die dieses Reisetagebuch enthält, bestätigen vieles, das die kritische Rezeption dieses Kontinents der Neuen Welt bereits wusste: Dass dort nichts so ist, wie es scheint, dass die Geschichte bis zum Stichtag 1960 geprägt war von Mühsal und Arbeit für das Gros der Bevölkerung, dass es immer nach oben ging, woraus sich der berüchtigte Optimismus erklären ließ, dass die Provinz die Mentalität dieses Landes viel mehr prägt als die Metropolen, dass viele Entwicklungen, vor allem in Ökonomie und Politik, den späteren europäischen Weg stark beeinflussten und dass das kollektive Bewusstsein und das Zusammengehörigkeitsgefühl lange Zeit prädestiniert war durch das Momentum einer Überlebenselite.

In einer sehr lesbaren Sprache, die daherkommt wie ein gelungenes Echo einer steinbeckschen Diktion, erzählt Geert Mak von seinen Erlebnissen, in deren Zentrum immer wieder die Protagonisten des wahren Amerikas stehen: die Verkäuferinnen und Bedienungen, die LKW-Fahrer und die Bauern, die Jäger und die Buchladenbesitzerinnen, sie alle sprechen zu uns über diese geniale Komposition Maks, der es nicht belässt bei der historischen Dimension, sondern die Linie bis ins Heute zieht. Im Resümee steht das Ende des American Way of Life und die versteckte Prognose, dass die USA in ihrer Entwicklung die Grenzen erreicht haben, die Europa, das Mutterband dieser gesprochenen Geschichte, bereits seit langen Zeiten kennt. Ein grandioses Buch, ein Logbuch der amerikanischen Seele und eine zeitgeschichtliche Enzyklopädie.

Kulturelle Leistung und das Prinzip der Frivolität

Mario Vargas Llosa. Alles Boulevard. Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst

Mario Vargas Llosa, Politiker, Schriftsteller, Träger des Literaturnobelpreises, Kosmopolit, hat, wie man einem Manne seiner Provenienz und seines Formates nachzusagen pflegt, zur Feder gegriffen und sich mit einem zentralen Thema unserer Tage auseinandergesetzt. Es geht ihm um Kultur und Werte, quasi ein Dauerbrenner seitdem die Welt vom Kommunikationszeitalter spricht. Zwar handelt es sich nicht um einen Text aus einem Guss, sondern um die Komposition verschiedener Essays und Zeitungsbeiträge für das Madrider El Pais, aber die modulare Entstehung spricht eher für Konsistenz als für Eklektizismus. Unter dem Titel Alles Boulevard. Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst, wurden Texte aus dem letzten Jahrzehnt zusammengestellt. Und wie alles, das Qualität für sich reklamieren kann, polarisieren diese Texte.

Die Einleitung zu Vargas Llosas Reflexionen bildet ein Kapitel mit dem Titel Die Kultur des Spektakels. Das Wortspiel ist gewollt, weil der Bildungsbürger damit die Aporie unseres Zeitalters schlechthin charakterisieren will, denn das Spektakel schließt Kultur aus. Zentrale These ist die Erosion der Hochkultur durch die vermeintlichen Ansinnen ihrer Demokratisierung. Doch was unter dem Label Demokratisierung steht, so Llosa, ist die Zerstörung der Literatur durch die Bilderflut und die Demontage der kulturellen Kompetenz durch die Nivellierung der Befähigung, sich mit Anspruchsvollem auseinandersetzen zu können. Ersetzt wird der Anspruch durch das Spektakel und die Etablierung des Prinzips der Frivolität.

In den folgenden Kapiteln, die sich mit für jede Gesellschaft zentralen Themen wie Ethik, Erotik, Kultur, Politik und Macht sowie der Religion befassen, dekliniert Vargas Llosa seine These durch. Anhand zahlreicher Beispiele, die vom Kopftuchverbot in Schulen, über Onaniekurse in südspanischen Schulen bis hin zu sektiererischem Gedankengut in der abendländischen Zivilgesellschaft gehen, macht Vargas Llosa auf Tendenzen aufmerksam, die der scheinbar modernen und demokratischen Welt entspringen, aber letztendlich in vielem an vor-aufklärerische, obskure, rückständige und barbarische Erscheinungen der Geschichte erinnern. Diese Erkenntnis ist alles andere als revolutionär, aber die Beweisführung, die zu ihr führt, besticht durch ihre handwerkliche Güte und die Perspektive eines Bildungskanons, der im Zeitalter des Google- und Wikipedia-Analphabetismus nahezu museal anmutet.

Vargas Llosa huldigt hinsichtlich der Hermeneutik kultureller Werte einem Zugang des Geheimnisses und des Zaubers. Das, was als aufklärerisch galt und Max Weber die Entzauberung der Welt nannte, führt nach Vargas Llosa zur Erkaltung der Gemüter und zur Pornographisierung des Privaten. Das klänge befremdlich, wenn es in der Diktion der Anti-Aufklärung geschrieben wäre, was es aber gerade nicht ist. Vargas Llosa entpuppt sich als ein glühender Verfechter des okzidentalen Humanismus und der Teilhabe an dem hohen Gut der Kultur. Er wehrt sich aber vehement gegen die Barbarisierung der Kultur durch ihre Verflachung. In der Sinnentleerung von Kultur und Ethik entdeckt er den Wirkungsmechanismus der Mystifikation: Indem alle dabei sind, ohne sich anstrengen zu müssen, verlieren sie die Wertschätzung gegenüber der Leistung und Hochleistung. Die Diktatur der Barbarei hat nichts zu tun mit Demokratie. Auch und gerade die Demokratie beinhaltet Leistung und Verfeinerung. Eine Botschaft, die quer steht zur Tendenz der Nivellierung und Entmündigung. Deshalb ist die Lektüre dieser Essays dringend zu empfehlen.

Vision und Pragmatismus, Diplomatie und Charisma

Egon Bahr. „Das musst du erzählen!“ Erinnerungen an Willy Brandt

Egon Bahr, geboren 1922, hat es nicht lassen können und die Gelegenheit genutzt, der Nachwelt doch noch etwas zu erzählen von jenen bewegten und bewegenden Jahren, die die Geschichte zwischen den beiden deutschen Staaten dramatisch verändern sollte, die die Weichen stellte für eine neue europäische Konstellation und letztendlich auch als ein Sargnägel für die Zweiteilung der Welt werden sollte. Egon Bahr erzählt in dem vorliegenden Buch vor allem von seinem Aufeinandertreffen mit Willy Brandt Anfang der Sechziger Jahre, als dieser Regierender Bürgermeister in Berlin war, über den Wechsel nach Bonn als Außenminister der Größen Koalition bis zum Bundeskanzler der sozial-liberalen Koalition und seinem Rücktritt 1974 nach der Guillaume-Affäre.

Bei der Lektüre eines in einem rar gewordenen, exzellenten Deutsch geschriebenen Buches drängten sich zumindest dem Rezensenten immer wieder zwei Begrifflichkeiten auf, die das Wesen des Verhältnisses zwischen Willy Brandt und Egon Bahr zu beschreiben in der Lage sind. Zum Einen ein immer mehr in die Vergessenheit geratender Begriff wie der des Weggefährten, der ausdrückt, dass die festzustellenden Gemeinsamkeiten aus einer gleichen Zielsetzung wie der Übereinkunft über den einzuschlagenden Weg hin zu diesem Ziel resultieren. Und bei dem anderen Terminus handelt es sich um den der Kongenialität, der ausdrückt, dass verschiedene außergewöhnliche Begabungen zusammenkommen und zusammen etwas positiv bewirken. Um all das, was Egon Bahr an situativem Handeln beschreibt und anhand eigener charakterologischen Studien ausführt zusammenzufassen, könnte man aus gutem Grund zu der Quintessenz kommen, bei Egon Bahr und Willy Brandt handelte es sich um kongeniale Weggefährten.

Neben dem Menschlichen, das bei den Aufzeichnungen zutage tritt und in mancher Hinsicht auch neu ist, und welches nie die Grenze des Respektes und der Diskretion überschreitet, liefert das Buch noch einmal im Zeitraffer das Projekt der neuen deutschen Ostpolitik. Das, was wohl ohne Wenn und Aber das große historische Verdienst des Kanzlers Willy Brandt bleiben wird, die Befähigung zu einer friedvollen Deutschland- und Europapolitik aus dem machtpolitischen Chaos, das dem II. Weltkrieg erwuchs, wird noch einmal deutlich gemacht. Die Leserinnen und Leser erfahren, wie schwierig es war, sowohl Deutsche aus Ost und West als auch die Siegermächte um die Lager USA und UdSSR wieder sprechfähig zum Thema Deutschland zu machen. Dazu bedurfte es einer politischen Vision und eines sehr elaborierten Verständnisses von Politik, wie es zu diesem Zeitpunkt wohl nur Willy Brandt mitbrachte und einer diplomatischen und kommunikativen Brillanz, die Egon Bahr zu dem unverzichtbaren Partner des Politik-Architekten Brandt machte. Die Kongenialität der beiden materialisierte sich in einer Kombination aus Vision und Pragmatismus sowie aus Diplomatie und Charisma.

Die Erinnerungen Egon Bahrs sind in vielerlei Hinsicht eine sehr wertvolle Ergänzung zu den bereits vorliegenden Werken der Historiographie. Da erzählt einer, der tatsächlich den später so oft bemühten Hauch der Geschichte verspürt hat, wie es war, als man mit den Russen im Kalten Krieg klandestin verhandelt hat, wie es sich anfühlte, wenn die Kränkungen Willy Brandts durch die Revanchisten zu persönlichen Krisen führten oder wie irritierend es sein konnte, wenn die Amerikaner die beiden Sozialdemokraten in einem Hotel in Washington abhörten, harsche Kritik der beiden vernahmen und dennoch die Unterstützung nicht versagten. Bahr beschreibt sehr authentisch die Empathie und Verletzlichkeit seines Freundes Willy Brandt. Und er fasst das mit gestaltete Kapitel deutscher Geschichte mit einer Prägnanz zusammen, das heutige Journalisten erblassen lassen muss. Da bleibt nur die höchste Empfehlung.