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Ostenmauer – 65. Herbst 1989 – 7. Laboratorium Deutschland

7. Laboratorium Deutschland

Dass es sich beim Menschen um ein soziales Wesen handelt, gilt als anthropo-historisches Axiom. So weit unser kollektives Gedächtnis reicht, war der Mensch als Gattungswesen in sozialen Verbänden assoziiert. Abhängig von Beschaffenheit, Rechtsverhältnissen und dem Niveau der Produktivkräfte, unterlag die soziale Organisation der menschlichen Sozialordnungen einem ständig beschleunigten Prozess der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung.

Historisch betrachtet ist es sinnvoll, diese Entwicklung in verschiedene Klassifizierungen zu fassen. Nomadisierende Stämme, sesshafte Agrar- und Jagdgesellschaften, Manufaktur und Handel betreibende Gesellschaftsformationen, imperiale Raubgesellschaften bis zur Herausbildung komplexer Nationalstaaten, die in ihrem Facettenreichtum auch diachron den Platz für historisch unterschiedliche Produktionsweisen bieten. Es ist keine Frage, dass die moderne Nationalstaatlichkeit als historischer Entwicklungsstufe den Globus spätestens seit der Französischen Revolution bis zum heutigen Tag am meisten in Atem gehalten hat. Sie wurde von den Akteuren der sozialrevolutionären Umgestaltung der modernen Massengesellschaften zumindest als günstige Vorbedingung für ihr Unterfangen rezipiert.

Durch ihre geographische Begrenztheit, ethnische Besonderheiten und der daraus zumeist folgenden identischen Sprachsphäre, der dadurch wiederum charakteristischen Produktionsweise, der sozialen Organisationsform und ihrer kreativen Reflexion im künstlerischen, philosophischen und politischen Bereich, bildeten sich historische Formationen, die allgemein als Nationalstaaten und/oder als Kulturnationen bezeichnet werden. 

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht…“ Meinte Heine mit dieser Bemerkung das reaktionäre, despotische, imperialistische Deutschland, dessen Triebe noch bis in unsere Zeit hineinreichen, so muss die nächtliche Unruhe in Anbetracht der Ereignisse in der DDR neu, quasi als produktive Unruhe, gedeutet werden. Natürlich können vierzig kurze Jahre die Sozialisation der deutschen Nation nicht annullieren. Natürlich gibt es immer noch die deutsche Sprache, die Kultur, die Philosophie. Aber, und dies ist entscheidend, es gibt zwei souveräne deutsche Staaten und es existieren in beiden Majoritäten, die eine Wiedervereinigung ad hoc ablehnen.

Die Brisanz der deutschen Entwicklung hat ihre Wurzeln in dem Auflösungsprozess zwei verschiedener teil-nationalstaatlicher Systeme, deren Besonderheit allerdings nur darin besteht, dass beide in der Tradition systemaren Hegemonialstrebens stehen. Durch die Internationalisierung der Ökonomie muss weltweit zumindest eine Aufweichung der Nationalstaaten konstatiert werden. Das Postulat nach einem deutschen Einheitsstaat zu diesem Zeitpunkt hingegen ist deplatzierte Romantik in einem irreversiblen Prozess. 

Die historische Chance, die sich in Deutschland zur Zeit wie in einem Experimental-Laboratorium bietet, ist der Aufbau einer konkordanten Demokratie, in denen Besitz- und Rechtsverhältnisse zur Debatte stehen, deren Lösung aber nicht durch gewalttätige Intervention herbeigeführt wird. Es kann und muss danach gesucht werden, wie die Internationalisierung der Gesellschaft, respektive die Auflösung antiquierter Nationalstaatlichkeit begangen und wie die Liquidation staatlicher Organisationsgewalt betrieben werden kann. Die Stunde frei assoziierter Individuen könnte zu schlagen beginnen…

Herbst 1989 – 7. Laboratorium Deutschland

Ostenmauer – 64. Herbst 1989. 6. Aufpassen!

6. Aufpassen!

Die grenzenlose Freude der Deutschen über die Öffnung der nationalen Binnengrenze hat den Verstand nicht außer Kraft gesetzt. Auf den vielen Kundgebungen in Berlin erhielten die Hegemonialpropagandisten gehörige Absagen. Sprüche wie der Sozialismus sei tot, Deutschland sei stolz und die Freiheit habe gesiegt, gingen in gellenden Pfeifkonzerten unter. Die Vertreter des militanten Finanzkapitals träumen von der Exploitation billiger, aber hochqualifizierter Arbeitskräfte, vom Kauf der DDR, von der strategischen Verbesserung imperialistischer Weltmarktpläne. Diese Phantasien sind nicht unterstellt, sie sind täglich im Originalton zu hören. Es ist nicht einmal mehr ein Geflüster, das durch die Etagen der bourgeoisen Nimmersatts geht, es hat sich zu lautem Gebrüll entwickelt. Obwohl die finanzkapitalistische Kamarilla auf den Veranstaltungen in Berlin isoliert blieb, darf sich keine für die tatsächlich historische Chance tödliche Nonchalance Raum verschaffen.

Die Bewegung von unten, wie das, was sich in der DDR als Opposition zur SED-Oligarchie entwickelt hat, zur Zeit noch am besten bezeichnet werden kann, formuliert unisono – mit Ausnahme der liberal-demokratischen Kompradoren – die Problematik folgendermaßen:

Die Frage der Wiedervereinigung wird von westdeutschen Interessengruppen lanciert. Sie betrifft nicht unsere momentanen Probleme und steht nicht auf der Tagesordnung. Sie würde unter den heutigen Voraussetzungen die Unterjochung bzw. die Liquidierung der DDR mit allen Implikationen bedeuten.

Durch unkritische Kreditierungen von Joint-Venture-Projekten und der gleichzeitigen Wiedereinführung von Privateigentum an Produktionsmitteln würde eine Art neuer ursprünglicher Akkumulation forciert, die zur Folge hätte, dass die SED-Nomenklatura, die noch über die Direktionsrechte verfügt, unter neuen, nicht erstrebenswerten Rechtsverhältnissen ihr Unwesen treibt.

Positiv formuliert, muss die Demokratie durch Neuwahlen gestärkt werden. Abwählbarkeit von Funktionsträgern muss als Kontrollinstrument des Volkes als Selbstverständlichkeit etabliert werden.

Die Solidarität der Westdeutschen muss darin bestehen, a) die demokratische Bewegung der DDR praktisch-instrumentell zu unterstützen und b) dafür zu sorgen, dass Einmischungen seitens der reaktionären Schwarz-Rot-Gold-Fraktion unterbleiben. Dies kann zum Beispiel bedeuten, in der Bundesrepublik dafür einzutreten, bedingungslose Finanzierungsmodelle zu erstellen, deren Realisierung durch Cutten des Militärhaushaltes gewährleistet wird. Derartige Nagelproben werden sehr schnell die Spreu vom Weizen trennen und demonstrieren, wem die Sichel um den Hals zu legen ist, um ihn vor eigenen Untaten zu bewahren. 

Herbst 1989 – 6. Aufpassen!

Ostenmauer – 63. Herbst 1989 – 5. „Einmal durchbrechen wir selbst die dicksten Mauern…“

„Einmal durchbrechen wir selbst die dicksten Mauern…“  Oskar Maria Graf

Die Meldung brannte wie eine Stichflamme durch die Hirne der Berliner. Nach achtundzwanzig langen Jahren, seit dem August 1961, sollte es wieder möglich sein, die tödliche Zerrissenheit der vitalsten europäischen Metropole ohne große Probleme überwinden zu können. Die Regierung der DDR verfügte die Reisefreiheit ohne Visumszwang. Was in ganz Deutschland wohl begrüßt wurde, entbrannte in Berlin zum Urschrei. Die geteilte, geschundene und oft verwünschte Stadt, das westliche Babylon der Moderne, das östliche Mekka des längst vermoderten Preussens, die lebendigste und krasseste aller deutschen Städte, feierte ein exzentrisches Wiedersehen mit sich selbst.

Hunderttausende migrierten von Berlin/Ost nach Berlin/West und umgekehrt. Auf dem gesichtslosen aber geschichtsträchtigen Alexanderplatz wurde Tango getanzt, der Kurfürstendamm erlebte Stunden wie die New Yorker Fifth Avenue in der Nacht zum 8. Mai 1945. Die Menschen fielen sich in die Arme, das Herz Berlins war seiner Rhythmusstörungen ledig, im gleichen Takt sprang das Leben auf und ab.

Trotz der Freude, der Begeisterung, der Träume und der Erleichterung kam es nicht zum bewusstlosen Exzess, es wurde kein dammloses Besäufnis, es gab keine Gewalt. Schnell wurde klar, dass sich das politische Bewusstsein vor allem der Ostberliner auf einem für deutsche Verhältnisse hohen Niveau bewegte. Die politischen Formationen, die für die beschleunigte Bewegung in der als so rigide erachteten DDR verantwortlich zeichnen, haben bis dato erfolgreich verhindert, dass die Despotie Ost gegen den Fleischwolf West kritiklos ausgewechselt wurde. Die Perspektive wird zum Schrecken der Apologeten des westlichen Verwertungssystems nicht in Richtung Restauration des Kapitalismus entwickelt, sondern auf eine Innovation der sozialistischen Gesellschaft abgestimmt.

Das Fest, welches in der letzten Nacht in Berlin gefeiert wurde, war kein revanchistisches Bacchanal. Die Enkel Rosa Luxemburgs reichten sich die Hand. Was sie dabei wem schworen, ist völlig egal. Jedenfalls nicht den falschen. Berlin darf feiern. Zum Kämpfen bleibt noch Zeit genug. Salut!

Einmal durchbrechen wir selbst die dicksten Mauern
Einmal durchbrechen wir selbst die dicksten Mauern …