Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 13. Charles Spencer Chaplin

Wir kannten ihn alle, als Kinder. Er war die Figur, die uns in ferne Welten fliehen ließ, die unser Dasein kannte und uns Trost spendete. Und die uns lehrte, das Tragische des Alltags auch mit einem lachenden Auge zu sehen. Helden von Kindern sind schnell verblichen. Er blieb. Weil er es vermochte, uns nicht nur als Kindern etwas mitzuteilen, sondern später noch sehr viel Stoff  bot, sich mit ihm zu befassen. Da waren die große Stadt und die Fabrik, da war die Liebe und das Leben unterwegs. Alles das waren unsere Themen. Wir flohen vom Land in die großen Städte, wir jobbten in Fabriken und wir verliebten uns über soziale Barrieren hinweg. Das alles war uns von ihm schon in unserer Kindheit erzählt worden, ohne dass wir es bewusst registriert hätten. Das ist Kunst. Das ist große Kunst.

Viele Jahre später, als ich unterwegs war, da traf ich ihn wieder. In London. Soho. In einem kleinen Park inmitten des täglichen Trubels waren neben den Bänken die Büsten von britischen Literaten, Dickens, Yeats, Shakespeare, unter ihren mächtigen Köpfen stand der jeweilige Name und die Lebensdaten. Und dann war da noch eine Skulptur, der kleine Mann mit dem eigenwilligen Schnurrbart, dem feinen Spazierstock und den ausgelatschten Schuhen. He gave so much fun to so many people. Das war alles, was zu lesen war. Mehr brauchte es nicht, in Soho, dem pulsierenden Theaterviertel Londons. Charles Spencer Chaplin war über seine Heimatstadt weltweit bekannt. 

Charlie Chaplin eroberte Hollywood, als es noch nicht das war, wofür es heute bekannt ist. In Zeiten des Stummfilms und der erbärmlichen Drehbücher, in denen in der Regel ein Polizist mit einem Knüppel einen armen Teufel versohlte, woher der Name des Genres, Slapstick, stammte. Chaplin kam, schlüpfte in das Klischee der komischen Figur und inszenierte eine der  wirkungsvollsten Kulturkritiken der Moderne. Er thematisierte die Ausbeutung und Entfremdung (Modern Times), die Entwurzelung in Zeiten der Kapitalakkumulation (The Tramp), der Vereinsamung (City Lights) und sozialen Verarmung (The Kid). Dass er später noch den großen Diktator seiner Epoche persiflierte, und zwar vertont, ist nur eine Randnotiz eines vermeintlichen Komikerlebens, das nicht hätte politischer sein können. Chaplin war Europäer, und das blieb er auch in den langen Jahren seines Erfolges in den USA. Sein Demokratieverständnis gehorchte keinen Wellen, sondern es blieb stabil, auch nachdem Hitler längst auf dem Kompost der Geschichte lag und sich in den USA der McCarthy-Ära der Kalte Krieg formierte. Chaplin pflegte nach wie vor auch Kontakt zu Kommunisten und blies nicht in das Horn des Neonationalismus. 

So konnte er nach einer Europareise nicht wieder in die USA einreisen und wählte als letztes Domizil die Schweiz. Da war er bereits eine Legende. Durch sein künstlerisches Schaffen hatte er es vermocht, Bewegendes und Geistreiches für alle Bildungsgrade zu inszenieren und zu transformieren. Das können nur wenige. Charlie Chaplin war ein Großmeister dieser wenigen. Denn wer denkt schon daran, wenn er sich heute noch einmal diese Wackelfilme anschaut, dass diese es vermochten, dem Publikum eine Intuition dafür zu verschaffen, dass zum Glück das Unglück, zur Macht das Joch, zum Gigantischen die kleine Sorge und zum Strahlenden der Schatten gehört?  Ich habe ihn vor Augen, wie er vor mir steht, in Soho, ohne seinen Namen zu nennen, weil das auch gar nicht nötig ist. Heute hätte er Geburtstag.

Unerwartetes Wiedersehen

Ostenmauer – 12. Umbrüche

Wenn die großen Umbrüche stattfinden, dann bleibt nichts so, wie es einmal war. In der Erinnerung verklären sich die Bilder, vielen Menschen erscheint es so, als hätten sie in goldenen Zeiten gelebt und alles, was an Neuem entstanden ist, kann unter diesen Eindrücken nicht mehr imponieren. Nichts ist trügerischer als diese Art von Erinnerung. Sie liegt unter einem Schleier, der alles verdeckt, was in der Vergangenheit an Dreck, an Unrat, an Schmerz und an Verzweiflung existierte. Die so genannte gute, alte Zeit, entpuppt sich, wenn der realistische Blick die Oberhand gewinnt, als eine Fata Morgana. Zumindest für diejenigen, die sich erfolgreich aus ihr heraus gekämpft haben. 

Diejenigen, denen das nicht gelungen ist, die sind längst nicht mehr unter den Lebenden. Und, sollten sie es dennoch sein, dann haben sie keine Stimme mehr. Die einzige Gruppe, die zu recht über die goldene Vergangenheit sprechen kann, sind die ehemaligen Gewinner, die sich in Ruhm und Reichtum sonnen konnten, bis das alles zusammenbrach. Doch sie sind in einer verschwindenden Minderheit, wie immer. Das Gros der Gesellschaft muss kämpfen. Das war so in der verklärten Vergangenheit, das ist so während der Zeiten der großen Umbrüche und das wird so sein, wenn sich alles neu sortiert hat.

Umbrüche hat es immer gegeben. Auf der Oberfläche lassen sie sich als etwas beschreiben, das die Dominanz der Kräfte, die für ein bestimmtes Zeitmaß die Entwicklung maßgeblich bestimmt haben, an einem gewissen Zeitpunkt den Zenit erreicht hat. Dann lassen sich neue Kräfte beobachten, die innovativer sind, die mehr Dynamik besitzen und die andere Interessen verfolgen und die sich zum Angriff auf das Bestehende formieren. Zunächst erscheinen die herrschenden Verhältnisse dann als nicht mehr so gut wie allgemein dargestellt, vieles bekommt das Attribut „marode“ und die Eliten vermitteln ein Bild, als seien sie sich des Ernstes der Lage gar nicht bewusst.

Es ist wie eine Wiederholung der Kapitel in den Geschichtsbüchern, in denen die späte Dekadenz von Gesellschaften beschrieben wird. Da steht nur noch das eigene, in Verschwendung und Unmaß badende Wohlergehen im eigenen Fokus, da wird nichts mehr investiert, da findet keine Erneuerung mehr statt, da werden Probleme verdrängt und es wird ein Lied angestimmt, in dem die eigene Glorie auf Ewigkeit besungen wird, obwohl sie längst am Abgrund steht. Die späte Dekadenz am Ende einer Epoche ist das verlässlichste Zeichen für einen gravierenden Umbruch.

Während dieses Lärms, der durch die Sattheit und Verschwendung hier wie der wachsenden Not und dem Überdruss gegenüber dem Alten dort verursacht wird, wirken bereits die Kräfte des Wandels. Sie nutzen den Alltag, um die Routinen zu Fall zu bringen, sie erneuern alles, sie reden nicht viel und sie haben mit dem, was auf der großen Bühne passiert, nicht viel im Sinn, weil sie mit der Veränderung des Profanen alle Hände voll zu tun haben. Wenn diese Vertreter einer neuen Ordnung die Bühne betreten, dann ist bereits alles vorbei – für die alte Zeit und deren Prinzipien. Sie kann sich dann verklären lassen, von denen, die damals das Sagen hatten und denen, die an den Schmerz nicht mehr erinnert werden wollen. 

Die neuen Kräfte hingegen werden sich mit dem Neuen selbst, das oft technischer und wirtschaftlicher Natur ist, auseinanderzusetzen haben und dann daran gehen müssen, politisch ihre Interessen zu vertreten, um eine neue soziale Ordnung zu etablieren. In Zeiten des Umbruchs, wenn er in vollem Gange ist, bleibt für diejenigen, die ihn betreiben, keine Zeit, in der Verklärung des Vergangenen zu verharren. 

Und wer bei der hiesigen Beschreibung bestimmte Bezüge zum Zeitgeschehen gewittert hat, verfügt über eine gute Nase.

Ostenmauer – 11. All Along The Watchtower

Ursprünglich wollte ich schreiben, dass jeder Mensch vielleicht ein Lied oder ein Musikstück in seinem Gedächtnis führt, das er früh gehört und das ihn sein ganzes Leben begleitet hat. Doch dann kam mir die Erkenntnis, dass ich mich an mich alleine halten und nicht von mir auf andere schließen sollte. Damit ist, wie so oft bei fahrenden Gesellen, durch einen Schlenker die Einleitung gelungen. Ich weiß nicht mehr, wie ich in den Besitz dieser Single kam. Ich glaube, ein älterer Freund hatte davon geschwärmt und ich hatte jemanden, den ich kannte, gebeten, sie mir aus der nächst größeren Stadt mitzubringen. Was auch geschah. Und als ich sie dann heimlich, als niemand im Haus war, im Wohnzimmer in der Musiktruhe auflegte, war es um mich geschehen. Ich hörte „All Along The Watchtower“ von Jimi Hendrix. Ich war ergriffen, bekam eine Gänsehaut und begriff, dass es eine ganz andere Welt gab. Alles, was bis zu diesem Augenblick war, nahm eine andere Entwicklung.

Ich wusste nicht, dass es sich dabei um eine Stück von Bob Dylan handelte und dass Hendrix es lediglich interpretiert hatte. Allerdings so, dass Dylan später öffentlich verkündete, das Stück gehöre Jimi, er hätte es so veredelt, wie es ihm niemals gelungen wäre. Das alles erschloss sich mir erst später. Genauso wie der Text. Und trotzdem oder gerade deswegen. Diese Musik war das Tor zur Freiheit. Es war die einzige Platte, die ich besaß und ich nahm sie in dem Sommer zusammen mit einem kleinen Dual-Plattenspieler mit an den Heidesee. Es war meine Musik dieses Sommers. Ich weiß nicht, wie oft ich das Stück spielte, es muss mehr als 1000mal gewesen sein. Mir wurde dabei nie langweilig. All Along The Watchtower ist der Sommer, als mein Leben begann.

Zurück in der Schule, spielte ich das Stück Freunden vor. Da merkte ich, dass es nicht allen so erging wie mir. Manche konnten damit nichts anfangen, andere fanden es sogar scheußlich. Aber die, denen es beim Hören so erging wie mir, die blieben mir erhalten. Vor wenigen Jahren stieß ich auf einen dieser damaligen Freunde in den sozialen Medien. Wir hatten uns mehr als vierzig Jahre aus den Augen verloren und als wir uns gegenseitig bestätigt hatten, dass wir es wirklich waren, die damals zusammen zur Schule gegangen waren, schickte mir der Freund, unaufgefordert, quasi als Erkennungszeichen All Along The Watchtower. 

Ist es nicht magisch? Ein Stück, das du hörst, verändert dein Leben und bleibt dir für immer erhalten? Und der Text, den du erst viel später entziffert und begriffen hast, der offenbart sich als der programmatische Dialog deines gesamten Lebens? Possenreißer und Diebe, als Synonyme für die Outcasts, die Außenseiter, die auf eine ihnen unheimliche Ordnung der Gesellschaft blicken, halten das nicht aus und sinnen auf Flucht! Das war mein Programm. So verlief mein Leben! Und das erzählte mir Jimi Hendrix mit den Worten von Bob Dylan auf einem Dual-Plattenspieler in jenem Sommer an die 1000mal. Und alles trat so ein, wie dort beschrieben. Ist es da verwunderlich, dass dieses Stück bis heute der Schlüssel zu meinem tiefsten Inneren ist?